Wie reich sind wir?
Veröffentlicht: 30. Dezember 2009 Einsortiert unter: Wissen | Tags: alternativer Wohlfahrtsindex, Beyond GDP, BIP, Bruttoinlandsprodukt, Hans Diefenbacher, Hans Wolfgang Brachinger, Roland Zieschank, Stiglitz-Kommission, Wirtschaftsdienst, Wohlfahrt, Wohlstand 2 Kommentare »Eine Frau reduziert ihre Arbeitszeit, um sich stärker in einem Verein für psychisch Kranke engagieren zu können. Ein Staat versucht seine überbordenden Schulden in den Griff zu bekommen und beschließt einen Sparhaushalt. Bei einem Sturm bleibt die Katastrophe aus, weil Dank verbesserter Bautechnik die Dämme nicht brechen.
Was haben die drei Beispiele gemein? Sie sind schädlich für unseren Wohlstand. Zumindest dann, wenn man Wohlstand misst, wie man ihn seit Jahrzehnten misst: mittels des Bruttoinlandsprodukts, kurz BIP.
Das BIP zeigt den Wert der Waren und Dienstleistungen an, die in einem bestimmten Zeitraum erstellt wurden. Mitte Januar wird das Statistische Bundesamt das Ergebnis für 2009 vorlegen. Aber was wissen wir dann? Was sagt eine Zahl aus, die ehrenamtliches Engagement nicht erfasst? Die bei vernünftiger staatlicher Ausgabenpolitik absackt? Die nach einer Naturkatastrophe steigt, obwohl durch Wiederaufbauleistungen nur wieder der alte Status Quo hergestellt wird?
„Das Bruttoinlandsprodukt ist schwer unter Beschuss geraten“, schreibt der Wirtschaftsprofessor Hans Wolfgang Brachinger in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Wirtschaftsdienst“ und wundert sich: „Haben wir nicht alle im Grundstudium gelernt, dass das BIP zwar der wichtigste ökonomische Indikator ist, dass er aber gleichzeitig kein besonders guter Indikator für den Wohlstand einer Gesellschaft ist?“ Schließlich beschränke das Bruttoinlandsprodukt den Blickwinkel auf das Ausmaß der Marktaktivitäten und erfasse nur monetäre Größen. „Es fehlt der ganze informelle Sektor, die Freiwilligenarbeit, die Schattenwirtschaft“, so Brachinger, der an der Universität Fribourg in der Schweiz das Forschungszentrum für Wirtschaftsstatistik leitet. Das Bruttoinlandsprodukt sage wenig bis gar nichts über den Wohlstand der Durchschnittsbürger eines Landes.
Dabei landet das BIP ständig in den Schlagzeilen, ob es steigt oder fällt. Vielleicht dient gerade uns Deutschen diese Zahl als Projektionsfläche, als Mythos. Als Mythos vom stetigen Aufstieg nachdem das Land in Trümmern lag.
Vielleicht braucht es zur Erklärung aber auch gar nicht das Trauma des Zweiten Weltkriegs. Weil es in der Natur des Menschen liegt weiterzukommen, sich zu verbessern. Wer eine Spülmaschine hat, kann sich nicht mehr vorstellen, täglich Geschirr zu spülen. Wer es gewohnt ist, im Luxusauto unterwegs zu sein, den stören bei einer Kleinwagen-Fahrt die Motorengeräusche. Wer in den eigenen vier Wänden wohnt, will nie mehr Mieter sein. Der Rückschritt ist dem Menschen verhasst. Er kämpft dagegen an. Auch mit dem Mittel der Illusion. Ein von Ausnahmen abgesehen stetig steigendes Bruttoinlandsprodukt wiegt uns in der vermeintlichen Sicherheit, es gehe mit uns stetig bergauf.
Der Abschied von der Illusion hat begonnen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat ein globales Projekt zur Messung „gesellschaftlichen Fortschritts“ gestartet, das „mittlerweile zum Referenzpunkt für alle Aktivitäten geworden ist, die nach einer Alternative zum Bruttoinlandsprodukt suchen“, so Brachinger. Die Europäische Kommission hat darüber hinaus die Initiative „Beyond GDP“ („Jenseits des BIP“) gestartet und sucht neue Indikatoren zur Wohlstandsmessung. Und der französische Präsident Nicolas Sarkozy berief eine mit fünf Nobelpreisträgern besetzte Kommission ein (Stiglitz-Kommission), um in Zukunft die wirtschaftliche Leistung und den sozialen Fortschritt umfassend bestimmen zu können.
Deren Fazit: Das Bruttoinlandsprodukt sollte nicht abgeschafft, aber um zusätzliche Informationen ergänzt werden. Ziel sei es, „nicht-materielle Aspekte der Wohlfahrt statistisch sichtbar zu machen“. Dafür sollten zum einen die Wirtschaftskennzahlen verbessert und diese zum zweiten um Indikatoren wie Lebensqualität und Umweltaspekte erweitert werden. So empfiehlt die Stiglitz-Kommission aufzuschlüsseln, wie sich die Einkommensverhältnisse verschiedener sozialer Gruppen verändern, da sich Wirtschaftswachstum ganz unterschiedlich auf die Gesellschaft verteilen könne. Desweiteren sollten Indikatoren wie Lebensdauer, Gesundheitszustand, Schulabschlussquoten, Umfang und Entwicklung von Hausarbeit, Ehrenamt und Freizeit, aber auch Belastungen der Menschen durch Wasser- und Luftverschmutzung, Lärm und schädliche Substanzen sowie die Zahl der Unfälle erfasst werden.
Aber ist denn das alles überhaupt messbar? Und selbst wenn es messbar ist: Wie vergleicht man derart unterschiedliche Lebensaspekte? Indem man alle Einflussgrößen monetär bewertet! Hans Diefenbacher und Roland Zieschank haben dies versucht und einen „Nationalen Wohlfahrtsindex“ erstellt. Dieser liefert ein brisantes Ergebnis: Demnach ist seit dem Jahr 2000 der Wohlstand in Deutschland fast kontinuierlich gesunken. Gründe seien die zunehmende Ungleichheit in der Einkommensverteilung und „negative externe Effekte im Umweltbereich“. Die im gleichen Zeitraum zu beobachtende Zunahme der Hausarbeit und ehrenamtlichen Tätigkeit hätten die negativen Effekte nicht ausgleichen können, so ihr Fazit.
Der Index allerdings ist mit Vorsicht zu genießen: „Die Verlässlichkeit der Datengrundlage ist für die einzelnen Variablen noch sehr unterschiedlich“, schreiben die Wissenschaftler im „Wirtschaftsdienst“. Während einige Werte auf leicht verfügbaren Daten aus offiziellen Statistiken beruhten, handele es sich bei anderen um Schätzwerte, die bei der Weiterentwicklung des Index verbessert werden müssten.
Es geht uns also zunehmend schlechter? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Denn neben dem Problem, die unterschiedlichen Einflussgrößen richtig zu erfassen und zu bewerten, liegen einem solchen Index auch subjektive Einschätzungen zu Grunde. Wer etwa einen Indikator für „sozialen Fortschritt“ möchte, der muss zunächst einmal sozialen Fortschritt definieren. Jeder kann darunter etwas anderes verstehen.
„Die neue Debatte hat zu einer großen Vielfalt unterschiedlicher Ansätze geführt, ohne dass bislang eine gewisse Einigung auf einen bestimmten alternativen Wohlfahrtsindex erfolgt ist“, schreiben Diefenbacher und Zieschank. Damit wächst aber auch die Gefahr der Manipulation. „Regierungen waren schon immer daran interessiert, dass etwa die Arbeitslosenzahl und die Inflationsraten möglichst niedrig sind“, meint Brachinger, „dieses Spannungsverhältnis wird um zusätzliche Dimensionen erweitert werden, wenn neue, komplexere Wohlstandsmaße etabliert werden, die auch subjektive Komponenten umfassen.“
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Dieser Text erscheint auch im Südkurier.
Linktipps 24. November 2009
Veröffentlicht: 25. November 2009 Einsortiert unter: Linktipps | Tags: Bürgerkrieg, Kinderarbeit, Klimawandel, Wohlstand Schreibe einen Kommentar »- Amerikanische Wissenschaftler befürchten eine Zunahme bewaffneter Konflikte und Bürgerkriege in Afrika als Folge des weltweiten Klimawandels.
–> Handelsblatt - Gegen Kinderarbeit helfen keine Boykotte, im Gegenteil: Sie verschärfen das Problem, so das Credo von Patrick Bernau in der FAZ.
–>FAZ
(Andere Worte, gleiches Credo bei diesem Pixelökonom-Post) - Wie wird ein Land reich? Warum bleiben andere arm? Es sind die Anreize, stupid!
–> Esquire
Ohne Reichtum kein Wohlstand
Veröffentlicht: 9. September 2009 Einsortiert unter: Ökonomie am Rande | Tags: Die Linken, Konsum, Reichtum, Sparen, Sparquote, Wohlstand Schreibe einen Kommentar »Opposition müsste man sein. Dann könnte man fordern, wünschen, kritisieren. Alles wüsste man besser. Auf jedes Problem hätte man einfache Antworten. Es wären nicht immer Lösungen, dafür Antworten, die viele hören wollten.
Wie der aktuelle Wahlkampf zeigt, hat keine Partei einfachere Antworten als die Linken: Vom Wahlplakat lächelt milde Gregor Gysi aufs Volk, dazu der Slogan “Reichtum für alle“; zwei Straßenlaternen weiter die gleiche Partei, ein anderer Spruch: “Reichtum besteuern“. Ganz offensichtlich glaubt bei den Linken keiner, dass ihre Forderung (“Reichtum für alle”) jemals Realität wird, sonst würde man kaum gleichzeitig “versprechen”, dem Wahlvolk diesen Reichtum gleich wieder zu nehmen (“Reichtum besteuern”). Man weiß halt, es sind nur Parolen — Parolen von haltlosen Versprechen, Parolen von Neid.
Es spricht für die Intelligenz der Mehrheit unserer Gesellschaft, dass es überhaupt noch Reiche gibt. Denn die Reichen sind in der Minderheit. In einer Demokratie könnte sich die Mehrheit eine Regierung wählen, die dafür sorgt, dass den Reichen ihr Reichtum genommen wird. Der könnte dann auf die vielen weniger Reichen verteilt werden. Für manche ist das nur fair. Für sie herrscht erst dann Gerechtigkeit, wenn alle das Gleiche haben. Was aber würde passieren, wenn den Reichen ihr Vermögen genommen würde? Wenn es derart besteuert würde, dass am Ende vom Reichtum nichts bliebe? Wie würde dies — abgesehen davon, dass die Reichen nicht mehr reich wären — die Gesellschaft verändern?
Die Folgen wären gravierend. Weil dann die Menschen nicht mehr danach streben würden, Vermögen anzuhäufen. Es würde sich ja nicht mehr lohnen. Dies wäre das Ende unseres Wohlstands. Denn der Mensch hat grundsätzlich zwei Möglichkeiten, sein Einkommen zu verwenden: Er kann es unmittelbar ausgeben (konsumieren) oder aufheben (sparen). Nur letzteres aber schafft den Wohlstand der Zukunft. Denn Sparen ist die Kehrseite der Investition: Das Geld, das der Bank gegeben wird, verleiht diese an andere, die damit investieren. Einer baut sich ein Eigenheim, ein anderer erweitert seine Firma, der dritte steckt es in seine Ausbildung. Alle drei verzichten auf gegenwärtigen Konsum, um in der Zukunft ein besseres Leben führen zu können (Wohnen in den eigenen vier Wänden, höhere Firmengewinne, lukrativerer Job).
Aus der Summe vieler individueller Entscheidungen ergibt sich so die Sparquote eines Landes. Sie zeigt an, wie wichtig einer Gesellschaft der augenblickliche Konsum ist, im Vergleich zu einem guten Leben in der Zukunft. Ein Land mit niedriger Sparquote ist ein Land ohne Vertrauen — ohne Vertrauen, dass dem heutigen Verzicht die spätere Belohnung folgt.
Fehlendes Vertrauen hat auch die aktuelle Wirtschaftskrise ausgelöst. Genauer gesagt waren es zunächst vor allem die Banken, die sich nicht mehr über den Weg trauten. Sie liehen sich untereinander kein Geld mehr. Nicht mal für ein paar Stunden. Weil sie befürchteten, es am nächsten Tag nicht mehr wiederzusehen. Obwohl der Zinssatz am so genannten Interbankenmarkt Anfang des Jahres stark angestiegen war, parkten viele europäische Geldinstitute ihr Vermögen lieber im sicheren Hafen der Europäischen Zentralbank. 200 bis 300 Milliarden Euro lagerten sie dort zu niedrigen Zinssätzen Nacht für Nacht ein. Es dauerte mehrere Monate bis das Vertrauen zurückkehrte. Im Frühjahr dann war der Betrag auf 20 Milliarden Euro gesunken.
Wie den Banken, so geht es allen Beteiligten eines Wirtschaftssystems: Erst wenn das Vertrauen zurück kommt, kann der Aufschwung einsetzen. Wer sich seines Jobs sicher ist, nimmt einen Kleinkredit auf, um das marode Ziegeldach seines Eigenheimes erneuern zu lassen. Wer eine Perspektive sieht, beginnt ein Ingenieursstudium. Wer einen wachsenden Markt erwartet, wird in seinem Unternehmen die Weichen auf Expansion stellen. Dieses Vertrauen ist eine selbsterfüllende Prophezeiung. Weil der Dachdecker einen Auftrag erhält, das Unternehmen sein Personal aufstockt und die Ausbildungsstätte neue Lehrer einstellt, führt die Erwartung des Aufschwungs dazu, dass er auch wirklich eintritt.
Ohne Vertrauen also kein Ende der Krise, Vertrauen auch darin, dass jeder einzelne, so er zu Vermögen kommt, relevante Teile davon behalten darf. Man muss das nicht als gerecht empfinden, aber man sollte es akzeptieren: Wer Wohlstand will, muss Reichtum zulassen.
