Heiraten wir aus Liebe?

Ökonomen fallen auf Hochzeiten manchmal unangenehm auf. Wenn sie ihre Gedanken nicht für sich behalten können. Die gute Stimmung auf der Feier kann dann schnell in den Keller rauschen. Denn manche Ökonomen neigen dazu, in allem einen Markt zu sehen. Nicht nur Börsen oder der Austausch von Waren finden ihr Interesse, sondern das menschliche Zusammenleben im Allgemeinen.

Das Liebesleben ist eine besondere Herausforderung für diese Ökonomen. Weil dort auf den ersten Blick kein Markt zu sehen ist, keine rational handelnden Akteure. Weil bei der Liebe doch vermeintlich die Emotionen überwiegen, die Liebe den Verstand ausschaltet. Aber diese Ökonomen lassen gerne die Luft aus schmachtenden Worten und geseufzten Versprechen. Sie sehen im Menschen den abwägenden Rationalisten, der jede Entscheidung zu seinem Vorteil trifft. Der aber dabei auch Verluste in Kauf nehmen muss, weil wer das eine tut, oft das andere lassen muss.

Opportunitätskosten nennen Ökonomen dies, wenn einem was entgeht, weil man sich für etwas anderes entschieden hat.

Sie, der Sie gerade hier lesen, könnten stattdessen die welken Blumen im Wohnzimmer gießen, mit der Büroarbeit beginnen oder aus dem Zugfenster schauen und die vorbeirauschende Landschaft beobachten. Sie haben sich aber dafür entschieden, diesen Text zu lesen. Das erhöht ihre Opportunitätskosten, mit jeder Textzeile. Freilich, man muss so nicht denken. Ökonomen denken so.

Treffen sich zwei Volkswirte auf der Straße. Fragt der eine: „Wie geht es deiner Frau?“ Antwortet der andere: „Im Verhältnis zu wem?“ Das soll ein Witz sein. Aber eigentlich ist es keiner. Solche Ökonomen jedenfalls sehen auf Hochzeiten nicht ein selig zum Altar schreitendes Brautpaar, sondern zwei zufriedene Menschen, die genug davon haben, nach einem/einer Besseren Ausschau zu halten. Sie hören kaum zu, wenn die Findungsgeschichte der beiden Liebenden erzählt wird, welche vermeintlichen Zufälle geschehen mussten, damit das Paar letztlich zusammen kam, ja zusammenkommen musste, weil sie ganz offensichtlich füreinander bestimmt sind.

Für diese Ökonomen ist die Seelenverwandtschaftsgeschichte schlicht Selbstbetrug, der verschleiert, dass auch vor dieser Hochzeitsfeier die Brautleute die Vor- und Nachteile einer Eheschließung genauestens abgewogen haben, und zwar jeder für sich, ganz im Stillen. Und vielleicht hat gar nicht viel gefehlt und der Konditor hätte eine Hochzeitstorte weniger verkauft.

Wie gesagt, diese Ökonomen hören bei der Geschichte kaum zu. Sie wundern sich derweil vielmehr, wie es möglich ist, dass gerade jener Tag zum Freudenfest ausgerufen wird, an dem zwei Menschen einen Vertrag unterschreiben, der die Dinge für den Fall regelt, dass sie sich einmal nicht mehr lieben werden, dass sie sich vielleicht sogar hassen, zumindest keine Lust mehr auf ein weiteres Zusammenleben haben – vielleicht weil einem der beiden doch noch jemand Besseres über den Weg gelaufen ist.

Die ökonomische Betrachtung des Liebeslebens beginnt nicht erst bei der Hochzeit. Die Partnersuche ist ein weites Forschungsfeld. So haben zum Beispiel drei Wissenschaftler die Lebensläufe von 21.840 Dänen untersucht und festgestellt, dass der Beziehungsstatus den Lebensraum vorgibt: Dänische Singles zieht es in Städte wie Aarhus oder Kopenhagen, wer verheiratet ist, geht zurück aufs Land.

Der Mensch ist eben auch bei der Partnersuche ganz Ökonom: In der Stadt sind die „Suchkosten“ wegen des großen Angebots möglicher Partner erheblich geringer. Die Stadt als perfekter Heiratsmarkt.

Und wie lange suchen wir? Wann und warum entscheiden wir, nun bei einem Partner zu bleiben, vielleicht mit ihm Kinder zu bekommen, mit ihm alt zu werden. „Na, bis der/die Richtige gekommen ist“, sagen die Seelenverwandtschaftsanhänger. „Bis die Kosten der weiteren Suche den möglichen Zugewinn durch einen noch besseren Partner aufwiegen”, ökonomisiert der Ökonom.

Aber woher soll man wissen, was an „möglichen Zugewinnen“ noch kommen wird? Mit der 37-Prozent-Regel der Wahrscheinlichkeitsrechnung! Wer die ersten 37 Prozent der zur Verfügung stehenden Partner testet und danach den ersten nimmt, der besser ist als die zuvor getesteten, erwischt mit hoher Wahrscheinlichkeit den besten oder zweitbesten.

Aber man kennt doch nie alle möglichen Partner? Also weiß man auch nicht, wie viele man testen soll. Das stimmt. Hier hilft die Empirie. Sie rät: Testen sie zwölf potenzielle Partner!

Und danach wird geheiratet? Genau! Warum gleich noch mal? Ach ja, wegen der Liebe. Oder wegen des Vertrags. Vielleicht sind Ökonomen auf Hochzeiten auch deswegen nicht so gern gesehen, weil sie dort tendenziell missmutig sind. Denn ökonomisch gesehen ist die Ehe eine Katastrophe. Zumindest auf den ersten Blick. Denn die Ehe schließt jeden Wettbewerb aus. Man käme nie auf die Idee, in einem Geschäft einen Vertrag zu unterschreiben, der verpflichtet, den Rest des Lebens nur noch dort einzukaufen. Beim Ehevertrag macht man dies. Dass auch andere Mütter schöne Töchter und Söhne haben, soll in Zukunft ignoriert werden. Man marschiert freiwillig ins Monopol der Ehe hinein. Warum? Weil auch Eheleute Ökonomen sind! Eine solche freiwillige Selbstbeschränkung hat nämlich zwei Vorteile:

  1. Das Versprechen sich nicht zu trennen, fördert den Aufbau partnerspezifischer Investitionen. Man gibt sich Mühe, den anderen kennen zu lernen, richtet vielleicht eine gemeinsame Wohnung ein, bekommt ein Kind. Die durch einen Ehevertrag geschaffene höhere Sicherheit des Zusammenbleibens, macht solche Investitionen lohnenswerter. Im Arbeitsleben, wo solche Bindungsverträge verboten sind, entsteht das „hold up“-Problem: Bildungsinvestitionen bleiben aus, wenn der Arbeitgeber fürchten muss, dass sich seine Angestellten mit dem neu erworbenen Wissen aus dem Staub machen und bei der Konkurrenz anheuern.
  2. Der Vertrag trennt die „guten“ von den „schlechten“ Partnern. Die Ehe selektiert. Wer es nicht ernst meint, wer sich nicht langfristig binden will, wird nicht heiraten, zumindest dann nicht, wenn ihm eine Trennung teuer zu stehen kommt. Eine Heirat ist also der ultimative Test, ob die Liebesschwüre heiße Luft sind oder der Partner wirklich bereit ist, den Worten Taten folgen zu lassen. Man könnte auch sagen: Wer heiratet, der traut dem Partner nicht, der will auf Nummer sicher gehen. Aber so was sagen nur Ökonomen.

Was Ökonomen übrigens auch sagen: Heiraten Sie! Unbedingt! Denn auch das haben Ökonomen herausgefunden: Wer heiratet, wird im Vergleich zu Singles glücklicher, reicher und bleibt gesünder.

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Keine Toilette, keine Braut!

Die hohe Abtreibungsrate weiblicher Föten in Indien kommt den Männern dort offensichtlich zunehmend teuer zu stehen.

Emily Wax schreibt in der Washington Post über das nach China bevölkerungsreichste Land der Welt:

“A societal preference for boys here has become an unlikely source of power for Indian women. The abortion of female fetuses in favor of sons — an illegal but widespread practice — means there are more eligible bachelors than potential brides, allowing women and their parents to be more selective when arranging a match.”

Bekanntlich kosten Mädchen in Indien viel Geld. Bei einer Hochzeit müssen die Braut-Eltern hohe Summen an die Eltern des Bräutigams zahlen. Unter anderem deswegen sind Jungs erwünschter – und diesem Wunsch wird nachgeholfen.

Die Bevorzugung des männlichen Geschlechts wirkt sich für selbiges ab der Pubertät aber nachteilig aus. Dann nämlich spätestens fällt der Überschuss auf. Die Nachfrage an Frauen übersteigt das Angebot. Und was in einem solchen Fall auf allen Märkten passiert, geschieht auch auf dem Beziehungsmarkt: Der Preis steigt.

Die Frauen gelangen in eine bessere Position. Sie (beziehungsweise ihre Eltern) können unter mehr Männern wählen – und mehr fordern. Dieser Effekt ist offensichtlich im heutigen Indien zu beobachten.

Wax beschreibt die Entwicklung anhand einer erfolgreichen nationalen Kampagne mit dem Titel „No toilet, no bride“. 665 Millionen Inder (die Hälfte der Bevölkerung) hätten keine Toilette im Haus. Sie benutzten öffentliche oder gar keine Toiletten. Die Folge: Durchfall, Typhus und Malaria seien weit verbreitet.

Frühere Versuche, den Bau von Toiletten in ärmeren Gebieten voran zu bringen, seien weitgehend gescheitert, schreibt Wax. Die Verbreitung der Kampagne „No toilet, no bride“ dagegen, zu der auch teilweise eine finanzielle Bezuschussung von Baumaßnahmen gehöre, sei ein voller Erfolg. Die Kampagne hätte dazu beigetragen, dass ein Junggeselle heute deutlich schlechtere Chancen habe, eine Ehefrau zu finden, wenn seine Wohnung nicht über ein Bad verfüge.

Wax nennt noch einen weiteren Grund, warum Frauen in Indien fordernder würden: Satelliten-Fernsehen und Internet. Sie brächten das sich wandelnde Gesellschaftsbild auch in die ärmeren ländlichen Teile Indiens:

“Satellite television and the Internet are spreading images of rising prosperity and urban middle-class accouterments to rural areas, such as spacious apartments — with bathrooms — and women in silk saris rushing off to the office.”

Hinzu käme außerdem, dass die Frauen immer später heiraten und finanziell unabhängiger würden, weil das Bildungsniveau der Frauen steige. Noch nie gingen so viele Mädchen in Indien in die Schule wie heute.

Übrigens: Dass das Satelliten-Fernsehen in Indien das Selbstbewusstsein der Frauen fördert, ist auch Fazit einer NBER-Studie.


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