Die Zerstreuungsmaschine – Wie das iPhone mein Leben bestimmt

Langeweile? Muss ich das letzte Mal vor dem 9. November 2007 gehabt haben. An dem Tag habe ich mir mein erstes iPhone gekauft. Seitdem ist immer was zu tun. Beim Warten auf den Bus, zum Espresso in der Kneipe, während der Werbeunterbrechung im Fernsehen – ein Griff in die Hosentasche und schon füllt mir das iPhone meine Zeit.

182 Programme (so genannte Apps) sind auf meinem iPhone. Spiele sind keine darunter. Ich mag keine Computerspiele. Dafür alles andere: Ich nutze den mobilen RSS-Reader von Google, weil er eine nie versiegende Quelle für Nachrichten und Geschichten ist; ich verwende das Twitter-Programm Tweetie2, weil Twitter sein muss; ich benutze Facebook, um mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben; ich lass mir von Google Maps den Weg weisen; ich teile Foursquare (und damit Freunden) mit, wo ich mich gerade aufhalte; ich suche in Fahr-Info nach dem nächsten Bus; ich erstelle mit der iPhone-Kamera Bilder und Videos, schneide die Videos mit Reel Director und bearbeite die Fotos in Photogene; und ich lade die Ergebnisse auf Flickr hoch. Von den 182 Programmen nutze ich 15 mindestens einmal pro Tag.

Seit ich das iPhone besitze, habe ich viel zu tun, selbst wenn nicht viel zu tun ist.

Neulich war ich für fünf Tage an der Ostsee. Kurzurlaub. Als ich am zweiten Tag mein iPhone an das Aufladegerät anschließen wollte, machte es „„Pfff““. Es roch verbrannt, das iPhone war kaputt. Und weil T-Mobile für Mobilfunkverträge mit dem iPhone zwar exorbitante Preise verlangt, aber während der Dauer einer Reparatur kein iPhone-Austauschgerät zur Verfügung stellt, war ich vier Tage ohne Handy. Ein Glück.

Diese Zeit hat mir die Augen geöffnet. Im wahrsten Sinne. Musste ich irgendwo warten, hielt ich die Augen offen, sah mich um. Ich nahm die Umgebung bewusster wahr. Oder hing meinen Gedanken nach. Der Urlaub ohne iPhone hat mir gezeigt: Das Gerät ist eine Zerstreuungsmaschine, schlimmer als der Fernseher. Weil es überall dabei ist. Es lässt einem keine ruhige Minute. Das ist fatal. Denn wer keine ruhige Minute hat, der führt mit sich selbst keinen inneren Dialog mehr. Nachdenken, Reflexion, Aufarbeitung – all das bleibt auf der Strecke.

Das iPhone gibt einem so viel – und entfremdet einen dabei von sich selbst.

Ob ich aus der Urlaubserfahrung Lehren gezogen habe? Ein wenig. Manchmal bleibt das Handy jetzt bewusst in der Hosentasche. Selten. Weil das Bewusstsein meist fehlt. Die Gewohnheit regiert – mit 182 Ablenkungsmöglichkeiten.

5 Kommentare zu „Die Zerstreuungsmaschine – Wie das iPhone mein Leben bestimmt

  1. Du beschreibst es sehr treffend! Ich wollte nie mehr ohne iPhone sein, aber manchmal habe ich das Gefühl, ich verpasse andere Dinge (zum Beispiel eben die lustige Begebenheit im Café), weil ich twittern/facebooken/wikipedialesen/mailen/sonstwas tun muss. Ich sollte es auch öfter mal in der Tasche lassen. Der Suchtfaktor ist schon groß.

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  2. genau! ich lass jetzt mein iphone tw. ganz bewusst liegen. abends lege ich auch mein macbook ganz bewusst weg. „nur mal kurz was im web nachschauen“. dann driftet man ab mit facebook, blogs, skype,… und schon ist wieder nacht.

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