Gemeinsam klug – Die Masse gilt gemeinhin als dumm und träge. Dabei zeigt das Internet, wie schlau Kollektive sein können

Massenkonsum, Massenhysterie, Massentourismus – das Wort „Masse“ steht selten in einem positiven Kontext. Keiner will Teil von ihr sein. In der Masse geht man unter, verliert sein Gesicht, wird zum Herdentier. Dabei kann die Masse intelligent sein. Hochintelligent. Nicht selten sogar klüger als der klügste Kopf.

Manchmal ist dafür nicht einmal individuelle Intelligenz nötig. Bei Google zum Beispiel. Aus der Vielzahl der Suchanfragen lassen sich interessante Rückschlüsse ziehen. Etwa bei der Ausbreitung eines Grippe-Virus. Die Häufigkeit von Suchanfragen bildet die reale Verbreitungswelle einer Grippe ziemlich exakt nach. Die Erklärung ist simpel: Dort wo die Epidemie tatsächlich auftritt, wird verstärkt nach dem Thema gesucht.

Google selbst hat Häufigkeit und Orte von Suchanfragen mit offiziellen Behörden-Statistiken verglichen und kommt zu dem Schluss, dass die Suchanfragen die Ausbreitung der Epidemie nicht nur exakt abbilden, sondern dass deren Datenmaterial viel früher als Behörden-Angaben auf die Ausbreitung aufmerksam machen können. Auch die aktuelle Schweinegrippe-Epidemie dokumentiert Google bereits unter. Wie exakt die Daten der tatsächlichen Ausbreitung der Schweinegrippe entsprechen, wird sich in einigen Wochen zeigen. Erst dann liegen die Vergleichsinformationen der Gesundheitsbehörden vor.

James Surewiecki hatte der These über die Gruppenweisheit neuen Schwung verliehen. „The wisdom of Crowds“ – Die Weisheit der Vielen – heißt sein 2004 erschienener Bestseller, in dem er anhand vieler Beispiele seine Theorie erläutert. Etwa mit der Geschichte vom Gewinnspiel auf einem Viehmarkt. Das Gewicht eines Rindes war zu schätzen. Viele beteiligten sich. Ergebnis: Keiner riet das exakte Ergebnis. Dem tatsächlichen Gewicht des Tieres kam der Mittelwert aller Schätzungen am nähsten. Das Kollektiv war schlauer als jeder Einzelne gewesen.

Derartige Beispiele gibt es viele. Wer etwa eine leere Flasche mit Cent-Stücken füllt, wird in der Regel dem tatsächlichen Wert des Inhaltes umso näher kommen, je mehr Menschen er schätzen lässt und daraus den Mittelwert bildet. Oder Wikipedia: Das kollektive Wissen der unzähligen Schreiber reduziert die Fehlerquoten auf das Niveau jener Lexika, die ausschließlich von Experten geschrieben werden.

Wenn die Masse aber so schlau ist, warum gibt es dann Börsencrashs? Warum kaufen viele wie verrückt Aktien, um über Nacht alles wieder zu verlieren. Wo ist die Weisheit der Massen, wenn es ums Geld geht?

Brauchbares Kollektiv-Wissen entsteht, wo die Menschen unabhängig entscheiden. An der Börse ist dies häufig nicht der Fall. Dort werden Käufe und Verkäufe in Abhängigkeit von Erwartungen anderer getätigt. Wer etwa vermutet, dass morgen viele Börsenhändler Aktien von Daimler kaufen (wodurch der Kurs steigen würde), wird sich schon heute dieses Wertpapier zulegen. Umgekehrt werden Aktien verkauft, sobald die Erwartung entsteht, dass dies bald alle tun werden. Dieser Herdentrieb führt nicht zu kollektiv sinnvollem Wissen. Treffen dagegen die einzelnen Mitglieder einer Gruppe individuelle Entscheidungen, kann sich Wissen summieren – die Masse wird schlauer als das Individuum.

Es ist die Koordinierungsmaschine Internet, welche die Vorteile kollektiven Wissens deutlich zum Vorschein bringt. Und es ist die Internet-Ikone Google, welche ihren Geschäftserfolg auf dieser Logik aufgebaut hat. Deren Suchtechnik hat im Kern eine simple Logik: Auf den Suchergebnis-Seiten tauchen jene Webseiten oben auf, auf die besonders viele andere Seiten verlinkt haben. Mit anderen Worten: Für Google ist wichtig, was für viele andere im Netz auch wichtig ist. So einfach hat es Google zum wertvollsten Unternehmen im Internet gebracht.

Und vielleicht wird Google auch bald die Zukunft der Weltwirtschaft vorhersagen können. Die beiden Google-Forscher Hyunyoung Choi und Hal Varian haben Suchbegriff-Hitlisten ausgewertet und wollen damit wirtschaftliche Entwicklungen erkennen, bevor sie statistisch nachweisbar sind. Suchen zum Beispiel viele Menschen über Google nach dem Wort „Auto“ oder einer bestimmten Auto-Marke, ist dies ein Indikator für einen bevorstehenden Kauf.

Der Vorteil: In der Regel stehen Daten immer nur zeitverzögert zur Verfügung. Weil Informationen über die Inflationsrate, das Zinsniveau oder die Arbeitslosenrate erst gesammelt und aufbereitet werden müssen. Mit der Auswertung von Google- Anfragen lassen sich Wirtschaftsindikatoren in Echtzeit gewinnen. Prognosen könnten dadurch zuverlässiger werden. Einen ersten Erfolg wollen die beiden Google-Forscher bereits erzielt haben: Die Fehlerquote bei Prognosen für den Automobilmarkt haben die Ökonomen nach eigenen Angaben um 15 Prozent reduziert.

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