Das Hase-und-Igel-Spiel

Vielleicht sollte man sich etwas Mitleid bewahren für die Claudia Pechsteins dieser Sportwelt. Sie werden des Dopings beschuldigt, verdächtigt, verurteilt. Und sie reagieren, wie sie es durch jahrelanges Training und unzählige Wettkämpfen gelernt haben: Sie kämpfen. Mit Tränen, mit Argumenten, mit Gutachten.

Dabei ist ihr Kampf meist ein aussichtsloser. Zumindest der Kampf um die öffentliche Gunst. Ihren Unschuldsbeteuerungen wird selten geglaubt, weil die Erfahrung gegen sie spricht. Weil ertappte Doping-Sünder alle ähnlich reagieren: Erst fallen sie medial wirksam aus allen Wolken, um dann Verfahrensfehler und Betrug zu wittern. Wer das Pech hat, als nicht dopender Sportler des Dopings verdächtigt zu werden, geht unter. Man kann also ruhig etwas Mitleid haben mit den Claudia Pechsteins dieser Sportwelt. Vielleicht sind ihre anormalen Blutwerte tatsächlich der Hinweis auf eine schwere Krankheit. Vielleicht wurde Dieter Baumanns Zahnpasta ja doch kontaminiert. Vielleicht hat ja Jan Ullrich tatsächlich in einer Land-Disko zwei Pillen angedreht bekommen. Man weiß ja nie.

„Seit sich Menschen im Wettkampf um Ruhm, Ehre oder auch Geld messen, versuchen sie sich einen Vorteil vor den Konkurrenten zu verschaffen und greifen dabei immer wieder auf verbotene Mittel zurück“, schreibt der Sportwissenschaftler Frank Daumann in seinem Buch „Die Ökonomie des Dopgins„. Aber erst der medizinische Fortschritt gepaart mit hohen Verdienstmöglichkeiten haben dem Doping die heutige Dimension gegeben. Noch nie konnte man mit Sport so reich werden. In der ökonomischen Abwägung von Kosten und Nutzen des Dopings hat letzteres stark zugenommen. Die „Kosten“ in Form von schlechtem Gewissen, (oft unterschätzten) Gesundheitsrisiken, der Gefahr der Aufdeckung und die Aufwendungen für die Dopingbeschaffung sind dagegen langsamer gestiegen. Die Folge: Im Hase-und-Igel-Spiel zwischen erfindungsreichen Medizinern und engagierten Doping-Fahndern haben Letztere die undankbare Rolle des hoppelnden Vierbeiners.

Es sei aber nicht das Geld allein, sagen Experten wie Daumann. Es sei das gegenwärtige System der Dopingbekämpfung selbst, das Sportler, Trainer und Betreuer auf immer neue Ideen brächte. Dieses System nämlich basiert auf so genannten Negativlisten. Auf diesen stehen verbotene Substanzen und Methoden. Athleten werden auf diese Substanzen und Methoden getestet und bei positivem Befund bestraft. Der Nachteil der Negativliste: Sie fördert Innovation. Sie erzeugt den Anreiz, nach neuen leistungssteigernden Substanzen zu suchen, „um durch deren Verwendung einen zeitlich begrenzten Monopolgewinn einzufahren“, so Daumann im Blog „Wirtschaftliche Freiheit„. Hinzu kommt: Vor allem bei neuen Formen des Dopings fehlt es regelmäßig an wirksamen Kontrollen. So gab es etwa lange Zeit keinen Test auf das Blutdoping-Präparat Epo, was die weite Verbreitung dieser Dopingart im Radsport erklärt.

„Vor diesem Hintergrund muss die Frage nach einer Liberalisierung des Doping erlaubt sein,“ formuliert Daumann schüchtern. Was die Vorteile einer solchen Kehrtwende wären: Zum einen würde der Sport entkriminalisiert. Und zum anderen würde nicht stetig nach neuen Substanzen gesucht, die heute häufig ohne ausreichende Tests mit großem Gesundheitsrisiko eingesetzt werden. Vielmehr würde eine höhere Transparenz die Athleten veranlassen, qualitativ hochwertiger zu dopen und auf Substanzen mit extremer Gesundheitsgefährdung zu verzichten.

Die Freigabe ist aber nur auf den ersten Blick eine Alternative. Mal ganz abgesehen davon, dass Sportler eine Vorbildfunktion haben: Würde Doping freigegeben, müssten alle Sportler, die nicht dopen wollen, auf jegliche Siegeschancen verzichten. Im Grunde könnten sie mit dem Leistungssport aufhören. Am Ende gäbe es keinen nicht-dopenden Sportler mehr.

Hinzu kommt, dass eine Liberalisierung gerade nicht zu mehr Chancengleichheit führen würde, wie manche Befürworter behaupten. Doping ist bisweilen sehr teuer. Jan Ullrich etwa soll 50.000 Euro für seine Blutwäsche bezahlt haben – für Ullrich nicht viel Geld, für einen durchschnittlichen Radprofi dagegen ein kleines Vermögen.

Auch an anderer Stelle würde eine Freigabe zu neuen Ungerechtigkeiten führen. Eine Abschaffung der Negativliste würde nämlich keinesfalls bedeuten, dass alle Sportler den gleichen potenziellen Zugang zu Medikamenten hätten. Denn die nationale Arzneimittelgesetze unterscheiden sich. Was in einem Land eingenommen werden darf, ist im nächsten verboten. Dem jeweiligen nationalen Arzneimittelgesetz wären die Athleten aber weiter unterworfen.

Was auch gegen eine Liberalisierung spricht: Die Wünsche der Zuschauer, der Fans. Denn ohne die gibt es nur Breiten-, aber keinen Spitzensport. Der Sportjournalist Joe Lindsey hat es anschaulich erklärt: „Der Sport und die Athleten geben uns mehr als die Unterhaltung uns bieten kann.“ Wir schlössen stillschweigend einen Vertrag, dass der Schweiß und die Anstrengung, die uns gezeigt würden, echt und natürlich seien. „Wollen wir sehen, wer der beste Athlet ist“, fragt Lindsey „oder lediglich, wer den besten Zugang zu pharmazeutischen Leistungsverbesserern hat?“

Die Zuschauer möchten in der Vorstellung leben, dass alle Kontrahenten unter ähnlichen Voraussetzungen gegeneinander antreten. Daraus zieht der Sport seine Faszination. Weil Dopingsünder dieses Erlebnis zerstören können, werden sie von uns mit Verachtung gestraft. „Ich habe nicht gedopt“, sagt Claudia Pechstein seit Tagen gebetsmühlenartig in jedes Mikro. Sie sagt, was alle sagen. Und sie kämpft, wie alle kämpfen. Um ihren Ruf, um viel Geld, um eine sorgenfreie Zukunft. Wir glauben ihr nicht. Weil sie bei einem Geständnis so viel verlieren würde – auch weil wir unsere Sportfaszination bewahren wollen. Dafür braucht es klare Fronten. Jene die sich an die Spielregeln halten und jene, die sie verletzt haben und deshalb die Berechtigung verlieren, weiter mitzuspielen.

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