Mein Name ist „Ich“: Warum wir die Anonymität im Internet schützen sollten
Veröffentlicht: 12. August 2011 Einsortiert unter: Digitales | Tags: Facebook, Friedrich, Innenminister, Twitter, Vermummungsverbot 1 Kommentar »Die Beobachtung des alltäglichen Autoverkehrs kann bekanntlich den Glauben an die Möglichkeit des friedlichen Zusammenleben der Menschen erschüttern. Es wird gehupt, geärgert, gemotzt, gefuchtelt. Hinter einer Autoscheibe vor handgreiflicher Auseinandersetzung geschützt und mit der Option ausgestattet, durch Antippen des Gaspedals einer Konfrontation zu entfliehen, erlauben sich viele, was sie sich ohne schützenden Metallmantel nicht trauen: Aggressivität gegenüber Mitmenschen zeigen.
Es ist eine soziologische Binsenweisheit: Je größer die Distanz bei der Kommunikation, desto ausgeprägter die Neigung zur Grobheit. Beim Autofahren ist dies zu beobachten. In vielen anderen Situationen ebenfalls. Bei Arbeitskollegen über den Chef lästern, ist einfach, viel schwerer ist es, die Kritik dem Chef selbst zu sagen. Weil die Folgen negativ sein können, auch, weil bereits die Gegenwart ungemütlich ist. Wer dem anderen beim Sprechen in die Augen schauen muss, der wählt meist sanftere Worte.
Im Internet surfen ist schlimmer als Autofahren. Die Distanz ist noch größer. Zeitlich versetzt, verschanzt hinter Bildschirmen und die Identität verbergen könnend, bietet digitale Kommunikation den Nährboden für Bosheiten der besonders rauen Art.
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hat jetzt im Spiegel die Abschaffung der Anonymität im Internet gefordert. Die Grundsätze der Rechtsordnung “müssen auch im Netz gelten”, Blogger sollten “mit offenem Visier” diskutieren, so Friedrich.
Friedrich argumentiert mit den Anschlägen in Norwegen: “Politisch motivierte Täter wie Breivik finden heute vor allem im Internet jede Menge radikalisierter, undifferenzierter Thesen, sie können sich dort von Blog zu Blog hangeln und bewegen sich nur noch in dieser geistigen Sauce.“
Das Internet führt seiner Ansicht nach zu einer neuen Form radikalisierter Einzeltäter, die den Sicherheitsbehörden zunehmend Sorgen bereiteten. “Wir haben immer mehr Menschen, die sich von ihrer sozialen Umgebung isolieren und allein in eine Welt im Netz eintauchen”, sagt Friedrich. “Dort verändern sie sich, meist ohne dass es jemand bemerkt. Darin liegt eine große Gefahr, auch in Deutschland.”
Die Forderung des Innenministers aber geht über das Ziel hinaus, dass wer sich im Internet strafbar macht, auch belangt werden können muss. Friedrich fordert ein generelles Vermummungsverbot im Netz.
Keine Frage: Im Internet würde manche Hässlichkeit unterbleiben, wenn jeder Beitrag seinem Schöpfer zuordenbar wäre. Auf der anderen Seite: Anonymität ist ein Wesensmerkmal von Freiheit. Es schützt nicht nur potenzielle Täter, sondern auch Opfer.
Ein Mensch, der nach einer Vergewaltigung im Internet Hilfe findet; ein Stalking-Opfer, das sich in Foren austauscht; ein Mann, der mit seinen religiös-konservativen Ansichten seiner karrierebewussten Frau keine Steine in den Weg legen will; eine Lehrerin, der der Schutz ihrer Privatsphäre wichtig ist; der Blog-Schreiber, der Morddrohungen erhält – es gibt viele legitime Gründe, um im Internet ein Pseudonym zu verwenden.
Anonymität schützt also. Vor allem jene, die gesellschaftlich ausgegrenzt werden. Aber nicht nur diese. Sie hilft allen, die die verschiedenen Bereiche ihres Lebens trennen möchten, wer im Beruf, in der Freizeit, beim gesellschaftlichen Engagement unterschiedliche Rollen spielen will.
Ein generelles Vermummungsverbot, wie Friedrich es fordert, würde diese Möglichkeit nehmen.
Und nicht nur diese: Die Revolutionen in der arabischen Welt wären ohne die Anonymität des Internets nicht möglich. Sie bietet hunderttausenden Aktivisten Schutz vor Verfolgung. Kommunizieren zu können, ohne den Zwang der Identifizierung, ist also nicht nur ein Stück Freiheit, es hat auch das Potenzial, eine freie Gesellschaft zu erschaffen.
1 Nachricht – 1000 Wege
Veröffentlicht: 19. August 2008 Einsortiert unter: Medien | Tags: iPhone-Apps, Kindle, Twitter Schreibe einen Kommentar »Kindle, Twitter, iPhone-Apps: Die Verbreitung von Nachrichten findet immer schneller neue Kanäle
Die Diskussion dürfte bald an ihr natürliches Ende gelangen. Weil alles gesagt ist. Weil alles schon oft gesagt worden ist. Heribert Prantl, der bekannte Journalist der Süddeutschen Zeitung, hat es am vergangenen Wochenende nochmals getan. Auf der Medienseite seiner Zeitung und unter dem Titel “Die Zeitung ist tot. Es lebe die Zeitung.” Es ging mal wieder um die Frage, wie das Internet die Printlandschaft verändert. Print gegen Digital. Radikaler gefragt: Ist das Internet der Totengräber der Zeitung? Und falls ja, wann wird die Todesstunde geläutet?
Prantl hat geschrieben, was auch alle anderen Experten zu dem Thema denken, und auch schreiben, vorausgesetzt, sie müssen keine reißerischen Schlagzeilen verkaufen: Bedrucktes Papier wird es noch sehr, sehr lange geben. Und: Das Internet verändert die Zeitung in Richtung Hintergrund-Medium. Wenn jedes Medium seine spezifischen Stärken ausspielt, so Prantl, dann werden sich Zeitung und Internet ergänzen. “Die Stärke des Internets ist seine Rasanz, die Stärke der Zeitung die Reflexion”, schreibt er.
Prantl hat, wie gesagt, nichts Neues, aber alles Wesentliche erwähnt, was es zum Thema “Print contra Internet” zu erwähnen gibt. Die Diskussion wird deshalb bald ihre Richtung ändern. Weg von “Print contra Internet”, hin zu “Internet contra Internet”. Denn der Begriff “Internet” täuscht eine Einheitlichkeit vor, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Die Vorstellung, der Internet-Nutzer sitzt an einem Tisch, starrt auf einen Einheitsbildschirm, die Hände auf einer Tastatur plus Maus liegend – diese Vorstellung ist ein Stereotyp und damit fern der Wirklichkeit.
Genauer gesagt: zunehmend fern der Wirklichkeit. Denn die digitale Informationsvermittlung bahnt sich neue Wege. Mit neuen Ideen, mit neuer Technik, mit neuer Software. Die Fragen der Zukunft lauten: Wie nehmen wir digitalisierte Informationen auf? Welches Konzept der Informationsvermittlung liegt dahinter? Mit welchen Geräten? Mit welcher Software?
Auch die Informationsanbieter (Zeitungsverlage etwa) müssen Antworten finden: Wie lassen sich die Kosten der Informationsbeschaffung (zum Beispiel die Bezahlung von Journalisten) wieder reinholen? Was sind die Werbemodelle der Zukunft? Und: Lässt sich für Informationen im Internet auf absehbare Zeit wieder Geld verlangen?
Letztere Frage beantwortet Amazon mit einem klaren Ja. Das Internet-Versandhaus hat in den USA im vergangenen Jahr unter dem Namen „Kindle“ ein elektronisches Lesegerät auf den Markt gebracht. Das Display basiert auf der Technologie des elektronischen Papiers: Es hat keine Hintergrundbeleuchtung und ist auch bei Sonnenlicht gut lesbar. Amazon bietet für das Gerät nach eigenen Angaben 125 000 Bücher an (darunter praktisch alle US-Bestseller) und auch viele Magazine und Zeitungen, zum Beispiel die New York Times. Über einen drahtlosen Internetzugang werden die Informationen auf das Kindle geladen. Bezahlt wird per Abbuchung mittels Kreditkarte. Geschätzte 500 000 Geräte wird Amazon dieses Jahr verkaufen. Gerüchten zu Folge wird der Lesecomputer (der im Übrigen auch Musik und Hörbücher abspielt) im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse für den deutschen Markt präsentiert werden.
Einen anderen Weg geht exemplarisch Apple mit seinem iPhone. Das Apple-Handy verbindet eine bestehende Funktionalität (Telefon) mit neuen Anwendungsfeldern (Spielen, Internet-Surfen, Lesen). Der Vorteil liegt in der Kompaktheit: ein Gerät für viele Funktionen. Der Nachteil: Kompromisse werde notwendig. Zum Beispiel in der Displaygröße. Handys müssen nun mal relativ klein sein.
Dass der Kompromiss gelingen kann, zeigt eben das iPhone. Der Trick ist einfach: Man lässt die Unternehmen, welche Inhalte auf dem iPhone anbieten wollen, die dafür nötigen Programme selbst schreiben. So werden die Inhalte für den Bildschirm optimiert. Der Nutzer kann sich das Programm dann auf sein Handy herunterladen (beim iPhone über den so genannten App Store) und über das Programm die Inhalte aufnehmen. Die New York Times bietet bereits ihre Zeitungsinhalte über eine solch spezielle iPhone-Software (so genannte Apps) an; die kostenlose Schweizer Gratiszeitung “20 Minuten” macht dies seit Neuestem ebenfalls.
Beide Anwendungen dürfen ohne Übertreibung als richtungsweisend für die Nachrichtenübermittlung auf kleinen Displays bezeichnet werden. Die Informationen sind kinderleicht zu wählen, ob als Texte, Fotostrecken oder Videos. Und: beide Anwendungen sind mehr als brotlose Kunst. Sie sind mit Werbung bestückt.
Die Programme auf dem iPhone und das Kindle von Amazon sind lediglich zwei neue Formen der Informationsaufnahme. Abseits vom reinen Surfen auf Internetseiten hat sich eine ganze Palette neuer Systeme etabliert. Schon lange bewährt: der Newsletter per E-Mail und die SMS. Neuer sind das Lesen per RSS-Reader (also die Zusammenführung vieler Informationsquellen in einer einzigen standartisierten Ansicht), Weblogs (die chronologische Auflistung von Beiträgen), Instant Messaging (dabei werden gesendete Nachrichten sofort beim Empfänger angezeigt; bekannte Programme sind ICQ und Skype) oder Twitter (dort werden sms-lange Nachrichten in eine Art Blog eingetragen und an Freunde und Interessenten verteilt).
Die neue Vielfalt ist erst der Anfang. Dem allerdings wird das Ende fehlen. Die Medienbranche muss sich auf die stetige Veränderung einstellen. Weil der technische Fortschritt in immer kürzerer Zeit Neues ermöglichen wird. Die aktuell verrückteste Idee stammt aus dem Hause Nokia. Dort denkt man über ein “Pen Phone” nach. Statt eines Handy-Klotzes in der Tasche, soll man in Zukunft nur noch einen kleinen Stick dabei haben, aus dem eine Folie gerollt wird. Damit soll das Problem gelöst werden, dass Handys ein großes Display brauchen, um beispielsweise vernünftig im Internet surfen zu können, wodurch die Telefone aber unhandlich werden.
Die Idee des Pen Phones also ist die eines platzsparenden Handys in Form eines Kugelschreibers. Zum Telefonieren benutzt man ein winziges Bluetooth Headset. Für das Betrachten von Filmen, Bildern oder zum Internetsurfen wird das bewegliche Display aus dem “Kugelschreiber” gezogen. Noch ist das Pen Phone lediglich ein Designkonzept. Noch.
