Der König ist tot – und wird es bleiben

Wenn Prominente sterben, packen Medien gerne den Superlativ aus. Dann ist „die letzte Hollywood-Diva gestorben“, „die letzte wahre Politikgröße von uns gegangen“, „der letzte Meister-Regisseur verschieden“. Hätten die Schlagzeilen Recht, die Lebenden würden in einem Meer der Mittelmäßigkeit vegetieren: Das Herausragende, die Ausnahmeleistung, das Genie – all das gäbe es nicht, es wäre ja längst zu Grabe getragen.

Tatsächlich aber folgen dem Letzten neue Letzte. Der Superlativ von morgen kümmert sich nicht um den Superlativ von gestern. Im Kampf um die Aufmerksamkeit der Leser ist die Überhöhung der Ereignisse eben ein wirksames Mittel.

Michael Jackson ist auch so ein Letzter. Überhäuft mit Superlativen. Er hatte mit „Thriller“ das meist verkaufte Musikalbum (60 Millionen), er unterschrieb 1991 den höchstdotierten Plattenvertrag aller Zeiten (angeblich 890 Millionen Dollar) und er ist der Solokünstler mit den meisten Nr.1-Single-Hits in den amerikanischen Charts (14). Kurzum: Michael Jackson gilt als der King of Pop, nein, er IST der King of Pop.

Denn wie es aussieht, wird es nach ihm tatsächlich keinen weiteren Letzten mehr geben. Zumindest keinen letzten Popstar. Zumindest keinen letzten Popstar, der größer sein wird als er. Das ist keine Form der Wahrsagerei. Es liegt auch nicht an seinem Ausnahmetalent. Vielmehr: Michael Jacksons Tod fällt in jene kurze Epoche, die vor gut 50 Jahren mit der Verbreitung der Schallplatte begann und die jetzt durch das Internet zu Ende geht.

Es war der Massenartikel Langspielplatte, der Musik und Lebensgefühl in jede Wohnung und den Künstlern das große Geld brachte. Und es war das Fernsehen, mit der besonderen Ausprägung der Musik-Sender, das dem Ton die Bilder und der Popwelt die Verstärkung des Personenkults bescherte. Michael Jacksons märchenhafter Aufstieg als Solokünstler zu Beginn der 80er Jahre hätte ohne MTV schlicht nicht stattgefunden.

Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben Prominenz.
— Georg Franck, Ökonom und Software-Entwickler

Die Zeit der Musiksender für die Massen und der Tonträger mit Millionen-Auflage ist vorbei. Das technische Produkt einer runden Scheibe, auf der etwa 10 Songs ein „Album“ bilden und dieses Album, einmal produziert, bei jeder Abgabe Geld in die Kassen von Künstler und Musikfirma spült, hat einer neuen Technik Platz machen müssen. Das Bessere als Feind des Guten. In dem Fall auch der Feind der ganzen Musikbranche. Denn mit dem Internet gibt es Musik schneller, günstiger, oft umsonst.

Das Internet zerstört nicht nur das bisherige Geschäftsmodell der Musikbranche, sondern auch eine Figur der Musikwelt: den Superstar. Denn um Superstar zu werden, braucht es Zweierlei, viel Geld und viel Aufmerksamkeit. Eine kostenintensive Marketingmaschinerie macht aus guten Musikern Lichtgestalten für breite Massen. Und um die breite Masse zu erreichen, braucht es neben Geld eben die Massenmedien.

Das Internet aber hat der Branche nicht nur die Finanzkraft genommen, sondern raubt ihr auch die Aufmerksamkeitskontrolle. Früher gab es wenige Fernsehprogramme und ein paar mehr Zeitschriften und Zeitungen. In der Sprache der Kommunikationstheorie fokussierten sich viele „Empfänger“ auf wenige „Sender“. Der Aufwand der Musik-Konzerne, Musik und Musiker bei diesen wenigen Angeboten zu platzieren, hielt sich in Grenzen.

Heute kämpfen unzählige Medienangebote um Aufmerksamkeit. Nachrichtenportale, Blogs, Soziale Netzwerke – das Informationsangebot explodiert und wird kleinteiliger. Dem früheren Einheitsprogramm von MTV stehen mittlerweile zahlreiche Spartenangebote gegenüber. Das ist gut wegen der Vielfalt und schlecht für Superstars – denn ohne Massenpublikum kein Superstar.

Vielleicht aber ist es auch gut für sie. Denn der Superstar ist auch eine tragische Figur: Reichtum und Ruhm führen nicht selten zu Dekadenz, Selbstüberschätzung und Einsamkeit. Elvis Presley und Michael Jackson, zwei Ikonen der Pop-Ära, haben für ihren Erfolg teuer bezahlt. Vermutlich hat die Evolution die Psyche des Menschen nicht ausreichend gegen solche Überhöhungen gewappnet. Eigentlich nur konsequent, wenn jetzt die technische Evolution den Superstar-Kult abschafft.

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