Matrosen im Kapuzenpulli – Hacker und Computernerds sind spätestens in diesem Jahr in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Im Keller des Berliner Congress Centers am Alexanderplatz sieht noch alles nach alter Welt aus. Hier unten haben sich die Hacker eingerichtet. Fotografieren und Filmen ist nicht erwünscht. Die Deckenlampen sind abgedunkelt, Licht spenden vor allem die Displays der Computer. An den Tischgruppen sitzen fast nur Jungs. Bevorzugtes Oberteil: der Kapuzenpulli, in schwarz. Getrunken wird, was wachhält, Coca-Cola, noch häufiger Club Mate. Bei manchen hat das Koffein seine Wirkung verspielt. Die Tastatur dient ihnen als Kopfkissen.

Während auf dem 26. Chaos Communication Congress die Hacker im Keller versuchen an Informationen zu gelangen, an die sie eigentlich nicht gelangen sollen, wird ein Stockwerk darüber Information zum Kauf angeboten, analoge Information. „Bilder der Überwachung“, „Ausgespäht und abgespeichert“ und „Die Überwachungsmafia“ lauten Buchtitel, die im Erdgeschoss zu erwerben sind. Wer unter Verfolgungswahn leidet, wird sich hier verstanden fühlen.

Daneben zeigen sich die Folgen eines gewandelten Selbstverständnisses: ein Merchandising-Stand. Buttons, Sticker, T-Shirts und Pullis kann man dort kaufen. „Stasi 2.0“ steht zum Beispiel auf den Oberteilen, dazu ein Bild des ehemaligen Innenministers Wolfgang Schäuble. Wer hier einkauft, der will sich zeigen, will seine Überzeugungen mitteilen.

„2009 war das Jahr der Politisierung des Digitalen“, ruft ein Stockwerk darüber Frank Rieger in den überfüllten Saal 1 des Congress Centers. Das langjährige Mitglied im Chaos Computer Club Deutschland hält die diesjährige Eröffnungsrede. „Wir sind raus auf die Straße gegangen und haben gesehen, dass wir nicht alleine, dass da noch zehntausende Andere sind.“ Am 12. September zum Beispiel: Unter dem Motto „Freiheit statt Angst“ demonstrieren in Berlin 25.000 gegen Überwachung und für mehr Datenschutz.

Es war vor allem das Internetsperren-Gesetz der schwarz-roten Bundesregierung, was die Computerszene auf die Straße brachte. Die Wut richtete sich gegen „Zensursula“, die Familienministerin. Im Januar hatte Ursula von der Leyen verkündet, dass sie in Zusammenarbeit mit dem Bundeskriminalamt und Internetprovidern kinderpornografische Inhalte sperren lassen will. Bürgerrechtler und Computernerds begehrten auf. Es sei der Beginn der Zensur im Internet, befürchteten sie.

Aus dem Kampf gegen das Internetsperren-Gesetz entstand eine neue Bewegung. Sie kämpft für Freiheit. Sie wehrt sich gegen Beschränkung, Bevormundung, Einengung. So war es bei den 68ern, so ist es heute. Eigentlich war ihnen Politik egal gewesen. Politik, das waren die anderen, die Großen, die gerne Anzüge tragen. Doch dann hat die Politik sich in ihr Leben eingemischt. Sie fühlten sich drangsaliert. „Wir mussten was tun, weil die Realität zu uns gekommen war“, beschreibt es Rieger. Da sind sie raus aus dem Keller. Ans Licht. Haben Flagge gezeigt. Und da sie bestens vernetzt sind, stellten sich in kürzester Zeit erste Erfolge ein. Die Piratenpartei kam bei der vergangenen Bundestagswahl aus dem Stand auf 2,0 Prozent.

Und wie geht es weiter? Ursula von der Leyen ist mittlerweile Arbeitsministerin und das Internetsperrengesetz auf Eis gelegt. „Here be Dragons“ (Achtung, Drachen!) lautet das Motto des diesjährigen Kongresses, der noch bis Mittwoch dauert. „Here be Dragons“ ist ein Vermerk, der sich auf alten Landkarten findet und dort unerforschte Gebiete markiert. „Die digitale Welt ist eine Reise ins Unbekannte“, sagt Frank Rieger. Der Vorteil der Computerexperten sei, dass sie meist der großen Flotte, also der Masse, voraus segelten. „Wir sehen früher als andere das Unheil kommen.“ Aufgabe sei es deshalb, stärker als bisher, Warnungen auch nach außen zu tragen. Zwei Stockwerke unter ihm, im Keller, segeln sie derweil hart am Wind.

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Dieser Artikel erscheint auch im Südkurier.

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