Mobilfunkgeschäfte verlangweilen die Innenstädte und der Tarifwirrwarr raubt uns den letzten Nerv – eine Abrechnung

Fangen Sie besser gar nicht damit an. Sie werden ganz dumm im Kopf. Am Ende nehmen Sie nichts anderes mehr war. Da ist eines, und da, und da schon wieder eines, und hier, und dort.

Es kann zur Manie werden, diese ständige Bestätigung einer einmal gefundenen Erkenntnis. Dass nämlich unsere Innenstädte zugestellt sind mit Mobilfunkgeschäften. In jeder Fußgängerzone gibt es auf Sichtweite mindestens drei oder vier, nicht selten zwei vom gleichen Anbieter.

Wer anfängt, nach ihnen die Augen offenzuhalten, sollte nicht an Verfolgungswahn leiden. Sie sind ständig um einen herum, diese Geschäfte mit den immer gleichen Auslagen. Der einzige Unterschied: die Farbe der Deko. Magenta, knallrot, waldgrün und wasserblau. Als hätten sie sich abgesprochen, die Mobilfunkriesen, bei einem konspirativen Treffen, ach was, die mussten sich ja nicht treffen, telefoniert haben die, nein, besser, telkoniert. „Wir verkaufen die gleichen Geräte, zu den gleichen Konditionen. Und damit das keiner merkt, nimmt jeder von uns eine andere Farbe.“  Telko beendet.

Man weiß schon gar nicht mehr, was früher in den Innenstädten so alles verkauft wurde. Sind viele Produkte einfach ausgestorben? Produkte, für die es vor der Mobilfunkzeit die vielen Läden gebraucht hatte. Und die später leer standen, und in die dann die Mobilfunkbetreiber einzogen. Einfach, weil kein anderer rein wollte. Eine kapitalistische Hausbesetzung sozusagen.

Wie gesagt, am besten, Sie fangen erst gar nicht an, darüber nachzudenken. Es bringt nichts.

Auf der anderen Seite. Ärgern wird man sich ja wohl noch dürfen. Über diese Geschäfte, die nicht nur alle gleich aussehen, sondern auch weitgehend überflüssig sind. Einkaufsmärkte braucht es, weil der Kühlschrank ständig befüllt werden will, H&M und Co. ebenfalls, weil auch der Kleiderschrank Nachschub verlangt. Aber Mobilfunkgeschäfte?

Wie oft betreten wir einen solchen Laden? Einmal im Jahr vielleicht. Wenn das Telefon auf den harten Küchenboden geknallt ist. Oder der Vertrag ausläuft und ein neues Device(!) ausgesucht werden darf. Zugegeben, das ist schön. Aber dafür müssen uns diese Geschäfte doch nicht jene Straßenzüge vermaledeien, auf denen wir regelmäßig am Wochenende shoppen wollen.

Meist ist in diesen Läden nicht viel los. Man müsste erwarten, dass sie dicht machen, eines nach dem anderen. Das Gegenteil ist der Fall: Es werden immer mehr. Die horrenden Innenstadtmieten lassen sich finanzieren, weil die Mobilfunkbetreiber in einem Schlaraffenland leben, einem Unternehmer-Schlaraffenland. Ihnen fliegen die gebratene Tauben in den Mund. Monat für Monat, millionenfach.

Ihr Geschäftsmodell ist genial. Nur ein einziges Mal muss der Kunde überzeugt werden. Nur einmal muss er seinen Fuß in einen dieser Läden und seine Unterschrift auf ein Stück Papier setzen. Er macht das gern, der Kunde. Weil kein einziger Euro bezahlt werden muss und er dennoch das Geschäft mit einem niegelnagelneuen Smartphone verlässt. Und kein  Alarm schrillt am Ausgang. Er freut sich – und das Unternehmen freut sich noch mehr, weil in Zukunft noch mehr gebratene Tauben umherschwirren.

Mobilfunkverträge sind in der Regel Dauerverträge. Das ist praktisch, für den Mobilfunkbetreiber genauso wie für den Handynutzer. Deswegen ist in Handygeschäften so wenig los. Weil die Kunden nicht alle vier Wochen vorbeischauen müssen, um sich etwas Neues zu kaufen. Das Neue, das Recht auch in Zukunft telefonieren zu dürfen, wird still und lautlos abgerechnet und abgebucht. Monat für Monat. Und wenn der Kunde sich nicht rührt, verlängert sich der Vertrag nach zwei Jahren um zwei weitere Jahre. Wie einfach.

Ein bisschen sind Mobilfunkbetreiber wie Sekten, einmal in ihren Klauen, gibt es kaum ein Entrinnen. Zumindest nicht für die faulen Menschen unter uns.

Man könnte jetzt sagen: Genug der Nörgelei! Die Mobilfunkbranche ist Vorbild! Nirgendwo hat die Liberalisierung besser geklappt. Schließlich war Telefonie früher ein Staatsmonopol.

Dann wurde aus der Deutschen Post die Deutsche Telekom. Die blieb nicht allein. Mannesmann machte ihr Konkurrenz (und wurde später von dem britischen Ex-Monopolisten Vodafone aufgekauft), E-Plus mischte von Beginn an mit (und gehört heute dem holländischen Ex-Monopolisten KPN) und auch O2, das früher Viag Interkom hieß, stieg früh ein (und folgt mittlerweile den Ansagen des spanischen Ex-Monopolisten Telefónica).

Statt eines Anbieters (Deutsche Post) gibt es jetzt vier. Sie kämpfen um die Gunst der digital Kommunizierenden. Und haben dabei ganze Arbeit geleistet: Auf 100 Deutsche kommen 132 Mobilfunkverträge.

Auch deshalb, weil telefonieren immer billiger geworden ist. Und weil es schon lange nicht mehr nur ums Telefonieren geht. Bibliotheken, Spielhallen, Briefkästen und Konzertsäle finden mittlerweile auf wenigen Kubikzentimetern Platz.

Wo es monopolistische Restzuckungen gab, wurde scharf kontrolliert:

  1. Seit 2002 haben Handynutzer das Recht, Mobilfunknummern beim Anbieterwechsel zu behalten.
  2. Die Europäische Union legt mittlerweile die Preise fest, die ein Handykunde zu zahlen hat, der mit seinem inländischen Mobilfunkgerät im Ausland angerufen wird oder von dort aus telefoniert.
  3. Und die Bundesnetzagentur bestimmt jene Entgelte, die ein Netzbetreiber einem anderen Netzbetreiber für die „Zustellung“ eines Gesprächs in Rechnung stellen darf.

Alles bestens, also?

„Der Mobilfunkmarkt in Deutschland ist durch kollektive Marktbeherrschung und somit durch einen mangelnden Wettbewerb auf der Endkundenstufe gekennzeichnet“, hat E-Plus in einer Beschwerdeschrift an die Europäische Kommission behauptet.

Es geht um Punkt drei der monopolistischen Restzuckungen.

Die Bundesnetzagentur hat das so genannte Terminierungsentgelt für die Weiterleitung eines Gesprächs in ein anderes Netz auf 0,5 Cent pro Minute festgelegt. Wenn also ein Telekom-Kunde einen O2-Kunden für zwei Minuten anruft, muss die Telekom an O2 1 Cent zahlen.

Die Tarifunterschiede für den Handynutzer sind aber meist viel größer. Gespräche innerhalb des eigenen Netzes sind deutlich günstiger – oft sogar kostenfrei – als in fremde Netze.

In der Fachsprache heißt dies On-net/Off-net-Preisdifferenzierung. On-net sind die Gespräche innerhalb des Netzes eines Mobilfunkanbieters, bei Off-net-Gesprächen werden die Netzgrenzen überschritten.

Der Vorwurf von E-Plus lautet nun, dass die beiden größten Mobilfunkanbieter, nämlich die Deutsche Telekom und Vodafone, ihre Tarife für netzinterne Gespräche besonders günstig und jene in andere Netze besonders teuer gestalten.

Eine solche Preisstrategie kann für so genannte First-Mover-Unternehmen von Vorteil sein, also für jene, die als erste in einem Markt sind. Wenn der Vater ein Handy mit Telekom-Vertrag hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch die Mutter bei der Telekom Kunde wird, und die Kinder ebenfalls. Weil dann die Telefongespräche zwischen den Familienmitgliedern am wenigsten kosten.

Eine solche Preisstrategie stärkt folglich jene Mobilfunkunternehmen, die schon groß sind, und machen es neuen, kleinen Anbietern schwer.

E-Plus hatte deshalb die Europäische Kommission aufgefordert, die Deutsche Telekom und Vodafone mit Bußgeldern zu belegen und zugleich dafür Sorge zu tragen, dass die Preisdifferenzierungen umgehend abgestellt werden.

Als Folge der Beschwerde ermittelte das Bundeskartellamt, stellte das Verfahren aber Ende 2009 ein, unter anderem mit der Begründung, dass Tarifmodelle mit günstigeren On-net-Tarifen inzwischen an Bedeutung verloren hätten.

Es herrscht also weitgehend Wettbewerb, sagt die Behörde. Probleme gibt es aber an anderer Stelle. Denn eine Voraussetzung von Wettbewerb ist die freie Wahl. Doch die Mobilfunkanbieter torpedieren die Freiheit mit Unübersichtlichkeit. Wer behauptet, er habe den für seine Bedürfnisse besten Tarif gefunden, hat entweder sein Leben dem Tarifstudium gewidmet oder er ignoriert schlicht die Vielfalt.

„Die generelle Verfügbarkeit der Informationen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass private Verbraucher oftmals nicht in der Lage sind, diese Informationen korrekt zu verarbeiten“, schreiben Ökonomen des Instituts für Wettbewerbsökonomie an der Heinrich‐Heine‐Universität Düsseldorf in einer gerade veröffentlichten Untersuchung über den deutschen Mobilfunkmarkt.

Neue Forschungsarbeiten belegten, so die Forscher weiter, dass Konsumenten die Fülle der Tarifinformationen aufgrund der Masse der Daten häufig nicht mehr rational erfassen und verarbeiten könnten.

Mittels zahlloser Tarife Vielfalt und damit Wettbewerb zu suggerieren, um dadurch gleichzeitig selbigen auszuschalten – auf eine solch raffinierte Strategie muss erst mal einer kommen.

Dennoch: Die Ökonomen aus Düsseldorf sind mit dem Wettbewerb auf dem deutschen Mobilfunkmarkt ganz zufrieden. Sie glauben nicht, dass die Deutsche Telekom und Vodafone, die zusammen 71 Prozent des Marktes beherrschen, ihre Vormachtstellung werden ausbauen können. Im Gegenteil, die Kleinen holen auf.

Der Nachteil daran: Die Zahl der Handygeschäfte wird nicht abnehmen. Besser, wir gewöhnen uns an sie. Noch besser, wir ignorieren sie. Wem das nicht gelingt, dem bleibt nur, sich an der Vielfalt in der Einfalt zu erfreuen. Immerhin wird es die Deko auch weiterhin mindestens in vier verschiedenen Farben geben.

Copyright: Südkurier Medienhaus GmbH

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