Die Angst vor der Raubkopie

Kommt das E-Book oder kommt es nicht? Über die Zukunft des digitalen Lesens

Dem ersten Augenschein nach ist der Buchdruck ein Anachronismus. Autoren tippen Romane in schicke Notebooks, versenden die digitalen Werke an ihre Verleger; diese stellen mit aufwändiger und teurer Computertechnik Druckplatten her – und am Ende formt Druckerschwärze Farbkontraste auf verarbeitetes Holz. Kompliziertes Computerwissen steckt hinter (oder genauer gesagt vor) einem Endprodukt, das kaum anders aussieht als im 15. Jahrhundert als Johannes Gutenberg den Buchdruck erfand. Absurd, eigentlich.

Warum es den Buchdruck noch immer gibt, hat einen trivialen und einen weniger trivialen Grund. Der triviale: Das Buch hat gegenüber einem digitalen Text unübersehbare Vorteile. Ein Buch fasst sich gut an. Es braucht keinen Strom. Fällt es auf den Boden, muss man vor dem Weiterlesen höchstens Schmutz wegwischen. Beim Lesen ist immer ein Gefühl vorhanden, wie viel man schon gelesen hat, wie viel noch vor einem liegt. Man kann einfach Notizen anfügen, Wörter unterstreichen. Jedes Buch ist in gewisser Weise einzigartig. Ist es ein Geschenk, steht auf einer der ersten Seiten meist ein persönlicher Text. Und das wichtigste: Schwarze Buchstaben auf weißem Papier lesen sich einfach gut.

Die Liste der Nachteile des Buchs gegenüber digitalisiertem Text ist kürzer, dennoch gewichtig. Wer mit mehreren Büchern verreisen will, spürt die Last. Beim Umzug kann die Last zur Qual werden. Der Buchdruck ist relativ unökologisch. Es braucht Holz, Druckerschwärze und am Ende muss das Werk auch noch zum Leser transportiert werden. Und: Bedrucktes Papier lässt sich nicht aktualisieren, digitale Daten schon. Außerdem lassen sie sich wesentlich kostengünstiger verbreiten. Bildung als Grundrecht ist so einfacher zu verwirklichen.

Nach Abwägung von Vor- und Nachteilen hat der Konsument bisher ein eindeutiges Votum gefällt: Das Buch à la Gutenberg ist der klare Favorit. Nie wurden mehr Bücher gedruckt, gekauft (und vielleicht auch gelesen) als heute.

Dem Buch in digitalisierter Form wurde dagegen schon mehrfach eine große Zukunft prognostiziert. Doch die Zukunft lässt auf sich warten. 1999 kam das erste Lesegerät für E-Books auf den Markt, das Rocket eBook. Medienberichte erschienen in denen den traditionellen Büchern der Todesstoß prophezeit wurde. Doch die Nachfrage kümmerte sich nicht um Prognosen. Der Umsatz mit Büchern stieg, das Rocket eBook wurde mangels Nachfrage bald wieder eingestellt. Weitere Geräte-Typen folgten, die Namen kennt heute keiner mehr.

Seit einigen Monaten wird wieder über elektronische Bücher gesprochen. Das ist der Verdienst von Amazon. Das riesige Handelshaus hat im November vergangenen Jahres in den USA ein Lesegerät mit dem Namen Kindle auf den Markt gebracht. Es speichert bis zu 200 Bücher und greift drahtlos auf den Online-Shop von Amazon zu. 90 000 Bücher kann man dort kaufen. Was sich im Vergleich zu den ersten Geräten wesentlich verbessert hat: die Lesequalität. Die Kontraste des Bildschirms sind deutlicher. Außerdem: Die Akkus halten länger. Das Kindle soll angeblich erst nach einer Woche Dauerlesen Strom verlangen. Für den deutschen Markt soll Kindle unbestätigten Berichten zufolge auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt werden.

Und das Kindle ist nicht allein. Laut der Tageszeitung „Die Welt“ will Sony ebenfalls zur Buchmesse sein neues Lesegerät, das „Reader Digital Book“, vorstellen. Es könnte ein Zweikampf zischen Amazon und Sony werden. Allerdings: Bisher gibt es für deutsche Texte allenfalls digitale Buchdeckel. Von Inhalt keine Spur. Wenn überhaupt, werden bisher Fachbücher in digitaler Form angeboten. Renommierte, aktuelle Romane sucht man vergebens. Und damit zum weniger trivialen Grund, warum das E-Book bisher kein Erfolg ist: Die Verleger wollen gar nicht. Die Druckerschwärze ist für sie bisher eine Art Lebensversicherung. Den Niedergang der Musikindustrie vor Augen wehren sie sich gegen die Digitalisierung ihrer Bücher. Weil Digitalisierung Reproduktion bedeutet. Ein gedrucktes Buch kann man lediglich Seite für Seite kopieren oder einscannen. Beides ist mühselig. Deshalb funktioniert das Geschäftsmodell der Verlage noch. Weil Raubkopien eine Seltenheit sind.

Auf der anderen Seite: Verlage wittern mit E-Books auch ein Geschäft. Bei Amazon in den USA machen bereits sechs Prozent des Absatzes E-Book-Verkäufe aus. Tendenz steigend. „Die Welt“ vermutet, dass Sony zur Buchmesse Verlage präsentieren wird, die ihre Bücher für das Gerät anbieten werden.

E-Book-Experte Professor Ulrich Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig, glaubt, dass dem Verlagen nichts anderes übrig bleiben wird, als in Zukunft stärker auf E-Books zu setzen. „Wenn die Leser andere Wege zum Text suchen und finden, müssen die Verlage da einfach mitgehen“, so Schneider jüngst in einem Gespräch im Sender Deutschlandradio Kultur. Ansonsten bestünde die Gefahr, dass die Verlage überflüssig würden. Denn das Publizieren ist zumindest theoretisch wesentlich einfacher geworden: Der Autor schreibt einen Text und veröffentlicht ihn im Internet – fertig. Für Schneider hat das Folgen: „Verlage sind Filter in unserer Kultur, sind Garantien für eine bestimmte Art von Qualität, insofern wäre es sehr schade, wenn Verlage in Gefahr gerieten.“

Auf der anderen Seite sieht Schneider im E-Book die Chance auf Bildung einer breiteren Bevölkerungsschicht: „Ich finde das es die Schwelle zum Bücherlesen, wie es sie beim Betreten einer Bibliothek, einer Buchhandlung, ja immer noch impliziert, weiter senkt“, so der Bibliotheksdirekter im Deutschlandradio Kultur. Am wichtigsten aber sei, dass das elektronische Lesen, den Kern dieser Kultur gar nicht berühre: „Die Attraktivität von Texten und dass wir es lieben, uns in alternativen Welten zu verlieren und uns durch Texte entführen lassen, das ist ja dadurch nicht in Gefahr – und vielleicht wird sogar stärker angefacht, diese Lust am Lesen.“

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