Die Welle kommt

Mit Google-Wave hat der Suchmaschinenbetreiber die Neu-Erfindung der Kommunikation versprochen – Die ersten Testberichte zeigen: Google könnte sein Versprechen halten

Der Zeitpunkt war mit Bedacht gewählt worden, man könnte auch sagen: mit Bedacht und bösem Willen. Steve Ballmer, der Chef von Microsoft, hatte gerade die neue Suchmaschine seines Unternehmens vorgestellt. Bing, so der Name, war als Angriff auf den Suchmaschinen-Marktführer Google gedacht gewesen. Dieser aber stahl Ballmer die Show: Wenige Minuten nach der Bing-Vorstellung präsentierte Google mit Wave selbst ein neues Produkt und bezeichnete es unbescheiden als “die Neu-Erfindung der E-Mail”.

Das war am 28. Mai diesen Jahres gewesen. Was ist seither geschehen? Von Bing weiß man mittlerweile, dass von dem Großangriff auf Google nicht viel geblieben ist. Bisher zumindest. Gut drei Prozent aller Suchanfragen weltweit werden heute über Bing gestellt, Tendenz rückläufig. Zum Vergleich: Der Marktanteil von Google liegt bei über 80 Prozent.

Über den Erfolg von Google-Wave dagegen lässt sich bisher nicht urteilen. Weil die Anwendung für die Nutzer noch gar nicht zur Verfügung steht. Der Termin im Mai war lediglich eine Präsentation des noch zu entwickelnden Produkts gewesen. Und: Programmierer waren eingeladen worden, sich an dieser Entwicklung zu beteiligen. Seit dem 30. September können nun ausgewählte Nutzer Wave testen. Ihr erstes Fazit: Die Anwendung ist ziemlich komplex; es fehlen dennoch viele Funktionen – und doch habe Google-Wave das Zeug für eine kleine Internet-Revolution.

Was ist Wave überhaupt? Wie andere Google-Anwendungen auch, wird Wave über einen Browser bedient. Sein Hauptziel: Kommunikation. Und zwar auf eine Weise, die andere Kommunikationswege überflüssig machen soll, nämlich indem diese in Wave integriert werden. E-Mail, Instant-Messaging, das Bearbeiten von Dokumenten – all dies integriert Wave. Der Chat mehrerer User kann in Wave fließend in das gemeinsame Editieren eines Textes übergehen, wobei Wave den Teilnehmern in Echtzeit die Änderungen der anderen Teilnehmer anzeigt. Solche Kommunikationen/Dokumente behandelt Google als zusammengehörende Objekte. Egal in welcher Form Menschen über das Internet an einer gemeinsamen Sache arbeiten: Google-Wave möchte die einzige dafür benötigte Anwendung sein.

Die meisten Testnutzer sind von der vorläufigen Version ziemlich beeindruckt: “Technologisch ist Wave, obwohl noch in einer frühen Preview-Version, absolut beeindruckend”, meint etwa Nico Luchsinger von der Neuen Zürcher Zeitung, “Echtzeit-Konversationen funktionieren einwandfrei, und Bilder, Dateien und andere Inhalte lassen sich einfach einbinden.” Und Oliver Gassner vom gleichnamigen Blog schreibt zurückhaltender: “Die Basisidee ist gut, die erste Implementierung spannend mit einigen innovativen Einsprengseln, aber es ist noch ne Masse Arbeit zu tun.”

Damit diese Arbeit nicht Google selbst leisten muss, hat man die Anwendung für Entwickler geöffnet. 27.000 Programmierer haben sich bisher registriert. Sie können Wave weiter entwickeln und in eigene Anwendungen integrieren. Dann wird Wave auch nicht mehr nur auf Google-Servern laufen. Dies hatte jüngst das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) bemängelt und davon abgeraten, den Kommunikationsdienst Google-Wave zu nutzen. „Der Nutzer verliert vollständig die Kontrolle über seine Daten“, schreibt das BSI in einem Kommentar. Deswegen sei die Nutzung von Google-Wave sowohl aus IT-sicherheitstechnischen Gründen als auch aus Sicht des Datenschutzes nicht zu empfehlen.

Von solchen Bedenken wird sich der Großteil nicht abhalten lassen, wenn Ende diesen Jahres die Anwendung für alle freigegeben wird. Dann wird sich zeigen, ob Google-Wave wirklich eine “Killer-Anwendung” ist. Ob sich kleine Firmen mit Google-Wave organisieren wollen, wie viele mit der Anwendung Projekte durchführen und ob Freunde damit ihre gemeinsame Party planen werden. Mark Milian von der Los Angeles Times hat bereits seit zwei Monaten Zugang zu Google-Wave und ist davon überzeugt, dass es zumindest seine Branche, den Journalismus, verändern wird.

Mit der Anwendung könnten Reportagen von mehreren Autoren gemeinsam geschrieben werden; und Leser wären in der Lage, live mitzuverfolgen, wie journalistischer Inhalt entsteht, so Milian. Außerdem werde man es möglicherweise bald als antiquiert empfinden, wie journalistischer Inhalt und Leser-Reaktion online präsentiert würden. Bisher nämlich stehen die Reaktionen in der Regel als Kommentare chronologisch geordnet unterhalb eines Artikels. Mit Google-Wave nun können die Leser Anmerkungen an jene Stellen im Text schreiben, auf die sie sich beziehen. Es könnte bald zusammenwachsen, was zusammen gehört.

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