Abschied vom Euro? Über die Zukunft unserer Gemeinschaftswährung

Politik neigt zur Dramatisierung. Der Abgrund kann nie nahe, nie tief genug sein. Je größer eine vermeintliche Gefahr ist, desto heldenhafter kann sich die Politik als Retter inszenieren.

Auch Angela Merkel versteht sich auf die Überhöhung als Mittel des Machterhalts. „Der Euro ist unser gemeinsames Schicksal,“ hat die Bundeskanzlerin in ihrer Regierungserklärung im Dezember gesagt – und nicht nur da.

In diesem einen Satz stecken weitere Sätze, unausgesprochene Sätze. Dass die Lage dramatisch sei. Dass es Aufgabe der Politik sei, eine drohende Katastrophe abzuwenden. Dass ein Scheitern der gemeinsamen Währung auch ein Scheitern Europas bedeuten könnte.

Keine Frage: Die Ausgestaltung einer Währung ist wichtig. Deren Stabilität vor allem. Auch, wie viele Menschen und Staaten sich an ihr beteiligen. Zu behaupten aber, an einer gemeinsame Währung hänge Wohl und Wehe eines Kontinents, suggeriert eine Alternativlosigkeit, die erstens einer freiheitlichen Lebensvorstellung zuwiderläuft und die zweitens vorgibt, Probleme abzuwehren, die sie, ob ihres verengten Blicks, möglicherweise erst erzeugt.

Schon bei der Einführung des Euro wurde mit Alternativlosigkeit argumentiert. Eine gemeinsame Währung sichere den Frieden, verkündete die Politik und schwang sich zum Friedensbewahrer auf.

Aber auch eine politisch motivierte Währungsunion folgt letztlich ökonomischen Mechanismen. Und die Wahrscheinlichkeit eines ökonomischen Misserfolgs war von Anfang an groß.

Eine gemeinsame Währung braucht homogene Wirtschaftsräume. Weil einer gemeinsamen Währung das atmende Regulativ flexibler Wechselkurse fehlt.

Steigen beispielsweise in einem Land die Löhne überdurchschnittlich, gehen dort auch die Preise für Güter und Dienstleistungen nach oben. Die Folge: Die nun teureren Exportprodukte werden auf den internationalen Märkten weniger nachgefragt.

In einem System flexibler Wechselkurse ist das ziemlich unproblematisch. Weil weniger Menschen die teuren Produkte kaufen wollen, wird auch weniger Geld dieser Währung nachgefragt. Darauf sinkt der Wechselkurs, was wiederum die Produkte für das Ausland günstiger macht, wodurch die Nachfrage wieder steigt.

Flexible Wechselkurse wirken wettbewerbsschädlichen Preisentwicklungen entgegen.

In einem gemeinsamen Währungsraum dagegen müssen andere Wege der Anpassung gefunden werden. Zwei stehen zur Verfügung: 1) Gewerkschaften und Arbeitgebern berücksichtigen im Lohnfindungsprozess die Lohnentwicklungen der internationalen Konkurrenz. 2) Menschen sind mobil und suchen woanders ihr Glück, wenn sie ihren  Arbeitsplatz auf Grund fehlender Wettbewerbsfähigkeit ihres Unternehmens, ihrer Region oder ihres Landes verlieren.

Beide Anpassungswege finden in Europa nur in beschränktem Umfang statt.

Europa ist kein prädestinierter Markt für eine gemeinsame Währung, ist es nie gewesen.

Freilich hat eine gemeinsame Währung auch Vorteile. Privatpersonen wie Unternehmen sparen sich Umtauschkosten. Auch das Risiko von Fehlkalkulationen aufgrund von schwer vorhersehbaren Wechselkursschwankungen entfällt.

Nüchtern gesagt ist die Frage, ob eine gemeinsame Währung Sinn macht, die Frage nach dem Saldo von Vor- und Nachteilen.  Beim Euro hat der Saldo ein tendenziell negatives Vorzeichen.

So weit, so interessant, so unwichtig. Denn: Wir haben aktuell gar keine Währungskrise. Inflation ist dem Euro fremd. Die Gemeinschaftswährung ist stabil, stabiler als es die D-Mark je war. Auch gegenüber anderen Währungen behält der Euro seinen Wert.

Unter was Europa dagegen leidet, ist eine, vor allem staatliche, Verschuldungskrise. Allein seit 2007 sind die Schulden der Euro-Staaten um 20 Prozent gestiegen. Im Durchschnitt ist aktuell jedes Land mit mehr als 100 Prozent seines jährlichen Bruttosozialprodukts verschuldet.

Dennoch hat die Verschuldung auch mit dem Euro zu tun. Sie wurde erstens durch den Euro gefördert. Sie wird zweitens durch den Euro verschärft. Sie kann drittens der Vorbote des Euro-Endes sein.

1) Wie der Euro kleine Länder in die Verschuldung trieb.

Für wirtschaftlich schwache, kleine Länder war der Euro zunächst ein Segen. Denn sie hatten vor dem Beitritt mehrheitlich ein höheres Zinsniveau. Weil die Staaten als wenig verlässliche Schuldner galten, mussten sie für ihre Anleihen einen Risikoaufschlag zahlen. Verschuldung war teuer.

Durch den Beitritt übertrug sich das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung auf die kleinen Beitrittsländer, die Zinsen sanken – Verschuldung wurde attraktiver.

Ein zweites Phänomen förderte die Verschuldung. Er wird in der Ökonomie als Balassa-Samuelson-Effekt bezeichnet.

Demnach gibt es in jedem Land Güter und Dienstleistungen, die exportiert werden können (zum Beispiel Maschinen) und andere, nicht-handelbare, die nur im Land selbst angeboten werden (etwa die Tätigkeit eines Frisörs).Tritt nun ein wirtschaftlich schwaches Land aufgrund eines Währungsbeitritts in einen scharfen internationalen Wettbewerb ein, geschieht Folgendes: In der exportorientierten Branche steigt dank Lerneffekte die Produktivität rasch an, wodurch ohne negative Effekte auch die Löhne steigen können.

Eine solche Lohnentwicklung zieht aber auch die Einkommen im Wirtschaftssektor der nicht-handelbaren Güter und Dienstleistungen nach oben. Weil aber dort die Produktivität nicht angestiegen ist, entseht Inflation und Arbeitslosigkeit.

Die Folge: Der Wettbewerbsvorteil der wirtschaftlich schwachen Länder geht verloren, auch, weil eine Anpassung der realen Preise über flexible in einer Währungsunion nicht mehr möglich ist.

Das Ergebnis: Wirtschaftliche Schwierigkeiten, geringere Staatseinnahmen, die Schuldenspirale dreht sich nach oben.

2) Wie der Euro die Schuldenkrise verschärft.

Die aktuelle Schuldenkrise zeigt vor allem eines: Politische Schwüre halten häufig nur so lange, bis sie getestet werden. Die so genannte No-Bail-out-Klausel, wonach Euro-Staaten nicht für die Schulden anderer Euro-Staaten einspringen, galt als ein Kern einer dauerhaft funktionierenden Währung. Mit der ersten ernsthaften Krise, ist die Klausel über Bord gegangen. Jetzt und in Zukunft weiß jede Regierung: Im Zweifel retten mich die anderen. Sparsames Haushalten wird so nicht gefördert.

3) Wie übermäßige Verschuldung eine Währung ruinieren kann.

Wie gesagt: Aktuell haben wir in Europa keine Währungs-, sondern eine Schuldenkrise. Dennoch könnte der Euro scheitern. Es wäre nicht das erste Mal, dass einer übermäßigen Verschuldung ein Währungsende folgt. Denn Staaten neigen dazu, sich ihre Schulden mit einem einfachen Trick zu entledigen: mit Hilfe der Inflation.

Denn Inflation reduziert den realen Wert der Schulden. Je höher Schuldenberge wachsen, desto größer wird der Druck auf stabilitätsorientierte Notenbanken, von ihrer Linie abzuweichen.

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) wird sich diesem Druck nicht entziehen können. Eigentlich ziemlich unabhängig, hat die aktuelle Schuldenkrise bereits exemplarisch gezeigt, wie weit es in Krisen um Unabhängigkeit bestellt sein kann. Der Aufkauf von Staatsanleihen hat das Vertrauen in die Institution jedenfalls nicht gestärkt.

Und wie geht es weiter? Unter Ökonomen ziemlich unstrittig ist, dass es zumindest in Griechenland zu einem Schuldenschnitt kommen wird. Die Besitzer von griechischen Staatsanleihen werden also auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten müssen. Ein nicht unwesentlicher Teil. Gut 320 Milliarden Euro Altschulden hat Griechenland. Mehr als die Hälfte, so schätzen Experten, dürfte für die Gläubiger verloren sein.

Weil viele dieser Gläubiger europäische Banken sind, droht die Griechenlandkrise auf andere Länder überzugreifen. Gut möglich, dass erneut Banken mit Steuergeldern gestützt werden müssen, um eine erneute Bankenkrise zu verhindern.

Die Herkules-Aufgabe aber beginnt erst danach. Wie soll Banken und Staaten glaubhaft versichert werden, dass diese Hilfen die Letzten waren? Denn von dieser glaubhaften Versicherung hängt die Zukunft der gemeinsamen Währung ab.

Wenn Banken viel zu riskante Geschäfte betreiben, weil Gewinne beim Eigentümer bleiben, Verluste aber von der gesamten Gesellschaft getragen werden. Wenn Staaten weiter die Chance wittern, mit überzogenen Ausgaben Wählerstimmen zu erhalten, die negativen Folgen aber von Nicht-Wählern (dem Ausland) finanziert bekommen. So lange wird die Krise vielleicht eine Pause einlegen. Aber sie wird nicht verschwinden. Sie wird früher oder später das Ende des Euro in seiner heutigen Form bedeuten.

Das wäre nicht schön. Das würde zu mancher Verwerfung führen. Das Ende des Euro aber wäre nicht das Ende des gemeinschaftlichen Zusammenlebens in Europa. Vielleicht sogar wäre es für das Zusammenleben förderlich.

3 Kommentare zu „Abschied vom Euro? Über die Zukunft unserer Gemeinschaftswährung

  1. Ich hoffe, dass die Damen und Herren Politiker als auch ihre Klientel (=wir) daraus wirklich lernen, und die „Konstruktionsfehler“ des Euro-Systems ausmerzen.

    – Warum „wir“? Es sind immer wieder mittelgoße Bevölkerungsschichten, die Politiker zu (teuren) Entscheidungen bewegen. Immerhin bedeuten „Wählerstimmen“ auch ein persönliches Schicksal eines Politikers. Also beugt sich dieser den kostspieligen Wünschen allermöglichen Interessensgruppen. „Wir“ die Bevölkerungen sollten nicht „haben haben haben“ wollen, weil „wir“ so gerecht behandelt wenn Transferzahlungen zu „uns“ großzügig gehandhabt werden. „Wir“ jammern zu viel und haben ein groteskes Anspruchsdenken wenn es um die eigene Brieftasche geht.

    – „Konstruktionsfehler“: Unsere Top-Politiker haben die Maastricht-Kriterien doch sehr eigenartig ausgelegt. Die 3% Hürde wurde als der neue Maßstab eines „ausgeglichenen Haushalts“ interpretiert. Also „0%=3%“. Alle Bedenken gegenüber der Praxis des „Halben Keynes“ wurden in Talkshows, Zeitungen, Interviews etc. abgewascht. Nur kann leider die Geschichte mit dem Goldtalerbaum nicht aufgehen. Und nach Jahren konsequenter Neuverschuldung fliegt dem einen oder anderen EU-Staat der Haushalt um den Kopf. Prinzipiell nicht anders die Schuldenfalle wie Peter Zwegat auf Individualebene im TV vorführt. Ich muss mal unsere Kanzlerin loben. Sie hat letztens vorsiichtig angedeutet, dass die EU-Staaten nicht nur die „0%“ anstreben sollten (So heißt dass wenn „0%=3%“), sondern auch Staatsüberschüsse nun wirklich mal eintreiben sollten (Das wird dann im Schnitt vielleicht eine „0%=0%“). Was sich für jeden Ottonormalbürger wie eine Selbstverständlichkeit anhört, könnte eine Politiker das Mandat kosten (Siehe oben „wir“).

    – „Konstruktionssfehler“ 2: http://techinno.wordpress.com/2011/05/20/am-scheideweg-die-rolle-des-bankensystems-und-andere-investoren/

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