Wir Dilettanten – Welche Zukunft hat das Internet?

Kevin Poulsen gehört zu den Guten. Mittlerweile. Das war mal anders. Früher war Poulsen ein Cracker. Einer, der in Systeme eindringt, um sie zu zerstören. Oder um sie zu missbrauchen.

Mehrfach hatte Poulsen bei Gewinnspielen Telefonanlagen umprogrammiert. Zum Beispiel bei einem Wettbewerb, bei dem der 102. Anrufer gewinnen sollte. Poulsen belegte die Telefonleitung, zählte die eingehenden Anrufe und ließ sich schließlich als 102. Anrufer durchstellen. Zwei Porsche, 20.000 Dollar und einige Reisen hat er so gewonnen. Dark Dante nannte er sich damals. Am 4. Dezember 1992 wurde er als erster Hacker in den USA der Spionage angeklagt. Fünf Jahre verbrachte Poulsen im Gefängnis.

Aus dem Cracker Poulsen ist ein Hacker geworden. Hackern geht es nicht um Manipulation. Sie wollen verstehen. Erkunden. Und auf Missstände aufmerksam machen. Vor ein paar Wochen waren wieder 4000 von ihnen in Berlin. Jedes Jahr kommen sie auf Einladung des Chaos Computer Clubs. Es ging um Wikileaks. Natürlich. Außerdem wurde die Verschlüsselung der Playstation 3 von Sony geknackt und das Mobilfunknetz GSM zerlegt, sodass es leicht abhörbar wird.

Hacker decken auf, sie machen Schwachstellen offensichtlich bevor es andere tun. Cracker sind ihre natürlichen Feinde. „We come in peace“, lautete das Motto des Hackerkongresses.

Kevin Poulsen arbeitet heute als Journalist beim Technikmagazin Wired. Er hat beispielsweise ein Programm geschrieben, dass alle Mitglieder des Musik-Netzwerkes MySpace mit einer US-Datenbank von 400.000 Sexualstraftätern abgleicht. So fand Poulsen heraus, wer von ihnen ein MySpace-Profil hat. Deren Aktivitäten verfolgte er. Ein Mann wurde so verhaftet, der vermutlich über MySpace seine nächste Tat vorbereitete.

Ob Hacker oder Cracker – beide Typen machen uns beklommen. Weil durch sie bewusst wird, wie brüchig unser Leben ist. Telefonieren, surfen, mailen: Unser Alltag hat sich verdigitalisiert. Und meistens ist uns das nicht einmal bewusst. Kein Brief käme mehr beim Empfänger an, keine Lebensmittellieferung fände ihr Ziel, kein Flugzeug könnte starten, wenn das Internet plötzlich aufhören würde, Internet zu sein.

Hacker und Cracker, das sind die anderen. Wir haben lediglich gelernt, die Systeme zu bedienen. Wir können Apps auf unsere iPhones laden. Word verwenden. Uns im Browser durchs Internet klicken. Aber wirklich verstehen tun wir nichts. Gar nichts. Von den Straßen, auf denen wir mit unseren Autos fahren, haben wir eine ungefähre Vorstellung. Wir sehen, wie sie gebaut – oder zumindest repariert – werden. LKWs bringen den flüssigen Asphalt, der von Maschinen auf dem Boden verteilt und glattgestrichen wird. Das leuchtet irgendwie ein. Die Datenwege im Internet sind heute so wichtig wie Autostraßen, Schifffahrtswege und Flugrouten zusammen. Aber wie sie gebaut werden, wer sie überwacht und ob wir sie auch morgen noch nutzen können – wir wissen es nicht. Jene, die sich auskennen, verwenden eine Sprache, die nicht unsere ist. TCP/IP-Protokoll. DNS. HTTPS.

Klar ist uns nur eines: Auf die Errungenschaften der modernen Kommunikation möchten wir nicht mehr verzichten. Telefonieren ohne Kabel. Einkaufen mittels Internet. Mailen. Googlen. Was vor 25 Jahren noch nach Science Fiction klang, ist heute unser Alltag.

Aber wird das so bleiben?

Gegen den freien Informationszugang wurde schon immer gekämpft. Von jenen, die deshalb an der Macht bleiben, weil sie Informationen unterdrücken. Nichts hat stärker zur Egalisierung der Gesellschaft, zur Herrschaft ohne Eliten beigetragen als die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert durch Johannes Gutenberg.

Mit dem Internet erreicht die Informationsverbreitung die höchstmögliche Stufe. Information ist heute an jedem Ort und zu jeder Zeit verfügbar. Und die Informationsaufnahme des einen behindert nicht einen zweiten. Ein Buch kann nur einer lesen. Will es ein anderer, muss er entweder warten oder es muss ein zweites Exemplar gedruckt und geliefert werden. Digitale Daten lassen sich dagegen praktisch kostenfrei reproduzieren.

Gutenberg ist der „Mann des zweiten Jahrtausends“. Das Internet hat zum Ende des Jahrtausends seine Revolution revolutioniert. Und wie immer bei Erfindungen: Ob deren Verwendung der Menschheit mehr schaden oder nutzen wird, hängt ausschließlich von den Menschen selbst ab.

Das offene System Internet lädt zum Missbrauch ein. Allein 2009 hat es mehrere hundert Angriffe chinesischen Ursprungs auf Computersysteme von deutschen Unternehmen und Regierungsstellen gegeben. Die organisierte Kriminalität infiziert mit Trojanern Millionen von Computern. Wikileaks-Anhänger legen den Bezahldienst Paypal lahm. Der Computervirus Stuxnet greift iranische Atomanlagen an.

Die Staaten rüsten ebenfalls auf. Im vergangenen Jahr hat die Militärbehörde US Cyber Command ihren Dienst aufgenommen. Eingestellt werden keine Soldaten, sondern Hacker. Und die Bundesregierung will 2011 ein Cyber-Abwehrzentrum in Betrieb nehmen.

Wird dabei die Freiheit auf der Strecke bleiben? Nicht, wenn es die Mehrheit der Menschen nicht will, lautet die schlichte Antwort für Demokratien. Und wenn Diktaturen das Internet zerstören? Kaum durchsetzbar. Weil freiheitlich organisierte Gesellschaften produktiver sind. Sie erfinden zum Beispiel mehr. Und wer technisch überlegen ist, hat auch die überlegenen Abwehrmechanismen. Zumindest in der  Theorie. Und wenn die Theorie nur Theorie bleibt?

Dann gibt es immer noch die Hacker. Als beim Kongress in Berlin ein Teilnehmer die Webseite der Bundesregierung lahmlegen wollte, griffen die Organisatoren ein und verhinderten die Attacke. Das Strafmaß hielt sich allerdings in Grenzen: Der Übeltäter musste dem Organisationsteam zwei Kästen der koffeinhaltigen Brause „Club Mate“ spendieren.

4 Kommentare zu „Wir Dilettanten – Welche Zukunft hat das Internet?

  1. Hallo Pixelökonom, ein klasse Post zu einem brisanten Thema, dass mich persönlich auch schon länger intensiv beschäftigt. Es ist wirklich erschreckend wie wenig wir über all die Technik wissen, die wir tagtäglich (be)nutzen. Da bin ich keine Ausnahme. Oder wie ein schlauer Kopf einmal sagte: „Dürfte ich nur Dinge besitzen, die ich verstehe, müsste ich meine Wohnung leer räumen.“

    Die Frage ist nur, worauf es in einer komplexen Welt wie dieser dann wirklich ankommt und da habe ich eine klare Meinung: Auf gegenseitiges Vertrauen! Für mich ist Vertrauen daher die neue, wahre „Währung“ des digitalen Zeitalters…

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