Wie wichtig und richtig sind Prognosen?

Der Wunsch, die Zukunft zu kennen, bringt manche um den Verstand. Bisweilen hilft dann sogar der Bundesgerichtshof. Einem Mann war seine langjährige Freundin weggelaufen. Er, in den Vierzigern, Werber und Messebauer, ging darauf zu einer Wahrsagerin. Sein Ziel: Die Freundin zurück gewinnen. Das erste Telefonat war kostenlos gewesen. Danach wurde es teuer: Kartenlegen für 100 Euro, Coachings für ebenfalls 100 Euro, für die ersten 30 Minuten, plus 50 Euro für alle weiteren 15 Minuten.

Eine Rechnung über 35.000 Euro beglich der Mann, eine zweite über 6.700 Euro verweigerte er, nachdem der Verlassene eine Sektenberatung aufgesucht hatte. Darauf klagte die Wahrsagerin, bis zum Bundesgerichtshof. Der fällte ein Sowohl-als-auch-Urteil: Zwar dürften Kartenleger grundsätzlich Geld verlangen, ein Vertrag könne aber sittenwidrig und damit nichtig sein, wenn er mit Kunden in “schwierigen Lebenssituationen”, psychisch labilen oder leichtgläubigen Menschen abgeschlossen werde. Der Bundesgerichtshof wies den Fall zur Beurteilung der Sittenwidrigkeit an die Vorinstanz zurück.

Die Zukunft ist ein Milliarden-Geschäft. Auch für jene, die bei Sinnen sind. Noch nie waren die Möglichkeiten vielfältiger, mit richtigen Prognosen reich zu werden – mit dem Tippen von Fußballspielen, mit der Vorhersage über Unternehmensentwicklungen, mit dem Schätzen zukünftiger volkswirtschaftlicher Wachstumsraten. Die gesamte Finanzbranche lebt davon, in die Zukunft zu schauen. Je genauer die Prognose glückt, desto reicher wird man.

Dieser Zusammenhang gilt nicht nur für ganze Wirtschaftszweige. Er trifft auf jeden einzelnen Menschen zu. Werde ich die kommenden 20 Jahre alle Raten für meinen potenziellen Hausbau zurück zahlen können? Kann ich mir ein Auto auf Pump leisten? Soll ich für einen Jobwechsel in eine neue Stadt ziehen? Wird die Nachfrage nach meinen Produkten weiter zunehmen, sodass sich die Erweiterung der Fertigungshalle lohnt? Wie stellt sich die Lage am Arbeitsmarkt nach meinem Architekturstudium dar?

Je besser wir die Zukunft einschätzen, desto (wirtschaftlich) erfolgreicher ist unser Leben. Das vermeintlich Verrückte dabei: Wir können unsere Zukunft teilweise tatsächlich vorhersagen. Weil Zukunft häufig so wird, wie wir glauben, dass sie wird. Selbsterfüllende Prophezeiung heißt das, wenn etwa viele Menschen ihr Verhalten in der Gegenwart ändern und damit die Zukunft beeinflussen.

Zum Beispiel der Konsumklima-Index des Nürnberger Marktforschungsunternehmens GfK. Jeden vorletzten Werktag im Monat, punkt 8 Uhr morgens, wird die Konsumneigung von 2000 repräsentativ ausgewählten Deutschen veröffentlicht.

Der Konsumklima-Index schafft es regelmäßig in die Tageszeitungen und beeinflusst somit selbst das Verbraucherverhalten. Denn wovon andere überzeugt sind, das machen sich viele selbst zu eigen. Glauben andere, dass die Zukunft rosig ist, passt man seine Meinung an.

Vor allem in umgekehrter Richtung geschieht eine Anpassung häufig – und ist gefährlich. Medien würden eine Dramatik inszenieren, sagt Wirtschaftsprofessor Klaus F. Zimmermann, „indem Negativmeldungen überzeichnet und Positivmeldungen schlicht ignoriert werden.“ So könnten sich Stimmungswellen rasch verbreiten. „Da der Kern allen Wirtschaftens wechselseitiges Vertrauen ist, reagiert das Marktsystem extrem sensibel auf Vertrauenskrisen“, so Zimmermann. Ob selbsterfüllend oder nicht: Wenn die Konjunktur nach unten geht, ist die Entwicklung besonders rasant. „Die sich unerwartet rapide verschlechternde Situation ist für Krisen kennzeichnend“, sagt Professor Ulrich Heilemann, Direktor des Instituts für Empirische Wirtschaftsforschung (IEW) der Universität Leipzig.

Allein in Deutschland veröffentlichen mehr als 30 Institutionen regelmäßig Konjunkturprognosen. Allen Indizes ist gemein, dass Sie manchmal die Zukunft treffend einschätzen und andere Male ziemlich daneben liegen. Besonders ärgerlich: Prognosen helfen dann, wenn sie am nötigsten sind, nämlich in unsicheren, schwierigen Zeiten, besonders wenig, weil sie dann überdurchschnittlich ungenau sind.

Die Wissenschaft wird häufig für diese Ungenauigkeit gescholten. Sie ist nur bedingt schuldig. Denn Prognosen basieren auf Annahmen. Diese Annahmen können sich ändern. Mache Ereignisse sind schlicht nicht vorhersehbar. Sie werden exogene Schocks genannt. So kann eine Wachstumsprognose etwa nur schwer berücksichtigen, welche Wirtschaftspolitik in der Zukunft betrieben wird, eine wachstumsfreundliche oder wachstumsschädliche.

Auch manche benötigten Kennzahlen sind dermaßen schwankend, dass jede Prognose unlauter wäre. „Aus gutem Grund unterlassen es Ökonomen regelmäßig, sich auf eine kurzfristige Prognose besonders schwieriger Größen wie der Wechselkurs und der Energiepreis einzulassen“, so Professor Zimmermann, „in makroökonomischen Vorhersagesystemen werde sie üblicherweise mit plausibel gemachten Werten angenommen.“

Mit anderen Worten: In Wachstumsprognosen fließen Zahlen ein, die einfach mal so über den Daumen gepeilt werden. Wissenschaft stellt man sich bisweilen anders vor.

Was ebenfalls von den Forschern beliebig bestimmt wird: die Theorie, auf der die Prognose fußt. Denn jede Prognose basiert auf Theorien. Welche Theorie gewählt wird, hängt vom subjektiven Auswahlverfahren des Wissenschaftlers ab. „Der eine wählt eine eher neoklassische Optik, der andere bevorzugt keynesianisch geformte Linsen, der eine trägt eine Weitsichtbrille mit eingebautem langfristigem Gleichgewicht, der andere eine Halbbrille mit eher monetaristisch eingefärbten Gläsern“, so Willi Koll, vom Wirtschaftsministerium, das mit dem Jahreswirtschaftsbericht selbst eine Konjunkturprognose herausgibt.

Die Unsicherheit von Prognosen hat also mehrere Ursachen. Inwieweit ist aber die Wissenschaft für Ungenauigkeiten selbst verantwortlich? Zimmermann sieht Defizite: „Es gibt Bereiche, in denen die spezialisierte makroökonomische Forschung noch nicht ausreichend entwickelt ist, um dort verlässliche Inputs für die Konjunkturprognosen zu liefern.“ Schlimmer allerdings ist, dass die Wissenschaft manches schon weiß, dieses Wissen aber in der Vorhersageforschung trotzdem keinen Niederschlag findet. „Der Erkenntnisfortschritt wird in Teilbereichen nicht oder nur unzureichend in der Prognosemethodologie berücksichtigt“, so Zimmermann.

Die Folge: Stillstand. „Es ist besonders bitter“, sagt Heilemann von der Uni Leipzig, „dass sich die Prognosen des BIP in den letzten 50 Jahren trotz beachtlicher Verbesserungen bezüglich Daten und Methoden, vielleicht auch Theorien, praktisch nicht verbessert haben.“ Seine Erklärung: „Wir lernen nicht nur dazu, wir vergessen auch.“ Die Krisen würden uns zwar wie eh und je begleiten, die Konjunktur- und Krisenlehre aber habe sich im Lauf der Jahre aus den Lehrplänen verabschiedet. Heilemann: „Die Hoffnung, dass mit besseren Theorien, Daten und Methoden die Prognosen treffsicherer werden, haben sich bislang nur in der Meteorologie erfüllt.“

Die meisten Zitate dieses Artikels sind dem Zeitgespräch aus der Zeitschrift Wirtschaftsdienst, 2009/02 entnommen. 

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Wie wichtig und richtig sind Prognosen?

Gipfel im tiefen Tal: Welche Lehren das G20-Treffen in London aus der Weltwirtschaftskrise ziehen sollte

Joseph Alois Schumpeter hat der Konjunktur eine Ordnung gegeben. Der Ökonom aus Österreich (1883-1950) teilte die Wirtschaftsentwicklung in einen Zyklus mit vier Phasen: Aufschwung, Hochkonjunktur, Abschwung, Krise. Das Wissen um diesen Zyklus erschreckt und beruhigt zugleich. Es nährt die Gewissheit, dass die aktuelle Krise nicht die letzte sein wird, es untermauert aber zugleich die Hoffnung auf den nächsten Aufschwung.

Damit dieser bald am Horizont sichtbar wird, treffen sich diese Woche die 20 gewichtigsten Staats- und Regierungschefs in London. Auf einfache Rezepte indes können sie nicht zurückgreifen. Denn in der Wissenschaft fehlt es sowohl an einer allgemein akzeptierten Theorie, warum ein marktwirtschaftliches System in Schwingungen gerät, noch sind sich die Ökonomen einig darüber, ob staatliche Stabilisierungsversuche tatsächlich helfen. Gewissheit gibt es nur darüber: Jede Krise hat ihre Besonderheiten, und wer sie schnell überwinden will, muss ihre speziellen Ursachen kennen.

Die aktuelle Krise hat ihren Ursprung im überzogenen Konsum- und Importboom der USA, der dort über Jahre zu einem wachsenden Leistungsbilanzdefizit geführt hatte. Mit anderen Worten: Die US-Bürger haben lange, zu lange auf Pump gelebt. Weil Preise und Zinsen niedrig waren.

  • Denn erstens wurden durch niedrige Wechselkurse, vor allem des chinesischen Yuan, die USA mit billigen Produkten aus Ostasien überschwemmt.
  • Zweitens tauschten die chinesischen Exporteure ihre in der Folge reichlich vorhandenen Dollars in Yuan. Mit den Dollars kaufte die chinesische Notenbank US-Staatsanleihen und  finanzierte damit den amerikanischen Konsumrausch.
  • Drittens wurden die  hohen Sparüberschüsse in Ostasien  von den dort noch unterentwickelten Kapitalmärkten nicht aufgenommen. Das Geld strömte deshalb in die Kapitalmärkte der USA, was  dort den Hypothekenboom mit ermöglichte.
  • Und viertens hatte Zentralbank-Präsident Alan Greenspan dem Ende des ersten Internet-Booms im Jahre 2000 mit einem historisch niedrigen Leitzins von ein Prozent entgegen gewirkt, was ebenfalls günstige Krediten begünstigte.

Im Grunde war hier entstanden, was im Marktmechanismus nur schwer zu vermeiden ist: eine Blase. Deren Platzen traf als erstes den Finanzsektor. Eigentlich kein Drama in einer Marktwirtschaft. Die weniger konkurrenzfähigen Unternehmen scheiden aus, wer übrig bleibt, blickt gestärkt in die Zukunft. Doch in der Krise des Banken-Sektors hat sich eine Besonderheit gezeigt, die bisher übersehen worden war: Die Branche ist derartig mit wechselseitigen Vertragsbeziehungen durchzogen, dass das Ausscheiden eines Instituts, die Existenz anderer im Markt verbleibender Banken gefährdet.

Das hat die Politik in ein Dilemma gestürzt: Sie muss, die in der Bevölkerung wenig beliebten Banken mit Milliarden stützen. Das noch größere Problem aber ist, dass ein solche Unterstützung die Saat für die nächste Krise legt. Weil erstens der notwendige Strukturwandel nicht vollzogen wird und weil zweitens diese Banken in der Zukunft noch risikoreicher wirtschaften werden. Denn sie können sich darauf verlassen: Geht was schief, springt der Steuerzahler ein.

Diese Fehlanreize in Zukunft zu unterbinden, ist die schwierige Aufgabe, vor der die G20-Länder stehen. Was es dafür braucht: Erstens eine bessere Marktbeobachtung als bisher, um mögliche Risiken frühzeitig zu erkennen. Zweitens deutlich mehr Eingriffsmöglichkeiten des Staates im Falle einer drohenden Schieflage. Nur so entwickeln die Bankeigentümer  ein ausgeprägtes Interesse dafür, Gefahren frühzeitig entgegenzuwirken – zu ihrem eigenen Wohl, und zum Wohle der Gesellschaft.

Gipfel im tiefen Tal: Welche Lehren das G20-Treffen in London aus der Weltwirtschaftskrise ziehen sollte