Das Schlaraffenland meiner Kindheit war aus Papier, hatte über 1000 Seiten und einen Namen: Quelle-Katalog. Manche unterscheiden das Jahr in Monate, andere in Jahreszeiten; für mich teilte es sich in drei Phasen: Warten auf den Frühling/Sommer-Katalog, warten auf die Herbst/Winter-Ausgabe, warten auf Heilig Abend. Am 24. Dezember brach sich die Vorfreude fast eines ganzen Jahres Bahn.

Denn die erste Wunschliste war bereits im Januar erstellt, dann zig Mal überarbeitet und mit Erscheinen des Herbst/Winter-Katalogs meist komplett über Bord geworfen worden. Das Versandhaus aus Nürnberg war mein Tor zur Welt, eine Welt, die vor allem aus Spielzeug bestand.

Quelle steht vor dem Aus. Arcandor, das Unternehmen zu dem Quelle heute gehört, hat am 9. Juni Insolvenz angemeldet – mehr als 80 Jahre nach seiner Gründung. Das Internet brachte den Niedergang. Weil dort die Warenvielfalt und die Anbieterzahl ungleich größer ist.

Heute kauft man, wo die Qualität am besten, der Preis am niedrigsten ist. Früher haben dafür meist die Informationen gefehlt. Wo macht man am besten Urlaub, wo gibt es den billigsten Computer, wo kauft man den günstigsten Gebrauchtwagen? Die Antworten sind heute wenige Minuten und Mausklicks entfernt. Quelle ist im World Wide Web nur noch einer von vielen. Und bald vielleicht nicht mal mehr das.

Nicht jede durch das Internet bewirkte Veränderung bringt es in die Schlagzeilen. Mancher Wandel ist langsam, wird kaum bemerkt, ist dennoch bemerkenswert.

Zum Beispiel jener, der unser Denken und Verhalten verändert. Dass wir zum Beispiel viel unpünktlicher geworden sind. Weil man ja fünf Minuten vor dem vereinbarten Treffpunkt noch schnell seine Verspätung ankündigen und den Wartenden zum Warten auffordern kann. Dass wir keine Telefonnummern mehr im Kopf haben. Dass Wissen immer weniger zählt, es vielmehr auf die sinnvolle Anwendung dieses Wissens ankommt. Dass unsere Erinnerung zunehmend durch Bilder gestützt wird, weil jeder jederzeit fotografiert und filmt. Dass es immer seltener “nutzlose” Zeit gibt, was man auch daran sieht, dass sich nicht mal mehr die Alten gelangweilt aus dem offenen Fenster lehnen. Weil selbst die mittlerweile in VHS-Kursen den Computer zu bedienen gelernt und durch das Internet das Flirten wiederentdeckt haben.

Auch die Berufe wandeln sich. Das persönliche Gespräch, Auge in Auge, wird seltener. Reisebüros verschwinden, Direktbanken verdrängen Filialbanken. Kommuniziert wird mit Call-Centern. Dort sitzen die Menschen wie in Legebatterien und sollen im Minuten-Takt Fremde freundlich begrüßen.

Und diese Legebatterien-Arbeiter wundern sich nach jeder 8-Stunden-Schicht, dass sie sich körperlich ausgelaugt fühlen, obwohl die körperliche Anstrengung fehlt. Die Erschöpfung entsteht, weil es der menschlichen Natur nicht entspricht, stetig Empathie zu zeigen, wenn das ständig wechselnde Gegenüber kein Gesicht hat.

An anderer Stelle ist das Internet eine Wohltat: Sein grenzenloses Wissen hat uns den unnötigen Respekt vor den Ärzten genommen. Es bringt die Filmbranche dazu, DVDs nicht mehr erst sechs Monate nach dem Kinostart zu veröffentlichen, weil sonst der Film längst kostenfrei im Internet kursiert. Es lässt uns Versicherungsvertretern interessiert zuhören, um nach deren Verabschiedung am Computer nach günstigeren Policen der Konkurrenz zu suchen. Es lässt uns vor dem Wahltag die Programme der Parteien vergleichen und nach Analysen suchen, welche die Versprechen der Politik auf ihre Umsetzungswahrscheinlichkeit abklopfen. Und es lässt uns den Artikeln von Journalisten Contra geben. Nicht immer zu deren Freude.

Die englische Zeitung “The Daily Telegraph” hat vor wenigen Tagen in seiner Online-Ausgabe einen Text veröffentlicht, der 50 Dinge auflistet, die durch das Internet verschwunden sind. Der Autor fordert die Leser darin auf, in der Kommentarspalte selbst Beispiele hinzuzufügen. Der aktuell neueste, es ist der 285. Kommentar, dürfte dem Autor weniger gefallen. “Franca” schreibt: “Das Internet hat ganz offensichtlich die Korrekturleser verschwinden lassen. Ich habe in ihrem Text mehrere Fehler entdeckt, noch bevor ich zum zweiten der 50 Punkte kam – und es waren alles Fehler, die ein Korrektur-Programm nicht in der Lage ist zu finden.”

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