Der Schatz im Silbersee

Wer über 50 ist, gehört im Internet zur Gruppe der Silversurfer – Noch sind es wenige, bald wird sich jeder um sie reißen

Das Internet hat unser Leben verändert, heißt es. Ein Leben ohne das World Wide Web ist nicht mehr vorstellbar, sagt man. Digitale Informationen begleiten uns stetig, verkündet die Werbung.

Die Realität ist eine andere: Nur wer mit dem Internet groß geworden ist, nutzt es intensiv und selbstverständlich. Die anderen lassen die Finger davon. Zumindest in ihrer Freizeit. 71 Prozent der über 55-Jährigen in Deutschland bewegen sich privat gar nicht oder nur selten im Internet. Das ist ein Ergebnis einer Studie der BAT Stiftung für Gesellschaftsfragen. Bei den 14- bis 29-Jährigen ist es umgekehrt: 71 Prozent nutzen in der Freizeit das Internet mindestens einmal die Woche.

Bisher verändert das Internet demnach weniger den Einzelnen als vielmehr die Gesellschaft, genauer gesagt das Leben der Generationen. Wer dieses Jahr mit dem Studium beginnt, hat ein Leben ohne das Internet nicht gekannt. Die Generation davor hätte die Buchstabenfolge „www“ noch für einen missglückten Tastenanschlag auf der Schreibmaschine gehalten. Das Wissen der Welt stand im Eicheschrank des elterlichen Wohnzimmers. Und für diese Generation hat sich wenig geändert, sieht man davon ab, dass der Eicheschrank nun im eigenen Wohnzimmer steht.

Aber was ist mit jenen 29 Prozent der über 55-Jährigen, die mindestens einmal pro Woche im Netz sind? Sie nutzen das Web, als sei nicht 2009, sondern noch immer die 90er Jahre. Wer älter und regelmäßig im Internet ist, schreibt Mails oder surft allgemeine Webseiten an. Das, was das neue Internet ausmacht und gemeinhin als Web 2.0 bezeichnet wird, kennt er nur vom Hörensagen – wenn überhaupt.

Die ARD/ZDF-Onlinestudie ist die größte regelmäßige Untersuchung zum Internetverhalten der Deutschen und sie sagt folgendes: Nur ein Prozent der über 60-Jährigen regelmäßigen Internet-Nutzer hat sich Blogs wenigstens einmal angesehen; nur ein Prozent hält sich zumindest ab und zu in virtuellen Spiele-Welten wie Second Life auf; nur ein Prozent ist in Communities wie Facebook oder MeinVZ immerhin halbwegs aktiv; nur ein Prozent nutzt Fotosammlungen wie von Flickr; nur ein Prozent pflegt Lesezeichen-Sammlungen etwa bei Delicious oder Mister Wong. Lediglich Videoportale wie beispielsweise Youtube liegen mit 9 Prozent jenseits der Nichtbeachtungsgrenze.

„Seit diesem Monat sind wir profitabel“, sagt Gerald Unden. Er ist Geschäftsführer von fiftiesnet.de, einer Internet-Plattform, die es nach den Zahlen von oben eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn die Zielgruppe für das Angebot nennt man hier euphemistisch „Bestager“ oder „Silverager“. Dabei ist der Portalname fiftiesnet der einzige Anglizismus auf der Webseite. Chatroom heißt hier Erzählcafe, flackernde Werbung ist nicht vorhanden, der Anmeldeprozess ein Kinderspiel. Die Themen, auf die man klicken und über die man diskutieren kann, heißen „Meine Zukunft“, „Gesundheit“, „Computer“ und „Freizeit“.

Noch sind solche Angebote Exoten im Netz. Noch sind die Mitgliedszahlen der Communities dort überschaubar. Doch das Potential ist groß. 40 Prozent der Deutschen sind 50 und älter. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese das Internet mit allen Facetten nutzen werden. Denn die Jungen werden älter, die Bedienung der Computer einfacher; vor allem aber passt das Internet eigentlich viel besser zu den Alten als zu den Jungen. Wer jung ist, geht nach draußen, als Kind zum Spielen, später für Reisen in ferne Länder. Die Alten bleiben zu Hause, sitzen am Küchentisch, liegen im Bett – auf dem Schoß der Laptop. Das Internet ist das beste Mittel gegen die Isolation der Immobilität. In einigen Jahren wird man den Begriff „Internet“ nicht mehr als erstes mit „Jugend“ assoziieren. Es wird das Kommunikationsmittel der Alten sein. Es hält sie am Leben, weil es sie im Leben hält.

Die Voraussetzungen für ein solches Leben werden gerade geschaffen: durch die schnelle Datenverbindung. 70 Prozent der Internetnutzer in Deutschland verfügen bereits über einen Breitband-DSL-Internetzugang. Bei den über 60-Jährigen liegt die Verbreitung mit 54 Prozent nicht wesentlich darunter. Unterscheidet man zwischen unterschiedlichen DSL-Leitungen, liegen die Alten bei der schnellen 6-Mbit-Variante mit 27 Prozent Durchdringung sogar vorne. Über alle Altergruppen haben nur 23 Prozent einen solchen Anschluss. „Meines Wissens ist fiftiesnet die einzige nennenswerte Community, die aktuell Geld verdient“, sagt Geschäftsführer Unden. Kein Wunder, denn die Statistik sagt auch, dass die Älteren in Deutschland mehr Geld zum Ausgeben haben, als die Jüngeren. Mit gezielter Werbung lässt sich offenbar profitabel arbeiten. Gut möglich, dass die Zeit der Silversurfer gerade beginnt.

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