Heiraten wir aus Liebe?

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engaged: Donausteg in Ingolstadt // photo by pixeloekonom

Ökonomen fallen auf Hochzeiten manchmal unangenehm auf. Wenn sie ihre Gedanken nicht für sich behalten können. Die gute Stimmung auf der Feier kann dann schnell in den Keller rauschen.

Denn manche Ökonomen neigen dazu, in allem einen Markt zu sehen. Nicht nur Börsen oder der Austausch von Waren finden ihr Interesse, sondern das menschliche Zusammenleben im Allgemeinen.

Das Liebesleben ist eine besondere Herausforderung für diese Ökonomen. Weil dort auf den ersten Blick kein Markt zu sehen ist, keine rational handelnde Akteure. Weil bei der Liebe doch vermeintlich die Emotionen überwiegen, die Liebe den Verstand ausschaltet.

Aber diese Ökonomen lassen gerne die Luft aus schmachtenden Worten und geseufzten Versprechen. Sie sehen im Menschen den abwägenden Rationalisten, der jede Entscheidung zu seinem Vorteil trifft. Der aber dabei auch Verluste in Kauf nehmen muss, weil wer das eine tut, oft das andere lassen muss.

Opportunitätskosten nennen Ökonomen dies, wenn einem was entgeht, weil man sich für etwas anderes entschieden hat.

Sie, der Sie gerade hier lesen, könnten stattdessen die welken Blumen im Wohnzimmer gießen, mit der Büroarbeit beginnen oder aus dem Zugfenster schauen und die vorbeirauschende Landschaft beobachten. Sie haben sich aber dafür entschieden, diesen Text zu lesen. Das erhöht ihre Opportunitätskosten, mit jeder Textzeile.

Freilich, man muss so nicht denken. Ökonomen denken so. Treffen sich zwei Volkswirte auf der Straße. Fragt der eine: „Wie geht es deiner Frau?“ Antwortet der andere: „Im Verhältnis zu wem?“ Das soll ein Witz sein. Aber eigentlich ist es keiner.

Solche Ökonomen jedenfalls sehen auf Hochzeiten nicht ein selig zum Altar schreitendes Brautpaar, sondern zwei zufriedene Menschen, die genug davon haben, nach einem/einer Besseren Ausschau zu halten. Sie hören kaum zu, wenn die Findungsgeschichte der beiden Liebenden erzählt wird, welche vermeintlichen Zufälle geschehen mussten, damit das Paar letztlich zusammen kam, ja zusammenkommen musste, weil sie ganz offensichtlich füreinander bestimmt sind.

Für diese Ökonomen ist die Seelenverwandtschaftsgeschichte schlicht Selbstbetrug, der verschleiert, dass auch vor dieser Hochzeitsfeier die Brautleute die Vor- und Nachteile einer Eheschließung genauestens abgewogen haben, und zwar jeder für sich, ganz im Stillen. Und vielleicht hat gar nicht viel gefehlt und der Konditor hätte eine Hochzeitstorte weniger verkauft.

Wie gesagt, diese Ökonomen hören bei der Liebesfindungsgeschichte kaum zu. Sie wundern sich derweil vielmehr, wie es möglich ist, dass gerade jener Tag zum Freudenfest ausgerufen wird, an dem zwei Menschen einen Vertrag unterschreiben, der die Dinge für den Fall regelt, dass sie sich einmal nicht mehr lieben werden, dass sie sich vielleicht sogar hassen, zumindest keine Lust mehr auf ein weiteres Zusammenleben haben – vielleicht weil einem der beiden doch noch jemand Besseres über den Weg gelaufen ist.

Die ökonomische Betrachtung des Liebeslebens beginnt nicht erst bei der Hochzeit. Die Partnersuche ist ein weites Forschungsfeld. So haben zum Beispiel drei Wissenschaftler die Lebensläufe von 21.840 Dänen untersucht und festgestellt, dass der Beziehungsstatus den Lebensraum vorgibt: Dänische Singles zieht es in Städte wie Aarhus oder Kopenhagen, wer verheiratet ist, geht zurück aufs Land. Der Mensch ist eben auch bei der Partnersuche ganz Ökonom: In der Stadt sind die „Suchkosten“ wegen des großen Angebots möglicher Partner erheblich geringer.

Die Stadt als perfekter Heiratsmarkt. Und wie lange suchen wir? Wann und warum entscheiden wir, nun bei einem Partner zu bleiben, vielleicht mit ihm Kinder zu bekommen, mit ihm alt zu werden. „Na, bis der/die Richtige gekommen ist“, sagen die Seelenverwandtschaftsanhänger. „Bis die Kosten der weiteren Suche den möglichen Zugewinn durch einen noch besseren Partner aufwiegen“, ökonomisiert der Ökonom. Aber woher soll man wissen, was an „möglichen Zugewinnen“ noch kommen wird? Mit der 37-Prozent-Regel der Wahrscheinlichkeitsrechnung! Wer die ersten 37 Prozent der zur Verfügung stehenden Partner testet und danach den ersten nimmt, der besser ist als die zuvor getesteten, erwischt mit hoher Wahrscheinlichkeit den besten oder zweitbesten.

Aber man kennt doch nie alle möglichen Partner? Also weiß man auch nicht, wie viele man testen soll. Das stimmt. Hier hilft die Empirie. Sie rät: Testen sie zwölf potenzielle Partner! Und danach wird geheiratet? Genau! Warum gleich noch mal?

Ach ja, wegen der Liebe. Oder wegen des Vertrags. Vielleicht sind Ökonomen auf Hochzeiten auch deswegen nicht so gern gesehen, weil sie dort tendenziell missmutig sind. Denn ökonomisch gesehen ist die Ehe eine Katastrophe. Zumindest auf den ersten Blick. Denn die Ehe schließt jeden Wettbewerb aus. Man käme nie auf die Idee, in einem Geschäft einen Vertrag zu unterschreiben, der verpflichtet, den Rest des Lebens nur noch dort einzukaufen. Beim Ehevertrag macht man dies. Dass auch andere Mütter schöne Töchter und Söhne haben, soll in Zukunft ignoriert werden. Man marschiert freiwillig ins Monopol der Ehe hinein. Warum? Weil auch Eheleute Ökonomen sind! Eine solche freiwillige Selbstbeschränkung hat nämlich zwei Vorteile:

  1. Das Versprechen sich nicht zu trennen, fördert den Aufbau partnerspezifischer Investitionen. Man gibt sich Mühe, den anderen kennen zu lernen, richtet vielleicht eine gemeinsame Wohnung ein, bekommt ein Kind. Die durch einen Ehevertrag geschaffene höhere Sicherheit des Zusammenbleibens, macht solche Investitionen lohnenswerter. Im Arbeitsleben, wo solche Bindungsverträge verboten sind, entsteht das „hold up“-Problem: Bildungsinvestitionen bleiben aus, wenn der Arbeitgeber fürchten muss, dass sich seine Angestellten mit dem neu erworbenen Wissen aus dem Staub machen und bei der Konkurrenz anheuern.
  2. Der Vertrag trennt die „guten“ von den „schlechten“ Partnern. Die Ehe selektiert. Wer es nicht ernst meint, wer sich nicht langfristig binden will, wird nicht heiraten, zumindest dann nicht, wenn ihm eine Trennung teuer zu stehen kommt. Eine Heirat ist also der ultimative Test, ob die Liebesschwüre heiße Luft sind oder der Partner wirklich bereit ist, den Worten Taten folgen zu lassen. Man könnte auch sagen: Wer heiratet, der traut dem Partner nicht, der will auf Nummer sicher gehen. Aber so was sagen nur Ökonomen.

Was Ökonomen übrigens auch sagen: Heiraten Sie! Unbedingt! Denn auch das haben Ökonomen herausgefunden: Wer heiratet, wird im Vergleich zu Singles glücklicher, reicher und bleibt gesünder.

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7 Kommentare zu „Heiraten wir aus Liebe?

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