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Der technische Fortschritt beim Bewegbild ändert die Mediennutzung so schnell wie noch nie – und die Gesellschaft gleich mit

Zum Frühstück läuft im Fernseher das Morgenmagazin; vor dem Verlassen des Hauses wird auf dem Computer per Animationsfilm das Regenradar für Stadt und Tag abgerufen; beim Warten auf die Bahn informieren Bewegbildern an der Wand der U-Bahn-Station über die aktuelle Nachrichtenlage; im Büro angekommen, bringt der Video-Podcast des Finanzexperten aus Übersee das Börsengeschehen der vergangenen zehn Stunden auf den Punkt; danach folgt eine Videogespräch per Skype mit dem Chef. – Nie war die Gesellschaft stärker von Bewegbildern umgeben als heute.

Vor 100 Jahren gingen die Menschen erstmals ins Kino, Jahrzehnte danach schrumpfte sich das Kino ins Wohnzimmer. Und es dauerte erneut viele Jahre, bis das Hobby-Filmen durch Super-8 möglich wurde.

Änderte sich früher die Mediennutzung im Abstand einer Generation, krempelt der technische Fortschritt mittlerweile in wenigen Jahren das Medienverhalten um. Etwa in dem Sinne, dass die Betrachtung von Bewegbildern heute nicht mehr ortsgebunden (Kino, Wohnzimmer) ist.

Die Unternehmensberatung Forrester Research will herausgefunden haben, dass bereits 8 Prozent aller Video-Filme auf portablen Geräten wie Handys oder tragbaren Abspielgeräten geschaut werden. In fünf Jahren sollen es 15 Prozent sein. Außerdem: Aktuell werden 10 Prozent aller Videos über das Internet betrachtet. Auch diese Zahl wird laut Forrester bis zum Jahr 2013 steil ansteigen, auf 35 Prozent.

Aber elektronisch bewegte Bilder sind mittlerweile nicht nur allgegenwärtig. Weil Bewegbilder einfach zu produzieren und nicht weniger schwer zu verbreiten sind, wird der Konsument zum Produzenten: 70 000 Videos landen täglich neu auf dem Videoportal Youtube. Kein Flecken der Erde bleibt so verborgen, kaum eine kulturelle Eigenart für die Masse unentdecktbar.

Kathrin Passig und Holm Friebe beschäftigen sich – unter anderem als Buchautoren – mit dem gesellschaftlichen Wandel durch Computer und Internet. Sie haben den Einfluss des Bewegbildes jüngst in einer Kolumne der Berliner Zeitung anschaulich beschrieben, nämlich anhand der Veränderung der Tanzstile durch die Einführung bewegter Bilder. Passig und Holm beschreiben, wie sich der Bewegungsstil der Menschen im Laufe der Zeit ändert und anpasst. Auch die Bewegung im öffentlichen Raum unterliege dem kulturellen Wandel. „Zu sehr schreibt sich die Sozialisation ins motorische Programm ein, zu wenig wissen wir über die Alltagsmotorik vergangener Epochen“, heißt es in der Kolumne.

Am anschaulichsten zeigt sich dies in der Musik. Ganz früher wurden die Tänze der Saison bei Hof einstudiert und vom Volk imitiert worden. Viel später, aber noch vor der Internetzeit, haben sich neue Stile dann über Musikvideos verbreitet, etwa durch Michael Jacksons „Thriller“. Heute braucht es die hohe Instanz von Staat oder Künstler nicht mehr, damit sich Veränderungen etablieren. Youtube reicht. Jumpstyle ist so ein Beispiel – eine absichtlich platte Techno-Tanz-Variante. Der Holländer Patrick Jumpen hat die stampfenden Breakdance-Bewegungen über You-Tube bekannt gemacht. Mittlerweile hüpft Europas Jugend so durch die Discotheken. Von diesen Beispielen gibt es Dutzende. Das Bewegbild als Trendsetter. Doch es ist eben nicht mehr das Fernsehen, das die Richtung bestimmt. Nach einer Studie des Zentralverbandes der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) ändert sich die Mediennutzung der jüngeren Generation massiv. Danach stehen bei den 12- bis 19-Jährigen Computer, Internet und MP3-Player auf den Plätzen eins bis drei. Erst auf Platz vier folgt das Fernsehen.

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