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Die Leiden der jungen Medien: Warum das Internet keine Qualitätsauswahl braucht

Mathias Müller von Blumencron träumt von der Wahrheitsmaschine. Das Internet erfahre “derzeit seine erste wirkliche Bewährungsprobe”, schreibt der FAZ-“Chefredakteur digitale Produkte”  (Kann man Chef über Produkte sein?) heute in der FAZ. Der Grund: Das Internet habe sich zum Massenmedium gewandelt und sei damit zu einer “gigantischen Emotionsmaschine” geworden, “bei der nicht Erkenntnis im Vordergrund steht, sondern pralle Unterhaltung nach den Regeln des Boulevards.” Ein “Geschäftsmodell für Wahrheit” gäbe es im Internet genauso wenig, wie eines für “Konsens” oder “die Förderung der Vernunft”, leidet Blumencron. Die typischen Leiden einer Printzeitung im digitalen Zeitalter, könnte man beschwichtigend sagen. Tendenzjournalismus, wäre eine kritischere (Ein-Wort-)Anmerkung. Was mir missfällt: die Tendenz zum Hochstatus, der sich in der Unterstellung offenbart, dass Menschen grundsätzlich nicht in der Lage seien, sich über die Qualität von Inhalten selbst ein Bild zu machen. Oder anders gesagt: Blumencron überstülpt das Internet mit dem typischen Kulturpessimismus des Feuilletons. Er fordert im Internet “Signale der Qualität”, die freilich “mit großer Sorgfalt ausgearbeitet” werden müssten (damit FAZ-Artikel stets an der Spitze der Google-Suchtreffer-Listen landen?). “Signale”, das klingt unverdächtig. Aber wie zu …

Alles wird schlimmer: Wie die News-Medien am falschen Weltbild basteln (müssen)

“Jugendgewalt steigt in Großsiedlungen”, schreibt die Berliner Morgenpost; “In diesen Kiezen knallt’s am meisten”, titelt der Berliner Kurier; “Jugendgewalt leicht angestiegen”, weiß Berlin Online. Alle drei Artikel haben zur Grundlage die gestrige Vorstellung der Studie “Berliner Monitoring Jugendgewaltdelinquenz 2015” (.pdf) der Landeskommission gegen Gewalt. Die zentrale Aussage der Studie (und der erste Satz der Zusammenfassung innerhalb der Studie) lautet: “Die Belastung mit Jugendgewalt ist in Berlin insgesamt weiterhin rückläufig.” Diesen Trend gibt es in Berlin seit zehn Jahren. Jede Wette, dass die Mehrheit der Berliner vom Gegenteil überzeugt ist. Weil die Medien (mit Ausnahmen) das Gegenteil berichten. Weil das Gegenteil mehr Klicks bringt. Denn ein Trend, der sich fortsetzt, ist keine Nachricht; vor allem aber: Schlechte Nachrichten verkaufen sich besser. Das macht mindestens evolutionsbiologisch Sinn. Wir haben eine hohe Aufmerksamkeit für Gefahren. Die brauchen wir auch, um uns vor ihnen schützen zu können. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Was dagegen unproblematisch ist, können wir (erst einmal) ignorieren. Deswegen klicken wir regelmäßig auf Schreckensnachrichten. Deswegen lässt uns das friedliche Zusammenleben von 90 Prozent der Weltbevölkerung kalt. Das macht wie gesagt Sinn. …