Warum riskieren Soldaten ihr Leben? Weil sie sonst ihr Leben riskieren! – Über die Ökonomie des Krieges

Alle Menschen sind ähnlich, jeder Mensch ist anders. Wünsche, Hoffnungen und Sehnsüchte unterscheiden sich, in einem aber sind wir alle gleich: Wir wollen am Leben bleiben. Keine Motivation ist stärker, als die zu überleben. Das gilt auch und gerade für Soldaten.

Seit es Kriege gibt, haben sich deshalb ihre Organisatoren darüber Gedanken machen müssen, wie es gelingt, dass ihre Soldaten kämpfen, statt zu fliehen. Wie bringt man jemanden dazu, sein Leben zu riskieren, anstatt Reißaus zu nehmen und sich in Sicherheit zu bringen?

Tapferkeitsorden wurden erfunden und Ideologien entwickelt, auf dass der Einzelne sich opfere, für die gute Sache, für sein Volk. Doch die meisten Menschen sind nicht dumm. Schon gar nicht, wenn es ums eigene Leben geht. Verlässlich hilft deshalb nur der Zwang. Wer nicht kämpft, wird bestraft. Nicht selten steht auf Fahnenflucht die Todesstrafe.

Wie stark der Drang zu fliehen ist, zeigt die Kriegstaktik vergangener Jahrhunderte. Gekämpft wurde in der Regel in großen Formationen, auf weitläufigem, übersichtlichem Gelände. Außerdem wurden die Soldaten in auffällige Uniformen gesteckt. Wer floh, fiel auf. Wenn nicht sofort, dann nach der Schlacht.

Es ist paradox: Diese Kriegstaktik diente dem Schutz der eigenen Soldaten. Sie wurden so vor ihrem Untergang bewahrt. Denn wenn im Krieg jeder Armeesoldat seinem eigenen Interesse folgt, nämlich dem Interesse zu überleben, wird am Ende die ganze Armee sterben.

Beispiel: Sie sind Soldat in einem früheren Jahrhundert. Sie stehen in einer Schlacht in der ersten Reihe, mit einem Speer in der Hand. Sie werden angegriffen von reitenden Soldaten, die ebenfalls Speere haben und Schwerter. Ihre Lage ist also misslich. Sie können tapfer stehen bleiben und kämpfen, Sie können aber auch fliehen. Was tun?

Vielleicht werden sie überlegen, wie ihre Kameraden handeln werden. Bleiben alle stehen und kämpfen, dann ist es für Sie von Vorteil zu fliehen. Selbst wenn ihre Kameraden dem Ansturm auf Dauer nicht standhalten, haben Sie immerhin bei der Flucht einen Vorsprung. Wenn aber ihre Kameraden ebenfalls fliehen, dann würden Sie ganz alleine gegen die Reiterarmee stehen. Sie würden mit absoluter Sicherheit sterben.

Aus dieser Überlegung entsteht das Paradox: Egal wie sich ihre Kameraden verhalten, es ist für Sie immer rational zu fliehen. Geht man davon aus, dass sich alle Soldaten rational verhalten, werden alle fliehen. Die Folge: Die reitenden Soldaten werden die fliehenden überrennen und töten. Es wäre also besser, alle würden stehen bleiben und kämpfen. Die Wahrscheinlichkeit zu überleben wäre höher.

Es klingt nicht schön, aber es ist so: Die Todesstrafe auf Fahnenflucht kann dem Selbstschutz dienen. Sie verhindert, dass die rational richtige Entscheidung jedes Einzelnen dazu führt, dass jeder Einzelne am Ende schlechter dasteht.

Das beschriebene Problem existiert nicht nur im Krieg. Es begegnet uns auch im Alltag. Zum Beispiel beim Autofahren. Auf Kreuzungen im Feierabendverkehr. Die Ampel springt von grün auf gelb, auf der Kreuzung stehen bereits Autos, dennoch fährt man weiter. Wenn dann der Querverkehr Grünlicht bekommt, kann der nicht weiterfahren, da die Straße blockiert ist. Verhalten sich viele so (und es verhalten sich viele so!) kommen alle später nach Hause.

Es wäre besser, keiner würde auf Kreuzungen einfahren, auf denen sich der Verkehr staut. Aber niemand kann für alle entscheiden, jeder nur für sich selbst. Und die schnellste Möglichkeit nach Hause zu kommen, ist eben, auch noch bei Gelblicht auf die Kreuzung zu fahren, selbst wenn man auf ihr stehen bleiben wird.

Um solch individuell rationales, aber kollektiv schädliches Verhalten zu unterbinden, hat die Gesellschaft vielfältige Wege gesucht und gefunden. Moral und Anstand zum Beispiel (es wird an die Rücksicht der Verkehrsteilnehmer appelliert), aber auch Zwang und Strafe (Verbot des Einfahrens auf Kreuzungen bei stockendem Verkehr, StVO §11, Absatz1).

Auch die heutigen Kriegsorganisatoren müssen trotz technischen Fortschritts weiter das Paradoxon beachten. Statt Speeren wird mit Gewehren gekämpft, das Problem ist geblieben. Wer den Feind sieht, wer anlegt, wer zielt, der begibt sich selbst in Gefahr. Er kann gesehen werden. Wenn nicht von dem, auf den er zielt, dann von dessen Kameraden. Vielleicht also wird auf ihn geschossen, bevor er selbst schießt. Soldaten, deren höchstes Ziel das Überleben ist, werden sich lieber in ein Erdloch vergraben und dabei vielleicht ein paar mal in die Luft feuern. Die Statistik sagt: Vierfünftel aller Soldaten benutzen nie ihre Waffen, und wer sie nutzt, zielt oft schlecht. Nur eine von 100.000 Kugeln tötet einen Feind.

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Dieser Text erscheint auch im Südkurier und basiert auf dem Aufsatz „The Economics of War“ des Ökonomen und Rechtswissenschaftlers David Friedman.

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