Nur das Fernsehen bleibt zu hause

Zeitenwende für den Computer: Warum sich fast alle Formen der Kommunikation auf dem Handy vereinen werden

Die Etappen des Misserfolges lassen sich in Fußballmeisterschaften messen. Spätestens zur WM 2006 in Deutschland sollte mobiles Fernsehen an den Start gehen. So hatten es die Macher prognostiziert. Handy-TV galt als Geschäft der Zukunft. Doch 2006 blieb es beim Versuch. Zwei Jahre später das gleiche Spiel: Zur Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich versprach man den Durchbruch. Es wurde wieder nichts. Die Gründe: Unausgereifte Technik, wenige Interessenten (trotz Fußball). Anfang diesen Monats dann das endgültige Aus: Das Konsortium Mobile 3.0 gibt die Lizenz zum Aufbau von Handy-TV an die Landesmedienanstalten zurück.

Handy-TV ist vorerst tot – zumindest das speziell für Handys entwickelte Format DVB-H. Neben technischen Problemen hat dies vor allem einen Grund: Fernsehen und Mobilität passen nur bedingt zusammen. Einen Spielfilm oder eine Dokumentation schaut man am liebsten zu hause auf dem Sofa, vielleicht noch im Zug; aber eben nicht in der Kneipe, nicht beim Warten auf den Bus oder auf dem Pausenhof. Viele Fernsehformate brauchen eine entspannte Umgebung und große Bildschirme. Fernsehen ist Freizeitgestaltung, gern auch im Jogging-Anzug.

Handy und Fernsehen müssen also erst noch zusammen finden und zwar in Form neuer Inhalte. Das Fernsehen wird sich den Bedürfnissen anpassen. Wie andere Mediengattungen auch. Denn eigentlich ist das Handy für fast jede Art der Kommunikation das ideale Medium: Man hat es immer bei sich, es überträgt Informationen innerhalb von Sekunden, es kann Töne, Bilder, Bewegbilder. Durch das Handy verschmilzt zunehmend, was früher getrennt war: Man telefonierte über das Festnetz, schrieb Briefe, las Zeitung, hörte Radio, schaute Fern – das Mobiltelefon aber bringt alle Formen in ein Gerät, one size fits all sozusagen.

Wer wissen will, wohin die Reise geht, sollte zwei Fragen strikt trennen: Was ist technisch möglich? Was ist inhaltlich gewünscht? Häufig nämlich werden technische Barrieren mit gewollter Gewohnheit verwechselt. Wir alle haben noch vor fünf Jahren unsere E-Mails nicht deswegen ausschließlich im Büro oder zu Hause am Schreibtisch gelesen, weil es die ideale Zeit oder der beste Ort war. Es fehlte an Alternativen. Weil es aber den Wunsch gibt, selbst darüber zu entscheiden, wann und wo wir kommunizieren, beinhalten heute immer mehr Handys eine komfortable E-Mail-Funktion. Wer also in die Zukunft blicken will, lässt besser alle heutigen technischen Beschränkungen beiseite. Weil was der Mensch sich materiell wünscht, er früher oder später meist auch erreicht.

Was aber geschieht bei der Vereinigung verschiedener Medienformate mit den Medienformaten selbst? Manche werden im wesentlichen bleiben wie sie sind: das Radio zum Beispiel. Denn Radio hört in der Regel nur, wer lediglich „die Ohren frei hat“, wer etwa Auto fährt oder kocht. Technischer Fortschritt macht Radio hören zwar komfortabler (zum Beispiel durch digitales Radio), ändert aber nicht grundsätzlich seine Nutzung. Anders verhält es sich mit Medieninhalten, die vorwiegend über das Auge aufgenommen werden. Hier verschmelzen die Formate: Zeitungen und Fernsehen zum Beispiel wandern beide ins Internet. Aber nicht nur das: Auch die Trennung zwischen sozialen Netzwerken wie etwa Facebook oder StudiVZ auf der einen und Nachrichtenlieferanten wie Spiegel online, zoomer.de oder Südkurier.de auf der anderen Seite wird sich vermutlich auflösen. Noch sind dies zwei Welten, historisch bedingt. Auf News-Seiten legen Redaktionen quasi hoheitlich fest, welches Ereignis eine Nachricht wert ist und welches nicht. In sozialen Netzwerken machen das die User selbst. Was von Interesse ist, wird mitgeteilt und von anderen gelesen. Gemeinsam ist beiden, dass es um Nachrichten geht.

Der Unterschied liegt in der Qualität und Quantität. In soziale Netzwerken interessieren sich für die Nachricht eines Users (zum Beispiel wo dieser seinen letzten Urlaub verbracht hat) meist nur wenige; Nachrichten, etwa aus dem Lokalteil einer Zeitung, bekommen von mehr Menschen Aufmerksamkeit; die Zahl der Interessenten wächst bei nationalen und weltweiten News. Aber: Eine grundsätzliche Trennung zwischen Community- und Nachrichten-Welten gibt es eben nicht. Immer geht es um Interesse, Information, Neuigkeit.

Für die Zukunft heißt dies: Soziale Netzwerke und Nachrichten-Portale verschmelzen. Wo man sich mit Freunden austauscht, steht klickbereit das lokale Kinoprogramm. Daneben sind die regionalen und überregionalen Nachrichten zu lesen. Man wird wissen, welcher Freund sich für welche Nachricht interessiert, wer was gelesen, bewertet oder kommentiert hat. Und diese Informationen werden wiederum Auslöser für weitere Diskussionen sein. Die Nachrichten-Verschmelzung hat erst begonnen. Fest steht schon jetzt, wo sie vor allem stattfinden wird, nämlich auf dem Handy. Bei Facebook zum Beispiel explodieren gerade die Zugriffe von mobilen Geräten auf das Social Network: Nach Unternehmensangaben ist die Zahl der User, welche den mobilen Zugang nutzen, von 5 Millionen Anfang des Jahres auf 15 Millionen gewachsen.

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