Die Ökonomie des Übergewichts: Warum wir so leicht zu, aber nur schwer abnehmen

Der Mensch ist faul – und das ist auch gut so. Wäre er es nicht, es würde ihn nicht mehr geben. Denn nur wer faul ist, trennt das Notwendige von dem weniger Notwendigen, erledigt lediglich, was ihm wichtig ist. Arbeit, die nicht zwingend gemacht werden muss, bleibt liegen. Das spart Energie, und die war im überwiegenden Teil der Menschheitsgeschichte extrem rar, denn sie musste mühsam beschafft werden. Das Mittagessen lag nicht mikrowellenfertig im Kühlschrank, sondern war schreckhaft und schnell, oder es hing in Kleinstportionen in der Nähe der Baumwipfel. Wer mit seiner Energie verschwenderisch umging, hatte keine Chance. Nur die Faulen überlebten.

Zwei Millionen Jahre lang hat der Mensch als Jäger und Sammler gelebt. Noch heute ist unser ganzes Wesen von dieser Zeit geprägt. Wir setzen uns in Cafés mit dem Rücken zur Wand, damit uns kein Raubtier von hinten anfällt, wir haben, je älter wir werden, einen zunehmend leichten Schlaf, damit wir den Feind kommen hören – und wir gieren nach Fett und Zucker.

Denn Fett hat mehr als doppelt so viel Energie wie Proteine und Kohlenhydrate. Und Zucker wird von unserem Stoffwechsel zügig in Energie umgewandelt.

Viel Energie, die schnell verfügbar ist – das benötigt der Mensch. Denn wir sind gnadenlose Energieschleudern. Wenn auch sehr intelligente Energieschleudern. Das Gehirn hat den Menschen zur Weltherrschaft geführt. Das Gehirn ist unser Wettbewerbsvorteil im Kampf der Kreaturen. Wir sind schlauer als jedes Tier. Doch die Schlauheit hat ihren Preis. Kein Organ verbraucht mehr Energie als das Gehirn. 20 bis 30 Prozent unseres Gesamtenergiebedarfs beansprucht es.

Daher die Gier nach Fett und Zucker. Sie trieb den Jäger und Sammler an, sich um solch reichhaltige, aber rare Energiespender wie süße Früchte und fettiges Fleisch zu bemühen. Aufwand und Ertrag standen in einem für den Menschen gesunden Verhältnis. Wir waren faul, aber wenn es viel zu holen gab, dann legten wir uns ins Zeug.

Faulheit und Schlauheit haben nicht nur unser Überleben gesichert, sie brachten uns auch den Wohlstand. Warum mühsam den Ackerboden mit der Hand auflockern, wenn es mit der Harke einfacher ist? Wieso stetig auf die Jagd gehen, wenn man Fleisch mit Rauch haltbar machen kann? Wir leben mittlerweile im Schlaraffenland, weil Millionen Menschen Millionen Verbesserungen erfanden.

Deswegen fahren wir heute mit dem Auto zum Drive-In-Schalter und bestellen BigMac mit Pommes und Cola. Oder wir schlurfen ein paar Meter in die Küche um mit Bier und Chips zum Sofa zurückzukehren. 5900 Unternehmen mit zusammen einer halben Million Beschäftigten stellen alleine in Deutschland Tag für Tag Lebensmittel her. Milliarden werden damit verdient, unser Bedürfnis nach Zucker und Fett zu befriedigen – und Milliarden zahlen wir dafür.

Die Krankenkassen beziffern die Kosten, welche durch ernährungsbedingte Folgen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland jährlich verursacht werden auf 70 Milliarden Euro. Zwei von drei Männern und jede zweite Frau sind übergewichtig. Auch die Zahl der übergewichtigen Kinder ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten um 50 Prozent gestiegen.

Gibt es eine Chance, den Trend umzukehren? Wie kann Übergewicht erfolgreich bekämpft werden?

Nur schwer. Die Evolution brachte uns die Zucker- und Fettlust, unsere Schlauheit legt uns Energiebomben jederzeit griffbereit ins Kühlregal, und unsere Faulheit verhindert, dass wir mit Bewegung überschüssige Energie abbauen. Wer Übergewicht reduzieren will, der muss gegen seine eigene Natur kämpfen.

Wir haben dennoch eine Chance. Wir können versuchen, die Natur mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, nämlich mit unseren prächtig entwickelten Gehirnen, unserer Intelligenz also. Denn immerhin besitzen wir das Wissen über die Folgen des heutigen Lebenswandels. Uns ist bekannt, dass uns unsere träge Lebensweise krank macht, dass, wer nur Fast-Food isst, Dauerpatient wird.

Wir wissen das, aber wir verdrängen es gerne. Wir können deshalb dafür sorgen, dass uns dieses Wissen stetig in den Sinn kommt. Zum Beispiel mit gesetzlich verpflichtenden Schriftzügen auf Zigarettenschachteln, wie „Rauchen verursacht Krebs“. Es wird einem damit erschwert, die Zukunft zu ignorieren.

Oder mit der so genannten Ampelkennzeichnung auf Lebensmitteln. Verbraucherschützer, Ärzte und Krankenkassen fordern ein solches farbliches Kennzeichnungssystem, das Lebensmittelinhalte wie Zucker, Salz und Fett mit den Farben rot (hoch), gelb (mittel) und grün (niedrig) angibt.

Freilich, solche Maßnahmen wirken wie Don Quijotes Kampf gegen Windmühlen. Es ist ein ungleicher Kampf. Der Verstand soll unseren Bauch besiegen. Aber eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Unsere Schlauheit hat uns so viel Wohlstand gebracht, dass wir uns unsere Faulheit nicht mehr leisten können.

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Dieser Text erscheint auch im Südkurier.

4 Gedanken zu “Die Ökonomie des Übergewichts: Warum wir so leicht zu, aber nur schwer abnehmen

  1. Lieber Herr Eber,

    mit Vergnügen verfolge ich Ihre neuesten Beiträge zur Evolutionsbiologie, die Sie humorvoll und kurzweilig verfassen. Ausserdem freue ich mich, dass sie menschliches Verhalten in der Wirtschaft nicht nur biologisch begründen, sondern auch so darstellen, dass auch Leser ohne Studium der Biologie etwas davon haben. Weiter so!

    Herzliche Grüße!

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  2. Danke für die Blumen. :-)
    Die Tatsache, dass die Beiträge nicht allzu „biologisch“ sind, liegt wohl vor allem daran, dass ich selbst nicht Biologie oder eine andere Naturwissenschaft studiert habe, sondern Ökonomie.

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