Abschied von Gutenberg
Veröffentlicht: 4. März 2009 Einsortiert unter: Digitales, Gesellschaft | Tags: Börsenverein des deutschen Buchhandels, Buch, eBook, europeana.eu, Kindle, Libreka Schreibe einen Kommentar »In wenigen Tagen beginnt für den deutschen Buchmarkt das digitale Zeitalter – und das große Zittern
Ronald Schild macht aus seiner Ungewissheit keinen Hehl: “Über den typischen eBook-Nutzer weiß man noch relativ wenig”, sagt der Geschäftsführer von MVB, einer Tochtergesellschaft des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Dabei sollen für Schild die eBook-Nutzer ab kommenden Donnerstag vor allem eines sein: seine Kunden. Denn dann beginnt ein Experiment, von dem niemand weiß, ob es die Branche in eine goldene Zukunft führen oder in den Abgrund reißen wird.
Schild hat von den deutschen Buchverlagen, den Zwischenhändlern und den Buchhandlungen den Auftrag bekommen, Geschichte zu schreiben. Es wird die vielleicht größte Veränderung der Branche seit Johannes Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert, die da ab dem 12. März starten wird. Denn der deutsche Buchhandel hat sich durchgerungen, seine Bücher nicht mehr nur auf Papier zu drucken, sondern auch digitalisiert zu verkaufen, als so genannte eBooks. Und zwar alle Bücher, ohne Ausnahme. Auf der Leipziger Buchmesse fällt der Startschuss. Dann können die knapp 100.000 Titel, die derzeit schon auf der Webseite libreka.de zu finden sind, zu einem vom Verlag festgelegten Preis gekauft werden. „Unser Ziel ist es, in drei bis fünf Jahren alle lieferbaren deutschsprachigen Bücher anzubieten“, sagte Schild vor wenigen Tagen der Presseagentur DPA.
Damit gehen die Buchverlage einen Weg, den andere Unterhaltungsmedien wie “Musik” und “Bewegbild” schon gegangen sind. Und deren Erfahrungen zeigen: Es ist ein steiniger, gefährlicher Weg. Denn mit der Digitalisierung wird das Kopieren ohne Qualitätsverlust zum Kinderspiel. Die Kosten jeder Kopie liegen bei nahe Null. Und kein Kopierschutz hält findigen Programmierern länger als ein paar Wochen stand. Die Folge: Die Umsätze der Musikkonzerne und auch vieler Produktionsgesellschaften sind eingebrochen. Weil es kein Problem ist, an Inhalte zu kommen, ohne dafür zahlen zu müssen.
Ab dem kommenden Donnerstag beginnt also für die Buchbranche das große Zittern. Bringt das eBook einen neuen, großen Absatzmarkt oder die Katastrophe? Aktuell erwirtschaftet der deutsche Buchmarkt im Jahr zehn Milliarden Euro. Keiner weiß, wie viel es in zehn Jahren sein werden. Das Doppelte? Die Hälfte? Lange hat die Angst vor dem Wandel den Fortschritt blockiert. Aber die Konkurrenz sitzt ebenfalls in den Startlöchern – und die ist zahlreich. Mit dem Projekt Book Search hat sich Google zum Auftrag gemacht, das Weltwissen zu digitalisieren. Sieben Millionen Bücher sind mittlerweile eingescannt, auch zehntausende deutschsprachige. Seit Google bekannt gab, auch eine Shopfunktion einzuführen, ist das Unternehmen zum potentiell weltgrößten Buchhändler mutiert. Auch hat man sich mittlerweile in den USA mit Verlegern und Autoren geeinigt. Wer dem Vertrieb über Google zustimmt, erhält 63 Prozent der Erlöse. Die amerikanischen Verlage haben bereits die Waffen gestreckt: Sie empfehlen den Vertrieb über Google, weil sie sich nicht in der Lage sehen, ein konkurrenzfähiges Angebot auf die Beine zu stellen.
In Europa stößt das ursprünglich als Suchmaschinenbetreiber gestartete Unternehmen auf mehr Konkurrenz. Neben Libreka gibt es zum Beispiel die Webseite europeana.eu. Dahinter steht ein von der EU gefördertes Projekt, welches die Aufgabe hat, das literarische Erbe des Kontinents zu digitalisieren. Allerdings: Wer die Seite versucht zu benutzen, verzweifelt nach wenigen Minuten.
Ein Tag vor dem Start von Libreka beginnt außerdem der Buchhändler Thalia ein eigenes eBook-Projekt. Ab dem 11. März kann man in den Filialen die eBook-Lesegeräte aus dem Hause Sony mit dem klangvollen Namen PRS 505 erwerben. Die digitalisierten Bücher können dann direkt über das Gerät erworben werden. Darüber hinaus dürfte Amazon mit seinem Lesegerät Kindle auch in Deutschland bald an den Start gehen. In den USA gilt das Kindle bereits jetzt als Erfolg.
Der deutsche Buchmarkt startet mit seiner Online-Plattform Libreka also keineswegs frühzeitig. Vor allem der Handel will damit seinen eigenen Bedeutungsverlust bekämpfen. Denn warum soll es in der Welt der eBooks überhaupt noch Zwischenhändler und Buchhandlungen geben? Die Verleger könnenden Kunden ihr Sortiment direkt über das Internet präsentieren. Libreka ist der Versuch der Buchhändler eine Zukunft zu haben, indem man den Online-Verkauf selbst organisiert, um so am Umsatz teilzuhaben.
Allerdings: Der Weg zum Massenmarkt ist für das eBook noch ein langer. Zu viele Schwierigkeiten stehen einem einfachen Einkauf aktuell im Wege. E Books werden in unterschiedlichen Datei-Formaten angeboten. Der Käufer muss also genau wissen, welches Format zu seinem Lesegerät passt. Die Technik der Lesegeräte steckt immer noch in den Kinderschuhen. Die dauerhafte Archivierung von eBooks ist weiter ungeklärt: Was passiert mit meinen eBooks, wenn ich mir ein neues Lesegerät kaufe?
Nicht zu vergessen die grundsätzliche Frage, ob die Mehrheit überhaupt auf das gedruckte Buch verzichten will. Roland Schild sagt, dass man noch wenig über den eBook-Nutzer weiß. Wie auch? Ohne Angebot keine Nachfrage. Es wird noch einige Jahre brauchen, ehe wir wissen, ob der Vorteil der nahezu unbegrenzten Speicherung von Büchern mehr geschätzt wird als das haptische Erlebnis, ein Buch Seite für Seite “auflesen” zu können. Ob der ökologische und ökonomische Vorteil einer einfachen digitalen Übertragung von Büchern den Verzicht auf die heimische Bücherwand überwiegt, die immerhin den Hausgästen den Bildungsstand der Gastgeber zeigt? Erst dann wird man wissen, ob das gedruckte Buch lediglich eine Zwischenlösung zwischen Steintafel und der digitalen Welt war.
1 Nachricht – 1000 Wege
Veröffentlicht: 19. August 2008 Einsortiert unter: Medien | Tags: iPhone-Apps, Kindle, Twitter Schreibe einen Kommentar »Kindle, Twitter, iPhone-Apps: Die Verbreitung von Nachrichten findet immer schneller neue Kanäle
Die Diskussion dürfte bald an ihr natürliches Ende gelangen. Weil alles gesagt ist. Weil alles schon oft gesagt worden ist. Heribert Prantl, der bekannte Journalist der Süddeutschen Zeitung, hat es am vergangenen Wochenende nochmals getan. Auf der Medienseite seiner Zeitung und unter dem Titel “Die Zeitung ist tot. Es lebe die Zeitung.” Es ging mal wieder um die Frage, wie das Internet die Printlandschaft verändert. Print gegen Digital. Radikaler gefragt: Ist das Internet der Totengräber der Zeitung? Und falls ja, wann wird die Todesstunde geläutet?
Prantl hat geschrieben, was auch alle anderen Experten zu dem Thema denken, und auch schreiben, vorausgesetzt, sie müssen keine reißerischen Schlagzeilen verkaufen: Bedrucktes Papier wird es noch sehr, sehr lange geben. Und: Das Internet verändert die Zeitung in Richtung Hintergrund-Medium. Wenn jedes Medium seine spezifischen Stärken ausspielt, so Prantl, dann werden sich Zeitung und Internet ergänzen. “Die Stärke des Internets ist seine Rasanz, die Stärke der Zeitung die Reflexion”, schreibt er.
Prantl hat, wie gesagt, nichts Neues, aber alles Wesentliche erwähnt, was es zum Thema “Print contra Internet” zu erwähnen gibt. Die Diskussion wird deshalb bald ihre Richtung ändern. Weg von “Print contra Internet”, hin zu “Internet contra Internet”. Denn der Begriff “Internet” täuscht eine Einheitlichkeit vor, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Die Vorstellung, der Internet-Nutzer sitzt an einem Tisch, starrt auf einen Einheitsbildschirm, die Hände auf einer Tastatur plus Maus liegend – diese Vorstellung ist ein Stereotyp und damit fern der Wirklichkeit.
Genauer gesagt: zunehmend fern der Wirklichkeit. Denn die digitale Informationsvermittlung bahnt sich neue Wege. Mit neuen Ideen, mit neuer Technik, mit neuer Software. Die Fragen der Zukunft lauten: Wie nehmen wir digitalisierte Informationen auf? Welches Konzept der Informationsvermittlung liegt dahinter? Mit welchen Geräten? Mit welcher Software?
Auch die Informationsanbieter (Zeitungsverlage etwa) müssen Antworten finden: Wie lassen sich die Kosten der Informationsbeschaffung (zum Beispiel die Bezahlung von Journalisten) wieder reinholen? Was sind die Werbemodelle der Zukunft? Und: Lässt sich für Informationen im Internet auf absehbare Zeit wieder Geld verlangen?
Letztere Frage beantwortet Amazon mit einem klaren Ja. Das Internet-Versandhaus hat in den USA im vergangenen Jahr unter dem Namen „Kindle“ ein elektronisches Lesegerät auf den Markt gebracht. Das Display basiert auf der Technologie des elektronischen Papiers: Es hat keine Hintergrundbeleuchtung und ist auch bei Sonnenlicht gut lesbar. Amazon bietet für das Gerät nach eigenen Angaben 125 000 Bücher an (darunter praktisch alle US-Bestseller) und auch viele Magazine und Zeitungen, zum Beispiel die New York Times. Über einen drahtlosen Internetzugang werden die Informationen auf das Kindle geladen. Bezahlt wird per Abbuchung mittels Kreditkarte. Geschätzte 500 000 Geräte wird Amazon dieses Jahr verkaufen. Gerüchten zu Folge wird der Lesecomputer (der im Übrigen auch Musik und Hörbücher abspielt) im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse für den deutschen Markt präsentiert werden.
Einen anderen Weg geht exemplarisch Apple mit seinem iPhone. Das Apple-Handy verbindet eine bestehende Funktionalität (Telefon) mit neuen Anwendungsfeldern (Spielen, Internet-Surfen, Lesen). Der Vorteil liegt in der Kompaktheit: ein Gerät für viele Funktionen. Der Nachteil: Kompromisse werde notwendig. Zum Beispiel in der Displaygröße. Handys müssen nun mal relativ klein sein.
Dass der Kompromiss gelingen kann, zeigt eben das iPhone. Der Trick ist einfach: Man lässt die Unternehmen, welche Inhalte auf dem iPhone anbieten wollen, die dafür nötigen Programme selbst schreiben. So werden die Inhalte für den Bildschirm optimiert. Der Nutzer kann sich das Programm dann auf sein Handy herunterladen (beim iPhone über den so genannten App Store) und über das Programm die Inhalte aufnehmen. Die New York Times bietet bereits ihre Zeitungsinhalte über eine solch spezielle iPhone-Software (so genannte Apps) an; die kostenlose Schweizer Gratiszeitung “20 Minuten” macht dies seit Neuestem ebenfalls.
Beide Anwendungen dürfen ohne Übertreibung als richtungsweisend für die Nachrichtenübermittlung auf kleinen Displays bezeichnet werden. Die Informationen sind kinderleicht zu wählen, ob als Texte, Fotostrecken oder Videos. Und: beide Anwendungen sind mehr als brotlose Kunst. Sie sind mit Werbung bestückt.
Die Programme auf dem iPhone und das Kindle von Amazon sind lediglich zwei neue Formen der Informationsaufnahme. Abseits vom reinen Surfen auf Internetseiten hat sich eine ganze Palette neuer Systeme etabliert. Schon lange bewährt: der Newsletter per E-Mail und die SMS. Neuer sind das Lesen per RSS-Reader (also die Zusammenführung vieler Informationsquellen in einer einzigen standartisierten Ansicht), Weblogs (die chronologische Auflistung von Beiträgen), Instant Messaging (dabei werden gesendete Nachrichten sofort beim Empfänger angezeigt; bekannte Programme sind ICQ und Skype) oder Twitter (dort werden sms-lange Nachrichten in eine Art Blog eingetragen und an Freunde und Interessenten verteilt).
Die neue Vielfalt ist erst der Anfang. Dem allerdings wird das Ende fehlen. Die Medienbranche muss sich auf die stetige Veränderung einstellen. Weil der technische Fortschritt in immer kürzerer Zeit Neues ermöglichen wird. Die aktuell verrückteste Idee stammt aus dem Hause Nokia. Dort denkt man über ein “Pen Phone” nach. Statt eines Handy-Klotzes in der Tasche, soll man in Zukunft nur noch einen kleinen Stick dabei haben, aus dem eine Folie gerollt wird. Damit soll das Problem gelöst werden, dass Handys ein großes Display brauchen, um beispielsweise vernünftig im Internet surfen zu können, wodurch die Telefone aber unhandlich werden.
Die Idee des Pen Phones also ist die eines platzsparenden Handys in Form eines Kugelschreibers. Zum Telefonieren benutzt man ein winziges Bluetooth Headset. Für das Betrachten von Filmen, Bildern oder zum Internetsurfen wird das bewegliche Display aus dem “Kugelschreiber” gezogen. Noch ist das Pen Phone lediglich ein Designkonzept. Noch.
