Noch immer wird Wissen vermittelt als hätten wir eben erst den Buchdruck erfunden

Wer seit 1990 geboren wurde, der hat eine Welt ohne Internet nie kennen gelernt. Das World Wide Web ist so alt wie ein Mensch zum Erwachsen werden braucht, und vor allem für die Jüngeren ist es selbstverständlicher Bestandteil ihres täglichen Lebens geworden. Eine Studie der US-amerikanischen Universität von Wisconsin-Madison und der Bildungsplattform Educause unter amerikanischen Studenten bestätigt die Erwartung: 99 Prozent der Studenten besitzen einen Computer; 99,9 Prozent schreiben, lesen und verschicken regelmäßig E-Mails; 84 Prozent nutzen Instant Messaging wie Skype oder ICQ; 82 Prozent sind in sozialen Netzwerken wie StudiVZ oder Facebook aktiv. 18 Stunden ist ein Student im Durchschnitt pro Woche online.

Wie aber verändert der unbeschränkte Zugang zu Information und Kommunikation das Lernen selbst? Passen die Formen der Bildung in Kindergarten, Schule und Universität noch zu den neuen Möglichkeiten der Wissensvermittlung?

Als es noch keine Bücher gab, waren die Alten in einer Gesellschaft die Träger von Erfahrung und Geschichte. Sie gaben weiter, was sie gehört, gesehen, erlebt hatten. Sie wurden dafür geachtet, verehrt, manchmal auch gefürchtet. Mit der Erfindung von Schrift und Papier wurden die Alten unwichtiger. Nun konnte Wissen konserviert werden. Über Generationen. Der Mensch als „Speichermedium“ verlor an Bedeutung. Es begann die Macht der Schreiber. Wer bestimmen konnte, was niedergeschrieben wird, der hatte nicht nur Zugang zu diesem Wissen, er regulierte gleichzeitig, welches Wissen verbreitet wurde und noch wichtiger: welches nicht.

Nicht jeder durfte deshalb Bücher schreiben oder drucken. Staat und Kirche waren lange Zeit Monopolisten. Denn die Mächtigen hatten Angst, dass Wissen in der Hand vieler ihnen die Macht raubt. Wenn die Erde keine Scheibe, sondern eine Kugel ist, wo ist dann der Himmel? Wenn der Mensch einen eigenen Willen hat, warum soll er dann nicht auch für seine Rechte kämpfen dürfen? Wenn die Bürger jenseits der eigenen Landesgrenze ohne Unterdrückung leben können, warum dürfen die Menschen im eigenen Land es nicht?

Die Kämpfe um die freie Übertragung von Information sind weltweit gesehen noch nicht beendet. Dort wo das Informationsmonopol gefallen ist, haben die ehemals Mächtigen ihre Macht verloren. Das Erbe sind Freiheitsrechte und Demokratie.

Heute kommen weltweit 3000 neue Bücher auf den Markt – täglich. Durch Computer und Internet aber sind Bücher nicht mehr die einzigen Wissensspeicher. Die Menge an digitaler Information ist mittlerweile drei Millionen mal so groß wie alle Information, die je in Büchern geschrieben wurden (mehr dazu hier).

Dabei ist es weniger der zunehmende Wissenswachstum, der uns verändert. Es sind vielmehr die neuen Möglichkeiten mit diesem Wissen umzugehen. Früher lag das Wissen zwischen zwei Buchdeckeln und wurde entweder lesend aufgenommen oder von einem Dozenten vorgetragen. Wissensvermittlung war demnach an einen Ort und meist auch eine vorgegebene Zeit gebunden. Sie war strukturiert und geplant. Ohne Disziplin ging gar nichts. So funktioniert die Schul- und Hochschulbildung im Grunde immer noch. Dabei ist der Zugang zu Wissen heute sowohl örtlich als auch zeitlich unbeschränkt. Jeder in den reichen Ländern der Erde kann sich heute Wissen aneignen, wann und wo er will. In Häppchen, in ganzen Tutorien, was gerade gebraucht wird und wie viel Zeit wir dafür bereit sind zu geben.

Wie aber passen diese neuen Möglichkeiten zu den alten Lehrformen? Oder anders gefragt: Wie wird der technische Fortschritt unser Lernen verändern? „Wir fahren in die Zukunft, indem wir in den Rückspiegel schauen“, hat der kanadische Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan einmal gesagt. Veränderung ergibt sich also immer mit dem Wissen über die Vergangenheit. Somit nutzen wir den technischen Fortschritt zunächst, um die alte Arbeit zu erledigen. Oft schneller und effizienter; aber eben zunächst nicht grundsätzlich anders.

Dass wir mit geänderten Möglichkeiten Arbeit auch ganz anders anpacken können, dafür braucht es meist eine ganze Weile. Mit anderen Worten: Die neuen Formen des Lernens entwickeln sich gerade erst. Fest steht schon jetzt: Das Internet ist nicht mehr nur ein Buch ohne Buchdeckel, durch das Inhalte konsumiert werden. Zunehmend entwickelt sich das World Wide Web zur Plattform, auf der Inhalte erstellt, geteilt, neu zusammengesetzt und weitergegeben werden. Das Internet bildet den Wissensprozess damit viel besser ab als ein Buch, das, einmal geschrieben, keine Veränderung mehr zulässt. Denn Wissen ist nur so lange wahr, bis es widerlegt wird. Das Bessere als Feind des Guten. Was aber das Bessere ist, sieht man erst, wenn es in der Welt ist – beim Blick in den Rückspiegel eben.

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