Brauchen wir ein neues Internet?

Noch nie war das Leben so komplex wie heute. Wir fahren in Hochgeschwindigkeitszügen, von denen wir nicht wissen, wie sie funktionieren; wir schlucken Medizin, deren Wirkmechanismus kein Laie verstehen kann; wir tippen auf Tastaturen, die uns rätseln lassen, wie sie die Buchstaben auf den Bildschirm zaubern.

Noch nie war das Leben so einfach. Eine kleine Drehung am Thermostat und in der Wohnung wird es kuschelig warm; eine Pin-Eingabe am Bankomat und wir halten Scheine in den Händen; ein abschließender Tastendruck in der Eingabemaske und der Kuba-Urlaub ist gebucht.

Noch nie war das Leben so kompliziert und einfach zugleich. Was wie ein Widerspruch erscheint, ist in Wirklichkeit ein Zusammenhang. Wir brauchen Komplexität um Einfachheit zu erzeugen. Auf der Frontseite des iPhones gibt es eine einzige Taste, jeder kann ein iPhone bedienen, doch die Technik hinter der Scheibe versteht im Detail kein einziger einzelner Mensch.

Komplexität ist also notwendig, um unser Leben zu vereinfachen. Doch Komplexität bringt zwei Probleme mit sich. Wir sind zum einen überfordert und treffen falsche Entscheidungen, wenn wir über Änderungen an dieser Komplexität entscheiden sollen. Zum anderen ist Komplexes selbst fehleranfällig. Experten sprechen von „Nichtlinearität“, was meint, dass kleine Störungen des Systems oder minimale Unterschiede in den Anfangsbedingungen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen können. Das Problem ist etwa als Schmetterlingseffekt bekannt. Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann einen Tornado in Texas auslösen.

Nirgendwo erleben wir die Diskrepanz zwischen Komplexität und Einfachheit häufiger als beim Internet. Wir können Apps auf unsere iPhones laden, das Schreibprogramm „Word“ verwenden, uns im Browser durchs Internet klicken. Aber wirklich verstehen tun wir nichts. Die Datenwege im Internet sind heute so wichtig wie Autostraßen, Schifffahrtswege und Flugrouten zusammen. Zehn Billionen Dollar setzt die digitale Wirtschaft jährlich um. Ohne Internet wären diese Geschäfte nicht vorstellbar. Aber wie das Internet gebaut ist, wer es überwacht und ob wir es auch morgen noch nutzen können – wir wissen es nicht. Wir müssen uns auf jene verlassen, die mehr davon verstehen.

Constanze Kurz ist so eine Expertin. Sie ist Sprecherin des Chaos Computer Clubs (CCC), ein Verein von Hackern. Um die Komplexität verständlich zu machen, vergleicht die Informatikerin unser Internet mit Schiffen: „Das Internet ähnelt einem großen Kreuzfahrtschiff, das nur von weitem betrachtet strahlend und stolz daherschwimmt.“

Wenn man ganz nach unten stiege, sagt Kurz, stelle man mit Erschrecken fest, dass das Schiff eigentlich eine Ansammlung notdürftig miteinander vertäuter Flöße sei, auf denen von findigen Kulissenbauern der Rumpf und nach und nach Sonnendecks und Salons errichtet würden. „Ganz unten sind nur modernde Holzstämme und einige leere Fässer, die das Schiff oben halten.“

Doch warum ist das Internet kein Kreuzfahrtschiff, sondern sieht nur so aus? Weil es als Floß gebaut wurde. „Nie war das Internet dafür vorgesehen, solche Massen hochgradig privater, wirtschaftlich unentbehrlicher und überlebenswichtiger Daten zu befördern und zu verwalten“, sagen Thomas Fischermann und Götz Hamann, die das Buch „Zeitbombe Internet. Warum unsere vernetzte Welt immer störanfälliger und gefährlicher wird“ geschrieben haben. Die Benutzer des Internets hätten nie gelernt die Risiken zu beherrschen, weder Unternehmen noch Bürger, noch Staaten – und vielleicht würden sie es auch nie tun. „Der Mensch ist nicht als Computerexperte geboren“, schreiben die Autoren.

Das ist zwar richtig, aber wenig erhellend. Es suggeriert, dass alle Menschen Computerexperten sein müssten, damit das Internet funktioniert. Komplexe Technik verlangt das aber gar nicht. Ein Passagier muss kein Flugzeug fliegen können. Ein Pilot muss nicht wissen, wie das Flugzeug im Detail gebaut wurde. Dennoch kann er es fliegen.

Das Problem ist ein anderes. Im Gegensatz zum Flugzeugbau gibt es beim Internet nicht das eine Unternehmen, das die gesamte Konstruktion verantwortet, sondern viele Player. Jeder kocht im Internet sein eigenes Süppchen. In der Summe sei das Internet nicht besser, sondern schlechter geworden, meint Kurz. „Die Strukturen des Internets, wie wir es heute kennen, sind mitnichten militärisch gehärtet und besonders widerstandsfähig, wie es die Gründungslegende des Netzes gern unterstellt.“

Von der Keimzelle des Internets, einem universitären Forschungsnetz für redundante, ausfallsichere Kommunikation im Falle eines Atomkrieges sei wenig übrig geblieben. Und Kurz weiter: „Die heutigen Strukturen sind zentralisiert und fragil, das betrifft die Netzwerkinfrastruktur, besonders aber die darauf betriebenen Dienste.“

Diese Dienste betreiben Unternehmen wie Facebook, Amazon, Ebay, Google, Microsoft und Apple. Die haben Datencenter auf denen das Wissen der Welt liegt. Aber die Technik ist anfällig für Angriffe, Hacker können eindringen und die Daten zerstören oder klauen.

Ständig passiert dies. Staatshacker haben tausende Zentrifugen des iranischen Atomprogramms zerstört, von der New Yorker Technologiebörse Nasdaq wurden Zertifikate zur Klimagasemission geklaut und für 50 Millionen Euro verkauft, und erst kürzlich wurden die Datendienste von Amazon gehackt, mit der Folge, dass eine Vielzahl weltweit genutzter Internetdienste nicht mehr funktionsfähig waren.

Was konkret geändert werden müsste, ist auch für die Informatikerin Kurz nicht einfach zu beantworten. „Vielleicht sollten wir innehalten, um den atemlosen Drang hin zu Systemen, die nicht einmal technisch versierte Nutzer noch selbst in der Hand haben, zu überdenken.“ Vielleicht sei jetzt der richtige Zeitpunkt, um zu überlegen, ob Kontrollierbarkeit und Beherrschbarkeit von Technik, Verlässlichkeit und Erreichbarkeit nicht Werte seien, die längerfristig erfolgreicher sind, als kurzfristiger Profit und Durchmogeln mit Kulissenbauten auf rottenden Flößen.

Manchmal freilich ist man aber auch nicht ganz unglücklich, dass das Internet ein rottendes Floß ist. Einen Tag vor den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus griffen Hacker die Webseiten der rechtsextremen NPD an. 179 Internetseiten von Landes-, Kreis- und Ortsverbänden sowie Stadtratsfraktionen wurden lahmgelegt sowie 100.000 Mails geklaut und Spiegel Online zugespielt. „Die Schadensbehebung wird eine Zeitlang in Anspruch nehmen“, erklärte ein IT-Fachmann der NPD.

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