Ökumene ökonomisch betrachtet

Der Papst weilt zur Zeit bekanntlich in Deutschland. Alle Talkshows greifen den Besuch auf. Es werden Themen diskutiert, die schon seit vielen Jahren diskutiert werden. Zölibat, Sexuallehre, Missbrauch. Mich langweilt das ziemlich. Es fehlen neue Erkenntnisse.

Zumal, weil der Papst, wenn man seine verzwirbelten Texte entzwirbelt, wohl sagt, dass er gedenkt, wenig bis gar nichts an den Problemen zu ändern.

Einen Punkt aber finde ich interessant, wenn man ihn aus machtpolitischer Sicht betrachtet, nämlich die Diskussion um die Ökumene.

Jeder Diskussion darüber scheint die unausgesprochene gemeinsame Grundhaltung inne zu wohnen, dass Ökumene etwas Gutes sei, dass es Ziel von Katholiken und Protestanten sein sollte, sich anzunähern, sich wieder zu vereinigen.

Wegen dieser Grundhaltung hat der Papst gestern auch Erfurt besucht, war an der Wirkungsstätte Luthers. Was er sagte, waren nicht mehr als Höflichkeitsadressen. Er hätte auf das Wirken Luthers eingehen können, wie Luther damals die Fehler der katholischen Kirche offenlegte, er hätte ihn würdigen können, sagen können, dass Luther so handeln musste, wie er handelte. Der Papst tat es nicht. Warum sollte er die Missstände der katholischen Kirche von vor 500 Jahren ansprechen, wenn er nicht mal für die heutigen klare Worte findet?

Die Ökumene jedenfalls, das war in Erfurt auch durch Blumen gesprochen sehr verständlich, ist für den Papst kein Thema.

Dies wird eine von mehreren ernüchternden Erkenntnissen sein, wenn das Papamobil wieder in der Garage, der Papst in Rom und die Euphorie der Live-Events verflogen ist.

Ich frage mich allerdings, warum es einen unausgesprochen Konsens darüber zu geben scheint, dass Ökumene etwas Gutes sein soll.

Wer sagt, dass eine christliche Einheitskirche besser ist, als eine Vielzahl von Gruppierungen? Man kennt die Vorteile aus der Ökonomie:

  • Vielfalt sorgt für Wettbewerb (Kirchen müssen mit guten Angeboten um Mitglieder werben),
  • Vielfalt bringt Auswahl (Jeder Christ kann sich seinen Religionsvorstellungen entsprechend für eine Kirche seiner Wahl entscheiden),
  • Vielfalt verhindert Machtmissbrauch (Es ist hinlänglich bekannt, dass Monopole zu unmoralischem Verhalten anregen).

Es spricht also aus meiner Sicht wenig für eine Vereinigung von Protestanten und Katholiken.

Am wenigsten Interesse an einer solchen Fusion dürften übrigens die Kirchenangestellten selbst haben.

Man kennt das von Übernahmeversuchen von Unternehmen. Oft stemmt sich das Führungspersonal verzweifelt gegen eine Übernahme, selbst wenn die Eigentümer der Firma einem Aufkauf positiv gegenüberstehen. Denn den angestellten Geschäftsführen droht mit der Übernahme der Verlust des Arbeitsplatzes.

Dieses Schicksal würden bei einer Fusion von Katholiken und Protestanten auch Kirchenangestellten widerfahren.

Ein Grund für eine Belebung der Ökumene könnte es dann aber doch geben: wirtschaftliche Notwendigkeit. Sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche leidet seit Jahren unter Einnahmerückgängen, wegen der Kirchenaustritte. Zwei Kirchen bedeuten doppelte Kosten, ein Zusammenschluss würde Effizienzen schaffen.

Wer die Ökumene in Deutschland fördern will, der sollte sich deshalb für die Abschaffung der Kirchensteuer einsetzen. Würden die Einahmen der beiden Kirchen nicht mehr durch automatische Abbuchung von der Gehaltsabrechnung erfolgen, würden sie drastisch einbrechen. Die wirtschaftliche Not würde die Kirchen schnell an einen Tisch bringen.

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4 Kommentare zu „Ökumene ökonomisch betrachtet

  1. Es ist ja auch ein grundlegendes Missverständnis, das leider in Deutschland und Österreich stark ausgeprägt ist, dass die Ökumene zwischen Evangelischen und Katholiken kurz- bis mittelfristig eine „Einheitskirche“ überhaupt zum Ziel haben kann. Die Reformation ist ja nicht wegen ein paar Ablaßhändlern entstanden, sondern weil Luther, Melanchthon et. al. eine neue, innovative Theologie vertreten haben, die mit der Theologie der älteren Kirchen, von Katholiken, Orthodoxen bis Kopten, unvereinbar ist. Und, wie der Papst in Erfurt gesagt hat und wobei ihm Luther mit Sicherheit zugestimmt hätte: Die Wahrheit ist nicht verhandelbar. Die Annäherung kann nur durch Entfaltung des Glaubens in den Gemeinschaften selbst kommen.

    Ich muss übrigens widersprechen, das Ökumene kein Thema für Benedikt XVI. ist. Seine beiden Reden in Erfurt haben das klar dargelegt, seine bisherigen Schritte etwa gegenüber der Orthodoxie mehr als bewiesen. Nur ist sein Verständnis, was Ökumene vermag, ein anderes. Es geht einerseits um das gemeinsame Auftreten in der Gesellschaft, vom Schutz der menschlichen Würde bis zur Sozialpolitik, dort, wo eben aus christlicher Sicht ein Ausrufzeichen gefordert ist; es geht um befruchtenden Austausch in der Diskussion, ohne die es das gemeinsame Auftreten in gesellschaftlichen Fragen auch gar nicht geben kann; es geht um das Glaubenszeugnis, das Vertiefen des Glaubens, das gegenseitige Lernen aus dem Glaubensleben. Benedikt XVI. hat auch indirekt angesprochen, dass in der evangelisch-katholischen Ökumene seine größte Sorge das Auseinanderdriften der Gemeinschaften ist, das Verlieren der bereits entdeckten Gemeinsamkeiten. Die Sorge teilt er etwa mit der Orthodoxie, die in der evangelisch-orthodoxen Ökumene ähnliche Probleme sieht.

    Ich muss auch widersprechen, dass er Luther nicht gewürdigt hätte. Im Gegenteil, Luthers Ringen im Glauben, sein Hinschauen auf Christus hat er als beispielhaft für jeden Menschen hingestellt. Aber es wäre schon seltsam, wenn er Luthers Theologie, sein Gottes-, Menschen- und Kirchenbild als quasi „notwendige Position“ hinstellen würde, die völlig richtig gewesen sei, und damit in einem Nebensatz 2000 Jahre katholische Lehre für irrig erklären würde. Egal, was man für richtig hält und was man glaubt: So jemand hätte sein Amt als Kirchenoberhaupt wohl verfehlt.

    Ich könnte natürlich noch mehr widersprechen, aber das hat dann mit dem Thema Ökumene nichts mehr zu tun.

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