Gier – Warum wir das Bankensystem und nicht die Menschen verändern müssen
Veröffentlicht: 6. Oktober 2010 Einsortiert unter: Weltwirtschaft | Tags: Anreizsysteme, Armin Steinbach, Banken, Josef Ackermann, Peter Sodann, Wirtschaftskrise 4 Kommentare »Als Peter Sodann, der ehemalige Tatort-Kommissar, sich für kurze Zeit in die Rolle des Kandidaten für das Bundespräsidentenamt verirrt hatte, da wurde er in einem Interview gefragt, was er machen würde, wenn er für einen Tag Polizeipräsident wäre. „Da würde ich Herrn Ackermann, den Chef der Deutschen Bank, verhaften“, hatte Sodann damals geantwortet. „Dann würde man mich zwar rausschmeißen, aber ich hätte es wenigstens mal gemacht.“
Ackermann verhaften. Wählte das Volk den Bundespräsidenten direkt, Sodann hätte damit an der Wahlurne Stimmen gemacht.
Josef Ackermann, 62, ist der exemplarische Feind all jener, die glauben, für die Bankenkrise sei nur eine einzige Gruppe verantwortlich, nämlich jene, die selbst in dieser Branche arbeiten. Vielleicht nicht die nette Frau am Bankschalter, die einem Dollars für den Auslandsurlaub unter dem Panzerglas durchschiebt. Aber jene, die an den Bildschirmen sitzen, auf denen die Zahlen durchrattern, die das Geld um den Globus schieben und nicht genug bekommen können, die reich sind, aber immer reicher werden wollen.
Die Gier, diese dunkle Seite des Menschen, habe das System zum Einsturz gebracht, so ist zu hören. Wer immer mehr wolle, der stehe am Ende mit leeren Händen da.
Uns wurde diese Kausalität schon als Kinder eingetrichtert. Sei nicht gierig! Sei nicht so, wie der Fischer und seine Frau, die Ilsebill, die immer mehr wollte und auch immer mehr bekam, die in immer größeren Häusern wohnte, sogar in einem Schloss, die schließlich wie Gott werden wollte – und dann doch nur wieder in ihrer schäbigen Baracke am Meer landete.
Die Gier, so wurden wir sozialisiert, führt uns ins Verderben. Die weltweite Bankenkrise hat uns darin bestätigt.
Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Vielleicht ist der Mensch weniger gierig als vielmehr verliebt in die Rache. Wenn etwas schief geht, braucht es Schuldige. Wir nennen das dann „zur Verantwortung ziehen“. Das klingt so gar nicht nach Rache und das soll es ja auch nicht. Aber damit man jemanden zur Verantwortung ziehen kann, muss sich zuvor erst einer der Verantwortung angenommen haben.
Wer soll Schuld daran sein, dass der Sozialismus scheiterte? Erich Honecker vielleicht? Michael Gorbatschow? Oder waren die Menschen im Osten einfach schlechter als die im Westen?
Natürlich nicht. Schuld war das System. Das klingt wie eine billige Ausrede. Ist es aber nicht. Das Problem ist nur: Ein System kann man auf keine Anklagebank setzen, ihm keinen Prozess machen und auch nicht in eine Einzelzelle sperren. Ackermann schon, theoretisch zumindest.
Aber Ackermann ist nicht das Problem. Ackermann ist der Chef eines Unternehmens, eines sehr erfolgreichen Unternehmens. Er spielt mit im großen Spiel des Geldverdienens. Er ist einer der besten Spieler. Will man ihn dafür verantwortlich machen?
„In der Finanzkrise wurde offenbar, dass das praktizierte Anreiz- und Vergütungssystem im Finanzsektor so verzerrt war, dass sich individuelle Entscheidungsträger zur maximalen Rendite in kürzest-möglicher Zeit geradezu angespornt fühlen mussten,“ schreibt Armin Steinbach in einem gerade erschienenen Aufsatz. Steinbach arbeitet im Wirtschaftsministerium, hat also hautnah erlebt, wie die Politik in der Bankenkrise zu retten versuchte, was kaum mehr zu retten war.
Das Bankensystem war eingestürzt, weil es zwei Konstruktionsfehler hat. Diese gibt es auch in anderen Branchen, aber in der Bankenlandschaft sind sie besonders ausgeprägt. Der eine spielt sich auf der großen Ebene ab, der Makroebene, es geht um die Rahmenbedingungen für Finanzinstitute. Der andere Fehler zeigt sich im kleinen, im Mikrobereich, wenn es um die Frage geht, wie sich Manager entscheiden und warum sie bei ihren Entscheidungen häufig nicht alle Interessen einbeziehen, die sie eigentlich einbeziehen sollten. Aber der Reihe nach.
Aktionäre wollen Gewinne machen. Sie tun dies, wenn Unternehmen erfolgreich sind, wenn auch diese Gewinne erwirtschaften. Aktionäre, also die Eigentümer der Unternehmen, verlangen folglich von den Managern, Geschäfte zu tätigen, die hohe Gewinne versprechen. So weit, so simple.
Das Problem dabei: Was passiert, wenn sich die Erwartungen nicht erfüllen, wenn die Geschäfte nicht laufen wie erwartet, wenn sich Verluste anhäufen? Hier schleicht sich der Systemfehler ein. Für Verluste haften die Eigentümer nur in Höhe des Aktienwertes. Weniger als Null kann der aber nicht sein. Sind die Unternehmenszahlen im roten Bereich, werden andere zur Kasse gebeten: die Gläubiger des Unternehmens, in der Bankenkrise sogar die Steuerzahler.
Wie aber handelt einer, der weiß, dass er im Falle eines Gewinns diesen vollständig einstreichen darf, aber Verluste von anderen übernommen werden? Er riskiert mehr! Weil Risiko belohnt wird. Weil die Chancen auf hohe Einnahmen steigen, gleichzeitig die Gefahren aber nicht zunehmen. Ergo: Die Eigentümer von Unternehmen drängen die Firmenleitung zu tendenziell risikoreichen Strategien. Systemfehler Nummer eins.
Systemfehler Nummer zwei: fehlende Weitsicht. Unternehmen sind wie Lebewesen. Sie entstehen, wachsen, durchlaufen Höhen und Tiefen und gehen irgendwann zu Grunde. Erfolgreiche Unternehmen erleben dabei nicht nur eine Unternehmensleitung, sondern viele. Das ist ein Problem.
Ein – zugegeben etwas schräges – Gedankenspiel: Was wäre, wenn im Körper eines Menschen nicht eine Person leben würde, sondern – in zeitlicher Folge – mehrere. Einer in der Phase von der Geburt bis zum 20. Lebensjahr, ein zweiter bis 40 Jahre, ein dritter bis 60, ein vierter bis 80. Wie würden diese unterschiedlichen Personen mit diesem Körper umgehen, wenn sie wüssten, dass ihr Aufenthalt dort begrenzt ist? Dass es ihnen egal sein kann, was mit dem Körper ist, wenn sie nicht mehr darin leben.
Manager denken kurzfristig. Das Unternehmen in dem sie arbeiten mag es seit 100 Jahren geben, sie werden dort nur ein paar Jahre verbringen. Und in dieser kurzen Zeit maximieren sie den Gewinn des Unternehmens, weil das in der Regel auch ihren Gewinn maximiert. Ob das auf Kosten der langfristigen Firmensubstanz geht, ist egal.
Aktionäre sehen ein solches Verhalten eigentlich nicht gerne. Schließlich orientiert sich der Aktienkurs an den prognostizierten zukünftigen Gewinnen. Wird erwartet, dass es das Unternehmen in überschaubarer Zukunft nicht mehr geben wird, sinkt bereits heute der Kurs. Aber Aktionäre wissen eben auch nicht immer, was ihre Manager so treiben.
Das sind die beiden verhängnisvollen Zutaten für eine Weltwirtschaftskrise: Aktionäre drängen Manager zu riskanten Unternehmensstrategien, diese versuchen darüber hinaus Gewinne kurzfristig zu maximieren.
Die Politik versucht gerade, die Systemfehler zu reparieren. Zum Beispiel müssen Banken in Zukunft mehr Eigenkapital halten, wodurch die Eigentümer bei riskanten Geschäften ihrer Manager mehr zu verlieren haben.
Außerdem müssen nach der Novellierung des Aktiengesetzes im vergangenen Jahr Vorstände bei schuldhaftem Verhalten teilweise mit ihrem privaten Vermögen haften. Eigentlich war das schon vorher so. Aber in der Vergangenheit hatten die Unternehmen für ihre Vorstände Versicherungen abgeschlossen. Jetzt darf die Versicherung nur noch eingeschränkt einspringen.
Und drittens kann jetzt die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (Bafin), also der Aufseher über die Bankenbranche, die Auszahlung erfolgsabhängiger Gehälter an Banker unterbinden, wenn deren Banken Mindestanforderungen, wie zum Beispiel eine bestimmte Eigenkapitalquote, nicht erfüllen.
Die Deutsche Bank hat darauf bereits reagiert, belegt der Mann aus dem Wirtschaftsministerium. Von den 39 Millionen Euro, die 2009 an den Vorstand des Geldhauses ausbezahlt wurden, so Steinbach, seien lediglich 17 Prozent festes Gehalt, 83 Prozent erfolgsabhängig gewesen. Für 2010 dagegen seien die Grundgehälter der Vorstände um 350.000 Euro erhöht, die variable Vergütung um den gleichen Betrag gekürzt worden.
Der Journalist Hans-Ulrich Jörges hat Josef Ackermann einmal gefragt, warum er als reicher Mann überhaupt 14 Millionen verdienen müsse, warum es nicht auch sieben oder neun Millionen täten. Er brauche das Geld gar nicht, habe Ackermann geantwortet, er lebe bescheiden. Aber die ehrgeizigen jungen Leute in der Bank verlören ihre Motivation und den Respekt vor ihm, wenn er nicht nähme, was möglich sei.
Wer hat Recht: Börsennotizbuch oder Pixelökonom?
Veröffentlicht: 21. Januar 2010 Einsortiert unter: Weltwirtschaft | Tags: Dollar, Euro, Wirtschaftskrise 1 Kommentar »Der Euro als Gewinner der Wirtschaftskrise? Das Börsennotizbuch ist mit meiner gestrigen These nicht wirklich einverstanden. Die lesenswerte Replikt findet sich hier.
Der bessere Dollar: Wie der Euro zum Gewinner der Weltwirtschaftskrise wird
Veröffentlicht: 20. Januar 2010 Einsortiert unter: Weltwirtschaft | Tags: Alan Greenspan, Bretton Woods, Dollar, Euro, Europäische Zentralbank, EZB, Fed, Geldmenge, Geldmengensteuerung, Gold-Devisen-Standard, Inflation Targeting, John Maynard Keynes, Leitzins, New-Economy-Blase, Preisniveau, US-Notenbank, Wirtschaftskrise 3 Kommentare »Als John Maynard Keynes einmal das Geschehen an der Börse erklären sollte, warum dort regelmäßig Spekulationsblasen entstehen, da beschrieb der bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts diese Übertreibungen mit der Geschichte vom Seite-1-Mädchen.
Die Leser einer Boulevardzeitung waren aufgefordert worden das schönste Pin-Up-Girl zu küren. Jeder Einsender konnte eine Stimme abgeben. Am Ende sollte unter denjenigen, welche die Siegerin angegeben hatten, ein Preis ausgelost werden. Was passierte? Die Teilnehmer urteilten nicht nach ihrem Geschmack, sondern danach, was sie glaubten, was der Mehrheit gefällt. Nur so hatte man ja eine Chance auf den Preis. Das Ergebnis: Es gewann nicht das attraktivste Model, sondern jenes, von der die meisten glaubten, dass es die meisten für besonders attraktiv halten.
Ganz schön vertrackt also. Wie an der Börse eben.
Dort kaufen die Händler auch nicht jene Wertpapiere, die sie selbst für am gewinnträchtigsten halten, sondern jene, von denen sie glauben, dass sie bald von vielen gekauft werden. Denn nur dann wird der Preis des Wertpapiers steigen, nur dann lassen sich hohe Gewinne einstreichen.
Ein solcher Herdentrieb hatte die aktuelle Weltwirtschaftskrise ausgelöst, nämlich in Form von Spekulationen am amerikanischen Immobilienmarkt. Und es ist die US-Notenbank „Federal Reserve“ (Fed), die scharf dafür kritisiert wird, dem Treiben nicht frühzeitig entgegengewirkt zu haben. Die Notenbanker glaubten, die Situation im Griff zu haben.
Es hatte ja schon einmal funktioniert: beim Platzen der New-Economy-Blase im Frühjahr 2000. Unter Alan Greenspan senkte die Fed damals die Zinsen drastisch. Geld wurde billig, Kredite günstig, eine Konjunkturkrise vermieden. Oder genauer gesagt: verschoben. Denn das billige Geld wollte erneut angelegt werden. Es entstanden neue Blasen.
Die Situation vor der aktuellen Krise aber hatte sich verschärft. Der Spielraum der Fed war im Vergleich zum Jahr 2000 geringer geworden. Die expansive Geldpolitik der Vorjahre hatte das Weltzinsniveau kontinuierlich nach unten gedrückt. Drastische Zinssenkungen zur Belebung der Konjunktur waren nicht mehr möglich.
Mittlerweile ist das Pulver ganz verschossen. Der so genannte Leitzins der Fed liegt zwischen 0 und 0,25 Prozent. Die Eigentümer der Dollarnoten verschenken ihr Geld.
Wie es so weit kommen konnte? Die Fed verfolgt neben dem Ziel der Preisniveaustabilität ein weiteres, nämlich die Stützung der Konjunktur. Dabei entstehen regelmäßig Zielkonflikte: Billiges Geld kann kurzfristig der Konjunktur helfen, aber langfristig zu Inflation führen.
Hinzu kommt: Die Methode, mit der die Fed versucht das Preisniveau zu beeinflussen, ist umstritten. Die Notenbank sympathisiert mit dem so genannten Inflation Targeting. Dabei geben verschiedene Wirtschaftsindikatoren der Fed Hinweise auf Preisniveau-Änderungen. Aufgrund dieses Indikatorenbündels hebt oder senkt die US-amerikanische Notenbank ihren Leitzins.
Der Fed wird nun vorgeworfen, bei der Beobachtung diverser Wirtschaftsindikatoren die Preisentwicklung auf Vermögensmärkten – wie dem Immobilienmarkt – unterschätzt zu haben. Die Tatsache, dass trotz billigen Geldes die Kosumentenpreise weitgehend stabil geblieben waren, wurde als ausreichendes Indiz für die Stabilität der Volkswirtschaft gesehen. Das war ein Irrtum.
Was die Fed falsch, das hat die Europäische Zentralbank (EZB) richtig gemacht. Die Notenbank für den Euro ist, im Gegensatz zur US-amerikanische Notenbank, vorrangig dem Ziel der Geldwertstabilität verpflichtet. Für sie ist es deshalb einfacher, sich einer expansiven Geldpolitik zur vermeintlichen Rettung der Konjunktur zu verweigern. Zudem erlebt aktuell die von vielen bereits als altmodisch abgestempelte so genannte Geldmengensteuerung der EZB eine Renaissance.
Anders als beim Inflation Targeting wird bei der Geldmengensteuerung zunächst ein Zwischenziel formuliert, nämlich ein Geldmengenziel. Die Geldmenge lässt sich, anders als das Preisniveau, von der Notenbank relativ zuverlässig steuern. Und die Geldmenge wiederum wirkt sich recht konkret auf das Preisniveau aus.
Der Vorteil einer solchen Zwischenschritt-Lösung: Sie erhöht die Nachvollziehbarkeit der Geldpolitik. Denn während beim Inflation Targeting im Grunde jede Leitzinsentscheidung mit der Veränderung einer der Indikatoren begründet werden kann, bindet sich beim Zwischenziel „Geldmenge“ eine Notenbank bei ihren Entscheidungen wesentlich an diesen einen Indikator.
Das Vertrauen in eine inflationsfreie Geldpolitik aber ist die wichtigste Voraussetzung für ein stabiles Preisniveau. Denn beim Geld herrscht das Gesetz der selbsterfüllenden Prophezeiung: Wer Inflation erwartet, der wird die Preise seiner Produkte frühzeitig anpassen, der wird bei Lohnverhandlungen einen Inflationsausgleich fordern, der wird die Miete erhöhen. Am Ende steigt das Preisniveau tatsächlich, aber nicht aufgrund der Geldpolitik, sondern wegen der Erwartungen der Menschen.
Die EZB hat solchen Erwartungen durch ihre umsichtige Politik bisher erfolgreich entgegen gewirkt. Allerdings: Noch ist die Wirtschaftskrise nicht vorüber. Auch die EZB hat das Geld drastisch verbilligt. Der Leitzins liegt aktuell bei einem Prozent. Das Jahr 2010 könnte zur größten Herausforderung der Europäischen Zentralbank werden. Die Frage ist nämlich: Wann ist der Zeitpunkt gekommen, die aktuell lockere Geldpolitik zu beenden? Je länger die EZB-Banker in Frankfurt warten, desto größer werden die Inflationsrisiken und die Gefahren neuer Spekulationsblasen. Erhöhen sie den Leitzins dagegen zu früh, kann dies den beginnenden Aufschwung abwürgen.
Doch das Vertrauen, dass die EZB den richtigen Zeitpunkt findet, ist groß. Denn der Euroraum hat sich bewährt.
- Die Euro-Preise sind seit über zehn Jahren stabiler als sie zu DM-Zeiten je waren.
- Der durch die Euro-Einführung bedingte Wegfall von Wechselkursschwankungen innerhalb sowie größere Wechselkursstabilität gegenüber Dollar und Yen außerhalb Europas haben den deutschen Exportfirmen Planungssicherheit gegeben.
- Die ersten Studien zu den Folgen der Weltwirtschaftskrise zeigen, dass vor allem kleine Euroländer von der Währung profitiert haben. So waren beispielsweise die bereits zur Währungsunion beigetretenen Länder Slowenien und Slowakei weniger Turbulenzen ausgesetzt als ihre Nachbarn mit eigener Währung.
- Es gibt Indizien, die für eine stabilisierende Wirkung des Euros auf die Staatsfinanzen sprechen. Denn je mehr Länder beim Euro mitmachen, desto weniger Druck kann eine einzelne Regierung auf die EZB ausüben. Eine inflationäre Geldpolitik zur Reduzierung der realen Schulden eines Landes wird somit unwahrscheinlich. Dies könnte eine disziplinierende Wirkung auf die Politik haben.
Der starke Euro kratzt somit immer stärker an der ehemaligen alleinigen Leitwährung Dollar, dessen Aufstieg 1944 in dem kleinen amerikanischen Dörfchen Bretton Woods seinen Anfang nahm. Prominenter Teilnehmer damals: John Maynard Keynes. Keynes war Verhandlungsführer für England und es galt in Bretton Woods ein Weltwährungssystem für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu finden. Keynes plädierte für eine liberale Lösung: Verbot aller Zölle und flexible Wechselkurse.
Doch so kam es nicht. Es setzte sich die aufstrebende Wirtschaftsmacht USA durch. Eingeführt wurde der so genannter Gold-Devisen-Standard, bei dem der Dollar das wichtigste Reservemedium wurde, denn nur für den Dollar gab es eine Einlöseverpflichtung in Gold. Alle anderen Währungen banden sich mit festem Wechselkurs an den Dollar.
Die USA war damit das einzige Land geworden, dass de facto selbst Liquidität durch Drucken neuer Dollarnoten schaffen konnte, wovon sie später zur Finanzierung des Vietnamkrieges auch reichlich Gebrauch machte, was das System letztlich auch zu Grunde richtete. Keynes, der 1946 starb, wäre darüber nicht erstaunt gewesen.
Keynes hatte, so schreibt Gerald Braunberger in seinem Buch „Keynes für jedermann – Die Renaissance des Krisenökonomen“ den USA von vornherein nicht zugetraut, die Führungsrolle verantwortungsbewusst wahrzunehmen. “Die Amerikaner haben keine Vorstellung von internationaler Kooperation”, schrieb er seinem Lieblingsschüler Richard Kahn. “Da sie die stärksten Partner sind, glauben sie, sie haben das Recht, in allen Punkten den Ton anzugeben. Wenn sie die Musik kennten, wäre das nicht so schlimm, aber leider haben sie keine Ahnung von der Musik.”
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Dieser Artikel erscheint auch im Südkurier.
