Die Verschwörungstheoretiker: Wie die deutsche Politik mit Ratingagenturen umgeht

Man kann Michael Fuchs verstehen. Einerseits. Weil wir alle einmal in der Schule waren. Dort wurde uns auf die Finger geschaut, wir wurden bewertet, benotet. Und wenn diese Noten von den eigenen und (vor allem) den Erwartungen der Eltern nach unten abwichen, mussten wir Erklärungen finden. Und wir fanden immer Erklärungen. In den seltensten Fällen waren es solche, welche die eigene Verantwortung in den Mittelpunkt stellten.

Man kann Michael Fuchs, den stellvertretenden Unionsfraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag, also verstehen, wenn er sagt, was er sagt. Dass nämlich die Ratingagenturen ein übles Spiel spielen würden. Denn: Ratingagenturen sind die Lehrer der Politik. Sie benoten diese. Glauben die Agenturen, dass die machthabenden Politiker eines Landes nicht in der Lage sind, dieses in eine wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft zu führen, dass möglicherweise mit den zukünftigen Steuerzahlungen nicht alle Schulden des Landes bezahlt werden können, dann senken sie den Daumen. Keiner will, dass der Daumen über einem gesenkt wird. Politiker schon gar nicht.

Die Abwertung sei nicht gerechtfertigt, sagte Fuchs, nachdem Standard & Poor’s diese Woche neun Länder der Euro-Zone, darunter Frankreich, Spanien, Italien und Österreich mit einem schlechteren Rating bewertet hatte. Vor allem Frankreich und Italien würden zu einem Zeitpunkt abgewertet, so Fuchs, wo sich die wirtschaftliche Situation in den Ländern verbessere. Seine Erklärung: Die vornehmlich angelsächsischen Ratingagenturen würden von der schlechten Politik in England und den USA ablenken wollen.

Michael Fuchs wittert also eine Verschwörung. Menschen lieben Verschwörungstheorien. Das Internet ist voll davon. Papst Johannes Paul I. wurde nach nur 33 Tagen auf dem Stuhl Petri ermordet, weil er die Betrügereien der Banco Ambrosiano aufgedeckt hatte. Die Automobilindustrie verzichtet auf den Einsatz von rostfreiem Stahl bei Auspuffanlagen nur deshalb, weil das die Umsätze mit deren regelmäßigem Austausch gefährden würde. Die Amis haben ihr World Trade Center selbst zum Einsturz gebracht. Und auf dem Mond waren sie natürlich auch nie gewesen.

Der Glaube an Verschwörung, also das konspirative Verhalten von Personen zu einem illegalen Zweck, ist weit verbreitet. Weil sich damit die Welt erklären lässt, und zwar so, wie man sich die Welt gerne vorstellen will. Weil dann für schlimme Dinge, nicht viele, schon gar nicht man selbst verantwortlich ist, sondern wenige – und andere.

Michael Fuchs ist nicht der einzige Verschwörungstheoriepolitiker. Der Europa-Politiker Elmar Brok (CDU) sagt, die Herabstufung käme in der Konsequenz „fast einem Währungskrieg“ gleich und äußert ebenfalls den Verdacht „anglo-amerikanischer Interessenpolitik“. Und Martin Schulz (SPD), Vorsitzender der Sozialistischen Fraktion im Europaparlament, nennt die Herabstufung gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen „gezielten Angriff auf die Stabilität des europäischen Rettungsschirms“. Selbst FDP–Finanzexperte Hermann-Otto Solms wittert politische Absichten.

Wie gesagt, man kann diese Politiker verstehen, einerseits. Was man nicht darf: Ihr Spiel mitspielen. Ein Spiel, bei dem die Politik versucht, sich schadfrei zu halten, auf Kosten anderer. In dem Fall, auf Kosten der Marktwirtschaft. Ein Spiel, bei dem so getan wird, als seien Politik und Wirtschaft Feinde. Und letztere dabei, sich erstere einzuverleiben. Das Primat der Politik müsse zurückgeholt werden, sagen dann Politiker wie Leitartikler. Damit die Bürger nicht unter die Räder und wieder zu ihrem Recht kämen.

Der Pathos hält der nüchternen Betrachtung nicht stand. Staaten geben gerne mehr Geld aus als sie sich von ihren Bürgern holen, weil, wer mehr verspricht als er fordert, gewählt wird. Staaten müssen sich deshalb Geld leihen. Sich Geld zu leihen, kostet Geld. Wie viel Geld es kostet, hängt entscheidend davon ab, wie wahrscheinlich es ist, dass jene die Geld verleihen, es wieder zurück bekommen werden. Ratingangenturen bewerten diese Wahrscheinlichkeit.

Das ist mit Problemen verbunden. Das größte Problem liegt darin, dass die Zukunft ungewiss ist. Das kleinere: Ratingagenturen sind nicht interessenlos. Sie erstellen Ratings für jene, die sie dafür bezahlen. Die Bewertung fällt dann tendenziell zu positiv aus. Auch haben Ratingagenturen den Anreiz, mit ihren Aussagen Kurse zu manipulieren. Sie können mit denen von ihren eigenen Aussagen ausgelösten Kursbewegungen reich werden. Solche Geschäfte sind zwar streng verboten, aber wo es Millionen zu verdienen gibt, da sind Gesetze dafür da, gebrochen zu werden.

Was die Politik aber im Kern vermutet, nämlich ein Marktversagen, ist dennoch nicht gegeben. Weil wer Geld verleiht, ein großes Interesse daran hat zu erfahren, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass er sein Geld wieder zurück bekommt. Er wird deshalb andere dafür bezahlen, dass diese Nachforschungen anstellen, um die Wahrscheinlichkeit in Zahlen zu fassen. Und jene, die diese Nachforschungen anstellen, werden nur dann im Geschäft bleiben, wenn sich ihre Prognosen als halbwegs zuverlässig erweisen. Sie werden sich deshalb anstrengen. Und nur die Besten werden am Markt erfolgreich sein.

Es gibt also keinen Grund, in den Markt für Ratingagenturen einzugreifen. Schon gar nicht, indem – wie jetzt vielfach gefordert wird – die Politik sich ihre eigene Agentur schafft. Das wäre so, als wenn in Zukunft alle Schüler ihre eigenen Arbeiten benoten würden. Der Notendurchschnitt würde sich drastisch verbessern, gleichzeitig der Lernaufwand zurückgehen.

Was die Politik verschleiert: Der eigentliche Konflikt verläuft nicht zwischen Staat/Bürger auf der einen und Mark/Wirtschaft auf der anderen Seite. Der Konflikt ist vielmehr einer zwischen Staat und Individuum. Ersterer würde nämlich liebend gerne darauf verzichten, dass sich die Preise für seine Schulden am Markt bilden, zumindest dann, wenn die Rückzahlungswahrscheinlichkeit sinkt und deshalb der Zinssatz steigt. Doch dieser Zinssatz ist das Ergebnis freier Entscheidungen aller Marktteilnehmer, nämlich jener, die Geld brauchen und denen, die Geld geben.

Oft genug haben Staaten diese Freiheit beschnitten. Meist mit dem Mittel der Zwangsanleihe, bei der bestimmte Gruppen zum Geld geben gezwungen werden. Schon im 13. Jahrhundert. Damals verordnete die Republik Venedig Zwangsanleihen. Die Getreideversorgung wurde mit solchen Gesetzen gesichert, auch Kriege geführt. Und die Deutschen haben nach dem ersten Weltkrieg mit dieser Methode Reparationsforderungen beglichen. Auch die Griechen wandten das Mittel in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts an, in besonders kurioser Weise: Um die Inflation zu bekämpfen, wurde angeordnet, dass die Banknoten in der Mitte zerschnitten werden sollten. Die rechte Hälfte blieb Zahlungsmittel (zum halben Wert, womit die Geldmenge halbiert wurde) und die linke Hälfte musste zwangsweise gegen Staatsanleihen eingetauscht werden.

Die aktuelle europäische Schuldenkrise könnte die Zwangsanleihe zurück in den politischen Wahlkampf bringen. Weil die Staaten viel Geld brauchen werden und das Ausleihen teuer geworden ist. An Unterstützung für diese Politik wird es nicht mangeln. Schon seit 2008 fordern vor allem die IG Metall und der DGB Zwangsanleihen für Reiche. Wenn „die da oben“ Geschäfte auf unsere Kosten machen, so werden die Verschwörungstheoretiker argumentieren, dann sollen sie auch dafür bezahlen. Die Welt lässt sich so einfach erklären. Fatal daran ist, wenn auf Basis dieser „Theorien“ Schlüsse für das reale Leben gezogen werden. Weil dann aus Freiheit Zwang werden kann. Menschen wie Michael Fuchs bereiten dafür gerade den Boden.


Infografik: Deutsche Pro-Kopf-Verschuldung durch die europäische Schuldenkrise

Das Vergleichsportal vergleich.de hat eine Infografik erstellt, welche den bestehenden Schulden Deutschlands die potenziellen durch die Euro-Schuldenkrise gegenüber stellt. Eine informative Grafik – und eine clevere Art, für sein Portal zu werben.

Griechenland Krise vergleich.de

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Teufelszeug Eurobonds

Die SPD fordert es, Teile der Union ebenfalls und die Italiener sowieso: Eurobonds. Bei Eurobonds haftet für die Schulden eines Staates die Gemeinschaft mehrerer Staaten. Das klingt nach einem geschickten Ausweg aus dem aktuellen Problem, dass nämlich hochverschuldete Staaten sich keine neuen Schulden mehr leisten können, weil die Zinsen stark gestiegen sind. Weil schlicht die Märkte zunehmend weniger an eine Rückzahlung glauben.

Gut eigentlich, dass es diesen Marktmechanismus gibt. Er beschränkt die Möglichkeit der Staatsverschuldung. Eurobonds würden diesen Mechanismus zumindest für eine gewisse Zeit aushebeln. Weil eben die Staaten mit soliderer Haushaltspolitik für die weniger verlässlichen mithaften.

Aber Eurobonds lösen kein Problem, sie vertagen es nur und verschlimmern es dadurch.

Das wird spätestens dann offensichtlich, wenn man – zur Veranschaulichung - das Gebaren der Staaten auf einzelne Individuen überträgt. Ist eine funktionierende Gesellschaft  vorstellbar, in der jene, die mehr Geld ausgeben als sie haben, nicht für die dadurch entstehenden Schulden haften müssen? Wie würden wir leben, wenn wir wüssten, dass das Geld, das wir ausgeben, nicht von uns zurückgezahlt werden muss? Dass dafür andere gerade stehen. Würden wir mehr Geld ausgeben oder weniger? Die Fragen sind fast schon rhetorisch. Auf der Ebene der Staaten, bei der Diskussion um Eurobonds aber werden sie ernsthaft diskutiert. Weil Politik nur an kurzfristigen Lösungen interessiert ist.

Wir haben an anderer Stelle schon heute ein Auseinanderfallen von “Schulden machen” und “Haftung übernehmen” – bei der intertemporären Verschuldung, der zwischen Generationen. Wir geben als Gesellschaft seit langem mehr Geld aus als wir einnehmen. Wir verlagern das Schulden bezahlen auf die nächsten Generationen. Das ist egoistisch, das ist menschlich, das ist ungerecht.

Wenn wir nun neben dieser intertemporären noch eine zwischenstaatliche Haftungsverschiebung erlauben, vergrößern wir die Probleme der Staatsschulden. Es ist wie Durst mit Cola zu löschen: Es hilft nur für den Augenblick, der nächste Durst wird um so größer sein.


Deutschland hat mehr als 1.700.000.000.000 Euro Schulden. In zehn Jahren könnten alle beglichen sein. Eine einfache Rechnung.

Der Mensch ist für große Zahlen nicht geschaffen. Wir mögen kleine Zahlen. Am liebsten die von eins bis zehn. Sie sind uns vertraut. Weil wir von Geburt an nichts häufiger zu sehen bekommen als unsere Finger.

Je mehr Nullen an einer Zahl hängen, desto unverständlicher wird sie uns. Zum Beispiel, dass die Erde Teil der Milchstraße ist, zu der bis zu 200.000.000.000 Sterne gehören. Unvorstellbar. Und dass diese Milchstraße nur eine von schätzungsweise 100.000.000.000 Galaxien im Weltraum ist. Nicht zu ermessen.

Die Unbegreiflichkeit großer Zahlen finden wir auch im Alltag. Die Millionenschar wöchentlicher Lottospieler zeigt, wie wenig wir von der Welt der Mathematik verstehen. Die Wahrscheinlichkeit eines Sechsers beim Spiel 6 aus 49 (und damit eines Gewinns von durchschnittlich 500.000 Euro) beträgt 1 zu 13.983.816. Hätten alle eine Vorstellung von der Größe dieser Zahl, kein Mensch würde sich an diesem Glücksspiel beteiligen.

Wie mit dem Weltraum und dem Lotto, so geht es uns auch bei den Staatsschulden. Wir können sie nicht fassen. Auf 1.708.408.722.708 Euro belaufen sich die deutschen Verbindlichkeiten beim Schreiben dieses Satzes. Bei diesem Satz sind es schon einige Tausend Euro mehr. Um 2.589 Euro wachsen die Schulden pro Sekunde, rechnet der Bund der Steuerzahler vor.

Klingt nach Drama. Nach einem Problem, das uns über den Kopf gewachsen ist. Wir leben über unsere Verhältnisse, lesen wir. Wir verspielen die Zukunft unserer Kinder, heißt es. Die Katastrophe scheint unabwendbar.

Und wieder lassen wir uns von großen Zahlen täuschen. Stecken den Kopf in den Sand, weil eine Lösung nicht vorstellbar ist.

Dabei ist die Schuldenlast greifbar. Nämlich, wenn sie verteilt wird. Auf die Menschen. Pro-Kopf-Verschuldung heißt das dann. Und die liegt in Deutschland aktuell bei 21.000 Euro. Als habe sich jeder Deutsche einen Mittelklassewagen gekauft, aber nicht bezahlt.

In den vergangenen Jahrzehnten sind aber nicht nur die Schulden gewachsen. Auch die Vermögen. Und zwar deutlich stärker. Das Vermögen der Deutschen hat von 1995 bis 2008 um 81 Prozent zugenommen, die Staatsschulden im gleichen Zeitraum um 64 Prozent.

Auch in absoluten Zahlen überragt das Vermögen die Schulden. Den Verbindlichkeiten in Höhe von 1,7 Billionen Euro, steht ein Privatvermögen von 8,2 Billionen Euro gegenüber.

Theoretisch also könnte das Problem der deutschen Staatsschulden mit einer einzigen Maßnahme gelöst werden, nämlich einer einmaligen Vermögensabgabe von 20 Prozent auf jegliches Privatvermögen. Der Staat wäre auf einen Schlag alle Schulden los. Theoretisch.

Aus der Theorie Praxis werden lassen, das ist der Traum von Alexander Dill. Er ist Leiter des alternativen Basler Instituts für Gemeingüter und Wirtschaftsforschung und hat einen Tilgungsplan für die deutschen Staatsschulden erstellt (siehe Pixelökonom-Interview mit Alexander Dill: „Eine einmalige Vermögensabgabe von 20 Prozent halte ich für umsetzbar“).

Unter Berücksichtigung, dass wegen der Laufzeit der Staatsanleihen, die Schulden nicht alle gleichzeitig beglichen werden könnten, wäre Deutschland durch die Einführung einer solchen einmaligen 20 prozentigen Vermögensabgabe nach zehn Jahren schuldenfrei.

Die Finanzierung einer solchen Abgabe sei für die meisten kein Problem, rechnet Dill vor, „schließlich liegen 80 Prozent der Vermögen in Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen von über 4.500 Euro.“

Die erfreuliche Folge: Bund, Länder und Gemeinden müssten nicht mehr 60 Milliarden Euro pro Jahr allein für die Tilgung der Zinsen aufbringen. Steuern und Sozialabgaben könnten drastisch sinken.

Eines von mindestens zwei Problemen einer solchen Vermögensabgabe: Sie würde sich auch auf Festgelder, Aktiendepots, Lebensversicherungen und Immobilien erstrecken. Millionenfach müssten langfristige Anlagen kurzfristig in Geld gewandelt werden.

In erster Linie wird eine solche Abgabe aber deswegen nie eingeführt werden, weil keine Partei politischen Selbstmord begehen will. Denn: Wer würde einer Partei die Stimme geben, die von jedem Wähler verlangt, 20 Prozent seines Ersparten zu geben?

Und überhaupt: Wenn alle Verbindlichkeiten beglichen wären, wer würde sicherstellen, dass den alten Schulden nicht neue folgen?

Einmalige Hau-Ruck-Aktionen lösen selten dauerhafte Probleme.

Die Ursache der hohen Verschuldung liegt nicht darin, dass wir nicht grundsätzlich in der Lage wären, staatliche Aufgaben mit dem von uns Erwirtschaften zu finanzieren.

Und es ist auch nicht so, dass der Staat zu gierig wäre und immer mehr ausgeben würde, zumindest nicht prozentual. Der Anteil der Staatsausgaben am gesamten Bruttoinlandsprodukt liegt aktuell bei rund 45 Prozent. Anfang der 90er Jahre waren es fast 50 Prozent gewesen.

Eines aber hat sich nie verändert, nämlich dass sich der Staat von den Bürgern immer ein paar Prozent weniger holt als er ausgibt. Seit Jahrzehnten schwankt der Finanzierungssaldo – von wenigen Ausnahmen abgesehen – zwischen minus 1 und minus 5 Prozent jährlich.

Die schlichte Erklärung für dieses Phänomen: Die Politik verteilt gerne Geschenke. Weil sie dafür Stimmen bekommt. Gewählt wird, wer viel verspricht, nicht, wer viel fordert. Deswegen finanziert der Staat Teile seiner Ausgaben auf Pump – und bürdet damit jenen Lasten auf, die noch keine (Wähler-)Stimme haben, weil sie noch nicht geboren sind.

Die Politik für dieses Verhalten verantwortlich zu machen, ist nichts als Selbstbetrug. Politiker handeln, wie wir es wünschen. Ändern sich unsere Wünsche, ändert sich die Politik.

Wir können die Schulden loswerden. Es ist leichter als wird denken.


“Eine einmalige Vermögensabgabe von 20 Prozent halte ich für umsetzbar”

Der 1959 geborene Philosoph und Soziologe Alexander DillDer 1959 geborene Philosoph und Soziologe Alexander Dill war Geschäftsführer des  Softwareunternehmens Internetkloster, entdeckte dabei die gesellschaftliche Bedeutung von Freeware und begann, sich mit kostenlosen Gütern und Geschenkökonomie zu beschäftigen. Mit dem Portal www.whatiseconomy.com schuf er 2006 eine Plattform für alternative Wirtschaftsforschung. Im Juli 2009 gründete er das Basel Institute of Commons and Economics. Eine seiner Initiativen: eine freiwillige Vermögensabgabe. Ein Interview.

Die Staatsschulden in Deutschland steigen Jahr für Jahr. Wie gefährlich ist das?

Die Staatsschulden haben für eine große Mehrheit der Deutschen Wohlstand, Bildung, Gesundheit und Frieden ermöglicht. Aber nun besteht die Gefahr, daß wir über steigende Zinsen ruiniert werden. Deshalb müssen sie jetzt zurückgezahlt werden, bevor die Zinsen steigen.

Wie sollte das Ihrer Meinung nach geschehen?

Da die Steuer- und Abgabenquote für Normalverdiener bereits jetzt viel zu hoch ist, können die Staatsschulden nur freiwillig oder über eine einmalige Vermögensabgabe getilgt werden. Diese wird die Form einer Zwangsanleihe haben, damit niemand seine Immobilie oder seine Wertpapiere verkaufen muß.

Sie schlagen vor, alle Vermögen einmalig mit 20 Prozent zu besteuern. Halten Sie eine Umsetzung für realistisch?

Für sehr realistisch, da Deutschland bereits 1952 erfolgreich diesen Weg mit dem so genannten Lastenausgleich gegangen ist. Das Ergebnis war das Wirtschaftswunder und die Soziale Marktwirtschaft, zwei wirkliche Erfolgsgeschichten. Wir werden sehen: Die Deutschen halten viel mehr zusammen als man denkt.

Haben Sie Unterstützer für Ihr Anliegen?

Da ist zunächst Professor Jochen Hörisch aus Mannheim, der selbst sofort 10.000 Euro als “Tilger Nr. 1″ tilgen wird. Positive Resonanz haben wir bisher von den Grünen und von der FDP. Auch gibt es positive Umfragen in der Zeitschrift Stern und bei T-Online. Anderen warten noch und machen erst mit, wenn alle mitmachen. Jeder kann das übrigens tun, unter www.hurrawirtilgen.de.

Was raten Sie der Politik? Wie kann ein solches Vorhaben mehrheitsfähig werden?

Auf keinen Fall darf Tilgung zu einer parteipolitischen Angelegenheit werden! Die Politiker müssen nur den Mut haben, sich und uns die Wahrheit zu sagen, dass nämlich die Staatsschulden unsere Unabhängigkeit bedrohen und wir nach 40 Jahren Wohlstand bereit und in der Lage sind, uns von den Launen der internationalen Kapitalmärkte unabhängig zu machen. Die gemeinsame Tilgung könnte dabei die  Zerstrittenheit und Politikmüdigkeit in Deutschland überwinden.


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