Die Geschichte der Zukunft: Wie sich der Fortschritt verändert

Würde jener Erfinder gesucht, welcher der Menschheit den größten Fortschritt brachte, der Name William Cullem müsste zumindest auf die Shortlist. Der schottische Mediziner machte 1756 eine Entdeckung, ohne die unser heutiges Leben nicht so wäre wie es ist. Cullem revolutionierte, was dem Menschen am wichtigsten ist: das Essen – genauer gesagt deren Haltbarkeit.

Kälte kann durch Verdunstung entstehen, hatte der Professor für Medizin und Chemie an der Universität Glasgow herausgefunden. Cullem hatte Dimethyläther durch Unterdruck zum Verdampfen gebracht. Der Umgebung des Reaktionsgefäßes wurde Wärme entzogen und es entstand Eis.

Die Erkenntnis, dass verdichtete Gase kühlen, sobald sie sich wieder ausdehnen, hat unser Leben revolutioniert. 1876 wurde die erste Lammkeule tiefgekühlt über den Atlantik geschippert. In Chicago entstand in der Folge eine gigantische fleischverarbeitende Industrie. Täglich wurden 90.000 Tonnen Fleisch verarbeitet, eingefroren und verschickt.

Ohne der von Cullem erfundenen Kühltechnik wären die meisten von uns noch landwirtschaftliche Selbstversorger. Unser Tagesablauf wäre maßgeblich davon bestimmt, wann, von wem und woher wir die nächste Mahlzeit bekommen. Wir würden nicht einmal die Woche einen Großeinkauf tätigen. Oder am Abend nach der Arbeit schnell einen Abstecher zum Supermarkt machen.

Der Kühlschrank hat uns entspannt. Gibt uns die Zeit, uns um anderes zu kümmern: Autos zu bauen, Kleider zu nähen, Zeitungen zu drucken, Kinder zu erziehen. Immer in unserer Nähe: der Lebensretter Kühlschrank. Er versorgt uns mit Essen. Und wenn nicht der eigene, dann der in der Gaststätte nebenan.

1926 erschien in der Berliner Zeitschrift „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ ein Aufsatz, der sich in gewisser Weise mit den Folgen der  Kühlschrank-Erfindung beschäftigt. Unter dem Titel „Die langen Wellen der Konjunktur“ dokumentiert sein Autor eine empirische Beobachtung.

Wann folgt nach der Wachstumsdelle der nächste Aufschwung? Um wie viel Prozent wird die Wirtschaft in diesem Jahr wachsen? Die kurzfristigen Aufs und Abs, so schreibt darin der russische Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Kondratjew, würden von langen Konjunkturwellen überlagert, die in der Regel zwischen 40 bis 60 Jahre dauerten. Einer längeren Aufstiegsphase folgte eine kürzere Abstiegsphase.

Kondratjews Aufsatz ist einer der bekanntesten in den Wirtschaftswissenschaften. Auch einer der umstrittensten.

Populär wurde die Theorie des Russen durch einen anderen Ökonomen, den vielleicht berühmtesten deutschsprachigen Wirtschaftswissenschaftler, dem Österreicher Joseph Schumpeter. Dieser prägte den Begriff Kondratjew-Zyklen und erklärte die von Kondratjew empirisch richtig erkannten langfristigen Konjunktur-Wellen mit grundlegenden technischen Innovationen. Letztlich gebe es zwar stetig Fortschritt, aber nur wenige Erfindungen seien so weitreichend, dass sie Produktion und Gesellschaft umwälzten. Diese so genannten Basisinnovationen würden die von Kondratjew beobachteten langfristigen Konjunkturwellen auslösen.

Drei dieser Wellen hatte Kondratjew selbst beschrieben. Die erste Periode reicht von 1780 bis 1850. Es ist der Beginn der Industrialisierung in Deutschland.

Es folgt von 1840 bis 1890 der so genannte „Eisenbahn-Kondratjew“, der durch die großindustrielle Stahlproduktion und die Entstehung eines Schienennetzes geprägt ist.

Die dritte Phase reicht von 1890 bis 1940. Die Elektrotechnik und die Chemie sind ihre entscheidenden Triebfedern.

Bis zur Gegenwart lassen sich zwei weitere dieser langfristigen Konjunkturwellen beobachten. Phase vier, die Zeit von 1940 bis 1990, wird als Automatisierungs-Kondratjew bezeichnet. Dessen Basisinnovationen: Kernenergie, Transistoren, Computer und Autos. Und seit 1990 leben wir in Phase fünf, dem „Informations- und Kommunikationstechnik-Kondratjew“.

Der Charme der Kondratjew-Theorie ist offensichtlich: Dass sich nämlich vergangene Beobachtungen in die Zukunft übertragen lassen. Demnach befänden wir uns aktuell in einer Aufschwungphase. Der nächste Tiefpunkt käme erst in zwei bis drei Jahrzehnten.

Doch eigentlich hat noch kein Wissenschaftler schlüssig erklären können, warum es solch langfristige Konjunkturzyklen geben sollte. Und damit ist auch völlig offen, ob sich vergangene Entwicklungen in die Zukunft übertragen lassen.

Vermutlich ist es sogar ziemlich unwahrscheinlich. „Inzwischen ist die Welt der Technik so vielschichtig und die Menge der Güter und Produktionsverfahren so komplex geworden, dass der technische Fortschritt insgesamt mehr einem kontinuierlichen Prozess gleicht,“ meint beispielsweise der Ökonom Ulrich von Suntum. Jeden Tag werden unzählige neue Produkte entwickelt, Produktionsprozesse optimiert. Die Folge sind viele kleine Wachstumsschübe anstatt wenigen großen.

Auf der anderen Seite: Warum sollten nicht auch in Zukunft revolutionäre Erfindungen zu sprunghaftem Wachstum führen? Ansätze gibt es genug: in der Bio- und Nanotechnologie, der Kernfusion, beim Thema regenerativen Energien und Energie sparen oder der Medizin.

Das Problem: Wann diese Revolutionen stattfinden, dabei hilft uns Kondratjew vermutlich nicht.

Eigentlich wäre es mal wieder  an der Zeit. Was, außer dem Internet, hat es in den vergangenen Jahrzehnten an revolutionärem Fortschritt gegeben?

Unser Hauptfortbewegungsmittel basiert noch immer auf einer Technik des 19. Jahrhunderts. Und dass wir Fernseher jetzt an die Wände hängen können, weil sie so schön flach sind, ist alles andere als revolutionär.

Wir leben im „Zeitalter der Langeweile“, meint Michael Lind vom Think Tank New America. Selbst die häufig als Revolution gefeierten neuen Telekommunikationsmöglichkeiten, wie etwa das iPhone, sind für ihn keine durchschlagene Veränderungen. „Ist die Kombination von Telefon, Videoplayer und einer Schreibtastatur wirklich so revolutionär wie die Erfindung des Telefons, des Fernsehers oder der Schreibmaschine“, fragt Lind, um selbst die Antwort zu geben: „Die Gadgets des Informationszeitalters haben nichts von dem transformatorischen Effekt auf Gesellschaft und Wirtschaft, wie es die Verbreitung von elektrischem Licht, dem Kühlschrank oder des Elektroherds von Beginn bis Mitte des 20. Jahrhunderts hatte.“

Mit anderen Worten: Es wäre mal wieder Zeit für eine Basiserfindung. Wenn die Verbreitung des Internets die letzte gewesen ist und die Theorie von den „langen Konjunkturwellen“ tatsächlich gilt, dann müssten wir noch einige Jahrzehnte auf die nächste technische Revolution warten. Auch deswegen wäre es besser, Nikolai Kondratjew behielte nicht Recht.

4 Kommentare zu „Die Geschichte der Zukunft: Wie sich der Fortschritt verändert

  1. Hallo Johannes, vielen Dank für diesen interessanten Post zur Theorie der langen Wellen. Nur noch ein paar persönliche Anmerkungen zum letzten Abschnitt: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir gar nicht auf eine technische Revolution warten sollten. Bereits der 5. Kondratieff-Zyklus war in seinem Kern schon nicht mehr von materiellen Größen wie z. B. Bodenschätzen geprägt, sondern vom Umgang mit der immateriellen Ressource „Information“. Dieser Trend wird sich meiner Meinung nach fortsetzen, d. h. der 6 . Kondratieff-Zyklus wird in seinem Kern wieder immaterieller Natur sein. Ich sehe hier die größten Innovationspotenziale in den übergeordneten Themen Organisation und (Markt)Design verortet. Das bedeutet, dass der nächste Aufschwung kommt, weil wir uns anders, d. h. erfolgreicher organisieren als früher – als Gesellschaft, im Bereich der Unternehmen, im Gesundheitswesen, im Wertebereich usw. Die treibende Kraft hinter der nächsten „Welle“ wird in erster Linie sozialer Natur sein. Auf den Punkt gebracht: Es wird zukünftig vor allem um ein „neues Denken“ und nicht um „neue Technik“ gehen…

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  2. Die Entwicklung der Digitalen Revolution ist ein Anti-Kondratjew Zyklus, da sie im Grunde zwar für Aufschwung sorgt, aber anderseits auch dafür das viele alte Branchen Untergehen, die Arbeitslosigkeit durch Robotik steigt usw usw.

    Also im Gegensatz zu den vorhergegangenen Zyklen nicht nur gewachsen wird sondern auf der anderen Seite abgebaut wird. Somit ist das Internet eher azyklisch und es steht nicht zu erwarten das es eine längere Wachstumsphase auslöst, ganz im Gegenteil.

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