“Ups, Griechenland ist doch pleite” – Wie digitale Kommunikation Demokratie verändert
Veröffentlicht: 27. Oktober 2011 Einsortiert unter: Digitales, politische Ökonomie | Tags: EU-Gipfel, Europäische Union, Griechenland, Piratenpartei, Regelbindung, Rettungsschirm, Schuldenkrise Schreibe einen Kommentar »Die goldene Regel von Machtpolitik in einer Demokratie lautet, unbeliebte Reformen am Anfang einer Legislaturperiode durchzuführen. Die sympathischere Begründung dieser Strategie ist, dass sich die positiven Wirkungen einer zunächst unbeliebten Reform erst mit Zeitverzug entfalten und – so dies vor der nächsten Wahl geschieht – die Reformpartei am Ende wiedergewählt wird. Die weniger freundliche Variante lautet: Der Wähler ist ein Goldfisch. Was zu Beginn einer Legislaturperiode von den Machthabern beschlossen wird, spielt beim Ankreuzen des nächsten Wahlzettels keine Rolle mehr.
Beide Lesarten sind mit dem Grundprinzip der Demokratie eigentlich nicht vereinbar, wonach die Politik umsetzen soll, was die Mehrheit will. Gegen die Mehrheit zu entscheiden, ist im Kern undemokratisch.
Die Schuld für undemokratisches Regieren nur bei der Politik zu suchen, ist zu einfach und populistisch. Wenn beispielsweise alle, die sich mit einem Thema auseinander setzen, der Meinung sind, dass die Politik etwas ändern muss, wenn aber die Mehrheit sich mit dem Thema gar nicht auskennt und deshalb diese Veränderung nicht will, weil sie den Nutzen nicht erkennen kann, dann wäre es eigentlich für alle gut, dass sich etwas ändert – nur demokratisch ist es eben nicht.
Demokratie befindet sich dann in einem Dilemma: Die richtige Politik ist undemokratisch, die falsche schädlich.
In Wirklichkeit ist die Lage meist noch komplizierter, weil sich auch Experten häufig nicht einig sind, was gut und was schlecht ist. Dennoch gibt es aus dem Dilemma nur einen Ausweg: Eine bessere politische Bildung der Wähler.
Diese Bildung freilich hat Grenzen. Kein Mensch kann auf allen Gebieten Experte sein. Und dennoch: Je mehr sich Menschen für Politik interessieren, desto eher können sie Entscheidungen verstehen, gut finden oder ablehnen.
Aber wie entsteht Interesse für Politik? Durch die Möglichkeit der Teilhabe. Wer etwas verändern kann, ist bereit zu investieren. Digitale Kommunikation ermöglicht diese Teilhabe.
Es ist viel darüber geschrieben worden, wie Facebook, Twitter und Co. helfen, Despoten im Nahen Osten und Nordafrika von der Macht zu verjagen. Weniger diskutiert wird, wie neue Techniken auf demokratische Systeme wirken.
Aber warum soll neue Kommunikationstechnik nur Diktaturen und nicht auch Demokratien gründlich verändern? Die Piratenpartei ist Folge dieser Technikentwicklung und First-Mover im Parteiensystem. Ich bin der Überzeugung, dass die jüngsten Erfolge der Piratenpartei den Anfang einer Veränderung bilden, die ähnlich folgenreich sein wird, wie es die Etablierung der Massenmedien Radio und Fernsehen war.
Der Kern der Veränderung wird eine neue Form der Regelbindung sein. Das Politiker-Motto „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ funktioniert bereits heute häufig nicht mehr. In einer Internetwelt, wo jedes Komma für alle abrufbar archiviert ist, wird die Gegenwart schneller von der Vergangenheit eingeholt.
Aber das ist nur der Anfang. Die Piratenpartei gibt erste Hinweise, wohin die Reise geht. Der Politiker wird zum Vollzugsbeamten der Bürger. Charismatiker und Schaumschläger (die Unterscheidung ist nicht immer einfach und bisweilen fließend) braucht es zunehmend weniger. Anzug und Krawatte, gesundes Aussehen und sicheres Auftreten, die Krücken der Glaubwürdigkeit, werden unwichtiger. Weil die Wünsche der Wähler unmittelbarer und häufiger in die Parteipolitik einfließen können, weil tatsächliche Kontrolle möglich wird. Was zählt ist wirkliche Transparenz. Die Technik von heute macht das möglich. Die Technik von morgen wird dies optimieren.
Man kann es auch ökonomisch sagen: Der technische Fortschritt senkt die Transaktions- und Überwachungskosten politischer Entscheidungen. Immer besser lässt sich Politik an Taten als an Worten messen.
Die Folge für die Demokratie: Politik wird nicht mehr so oft gegen den Willen der Mehrheit entscheiden. Mit der negativen Begleiterscheinung des oben beschriebenen Dilemmas, dass eben auch Reformen, die nötig, aber unpopulär sind, unterbleiben. Allerdings führt die Teilhabe zu Interesse. Die Menschen werden kompetenter in ihren politischen Entscheidungen. Das Dilemma wird also immer seltener auftreten.
Nur für die Politik wird der Wind rauer: Pfründesicherung, Geklüngel und Egotrips werden deutlicher schwerer. Dafür stehen die Chancen gut, dass der Berufsstand des Politikers im Ansehen der Bürger steigt. Wer tut, was einem gesagt wird, der darf Zustimmung erwarten.
Warum ich das hier schreibe? Weil der gestrige EU-Gipfel zeigt, wie weit der Weg in diese neue Demokratiewelt noch ist. Eine Pleite Griechenlands komme nicht in Frage, koste es, was es wolle, hatte die Bundesregierung wochenlang verkündet, noch als für jeden Interessierten schon klar war, dass es ohne Schuldenschnitt nicht gehen würde – jetzt kommt die Pleite, koste sie was sie wolle. Über eine Hebelung des Rettungschirms werde nicht nachgedacht, war verkündet worden, als längst deutlich war, dass hunderte Milliarden, hunderte Milliarden zu wenig sind.
Jetzt also ist Griechenland (zumindest teilweise) pleite und soll 100 Milliarden Euro Steuergeld der EU-Bürger erhalten. Die Bundesregierung hat sich der Regelbindung genauso verweigert, wie es die Europäische Union insgesamt bei der Schuldenkrise tat. No-Bail-Out lautete die Grundregel, ohne die der Euro nicht eingeführt worden wäre, die bei der ersten ernsthaften Krise über Bord gekippt wurde und ohne die der Euro nicht überleben wird.
Diese Krise der Europäischen Union zeigt, wie wichtig Regelbindung in einer Demokratie ist. Die digitalen Kommunikationsmöglickeiten erhöhen die Chancen auf bessere Durchsetzung solcher Regeln. Der Euro wird damit nicht mehr zu retten sein, die Demokratie schon.
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Lesetipp: “Mit Dummheit Geld machen”
Veröffentlicht: 25. September 2011 Einsortiert unter: Linktipps | Tags: EFSF, Euro, Europa, Merkel, Rettungsschirm, Schuldenkrise 1 Kommentar »Heute Abend, 21.45 Uhr, ist Frau Merkel zu Gast bei Günther Jauch. Merkel werde zu Fragen nach der Lösung der Euro-Krise Stellung nehmen, heißt es von der ARD. Die Bundeskanzlerin sucht die Offensive. Die Mehrheit der Deutschen ist gegen den Rettungsschirm, der am kommenden Donnerstag, 29. September, im Bundestag zur Entscheidung ansteht.
Man weiß schon, was die Bundeskanzlerin sagen wird, dass nämlich ein überzeugter Europäer für die Krisenländern eintreten müsse. Sie sagt das zur Zeit ständig.
Nicht nur mir ist klar, dass die Politik Merkels eine Europa-Krise erst herauf beschwören wird. Wenn Länder für andere Länder haften und Steuerzahler Milliardenbeträge zum Stopfen von Haushaltslöchern in anderen Staaten aufbringen müssen, ist schlechte Laune kontinentalweit vorprogrammiert.
Ich habe in diesem Blog zu diesen Thema schon manches geschrieben. An anderer Stelle wird dazu auch viel gesagt, den unterhaltsamsten und bissigsten Text hat meiner Meinung nach aber der Tagesspiegel-Redakteur Harald Schumann verfasst.
“Mit Dummheit Geld machen”, heißt der heute online erschienene Artikel. Schumann erzählt darin, wie er aus Zorn über die Politik in der europäischen Schuldenkrise zum Spekulanten wurde. Unbedingt lesen!
Meine Lieblingsstellen:
Seit Jahren predigen Konzernfürsten und ihre Wasserträger in Regierungsämtern dem Volk die Regeln der Marktwirtschaft, um Lohnsenkungen für Arbeitnehmer und Steuersenkungen für Kapitalbesitzer zu rechtfertigen. Doch jetzt, da es um Banken und ihre vermögenden Kunden geht, zählen die Regeln des Marktes nicht mehr.
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Die als “Rettung” getarnte Umverteilung zugunsten der Vermögenden geht weiter.
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Alle Fachleute, die nicht der Finanzwirtschaft verbunden sind, plädierten unabhängig von ihrem politischen Standpunkt schon im Frühjahr 2010 für einen schnellen Schuldenerlass.
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Ein Jahr nach der ersten Fehlentscheidung hat die Finanzbranche einen mächtigen Bündnispartner gefunden: Die EZB war über den – von den Regierungen gewünschten – Kauf von Anleihen der Krisenstaaten inzwischen selbst zu deren größtem Gläubiger geworden. Allein in Griechenland hat sie mehr als 50 Milliarden Euro im Feuer. Jeder „substanzielle Beitrag“ der Kreditgeber reißt nun auch in die Bilanz der EZB ein großes Loch. Mit seiner ganzen Autorität wehrte sich EZB-Präsident Jean-Claude Trichet daher gegen einen Schuldenerlass. Wieder und wieder warnten er und seine Kollegen für diesen Fall vor einem finanziellen Armageddon, nicht zuletzt, um ihre Ehre als Notenbanker zu retten.
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Als die Regenten der Euro-Zone am 21. Juli in Brüssel zusammenkamen, um weitere 100 Milliarden Euro Kreditnachschub für Athen zu verabschieden, saß Bankenlobbyist Ackermann wie selbstverständlich mit am Tisch des zentralen Gesetzgebungsorgans der EU. Das sprach zwar allen demokratischen Prinzipien Hohn, aber es hatte seine innere Logik. Schließlich sollte die Finanzbranche einen „freiwilligen“ Beitrag leisten. Darum war konsequenterweise der globale Lobbyverband IIF beauftragt worden, ein Konzept vorzulegen, um die Teilnahme für die Betroffenen attraktiv zumachen. Einen solchen Plan der Frösche zur Trockenlegung des Sumpfes konnte aber niemand besser verklären als deren Chef selbst.
Eurorettung führt zu gigantischer Umverteilung von unten nach oben
Veröffentlicht: 21. September 2011 Einsortiert unter: Weltwirtschaft | Tags: Euro, Eurorettung, Rettungsschirm, Schuldenkrise 6 Kommentare »Auf die Frage, wie europäische Schuldenkrisen in Zukunft zu verhindern sind, gibt es ordnungspolitisch eine simple Antwort: Die Staaten müssen Anreize bekommen, weniger Schulden zu machen.
Weniger klar aber scheint die Antwort auf die Frage zu sein, was konkret getan werden muss, um aktuell eine dramatische Wirtschaftskrise infolge der Schuldenkrise zu vermeiden.
Möglicherweise fehlt die Klarheit aber auch nur deshalb, weil es um Milliarden geht und weil unterschiedliche Interessensgruppen am Werk sind, mit unterschiedlichen Vorstellungen.
So herrscht zum Beispiel unter Ökonomen weitgehend Konsens, dass die Rettung mehrerer europäischer Staaten nicht finanzierbar ist. Besser wäre ein Schuldenschnitt. Eine darauf drohende Bankenkrise könnte verhindert werden, indem sich Staaten mit Steuergeldern an Banken beteiligen, ihnen frisches Kapital geben.
Doch die Banken haben daran kaum Interesse. Denn durch den Einstieg des Staates (und zum Beispiel die Ausgabe neuer Aktien) würde der Wert der bisherigen Aktien verwässert, die Eigentümer müssten also einen Wertverlust hinnehmen.
Bankeigentümer haben folglich ein Interesse, dass Staaten mit Steuergeldern gerettet werden. Dann bleiben die Anleihen in ihren Depots wertvoll und die Eigentümer müssen den Firmenwert nicht mit dem Staat (Steuerzahler) teilen.
Oder die deutsche Exportindustrie. Der feste Eurowechselkurs hat sie zu Gewinnern der Krise gemacht. Die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen ist stetig gestiegen, weil die Inflation in anderen Euro-Ländern höher war. Die Folge: Der deutsche Export boomt. Die Leidtragenden der entstandenen Schieflage sind die Kosumenten, die teuer Produkte aus dem Ausland kaufen müssen, sowie der Steuerzahler, der die Schäden mittels Rettungsschirm kitten soll.
Die Wirtschaftswissenschaftler Hau und Lucke haben darauf hingewiesen, dass 70 Prozent des von von einer möglichen Staateninsolvenz betroffenen Kapitals sich im Besitz der 5 Prozent reichsten Menschen befindet. Warum sollte der deutsche Steuerzahler denen helfen?
Weiterführender Text: Währungsunion: Ist Deutschland Hauptprofiteur des Euro?, vom CEP-Wissenschaftler Matthias Kullas
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CEP zeigt Weg aus Schuldenkrise
Veröffentlicht: 20. September 2011 Einsortiert unter: Weltwirtschaft | Tags: Centrum für Europäische Politik, CEP, Euro, Gerken, Rettungsschirm, Schuldenbremse, Schuldenkrise 4 Kommentare »Wie kann ein realistischer Ausweg aus der europäischen Schuldenkrise aussehen?
Das Centrum für Europäische Politik (CEP) von Professor Lüder Gerken in Freiburg hat im Auftrag meines Arbeitgebers, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, ein Lösungszenario (Download-Link) entworfen.
Das 18-seitige Papier ist verständlich, lesenswert, erhellend. Ich kann es sehr empfehlen. Auch weil es nochmals anschaulich schildert, wie wir dorthin kamen, wo wir heute sind.
Der Kern des Papiers: Die Verankerung nationaler Schuldenbremsen auf Verfassungsebene ist ein viel versprechender Ausweg aus der Krise. Und Gerken rät, Auszahlungen aus dem Rettungsschirm so lange zurückzuhalten, bis die Schuldenbremsen in den jeweiligen Verfassungen verankert sind.
Der Bundestag sollte seine Zustimmung zu Auszahlungen von Finanzhilfen im Rahmen der Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) und des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) davon abhängig machen, dass der um Hilfe bittende Staat bereits vor Beantragung der Hilfe eine Schuldenbremse in seiner Verfassung verankert hat und ernsthafte realwirtschaftliche Reformen in die Wege geleitet hat.
Schon die Empirie zeige, so Gerken, dass Schuldenbremsen zur Sanierung der Staatshaushalte beitragen können.
Vor allem eine Verankerung im nationalen Verfassungsrecht kann die Verbindlichkeit von Schuldenbremsen – im Vergleich zum Stabilitäts- und Wachstumspakt – erhöhen.
Allerdings, so Gerken weiter, reiche eine alleinige Verankerung nicht aus.
Entscheidend sind die politische Überzeugung von der Notwendigkeit der Haushaltssanierung in der praktischen Tagespolitik sowie glaubhafte Institutionen zu ihrer Umsetzung und Durchsetzung.
Das habe schon das Scheitern des Stabilitäts- und Wachstumspaktes gezeigt.
Dass es letztendlich darauf ankommt, inwieweit sich die Politik wirklich von der (verfassungs)rechtlichen Norm binden lassen will, illustriert auch das Scheitern des Stabilitäts- und Wachstumspakts, der sogar im europäischen Recht verankert ist, welches gegenüber nationalem Recht grundsätzlich vorrangig ist.
Dass die jetzt beschlossene Reform des Stabilitäts- und Wachstumspaktes die Schuldenkrise überwinden kann, glaubt Gerken dagegen nicht.
Die politischen Hindernisse einer Änderung des Stabilitäts- und Wachstumspakts, die Inhalte der am 15. September 2011 politisch vereinbarten Reform desselben und die Erfahrungen der Vergangenheit mit seiner Anwendung – oder eben Nichtanwendung – bieten keine Grundlage für die Hoffnung, dass der SWP die Staaten zu einer Konsolidierung ihrer Haushalte zwingen kann.
Vor allem fehlten automatisch Sanktionen.
Um eine solche Entwicklung (gemeint ist der Verstoß von Frankreich und Deutschland im Jahre 2003) in Zukunft auszuschließen, müsste die Überwachung des Stabilitäts- und Wachstumspakts den Mechanismen politischer Tauschgeschäfte weitestgehend entzogen werden.
Genau das werde mit der angestrebten Reform aber nicht erreicht.
Die am 15. September 2011 erzielte politische Einigung auf eine Reform des Stabilitäts- und Wachstumspakts bleibt erheblich hinter den beschriebenen Mindestanforderungen zurück und ist daher nicht geeignet, die Euro- Staaten zu einer Sanierung ihrer Staatshaushalt zu zwingen.
Fazit: Wer glaubt, der Stabilitäts- und Wachstumspakt kann Europa retten, täuscht sich; auf Verfassungsebene verankerte nationale Schuldenbremsen dagegen sind zwar auch keine Garantie für eine bessere Zukunft, aber sie gäben berechtigen Anlass zur Hoffnung.
-> CEP-Studie “Anforderungen an die Sanierung der Euro-Staaten”
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FDP – nicht wählbar!
Veröffentlicht: 17. September 2011 Einsortiert unter: Weltwirtschaft | Tags: EFSF, FDP, Griechenland, Rösler, Rettungsschirm, Schuldenkrise 10 Kommentare »Auf die FDP einzudreschen ist so populär wie uninovativ. Aber das geht jetzt nicht anders. Das muss raus. Alles andere würde der Gesundheit schaden.
Deutsche Ökonomen haben sich hinter Philip Rösler gestellt, lese ich eben. Es sind Ökonomen, die ich durch die Bank sehr schätze, Hochachtung vor ihrer Leistung habe. Aber diese Unterstützung geht mir gegen den Strich, so sehr sie in der Sache gerechtfertigt ist.
Herr Rösler hatte gesagt, dass man über eine Insolvenz Griechenlands nachdenken müsse. Viele Ökonomen sagen das auch. Es ist schlicht der einzig mögliche Weg aus der Schuldenkrise.
Was also Herr Rösler sagt, klingt vernünftig. Er nimmt sogar einen Konflikt mit der Bundeskanzlerin in Kauf. – Welch billige Finte! Morgen ist Wahl. Rösler kann gar nichts besseres passieren, als dass Frau Merkel meckert, als das Thema am Köcheln zu halten.
Denn die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist gegen die Staaten-Rettung der Regierung. Für eine noch überwältigendere Mehrheit ist die FDP nicht wählbar. Da will die FPD kurz vor Urnenschluss noch ein paar Stimmen fischen. Herr Rösler macht Wahlkampf.
Man erkennt Menschen nicht an Worten, sondern an Taten. – Bei der Probeabstimmung zur Erweiterung des Rettungsschirms (EFSF), der am 29. September im Bundestag beschlossen werden soll, hatten ganze zwei FDP-Abgeordnete gegen den Rettungsschirm gestimmt.
Auch hier war das Kalkühl offensichtlich. Lässt die FDP die Abstimmung platzen, steht die Koalition auf dem Spiel. Neuwahlen aber würden den FPD-Abgeordneten im Bundestag ihren Job kosten (mindestens vielen von ihnen).
Man könnte fast Verständnis aufbringen, für solch ein egoistisches Motiv. Schließlich geht es um berufliche Existenzen. Aber nicht bei der Bedeutung dieser Abstimmung! Hunderte Milliarden Euro der Steuerzahler stehen auf dem Spiel.
Einen Schuldenschnitt in Erwägung zu ziehen, gleichzeitig Pleitestaaten Garantien über Milliarden zu gewähren, das ist keine konsistente Politik. Herr Rösler und die anderen FDP-Abgeordneten werden ihrer Verantwortung nicht gerecht. I dislike!
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Rettet die Banken! Das ist gerecht!
Veröffentlicht: 16. September 2011 Einsortiert unter: Weltwirtschaft | Tags: Bankenrettung, EFSF, EMS, Euro, Griechenland, Rettungsschirm, Schuldenkrise, Schuldenschnitt 3 Kommentare »Wie der europäischen Schuldenkrise entkommen? Staaten retten? Oder Staaten pleite gehen lassen?
Ökonomisch betrachtet ist die Antwort einfach. Staaten retten bringt nichts. Weil erstens der Umfang der Rettung nicht zu stemmen ist. Und weil zweitens eine Staatenrettung falsche Anreize setzt. Es löst nicht das Problem, das nämlich Staaten gerne mehr ausgeben als sie einnehmen. Im Gegenteil: Eine Staatenrettung würde das Problem in die Zukunft verlagern und gleichzeitig verschärfen.
Als Ausweg bleibt nur der Schuldenschnitt. Aber auch der hätte negative Folgen. Eine Bankenkrise könnte folgen. Denn Banken halten Staatsanleihen, ein Schuldenschnitt könnte Geldhäuser in Schieflage bringen und so die Probleme einzelner Länder nach ganz Europa tragen.
Der Weg aus der Krise kann in der Rekapitalisierung gefährdeter Banken bestehen. Staaten geben Banken Geld und bekommen dafür Anteile an der Bank. Staaten werden also Miteigentümer von Banken. Im Gegensatz zur versuchten Staatenrettung besteht hier die berechtigte Hoffnung, nach der Krise die erworbenen Bankanteile ohne Verlust (vielleicht sogar mit Gewinn) wieder verkaufen zu können.
Eine Bankenrettung hat gegenüber einer versuchten Staatenrettung also zwei Vorteile:
- An einer Bank kann man, im Gegensatz zu einem Staat, Eigentum erwerben. Einer Rettung steht folglich ein Gegenwert gegenüber.
- Eine Bankenrettung bewegt sich in finanziellen Dimensionen, die zu stemmen ist.
Leider ist eine Bankenrettung bei den meisten Wählern unpopulär. Deswegen wird sich die Politik nicht darauf einlassen. Bei einer Bankenrettung, so der weit verbreitete Glaube, werde jenen Geld gegeben, die eh schon genug haben, nämlich der Finanzwelt.
Doch der Glaube ist ein Irrglaube. Eine Bankenrettung ist unter Verteilungsgesichtspunkten deutlich gerechter als eine Staatenrettung. Darauf weisen die beiden Wirtschaftswissenschaftler Harald Hau und Bernd Lucke in einem Gastbeitrag in der heutigen FAZ hin. 70 Prozent des von einer möglichen Staateninsolvenz betroffenen Kapitals befände sich im Besitz der 5 Prozent reichsten Menschen, schreiben die Wissenschaftler. “Die durch einen Rettungsschirm erfolgende Übernahme von Verlusten dieser kleinen Vermögenselite bedeutet eine gewaltige Umverteilung zuungunsten des durchschnittlichen Steuerzahlers.”
Und weiter: “Durch eine Bankenrekapitalisierung findet diese sozial anstößige Umverteilung entgegen landläufiger Meinung nicht statt, denn die Bankaktionäre werden nicht Eigentümer des frischen Kapitals: Es gehört vielmehr dem Staat.”
Eine geordnete Insolvenz inklusive Bankenrettung durch den Steuerzahler wäre also ökonomisch und gerecht. Die Bundesregierung aber will sie nicht. Sie hält ihre milliardenschweren Rettungspläne für alternativlos. Der Bundestag soll sie am 29. September abnicken. Hau und Lucke appellieren an den Widerstand der Parlamentarier. Der Bundestag dürfe sich “in einer für die Zukunft Deutschlands und Europas so bedeutenden Frage nicht zum Erfüllungsgehilfen einer Regierungen machen, die wider besseren Wissens ihre eigene Politik für alternativlos erklärt.”
“Der Euro-Rettungsschirm belohnt die Spekulanten und schadet Deutschland”
Veröffentlicht: 31. Mai 2010 Einsortiert unter: Linktipps | Tags: Euro, Finanzkrise, Griechenland, Krise, Rettungsschirm 1 Kommentar »Hans-Werner Sinn zuzuhören, heißt für mich: wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen. Jetzt hat sich Sinn der Eurokrise angenommen. Seine Analyse: Der Rettungsschirm für Griechenland und eventuell weitere Länder ist nicht nur unnötig, sondern auch schädlich. Denn erstens sei der Euro letzlich gar nicht gefährdet und zweitens würde durch den Schutzschirm dem rasanten Kapitalexport aus Deutschland Vorschub geleistet. Denn wer ausländische Staatsanleihen stütze, mache sie im Vergleich zur inländischen Geldanlage attraktiver.
Und eine ganz grundsätzliche Frage stellt Sinn auch: Warum sollen eigentlich die Steuerzahler mit Milliarden das Risiko jener Spekulanten tragen, die riskante Staatsanleihen gekauft haben?
Linktipp: Euro-Krise, ifo-Schnelldienst, Hans-Werner Sinn
