Ein Nobelpreis für mehr Fische – Die Ideen von Elinor Ostrom könnten die Fischbestände der Weltmeere retten

Die Verwässerung der Vernunft erfolgt regelmäßig in drei Schritten. Am Anfang steht die Empfehlung des ICES, dem internationalen Rat für Meeresforschung. Der beobachtet weltweit 110 Fischarten und gibt Empfehlungen über Fangquoten. Der Maßstab des ICES: Dem Meer nicht mehr entnehmen als nachwachsen kann.

Die Europäische Kommission orientiert sich am Rat und empfiehlt ihrerseits Quoten. Allerdings liegen ihre jährlichen Vorgaben für die EU-Gewässer meistens höher als die des ICES.

Am Ende entscheidet aber nicht die Kommission, sondern die EU-Fischereiminister. Beeinflusst von den Interessen der Fischindustrie geben die in aller Regel nochmals ein paar Prozentpunkte hinzu.

So war es auch Anfang dieser Woche wieder gewesen. In der Nacht zum Dienstag beschlossen die Minister in Luxemburg, die erlaubte Fangmenge für Heringe in der westlichen Ostsee um 16,5 Prozent zu senken, da die Bestände in den vergangenen Jahren stark geschrumpft waren. Die EU-Kommission hatte einen Rückgang der Fangquote um 21 Prozent vorgeschlagen.

Die Europäische Union wird deshalb vermutlich Negativ-Rekordhalter bleiben: Nach Angaben der Umweltstiftung World Wide Fund For Nature (WWF) sind 88 Prozent der Fischbestände in der EU überfischt. Nirgendwo sonst auf der Welt würden die Meere derart stark übernutzt.

Zu hohe Fangquoten aber sind nicht das einzige Problem. Illegale Fangmethoden, zum Beispiel zu engmaschige Netze, sind ein weiteres. Außerdem: Die EU-Quotenregelung legt lediglich fest, wie viel Fisch die Fischer verkaufen, nicht aber wie viel sie fangen dürfen.

So darf zum Beispiel jedes Jahr nur eine bestimmte Menge Schollen und Kabeljau gefischt werden. Ist die Quote für den Kabeljau ausgeschöpft, die für die Scholle aber noch nicht, kann der Fischer nur die Schollen verkaufen. Was sonst ins Netz geht, fliegt wieder über Bord, also auch der Kabeljau. Der aber ist dann meist schon tot. Die Konsequenz: Die Quote wird zwar eingehalten, dem Kabeljau-Bestand aber ist nicht geholfen.

Die Überfischung der Meere ist in der Ökonomie als Allmende-Dilemma bekannt. Allmenden wurden einst Dorfweiden genannt, auf die jeder Bauer sein Vieh treiben durfte. Weil alle befürchteten, die anderen könnten dieses Gemeineigentum stärker nutzen als sie selbst, schickte jeder mehr Rinder auf die Weide als diese ernähren konnte. Die Folge: Die Allmenden waren regelmäßig abgegrast, neues Grün wuchs nicht nach. Am Ende standen alle schlechter da.

Auf den Weltmeeren besteht das Problem analog: Zwar ist jedem Fischerei-Unternehmen bewusst, dass es durch Überfischung langfristig seine Geschäftsgrundlage riskiert. Trotzdem handelt das Unternehmen rational, wenn es mit möglichst vielen Booten aufs Meer fährt. Denn was es nicht im Netz hat, holt sich die Konkurrenz.

Die Lösung der Probleme wird traditionell in staatlichen oder – etwa im Fall der Weltmeere – in überstaatlichen Regelungen gesehen. Fangquoten sollen dafür sorgen, dass Fischarten nicht ausgerottet werden.

Allerdings herrscht in der Wissenschaft keine Einigkeit darüber, wie das Allmende-Dilemma überwunden werden kann. Zwei Denkrichtungen treffen aufeinander: Die einen sehen das Allmende-Dilemma als Beispiel dafür, dass der Markt alleine nicht alle Verteilungsprobleme lösen kann; andere glauben, dass staatliche Eingriffe die Probleme nur verschärfen (ein interessantes Plädoyer „pro staatliche Abstinenz“ findet sich hier).

In der Mitte steht Elinor Ostrom. Die US-Forscherin hat den diesjährigen Wirtschaftsnobelpreis deshalb erhalten, weil sie der Frage nachgeht, welcher Regeln es bedarf, damit negative Allemde-Folgen nicht auftreten, dass es also nicht zur Übernutzung von Ressourcen und somit zur Selbstschädigung kommt.

Ostrom zeigt in ihrem bekanntesten Werk „Governing the Commons“, dass Almbauern und Fischer durchaus in der Lage sind, die Verwertung ihrer Ressourcen ohne staatliche Auflagen und Eingriffe selbst zu regulieren und zwar auf Basis freiwilliger Zusammenarbeit und Kontrolle. Ihr Fazit ist, dass die Lösung des Problems weder alleine im Markt, noch im Staat zu finden ist.

Nach Ostrom wäre es demnach besser, den Fischern weniger bürokratische Vorgaben zu diktieren (angeblich hat jeder EU-Fischer 2000 Regeln einzuhalten), sie stärker bei der Erstellung von Vorgaben einzubeziehen, die Anreize der Regeleinhaltung zu erhöhen und Fehlverhalten zu sanktionieren.

Die Kamera-Idee des dänischen Fischereiministeriums könnte ein solcher Ansatz sein. Freiwillig können Fischer ihre Kutter mit einem Überwachungssystem ausstatten lassen. Dieses kontrolliert, ob bei Fischfang auf hoher See auch alle Vorschriften eingehalten werden. Zur Belohnung für die Zulassung der Kontrolle dürfen diese Schiffe 50 Prozent mehr Fisch fangen.

Mehr solcher Ideen braucht es, um die Zukunft der Fischbestände zu sichern – und um die Preisentwicklung an der Fischtheke umzukehren: Während im vergangenen Monat die Kosten für Nahrungsmittel um durchschnittlich 3 Prozent im Vergleich zu Vorjahresmonat sanken, stieg der Preis für Fisch um 4,1 Prozent.

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Lesenswert: Wer mehr über Gemeinschaftsgüter erfahren will, findet auf dem Commonsblog von Silke Helfrich Fundstücke und Gedanken über alte und neue Allmende, und auch einiges über die Ideen von Elinor Ostrom.

Dieser Text erscheint auch im Südkurier.

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