Das kalte Herz: Weshalb es sich lohnt, für den Liberalismus zu kämpfen

Das Gute ist: Was nicht da ist, wird nur selten vermisst. Das Schlechte daran: Fällt dann doch einmal auf, dass da eigentlich was fehlt, ist der Schmerz um so größer, bisweilen auch der Ärger. Bei unserem Bundespräsidenten geht mir das zum Beispiel so.

Es ist nachgerade die wichtigste Eignung für dieses Amt: etwas zu sagen zu haben. Weil ziemlich das einzige, was das Amt verleiht, Aufmerksamkeit für das eigene Wort ist. Andere müssen, um wahrgenommen zu werden, teure Anzeigen in Zeitungen buchen oder Werbespots im Fernsehen schalten. Der Bundespräsident erhält Aufmerksamkeit, weil er der Bundespräsident ist.

Das Amt als Sprachrohr also. Blöd nur, wenn man nicht weiß, was man in dieses Sprachrohr hineinsprechen soll. Vielleicht weil man das Amt gar nicht deswegen anstrebte, um in dieses Sprachrohr etwas hineinsprechen zu können. Weil man vielleicht einfach nur das Amt wollte. Des Amtes wegen. Der Karriere wegen.

Aber es soll hier nicht um Christian Wulff gehen. Sondern um einen, der was zu sagen hat: Joachim Gauck.

Am 21. April 2009 hatte Joachim Gauck zum Beispiel was zu sagen. Die liberale Friedrich-Naumann-Siftung hatte ihn als Redner für die jährlich stattfindende so genannte „Berliner Rede“ gewonnen. Und Gauck sprach, worüber er meistens spricht: über die Zeit in der DDR. Und weil Gauck nicht nur was zu sagen hat, sondern auch weiß, wie er etwas sagen muss, damit der Zuhörer nicht ermüdet, lohnt es sich noch heute, die vollständige Rede nachzulesen.

Zum Beispiel der Anekdoten wegen. Etwa wie er sich und seine Mitstreiter nach dem Mauerfall erfolglos auf die Suche nach einem neuen dritten Weg gemacht haben:

Als ich in die Politik ging, wollten auch einige den dritten Weg. Als die Werktätigen in Rostock zu mir kamen und sagten: „Jochen, was denkt denn das Neue Forum über den dritten Weg?“, sagte ich: „Wir denken da gut drüber, das Beste aus beiden Systemen mitzunehmen, das ist doch großartig.“ Ja, sagten sie, das fänden sie auch. Aber, wie es so ist, es kommt die nächste Woche und die übernächste, und du sagst, wie es genau gehen soll, wüsstest du nicht. Du wüsstest auch nicht, wie es mit den Eigentumsverhältnissen sei. Du bietest an, Bärbel Bohley oder andere schlaue Berliner anzurufen. Aber, die wissen auch wenig von Ökonomie.

Und wie Gauck dann feststellte, dass es so etwas wie den dritten Weg schon gibt, die Soziale Marktwirtschaft:

Dann findet sich jemand, der mit Ökonomie befasst ist, der auch dazu geforscht hat und der sagt dir dann: „Ich kenne die Ökonomie des dritten Weges nicht und meine Kollegen auch nicht, aber versucht es doch einmal mit der sozialen Marktwirtschaft.“ Ich bin dann nach Hause gegangen und habe zu meinen Werftarbeitern gesagt: Unsere Fachleute reden von der sozialen Marktwirtschaft. Ja, sagten sie, dann ist ja alles klar, dann können wir auch für die Einheit sein. Ja, sagte ich, wenn die Ökonomie dieselbe ist, die politischen Ziele sind auch dieselben.

Oder wie Gauck mittels eines Urlaubserlebnisses an der Ostsee verdeutlicht, welche psychische Last auf den Menschen in der DDR lag, auch auf jenen, die versuchten, sich aus der Politik herauszuhalten:

Eine Rostocker Familie macht einen Sonntagsspaziergang tief in DDR-Zeiten. Wir sind in Warnemünde auf der Mole, schauen auf die See, ein Elternpaar mit zwei kleinen Jungen an der Hand. Ein großes weißes Schiff fährt aus dem Fährhafen hinaus auf das Meer. Die Jungen zum Papa: ‚Sieh mal, das große Schiff!’ Da wollen sie rauf und mitfahren. Der Vater: ‚Nein, das geht nicht, die Fähre fährt nach Dänemark, da ist Westen, da können wir nicht hin.’ Die Kinder: ‚Aber, da sind Menschen drauf.’ Der Vater: ‚Aber das sind andere Menschen, aus dem Westen, die dürfen da mitfahren.’ Die Kinder wollen das auch. Sie finden das nicht richtig, dass sie hier stehen und da nicht rauf dürfen. Der Vater kann jetzt sagen, er finde es auch falsch, es sei widerlich, so eingesperrt zu sein. Er kann zürnen oder seine Traurigkeit zeigen, aber er kann auch versuchen, die Kinder vor dem Schmerz zu bewahren. Sie sollen nicht denken und fühlen, dass sie Gefangene sind, sie sollen doch fröhlich und frei aufwachsen. Er wird vielleicht sagen, dass sie noch zu klein sind, um zu verstehen, dass diese Welt so ist, wie sie ist. Er will nicht, dass sie traurig sind. Oder will er eigentlich nicht, dass er traurig wird, zornig gar, dass er gar lebensuntüchtig wird, hier, wo er doch lebt?

Und dann analysiert Gauck, wie ein solches Dilemma den Menschen auf Dauer den Zugang zu ihren Gefühlen nehmen konnte:

Wir müssen uns vorstellen, dass man hier, ganz in der Nähe am Brandenburger Tor, dass man im Harz in der Nähe des Brockens, dass man oben an der Ostsee, dass man überall in diesem Land an solche Punkte kam, an denen Fragen gestellt worden sind, wie die der beiden gerade beschriebenen Jungen. Da hinten, das weiß man, ist die Freiheit. Aber natürlich ist kaum jemand mit seinem Kind Sonntag für Sonntag an die Mauer in Berlin gegangen und hat gesagt: Ist es nicht schrecklich, dass wir hier nicht durchdürfen. Das hat niemand ertragen. Und indem man andere Wege einschlug und sich damit Schmerz, Wut und Zorn erspart, macht man sich lebensfähig, aber auch hart. Man verliert eine wunderbare Fähigkeit, nämlich die, spontan auf Unrecht, auf Gefangenschaft und Unfreiheit zu reagieren, so wie ein Kind reagieren kann. Vergessen wir nie: Wir alle sind zur Freiheit geboren und nicht zur Gefangenschaft.

Die für mich wichtigste Erkenntnis von Gaucks Rückblick auf die DDR-Geschichte aber ist eine andere, eine kritische. Dass nämlich, wer vor allem von der Vergangenheit spricht, dass dem häufig die Zukunftsperspektive fehlt. Dem Liberalismus geht es so. Der Historiker Paul Nolte war ein Jahr später sozusagen Gaucks Nachfolger. Er hielt 2010 die „Berliner Rede zur Freiheit“ und analysierte, warum es die Freiheit heute schwer hat:

Die moderne Freiheit, wie sie im 18. Jahrhundert entworfen wurde, hat immer in die Zukunft geblickt, gerade weil sie erst so unvollständig verwirklicht war. Freiheit war nicht so sehr ein Zustand, sondern eine Verheißung, die oft umso glühender leuchtete, je ferner das Ziel gerade gerückt war. Aber über verschiedene, komplizierte Etappen erfüllte sich das Kernprogramm der ‚großen Freiheit‘ schließlich doch.

Noltes Schluss ist ein fürs erste deprimierender, dass nämlich das Reden über den Liberalismus ein Reden über die Vergangenheit ist, weil denen, die für Liberalismus eintreten, die Arbeitsgrundlage abhanden gekommen ist. Der Auftrag ist erfüllt. Das Ziel erreicht.

Die Verheißungs- und Erfüllungsphase der Freiheit ist in West- wie in Ostdeutschland vor einigen Jahrzehnten zu Ende gegangen. Seitdem sind wir unsicher: Auf welche Freiheiten, auf welche Freiheitsgewinne warten wir eigentlich noch? Sind wir inzwischen vor allem aufgerufen, das einmal Erreichte, gewissermaßen die Besitzstände der Freiheit, zu verteidigen? An dieser Stelle schlägt die fehlende Zukunft in Erinnerung an die Vergangenheit um. Im Blick auf die gewonnene Fundamentalfreiheit droht unser Freiheitsdiskurs, droht unser Reden über die Freiheit immer mehr zu einer historischen Erinnerungsgeste zu erstarren: der Geste der Erinnerung an die Zeiten der radikalen Unfreiheit, der Diktatur, deren Abstand mit jedem Jahr weiter wächst – und für einen immer kleineren Teil der Bevölkerung unmittelbar, lebensgeschichtlich, noch unmittelbar nachvollziehbar ist.

Aber: Ist die Freiheit heute tatsächlich verwirklicht? Wie frei sind die Menschen?

Um Antworten zu finden, hilft die Unterscheidung zweier Freiheitsbegriffe, der so genannten negativen und der positiven Freiheit.

Die wichtigste Freiheit ist die negative Freiheit. Die Freiheit von etwas, von Unterdrückung und Knechtschaft, von Willkür und Sklaverei.

Diese Bedeutung von Freiheit ist bereits für das dritte Jahrtausend vor Christus bei den Sumerern nachgewiesen, hier liegt auch die Hauptbedeutung des lateinischen libertas, und dies ist auch der Sinn des gotischen „Freihals“, aus dem sich das heutige deutsche Wort „Freiheit“ entwickelte: „Freihals“ war der Hals, der kein Joch tragen musste. (Quelle: Allensbach-Studie „Der Wert der Freiheit“)

Diese negative Freiheit ist mit dem Ende der DDR in Deutschland weitestgehend erreicht gewesen. Für sie kämpfen heute noch viele, zum Beispiel in Nordafrika und dem Nahen Osten.

Weniger wertgeschätzt ist bisweilen eine zweite Freiheitsform, nämlich die der positiven Freiheit. Diese meint die Möglichkeit, „das zu tun und zu lassen, was man will, dass man das Leben nach den eigenen Wünschen und Vorlieben genießt, dass man sich ungehemmt ausleben kann, durch keine Regeln und Normen begrenzt, im Extremfall ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer und ohne Verantwortung und Verpflichtungen.“

Zu dieser Freiheit gehört aber auch, „sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, aktiv den Erfolg im Leben zu suchen und zu gestalten, Chancen zu ergreifen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen einschließlich der Möglichkeit zu scheitern und dann auch die Folgen zu tragen.“

Auch diese positive Freiheit wird hoch geschätzt, bereitet aber bisweilen Probleme. Denn wer die Wahl hat, hat die Qual. An der Freiheit kann man leiden. Das ist kein Wohlstandsphänomen, es wird schon in der Bibel beschrieben. Erich Fromm hat in „Die Angst vor der Freiheit“ darauf aufmerksam gemacht, Joachim Gauck hat es in seiner Berlin-Rede anschaulich erklärt:

Ich dachte früher, diese Furcht oder Angst vor der Freiheit sei ein spezifisch deutsches Problem. Aber das stimmt nicht, es ist sozusagen eine anthropologische Konstante. Erich Fromm sieht das zum Beispiel auf den ersten Seiten der Bibel. Auch die, die nicht zur Kirche gehen, wissen ja, dass es da eine Paradiesgeschichte gibt, eine Schöpfungsgeschichte, und jedermann kennt die Geschichte mit dem Apfel. Diese Apfelgeschichte ist in der Bibel als Sündenfall notiert: Der Mensch erhebt sich gegen Gottes Gebot. Der Wissenschaftler Fromm sagt aber, es sei die Geburt der Freiheit. Der Mensch tue, was er nicht soll, offensichtlich sei er so beschaffen, er ist frei. Aber, so Fromm weiter, schauen wir in diesen alten Mythos, was sehen wir dann? – In einem Moment ist der Mensch frei und im nächsten ist er allein und voller Angst. Niemand ist da, der ihn birgt, niemand, der ihm zu essen und zu trinken gibt, der ihn schützt. Er ist aus einem Zusammenhang herausgefallen, einem paradiesischen Zusammenhang. Er ist frei, aber angstvoll und allein.

Es ist heute vor allem diese zweite Freiheit, die bedroht ist, durch einfache Antworten, durch Utopien. Der Liberalismus kennt keine großen Ziele, hinter denen sich Menschen versammeln könnten. Er taugt auch nicht als Religionsersatz. Ihm wird ein kaltes Herz unterstellt, weil er amoralisch sei. Dabei verbietet er Moral nicht. Im Gegenteil. Der Liberalismus fordert sie nur nicht zwingend. Schon gar nicht die gleiche Moral für jeden.

Der Liberalismus bietet keinen Sinn, allerhöchstens die Spielfläche, um seinen eigenen Sinn suchen zu können. Das muss man aushalten können. Das kann nur, wer erwachsen ist. Wer unterscheiden kann zwischen Sehnsüchten und Träumen auf der einen Seite und der Realität auf der anderen. „1989 träumten wir vom Paradies – und wachten auf in Nordrhein-Westfalen“, hat Gauck einmal gesagt.

Der Liberalismus aber ist nicht nur durch die eigenen Ängste bedroht. Da er der Feind der Besitzstandswahrer ist, muss er sich auch immer gegenüber den Mächtigen behaupten. Jenen, die Dank des Liberalismus reich wurden, die durch ihn aber auch wieder arm werden könnten. Apotheker, Ärzte, Rechtsanwälte, Handwerksmeister. In der Marktwirtschaft ist das Bessere der Feind des Guten. Was heute noch gekauft wird, ist morgen schon Ladenhüter. Der mit den guten Produkten tut gern alles, damit kein Konkurrent bessere auf den Markt bringen kann.

Der Liberalismus müsste deshalb bei denen Freunde haben, deren Zeit noch kommen wird, die die Zukunft vor sich haben. Bei den jungen Internettüftlern ohne Schulabschluss, bei den handwerklich Begabten ohne Meisterbrief, bei denen, die lehren können, aber niemals den Beamtenstatus erlangen können, bei den Kranken, die wegen des vermachteten Gesundheitssystems eine falsche Behandlung erhalten, bei den Armen, bei denen wegen der Umverteilung von oben nach unten zu wenig ankommt, bei den Findern von Energiequellen, die nicht staatlich gefördert werden, bei den zukünftigen Steuerzahlern, die mit Milliarden Banken und Staaten retten müssen.

Auf eine Hausmacht kann der Liberalismus deshalb nicht bauen. Er ist der Freund der Kleinen und der Jungen. Bei denen, die von der Freiheit noch profitieren werden. Bei der Piratenpartei ist diese Verbindung zu spüren. An machen Stellen. Auch dort hat es der Liberalismus schwer. Nicht so schwer wie in der FDP. Dort haben sich jene versammelt, die durch den Liberalismus groß wurden. Aber gerade die haben viel zu verlieren. Der Liberalismus kann ihnen den Status wieder nehmen. Vaclav Havel hat einmal gesagt: „Die Macht der Mächtigen kommt von der Ohnmacht der Ohnmächtigen.“ Der Liberalismus ist das beste Mittel gegen die Ohnmacht. Allein dafür lohnt seine Verteidigung.

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