Was macht einen Menschen zum Selbstmordattentäter?

Er stammt aus einer reichen Bankiersfamilie, hatte in London studiert und dort in einer schicken Gegend gewohnt: Der Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab, der am 25. Dezember 2009 bei Detroit ein Flugzeug zum Absturz bringen wollte, passt nur zum Teil in das vermeintliche Profil eines Attentäters. Er ist jung und männlich, aber auch gebildet und reich.

Selbstmordattentäter haben nichts zu verlieren, kommen aus ärmlichen Verhältnissen, ihnen fehlt der Zugang zu Bildung und sie sind daher für Manipulationen, wie etwa fanatisch-religiöse Ansichten, empfänglich. – So klingt eine Klischee-Vorstellung über Selbstmordattentäter. Wenig bis nichts davon stimmt.

Dabei sind diese Vorstellungen naheliegend, auch ökonomisch gesehen. Denn der Mensch wägt bei seinem Handeln stets Kosten und Nutzen ab. Wer wenig zu verlieren hat, ist eher bereit sein Leben zu geben, so die simple Logik. Und wer ungebildet ist, der ist verführbar, zum Beispiel indem er sich einreden lässt, dass er für seinen Tod im ewigen Leben reichlich belohnt werde. Aber die Logik des wirklichen Lebens ist offensichtlich weniger simpel.

Der Ökonomie-Professor Alan B. Krueger hat es bereits 2003 zusammen mit der Orientalistin Jitka Malečková im „Journal of Economic Perspectives“ nachgewiesen: Terroristen sind in der Regel besser ausgebildet und kommen aus wohlhabenderen Schichten als der Durchschnitt der Bevölkerung, so das Fazit ihres Artikels „Education, Poverty and Terrorism: Is There a Causal Connection?“.

Und der Ökonom Claude Berrebi wertete die Biographien von 285 palästinensischen Selbstmordattentätern aus. Mit dem gleichen Ergebnis: Die Männer hatten häufig eine Hochschule besucht und kamen aus Familien mit überdurchschnittlichem Einkommen.

Im australischen Adelaide führt die Flinders-Univeristät die nach eigenen Angaben weltweit umfangreichste Datenbank über Terrorismus. Zwischen 1981 und 2006 gab es demnach rund um den Globus 1200 Selbstmordattentate bei denen 14.599 Menschen ums Leben kamen. Die Auswertung der Daten ließen einen interessanten Rückschluss zu, meint der emeritierte Professor Riaz Hassan von der dortigen Hochschule: „Es sind weniger religiöse als vielmehr politische Motive, warum sich Terroristen in die Luft sprengen.“

Die Religion helfe bei der Rekrutierung potenzieller Attentäter, so der Soziologe, aber die Motivation für die Tat hätte letztlich andere Ursprünge. Neben politischen Motiven fühlten sich die Täter häufig gedemütigt und folgten dem Wunsch nach Rache und Vergeltung. Außerdem sei die Tat eine Form von Altruismus: “Selbstmordattentäter fallen in die Kategorie der altruistischen Selbstmorde, weil sie den Wert ihres eigenen Lebens geringer schätzen als die Ehre einer Gruppe, einer Religion oder anderer kollektiver Interessen”, so Riaz Hassan.

Falsch sei außerdem die Vorstellung, die Täter handelten nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte: “Der Grund für Selbstmordanschläge liegt nicht im Bereich individueller Pathologie als vielmehr in den sozialen Bedingungen.”

Vor allem die Demütigung sei ein starkes Motiv für Selbstmordanschläge. Hassan: „Der Mensch hat eine starke Abneigung gegen alles, was er als ungerecht empfindet.“ Dieses Gerechtigkeitsempfinden habe eine dunkle Gegenseite: die Rache. So sei es zum Beispiel zu einem rasanten Anstieg von Selbstmordattentaten im Irak gekommen, nachdem im Jahr 2004 Berichte über Folterungen von irakischen Gefangenen durch amerikanische Soldaten im Gefängnis Abu Ghraib bekannt geworden waren.

Wenn aber Selbstmordattentäter nicht aus ärmlichen Verhältnissen kommen, hilft die Verbesserung des Lebensstandards, zum Beispiel durch Entwicklungshilfe, kaum. Wenn die Motivation der Attentäter, weniger dem religiösen Fundamentalismus entspringt, bringt eine Verurteilung und Bekämpfung dieser Anschauungen nichts, ist vielleicht sogar kontraproduktiv. Wenn aber weder wirtschaftlicher Fortschritt, noch politischer und militärischer Druck helfen, was dann? Wie muss eine Politik aussehen, die als oberstes Ziel hat, ihre Bevölkerung vor Anschlägen zu schützen? Es brauche Strategien zur Eliminierung solcher kollektiver Missstände, die zu Demütigungen und dem Wunsch nach Rache führten, ist Hassan überzeugt. Nur so könne den Selbstmordattentaten der Nährboden entzogen werden.

Loretta Napoloeoni beschreibt diesen Nährboden in ihrem Buch „Ökonomie des Terrors“. Sie füllt die Theorie mit Erlebtem. Napoloeoni erzählt wie hunderttausende Flüchtlinge aus Palästina im Süden Beiruts, in einer Barackenstadt, auf dem so genannten Elendshügel leben. Die ungepflasterten Straßen seien weder beschildert noch beleuchtet, ein Netz von Stromkabeln spanne sich über die unfertigen Häuser, heruntergekommenen Gebäude und gewundenen Gassen – eine Siedlung, die sich über 28 Kilometer erstrecke.

„In einem bescheidenen Häuschen sieht der vierjährige Mohammad mit seiner kleinen Schwester ein Video: Vor einer öden Landschaft ist eine Häuserreihe zu sehen – eine Momentaufnahme, die einen beliebigen Ort der Dritten Welt zeigen könnte. Plötzlich sieht man eine Explosion, die das ganze Bild füllt. Als wäre ein riesiger Feuerwerkskörper gezündet worden, schießen Flammen in die Höhe, Schutt und Stahlteile fliegen durch die Luft. Voller Erregung springt der Junge auf und ruft: ‚Mein Papa, mein Papa!‘”

Salah Ghandur, Mohammads Vater, war ein Selbstmordattentäter. Am 25. Mai 1995 griff er einen israelischen Konvoi an und jagte sich mit 450 Kilogramm Sprengstoff in die Luft; zwölf israelische Soldaten starben mit ihm. Der Sohn, die Frau, die ganze Familie ist stolz auf Salah Ghandur. In diesem tödlichen Konflikt, so Napoloeoni, sei der Märtyrertod das höchste moralische Ziel, das die Flüchtlinge erreichen könnten. Der Tod stelle die Würde wieder her, „die sie mit dem Land und der daran gebundenen politischen Identität verloren haben.“

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