Hallo Wähler, wir hängen hier oben!

Vielleicht macht Martin Lindner, dieser Langweiler, ja alles richtig. Ich treffe ihn jetzt regelmäßig bei mir um die Ecke, genauer gesagt jeden Morgen. Was heißt treffen: Martin Lindner hängt am Laternenpfahl, mit Kabelbindern fixiert, ein Wahlplakat von ihm ist es, um genau zu sein, in DIN A1. Aus drei Metern Höhe schaut der Mann, der offensichtlich in meinem Wahlkreis für die FDP kandidiert, täglich auf mich herab. “Leistung muss sich lohnen”, lese ich dann, während ich mit dem Rad zur Arbeit fahre, und ich denke mir, dass der Mann irgendwie nicht ganz unrecht hat.

Die Optik des Plakats steht dem Slogan in nichts nach. Euphemistisch gesagt: Es ist zeitlos. Ein altbackenes Foto und ein Spruch aus der Mottenkiste – es könnte aus den 70ern stammen, aus den 80ern und aus den 90ern. Nur Bild und Namen muss irgendwann ausgetauscht worden sein: Martin Lindner, so erfahre ich auf seiner Internetseite, ist 45 Jahre alt, und erst seit 1998 in der FDP. Was dort auch steht: Er wohnt in Grünwald, ist Jurist, verheiratet und hat sechs Kinder.

Sonst erfahre ich auf auf seiner Webseite nur noch, dass er deswegen in den Bundestag einziehen will, damit Berlin „nicht nur von Staatsapologeten, Gleichmachern und Jammerlappen vertreten“ werde (d’accord, Herr Lindner!). Überzeugt hat mich Martin Lindner damit nicht, aber immerhin: Sein Name ist mir mittlerweile ein Begriff. Dabei heißt es doch allerorten, dass der Wahlkampf sich zunehmend im Internet abspiele. „Das Internet wird zum zentralen Medium für die Kommunikation zwischen Politik und Bürgern“, sagt etwa August-Wilhelm Scheer. Er ist der Präsident des Bitkom, dem Verband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche. Scheer hat jüngst eine Umfrage präsentiert, wonach vor allem für Jüngere das Internet bei Fragen rund um Politik zum Hauptmedium geworden sei. Drei Viertel der 18- bis 29-Jährigen informierten sich im Web über Politik, so ein Ergebnis der Umfrage. Und 44 Prozent der wahlberechtigten Bundesbürger glaubten, dass eine Partei ohne den Einsatz des Internets heute keine Wahl mehr gewinnen könne.

Im Vergleich zu den Internet-Auftritten von Parteien und Politikern wirken die Wahlplakate am Straßenrand anachronistisch. Man wundert sich, dass es überhaupt noch genügend Parteimitglieder gibt, die sich zum Büttel für die Karriere anderer machen und in ihrer Freizeit von Straßenlaterne zu Straßenlaterne ziehen. Und man fragt sich, wie um alles in der Welt ein Ursache-Wirkungszusammenhang in der Art entstehen soll, dass ein aus drei Metern Höhe herab lächelnder Politiker beim Wähler den Effekt auslöst, dass dieser am Wahltag das Kreuz hinter diesen Kandidaten setzt.

Ich habe jedenfalls noch nie jemanden sagen hören, dass er dieses Mal Partei X oder Kandidat Y gewählt habe, weil das Wahlplakat so schön/ansprechend/interessant war. Auf der anderen Seite: Wer gibt so etwas schon zu? Und: Vielleicht sind sich viele des Effekts gar nicht bewusst. Vielleicht wirken die Plakate ja unterschwellig. Schließlich kenne auch ich Martin Lindner nur wegen des Plakats. Und hätte er nicht nur Phrasen auf seiner Webseite stehen, vielleicht würde ich ihn am 27. September sogar wählen.

Möglicherweise liegt darin das schlichte „Geheimnis“ eines erfolgreichen Wahlkampfes, nämlich in der Kombination aus alten und neuen Medien. Früher oder später geht jeder Wähler aus seiner Wohnung und dann wirft er am Straßenrand einen Blick auf die Martin Lindners der Politik-Szene. Damit ist der erste Schritt vollzogen: die Wahrnehmung der Person, der erste Kontakt. Ein zartes Band ist geknüpft.

Was folgt, ist Überzeugungsarbeit: Man sieht den Kandidaten in einer Talkshow, liest einen Zeitungsartikel über ihn oder stolpert in einem Sozialen Netzwerk über sein Profil. Die Möglichkeiten, aus einem ersten Kennenlernen eine dauerhafte Beziehung zwischen Politiker und Wähler zu machen, sind vielfältiger als die Zahl der Medien selbst. Selbst die im und wegen des Internets entstandene Piratenpartei pflastert mittlerweile die Straßenränder mit ihren orangefarbenen Plakaten zu. Das eine tun, ohne das andere zu lassen, so lautet das Motto aller Parteien im aktuellen Wahlkampf. Alle kämpfen an allen Fronten um höchstmögliche Aufmerksamkeit.

Auch an meinem Laternenpfosten. Über Martin Lindner hängt seit neuesten nämlich ein alter Bekannter: Wolfgang Thierse. Und wie der bärtige Thierse so von oben auf mich runter schaut, da denke ich mir, dass es vielleicht doch für jeden Politiker eine ganz individuelle Wahlkampfstrategie braucht. Der altväterliche Thierse und das Werbemittel „Wahlplakate an Laternenpfosten“, beide scheinen aus einer anderen Zeit zu stammen, und passen damit irgendwie ziemlich hervorragend zusammen.

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