Mein Name ist „Ich“: Warum wir die Anonymität im Internet schützen sollten

Die Beobachtung des alltäglichen Autoverkehrs kann bekanntlich den Glauben an die Möglichkeit des friedlichen Zusammenleben der Menschen erschüttern. Es wird gehupt, geärgert, gemotzt, gefuchtelt. Hinter einer Autoscheibe vor handgreiflicher Auseinandersetzung geschützt und mit der Option ausgestattet, durch Antippen des Gaspedals einer Konfrontation zu entfliehen, erlauben sich viele, was sie sich ohne schützenden Metallmantel nicht trauen: Aggressivität gegenüber Mitmenschen zeigen.

Es ist eine soziologische Binsenweisheit: Je größer die Distanz bei der Kommunikation, desto ausgeprägter die Neigung zur Grobheit. Beim Autofahren ist dies zu beobachten. In vielen anderen Situationen ebenfalls. Bei Arbeitskollegen über den Chef lästern, ist einfach, viel schwerer ist es, die Kritik dem Chef selbst zu sagen. Weil die Folgen negativ sein können, auch, weil bereits die Gegenwart ungemütlich ist. Wer dem anderen beim Sprechen in die Augen schauen muss, der wählt meist sanftere Worte.

Im Internet surfen ist schlimmer als Autofahren. Die Distanz ist noch größer. Zeitlich versetzt, verschanzt hinter Bildschirmen und die Identität verbergen könnend, bietet digitale Kommunikation den Nährboden für Bosheiten der besonders rauen Art.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hat jetzt im Spiegel die Abschaffung der Anonymität im Internet gefordert. Die Grundsätze der Rechtsordnung „müssen auch im Netz gelten“, Blogger sollten „mit offenem Visier“ diskutieren, so Friedrich.

Friedrich argumentiert mit den Anschlägen in Norwegen: „Politisch motivierte Täter wie Breivik finden heute vor allem im Internet jede Menge radikalisierter, undifferenzierter Thesen, sie können sich dort von Blog zu Blog hangeln und bewegen sich nur noch in dieser geistigen Sauce.“

Das Internet führt seiner Ansicht nach zu einer neuen Form radikalisierter Einzeltäter, die den Sicherheitsbehörden zunehmend Sorgen bereiteten. „Wir haben immer mehr Menschen, die sich von ihrer sozialen Umgebung isolieren und allein in eine Welt im Netz eintauchen“, sagt Friedrich. „Dort verändern sie sich, meist ohne dass es jemand bemerkt. Darin liegt eine große Gefahr, auch in Deutschland.“

Die Forderung des Innenministers aber geht über das Ziel hinaus, dass wer sich im Internet strafbar macht, auch belangt werden können muss. Friedrich fordert ein generelles Vermummungsverbot im Netz.

Keine Frage: Im Internet würde manche Hässlichkeit unterbleiben, wenn jeder Beitrag seinem Schöpfer zuordenbar wäre. Auf der anderen Seite: Anonymität ist ein Wesensmerkmal von Freiheit. Es schützt nicht nur potenzielle Täter, sondern auch Opfer.

Ein Mensch, der nach einer Vergewaltigung im Internet Hilfe findet; ein Stalking-Opfer, das sich in Foren austauscht; ein Mann, der mit seinen religiös-konservativen Ansichten seiner karrierebewussten Frau keine Steine in den Weg legen will; eine Lehrerin, der der Schutz ihrer Privatsphäre wichtig ist; der Blog-Schreiber, der Morddrohungen erhält – es gibt viele legitime Gründe, um im Internet ein Pseudonym zu verwenden.

Anonymität schützt also. Vor allem jene, die gesellschaftlich ausgegrenzt werden. Aber nicht nur diese. Sie hilft allen, die die verschiedenen Bereiche ihres Lebens trennen möchten, wer im Beruf, in der Freizeit, beim gesellschaftlichen Engagement unterschiedliche Rollen spielen will.

Ein generelles Vermummungsverbot, wie Friedrich es fordert, würde diese Möglichkeit nehmen.

Und nicht nur diese: Die Revolutionen in der arabischen Welt wären ohne die Anonymität des Internets nicht möglich. Sie bietet hunderttausenden Aktivisten Schutz vor Verfolgung. Kommunizieren zu können, ohne den Zwang der Identifizierung, ist also nicht nur ein Stück Freiheit, es hat auch das Potenzial, eine freie Gesellschaft zu erschaffen.

Ein Gedanke zu “Mein Name ist „Ich“: Warum wir die Anonymität im Internet schützen sollten

  1. Ausserdem ist die Annahme verfehlt, man könne massive Sraftaten wie das Norwegen-Massaker im Vorfeld verhindern, wenn man die Schreiber stark bedenklicher Pamphlete ausfindig gemacht hätte. Will man Jeden, der rechtsstaatlich bedenkliches Material im Internet veröffentlicht, beobachten lassen oder gleich straftrechtlich belangen? Ersteres ist nicht praktikabel, nicht finanzierbar und wird möglicherweise keinen gesellschaftlichen Konsensus finden, letzteres schränkt die Meinungsfreiheit ein und würde sicher zu einer Welle von Klagen führen. Was ist dann noch erlaubt? Ist ein bissiger Kommentar gegen ein Forenmitglied noch schlechter Umgangston oder schon eine handfeste Beleidigung?

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