Digitale Demenz

Nie wuchs Wissen schneller als heute – Es könnte genauso schnell wieder verloren gehen
Früher ging man zum Erinnern in den Keller. Oder auf den Speicher. Kisten mussten entstaubt, Pappschachteln geöffnet werden. Darin: Dokumente, Fotos, Briefe, nicht selten Liebesbriefe. Das Stöbern in der eigenen Vergangenheit oder in der von Eltern und Großeltern in staubig-stickiger Luft wird es nicht mehr lange geben. Selbst Liebesbriefe werden heute überwiegend digital verfasst und verschickt, Bilder in Bytes gespeichert und in Pixeln betrachtet. Das Medium „Computer“ löst das Medium „Papier“ ab.

Drei Nachrichten aus den vergangenen Tagen: Der Bookmark-Service Ma.gnolia geht vom Netz, nachdem ein Großteil seiner Bookmarks verloren ging. Pageflakes, der personalisierte Startseiten-Anbieter, muss ebenso offline gehen wie das Videoportal Revver (die beiden letzteren sind mittlerweile wieder in Betrieb). Die Beispiele zeigen: Wer seine Daten ins Netz stellt, hat keine Sicherheit, dass sie dort auch stets abrufbar sind. Im schlimmsten Fall gehen sie unwiderbringlich verloren.

Dennoch, der Trend ist ungebrochen: Eigene Dateien landen immer häufiger im Netz. Fotoalben werden auf Flickr angelegt, Texte als GoogleDocs gespeichert, Kontakte auf Facebook verwaltet. Die Festplatte des eigenen Computers verliert an Bedeutung. „Cloud Computing“ heißt das Schlagwort. Anwendungen und Daten befinden sich nicht mehr auf dem eigenen Rechner, sondern auf so genannten Servern. Der ans Internet angeschlossene Computer holt sie von dort, verwendet sie und am Ende landen die Daten wieder auf dem Server.

Das ist eigentlich eine feine Sache. Denn nichts ist unsicherer als der eigene Rechner. Der kann gestohlen, Daten aus Versehen gelöscht werden, Hardware kaputt gehen. Server sind sicherer. Sie befinden sich in der Regel immer am gleichen Ort (im Gegensatz zum Beispiel zu Laptops) und werden meist von Profis verwaltet und gewartet. Dennoch: Garantien gibt es nie. Und die Unternehmen denen die Server gehören sichern in der Regel gegen Ansprüche bei Datenverlust ab. Wo Informationen gespeichert werden, können Informationen verloren gehen. Das ist eigentlich eine Binsenweisheit. Das Problem ist, dass unser heutiges Wissen gleich von drei Seiten bedroht wird.

1) Wissensverlust durch menschliches Versagen. Die Dimension der Schäden die beispielsweise in Unternehmen entstehen, ist unüberschaubar. Weil keine Firma gerne öffentlich macht, wenn ihr eine Datenpanne passiert. In einer Studie bei 21 britischen Unternehmen aus der Finanzbranche wurden die Schäden größerer Datenverluste untersucht. Die finanzielle Belastung pro Datenpanne lag bei 1,8 Millionen Euro.

2) Wissensverlust durch Materialermüdung. Die Dimension dieses Problems ist heute noch nicht abzusehen. Denn die meisten Techniken der Datenspeicherung sind noch keine 100 Jahre alt. Woher sollen wir beispielsweise wissen, wie lange die Daten im USB-Stick erhalten bleiben? Oder: Wie lange hält eine CD? Weniger lange jedenfalls als viele denken, sagen Wissenschaftler. „Selbstgebrannte Datenträger sind kein Archiv, sondern nur ein Verbrauchsmedium, dass sich höchstens zum Transport von Daten eignet“, warnt Matthias Hemmje, Professor für Multimedia- und Internetanwendungen der Fernunsiversität Hagen in der Wirtschaftswoche. Und ein Test des IT-Fachmagazins „c’t“ zeigte jüngst, dass viele der silbernen Speichermedien unter simulierten verschärften Klimabedingungen nur wenige hundert Stunden halten. Unter Normalbedingungen schätzt „c’t“ die zuverlässige Haltbarkeit nur auf drei bis fünf Jahre? Soll man jetzt etwa alle paar Jahre seine komplette CD-Sammlung kopieren? Eine Lösung lässt auf sich warten.

3) Wissensverlust durch technischen Fortschritt. Die stetige Weiterentwicklung von Datenspeicher- und Datenabspiel-Medien löst das Probleme aus. Womit VHS-Kassetten anschauen, wenn der DVD-Spieler den Videorekorder ersetzt hat? Womit die alten Magnetbänder hören, die auf dem Speicher liegen? Was tun mit den Schellackplatten, welche die Großmutter ihren Enkeln vererbt?

Keine Frage: Alte Techniken der Informationsspeicherung haben Vorteile. Wir wissen heute, was Menschen vor 6000 Jahren in Tontafeln geritzt haben. Wir entziffern Texte, die vor 2000 Jahren auf Papyrus geschrieben wurden. Weil es zum Entziffern nur die Augen und das Verständnis der Schrift braucht. Elektronische Speichermedien aber benötigen komplexe Technik, um dem Menschen die Informationen zugänglich zu machen. Geht das Wissen um diese Technik verloren, wird das Wissen auf den Speichermedien unbrauchbar.

Würde man die Datenmenge alles digital gespeicherten Wissens auf CDs pressen, wäre der Stapel 200 000 Kilometer hoch. In drei Jahren wird sich die Menge verdoppelt haben. Wir erfinden stetig Neues, immer mehr und immer öfter. Was aber noch fehlt, ist eine überzeugende Strategie, um dieses Wissen zu konservieren, um es für nachfolgende Generationen zu bewahren. Nie war der Wissenzuwachs größer, nie aber auch die Gefahr, dieses Wissen wieder zu verlieren. Vielleicht sollten wir wenigstens Liebesbriefe in Zukunft wieder auf Papier schreiben.

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