„Gehälter sinken im Aufschwung“ – Eine schlechte Nachricht?

Die Wirtschaftsnachricht des Tages klingt deprimierend: Laut einer DIW-Studie sind die Einkommen der Geringverdiener  vom Jahr 2000 bis 2010 um 16 bis 22 Prozent gesunken. Der Aufschwung, so die scheinbar unmissverständliche Botschaft, ist bei einem Teil der Menschen nicht angekommen.

Doch der Eindruck täuscht, ist missverständlich, vielleicht sogar bewusst manipuliert. Durch das Weglassen von Information.

Die Nachricht suggeriert nämlich, dass ein Beschäftigter im Niedriglohn-Sektor heute deutlich weniger verdient als vor zehn Jahren. Das ist aber gerade nicht der Fall. Es hat sich nicht die Lebenssituation einzelner Menschen verschlechtert. Die Entwicklung ist keine individuelle.

Das klingt nach Haarspalterei. Ist es aber nicht.

Es sind nämlich heute ganz andere Menschen als vor zehn Jahren, die im Niedriglohnsektor tätig sind. Weil Arbeitslosigkeit abgebaut wurde, weil die Menschen heute einen Job gefunden haben, ist der Niedriglohnsektor größer geworden. Wer früher in der Arbeitslosigkeit verharrte, der findet heute eine Anstellung. Zugegeben, nicht immer zu den optimalen Bedingungen, vor allem was die Entlohnung betrifft. Aber der Niedriglohnsektor ist häufig der Einstieg in Arbeit, die Löhne wachsen mit der Dauer des Beschäftigungsverhältnisses.

Zwischenfazit: Wenn also die Lohnentwicklung keine individuelle ist, wenn also ein bestimmter Angstellter nicht 16 bis 22 Prozent weniger verdient als vor zehn Jahren, wenn also vielmehr Menschen mittlerweile einen Job gefunden haben, die vor zehn Jahren noch arbeitslos geblieben wären, dann ist es mit der Beurteilung der heutigen Nachricht schon deutlich schwieriger.

Im Kern belegt die DIW-Studie folgendes: Der arbeitsmarktpolitische Erfolg, nämlich der Abbau der Arbeitslosigkeit Geringqualifizierter, führt zu dem Phänomen, das häufig davon losgelöst diskutiert wird: Die Zunahme von Beschäftigungsverhältnissen mit vergleichsweise geringen Löhnen.

Man könnte die heutige Nachricht demnach auch ins Positive wenden. Sie ist das offensichtliche Zeichen, dass der Arbeitsmarkt funktioniert. Das Menschen in Lohn und Brot kommen.

Zugegeben: Die Umsetzung der Forderungen nach einem Mindestlohn (zum Beispiel heute vom Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Joachim Möller) oder nach Regulierung von Zeitarbeit und geringfügiger Beschäftigung würde den Niedriglohnsektor verringern. Das Ergebnis wäre aber vermutlich nicht – oder nur in geringem Maße -, dass in der Folge höhere Beschäftigungsverhältnisse entstehen, vielmehr würden dauerhaft Beschäftigungsmöglichkeiten verloren gehen.

Regulierung dreht das Rad zurück, macht beschäftigungspolitische Erfolge zunichte! Viel besser: Den Niedriglohnsektor zulassen, und Einkommen, die unterhalb des gesellschaftlich definierten Lebensstandards sind, aufstocken.

3 Gedanken zu “„Gehälter sinken im Aufschwung“ – Eine schlechte Nachricht?

  1. Typische Neoliberale Bullenscheisse! Arbeit muss zur Existenzsicherung reichen, Niedriglohn und Leiharbeit mögen vielleicht der Wirtschaft nützen, jedoch gilt schon lange nicht mehr, dass was für die Wirtschaft gut ist auch dem Arbeitnehmer nützt!
    Also müsste das Ziel ordentlich bezahlte Jobs ausserhalb der Zeitarbeit sein.

    Karl Gegenfurtner

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  2. „Aber der Niedriglohnsektor ist häufig der Einstieg in Arbeit, die Löhne wachsen mit der Dauer des Beschäftigungsverhältnisses.“

    Das wage ich zu bezweifeln. Hier fehlen mir Belege, zumal die Arbeitsmarktstatistik hierzulande in der letzten Dekade des häufigeren Schönrechnungsprozessen unterworfen wurde.

    Allerdings weist Ihr Posting auf die mit gewisser Wahrscheinlichkeit anzunehmende Tatsache hin, dass es sich in der von DIW verbreiteten Meldung nicht um Individualschicksale handelt. Aber dann doch um Kollektivschicksale, nämlich, dass in der Gruppe der Niedriglöhner immer mehr Kaufkraft versickert.

    Sie schlagen an diesem Punkt vor „Einkommen, die unterhalb des gesellschaftlich definierten Lebensstandards sind“ aufzustocken und warnen vor Mindestlohn und weiterer Regulierung. Nur: wäre „Aufstockung“ nicht nur eine andere Spielart von Regulierung mit dem Ergebnis, die soziale Gruppierung der Geringqualifizierten weiter zu entwürdigen, indem sie weiter als Bittsteller gegenüber der aufstockenden öffentlichen Verwaltung auftreten müssten? Die Frage ist m. E. weiterhin, ob Ihr Argument, durch Mindestlöhne würden dauerhaft Beschäftigungsverhältnisse verlorengehen letztlich stichhaltig ist. Zugegebenermaßen habe ich gerade keine stichhaltige Statistik parat, auf welche Wirtschaftssektoren sich der Niedriglohnsektor genau verteilt. Gefühlsmäßig würde ich aber sagen, vor allem im Handel und bei – wie auch immer gearteten Dienstleistungen. Weniger in der Industrieproduktion. Wenn dem so ist, wie ich annehme, dann wäre die Elastizität des Arbeitsplatzangebotes eher gering, den wohin sollen Handel und Dienstleistungen delegieren? Ins Ausland wohl kaum.

    Von daher glaube ich, dass „Regulierung“ nicht zu einer wirtschaftsorientierten Killerphrase verkommen darf. Sie bedeutet in diesem Zusammenhang lediglich, dass ein gewisses politisches Primat gegenüber der Wirtschaft wieder eingenommen werden sollte.

    Beste Grüße,

    @finanzmogul

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