Neue Töne

Die Musikbranche kämpft ums Überleben, mit dem einzigen was sie retten kann: frischen Ideen

Am Samstag ist es wieder soweit, um 20 Uhr. Die Berliner Philharmoniker spielen auf, Robert Schumann, Violinenkonzert d-Moll, unter anderem. Das Konzert ist ausverkauft. Wie meistens. Die Auslastung liegt bei 98 Prozent. Und trotzdem kann jeder dem Konzert folgen, mit Augen und Ohren – im Internet. Denn seit wenigen Wochen übertragen die Berliner Philharmoniker ihre Konzerte auf einer eigenen Webseite. Sie nennen sie die „Digital Concert Hall„. Für 9,90 Euro der Abend.

Die Idee ist nicht neu. Vergangenen Sommer wurde die Aufführung der „Meistersinger von Nürnberg“ bei den Bayreuther Wagner-Festspielen via Internet übertragen – für 49 Euro.

An allen Ecken und Enden sucht die Musikbranche nach neuen Einnahmequellen. Sie hat es bitter nötig. Das über Jahrzehnte prächtig funktionierende Geschäftsmodell, Tonträger der von den Plattenfirmen ausgewählten Interpreten zu verkaufen und damit die Kassen klingeln zu lassen, bricht zusammen. In den USA zum Beispiel ist der Verkauf von CDs 2008 im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent eingebrochen.

Zwar steigt in ähnlicher Größenordnung die Zahl der legalen Musikdownloads. Doch im Grunde vergleicht man Äpfel mit Birnen. Werden im Internet vor allem einzelne Songs runter geladen, werden bei CDs meist ganze Alben verkauft. Eine CD entspricht damit rund 10 Internetdownloads. „Man kann mit den reinen Umsatzstückzahlen zufrieden sein“, sagt der Chart-Chef vom „Billboard Magazine“, Silvio Pietroluongo, „aber das Modell ist im wesentlichen auf den Verkauf ganzer Alben gestützt, und der geht weiter zurück.“

Das alte Geschäftsmodell taugt nicht mehr. Das ist seit Jahren bekannt. Vor allem wegen der nicht einzudämmenden Zahl an illegalen Downloads. Für 95 Prozent der Lieder wird im Internet nicht bezahlt, beklagt der Weltverband der Phono-Industrie. Aber erst jetzt, mit dem Rücken zur Wand, entwickelt die Musikkonzerne neue Geschäftsmodelle. Sie übertragen Konzerte im Internet, gegen Gebühr, oft auch werbefinanziert. Sie kooperieren mit einer wachsenden Zahl an Online-Musikdiensten wie Last-FM und erhalten dafür Lizenzgebühren. Sie verkaufen Musik an Handy-Hersteller wie Nokia, die ihre Geräte dafür mit einer umfangreichen Liedersammlung ausstatten dürfen. Sie kümmern sich verstärkt um Live-Auftritte ihrer Künstler. Sie schließen sich zusammen, um eine gemeinsame Onlineplattform für Musikvideos zu gründen. Sie verbessern die Musikqualität der Downloads und des sofort Hörens per Stream, um neue Kunden zu gewinnen.

Erste Erfolge zeigen sich bereits in den Bilanzen. Die konkreten Branchenzahlen will der Bundesverband Musikindustrie erst Ende März vorlegen, so viel aber hat er schon jetzt verraten: 2008 hatte die Branche in Deutschland nur ein „kleineres Umsatzminus im einstelligen Bereich“ zu verkraften. Was vor allem daran liege, dass die Gewinne aus Lizenzen, Konzerten und Merchandising angestiegen sind. Offensichtlich hat die Musikbranche zwar den Kampf gegen illegale Musikdownloads verloren, diese Niederlage aber hat ihr die Augen für neue Formen der Vermarktung geöffnet. Das Requiem für die Musikindustrie jedenfalls muss so schnell nicht gespielt werden. Vielleicht braucht es bald ein ganz neues Stück. Vielleicht eine Ode an das Internet.

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