Braucht es eine staatliche Impfpflicht?

Die Katastrophe ist ausgeblieben, die Schweinegrippe-Welle abgeebbt: Waren Mitte November 2009 noch innerhalb einer Woche 47.000 Neuerkrankungen gemeldet worden, hat sich die Zahl, laut Robert-Koch-Institut, in der zweiten Dezember-Woche auf weniger als 7000 reduziert.

Obwohl täglich in den Medien, hatte sich gegen die Schweinegrippe nur eine Minderheit impfen lassen, nach Schätzung des Paul-Ehrlich-Instituts nur fünf bis sieben Millionen.

Auch bei anderen Krankheiten beklagen Mediziner eine nachlassende Impfbereitschaft. So haben nach Angaben der Ständigen Impfkommission (Stiko) nur noch drei von zehn Deutschen eine ausreichende Immunisierung gegen Kinderlähmung (Polio-Impfung), eine Krankheit, die seit 2002 in Europa als ausgerottet gilt, die aber wegen der Impfmüdigkeit ein schauriges Comeback erleben könnte.

Impfungen laufen Gefahr, Opfer ihres eigenen Erfolges zu werden. Da Erkrankungen ausbleiben, glauben immer weniger Menschen an die Notwendigkeit des Impfens. In den Mittelpunkt rücken stattdessen die Folgen des Impfens selbst. Die Zahl der Impfskeptiker in Deutschland wird auf acht Millionen geschätzt. Sie machen die Impfungen beispielsweise für die Zunahme allergischer Erkrankungen verantwortlich.

Andere sehen in den Impfgegnern schlicht Trittbrettfahrer. Tatsächlich profitieren Nicht-Geimpfte von Geimpften. Ökonomisch betrachtet entstehen bei einer Impfung nämlich so genannte positive externe Effekte. Darunter versteht man die positive Auswirkung einer Entscheidung auf vermeintlich Unbeteiligte.

Ein klassisches Beispiel für einen positiven externen Effekt: Die Bienen des Bienenzüchters im Garten von A bestäuben auch den Apfelbaum im Garten von B, der dadurch einer reichen Apfelernte entgegensehen kann. B profitiert, obwohl A dies gar nicht in seine Überlegung einbezogen hat.

Eventuell könnte aber die Apfelernte noch üppiger ausfallen, dann nämlich, wenn A mehr Bienen hätte. Doch eine Erweiterung der Bienenzucht bleibt so lange aus, wie B und A nicht ins Geschäft kommen und B an A Geld im Tausch für mehr Bienen zahlt.

Bei positiven externen Effekten kann es zu so genanntem Marktversagen kommen, und zwar in der Form, dass der Output zu niedrig ist. So verhält es sich auch bei der Impfung, weil eben die Impfung des Einen, auch dem Nicht-Geimpften hilft, und zwar in der Form, dass seine Wahrscheinlichkeit zu erkranken, ebenfalls abnimmt, da der Geimpfte ihn nicht anstecken kann. Die positiven externen Effekte verringern also den Anreiz, sich selbst impfen zu lassen. Im Ergebnis fällt die Impfquote zu niedrig aus.

Um ein solches Trittbrettfahrer-Verhalten zu verhindern, fordern Ärzte die Einführung der Impfpflicht, wie sie beispielsweise in der Bundesrepublik bis 1982 für die Pocken-Impfung galt. (Eingeführt wurde die Pflichtimpfung gegen Pocken übrigens am 8. April 1874.) So fordert der Deutsche Ärztetag etwa eine Pflichtimpfung gegen Masern.

Eine solche Pflichtimpfung ist aktuell nur bei der Gefahr einer Epidemie möglich. In §20 des im Jahr 2000 in Kraft getretenen deutschen Infektionsschutzgesetzes heißt es:

„Das Bundesministerium für Gesundheit wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates anzuordnen, dass bedrohte Teile der Bevölkerung an Schutzimpfungen oder anderen Maßnahmen der spezifischen Prophylaxe teilzunehmen haben, wenn eine übertragbare Krankheit mit klinisch schweren Verlaufsformen auftritt und mit ihrer epidemischen Verbreitung zu rechnen ist.“

Das bedeutet aber umgekehrt: Nur im Falle einer Epidemie darf die Entscheidungsfreiheit jedes Einzelnen beschnitten werden. Das Selbstbestimmungsrecht wird mittlerweile höher bewertet als der Gesundheitsschutz der Gesellschaft. Was bleibt, ist ein Dilemma: Das Gut „Gesundheit“ geht auf Kosten des Gutes „Freiheit“.

Doch das Dilemma könnte (mindestens weitgehend) gelöst werden. Die Ökonomik weist einen Ausweg. Analog zum Bienenzüchter-Beispiel könnte der Staat das Marktversagen korrigieren, indem er durch finanzielle oder andere Anreize die Impfbereitschaft fördert. Die Folge: Die Impfquoten würden steigen, gleichzeitig aber würde die Entscheidungsfreiheit der Impfgegner respektiert – sie hätten lediglich weniger Geld in der Tasche.

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