Die Grenzen des Wachstums – Wie die alternde Gesellschaft unser Leben verändert
Veröffentlicht: 19. August 2010 Einsortiert unter: Gesellschaft | Tags: Alter, Altersstruktur, Generationenkonflikt, Rente 2 Kommentare »Der Mensch neigt nicht zur Weitsicht. Nichts ist ihm wichtiger als die Gegenwart. Denn Gedanken über die Zukunft helfen wenig, wenn der Teller heute gefüllt werden muss. Je weiter der Blick in die Zukunft schweift, desto unwichtiger scheint sie uns.
Diese Prioritätensetzung ist verständlich, hat aber ihre Tücken, nämlich immer dann, wenn heutige Entscheidungen in der fernen Zukunft weitreichende Konsequenzen haben. Beim Rauchen ist das zum Beispiel so. Oder beim Klima.
Auch bei der Demografie. Wenn die Geburtenrate sinkt, spürt man die gesellschaftlichen Folgen anfangs kaum. Es werden zunächst weniger Hebammen, Kitas und Spielplätze benötigt, später weniger Schulen. Gravierend werden die Konsequenzen erst, wenn aus der Generation der Lernenden, die Generation der Arbeitenden wird. Denn was diese Generation erwirtschaftet, damit muss die Ausbildung der Jungen genauso finanziert werden, wie das Auskommen der Alten. Nur wenn das Verhältnis zwischen den Generationen einigermaßen ausgeglichen bleibt, bleibt eine Gesellschaft im Lot. Muss ein Arbeitender dagegen zu viele Junge und Alte unterstützen, nagen am Ende alle am Hungertuch.
Weil die Verhältnisse zu kippen drohen, diskutieren wir aktuell über die Erhöhung des Renteneintrittsalters. Noch versuchen Besitzstandswahrer die Dinge zu belassen wie sie lange waren. Die Macht des Faktischen wird den Konservatismus in die Geschichtsbücher verbannen.
Denn wenn wir weiterleben wie bisher, sieht das Szenario düster aus. Spätestens ab dem Jahre 2025 wird das Bruttosozialprodukt sinken, schlicht deshalb, weil immer weniger Menschen am Arbeitsleben teilnehmen.
Die Sparquote wird ebenfalls abnehmen, weil der Mensch vor allem in der Phase des Arbeitslebens spart, damit er im Alter ein Auskommen hat. Sinkt die Zahl der Arbeitenden und die der Alten steigt, wird weniger Geld zurückgelegt. Die Sparquote aber ist das Spiegelbild der Investitionsquote. Nur gespartes Geld kann investiert werden. Ohne Investitionen aber kein Wachstum.
Und drittens steigt in einer alternden Gesellschaft die Inflationsgefahr. Die nimmt nämlich immer dann zu, wenn mehr Güter konsumiert als hergestellt werden. In der Gruppe der Alten ist aber genau dies der Fall, sie produzieren nicht, sondern konsumieren nur. Ab dem Jahr 2030 könnte die Inflationsrate auf über zehn Prozent steigen, so Expertenschätzungen.
Der Ausblick ist also düster. Allerdings: Die Prognosen werden so nur eintreten, wenn alles bleibt wie es ist. Hinzu kommt: Manches hört sich nur auf den ersten Blick dramatisch an. So kann etwa einer Inflationsgefahr durch eine entsprechende Geldpolitik entgegen gesteuert werden.
Oder die Prognose vom Schrumpfen der Wirtschaft: Sie ist schlicht relativ. Sinkt die Bevölkerungszahl eines Landes, nimmt freilich auch das Sozialprodukt ab. Aber ob 10 Leute 1000 Euro erwirtschaften oder 100 Leute 10.000 Euro ist pro Person betrachtet das Gleiche. Der Lebensstandard muss also durch ein abnehmendes Sozialprodukt nicht sinken.
Auch das Problem der fehlenden Investitionen ist möglicherweise gar nicht so ein großes. Es ist zwar theoretisch durchaus schlüssig, dass man vor allem während des Arbeitslebens für das Alter spart, und dass man im Alter dieses Ersparte dann ausgibt; die Praxis zeigt allerdings, dass das angesparte Vermögen nach der Verrentung nur zum Teil wieder ausgegeben wird. Offensichtlich denken viele ans Vererben, sie wollen ihren Kindern und Enkeln ein finanziell sorgenfreies Leben ermöglichen. Hinzu kommt: Weil viele langlebige Güter bereits im Laufe des Erwerbslebens angeschafft werden, sinkt mit der Rente die Konsumquote, was automatisch den Sparanteil nach oben treibt.
Bleibt ein einziges gravierendes Problem: das Verhältnis von Arbeitenden zu Nicht-Arbeitenden. Im Gegensatz zum Verhältnis von Alten und Jungen ist dies aber nicht unveränderlich. Wir werden in Zukunft länger arbeiten, der Anteil der berufstätigen Frauen wird weiter zunehmen und auch die Jungen werden früher ins Berufsleben einsteigen. Und wenn wir heute mehr in Bildung investieren, wird in Zukunft auch die Produktivität der Arbeit steigen. Dann kann mit weniger Aufwand, mehr erwirtschaftet werden. Die Zukunft ist nicht düster, wenn wir heute beginnen, sie zu erhellen.
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Weiterführende Links:
- Die ökonomischen Konsequenzen der gesellschaftlichen Alterung, Thomas Lindh, Bo Malmberg, Thieß Petersen, Wirtschaftsdienst 01/2010
- Die demokratische Herausforderung, Frankfurt am Main 2002
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Die Eingeborenen des Netzes
Veröffentlicht: 11. März 2009 Einsortiert unter: Gesellschaft | Tags: Douglas Coupland, Generation X, Generationenkonflikt Schreibe einen Kommentar »Was unterscheidet die heutige Elterngeneration von ihren Kindern? Mehr als auf den ersten Blick zu sehen ist
Das Buch zur Generation hatte Douglas Coupland geliefert. Damals, 1991. “Generation X – Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur”, hieß es. Zumindest der Untertitel würde heute genauso passen. Hat sich in den vergangenen 18 Jahren vielleicht gar nicht so viel verändert? Ist einfach alles nur noch ein bisschen schneller, ein bisschen unüberschaubarer geworden? Was unterscheidet die Generation X, also jene, die in den 1960er und 1970er Jahren geboren wurden, von denen nach 1980?
Eigentlich hatte der Kanadier Coupland den Auftrag erhalten, ein Lifestyle-Lexikon über die “Twentysomethings” zu erstellen. Doch der ehemalige Kunststudent schrieb statt des Sachbuchs lieber einen Episodenroman. Einen Episoderoman über den ersten Wohlstandsknick seit dem Zweiten Weltkrieg, über zu viel Fernsehen und zu wenig Arbeit, über das Ende von Ideologien und fehlender Ideale, über Unbestimmtheit und Unzufriedenheit, über Konsumverweigerung und den Rückzug aus der Gesellschaft.
Coupland, Jahrgang 1961, hat später einmal gesagt, dass es ihm ein wenig peinlich sei, dass er der Namensgeber für eine ganze Generation sei. Schließlich habe er mit dem Titel gerade andeuten wollen, dass es um eine Generation gehe, die eben sehr unbestimmt, kaum zu definieren sei. Ironischerweise hat Coupland dieser schwer zu greifenden Generation mit seinem Buch dann doch den einen, den prägenden Stempel aufgedrückt.
Die Generation X steht heute in der Mitte ihres Lebens. Sie sind Mütter und Väter, haben die ersten Jobs hinter sich, kümmern sich um die betagten eigenen Eltern. Was sie trennt von ihren Kindern, ist eine Lebenserfahrung, die sie nie machen konnten: Es ist das Selbstverständnis mit digitalen Medien, mit dem Internet aufzuwachsen. Das unterscheidet sie von den Jungen, den “Digital Natives”, den digital Eingeborenen. Was aber verändert diese Erfahrung? Was trennt die beiden Generationen?
Wer alt genug ist, wird sich erinnern: Die ersten Heimcomputer wurden zunächst skeptisch beäugt, später konnte man sich stundenlang mit Textverarbeitungsprogrammen beschäftigen. Und als Ende der 80er Jahre zur Volkszählung gebeten wurde, schlug man dem Datenerfasser die Türe vor der Nase zu. Datenschutz begann spätestens auf der Fußmatte der eigenen Wohnung. Was für ein Unterschied zu heute! Der geringste ist, dass Computer und Internet uns reicher gemacht haben: Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) gehen rund 75 Prozent des Zuwachses der Arbeitsproduktivität auf IT-Investitionen zurück. Doch die Veränderung geht weiter, tiefer. Sie berührt das Selbstverständnis von Leben, von Alltag, von Zusammenleben. Und die Veränderung ist um so ausgeprägter, je jünger die Menschen sind. Weil sie es nicht anders kennen. Das Internet war für sie schon immer da. Und so wird es auch verwendet: selbstverständlich und daher pragmatisch, als Mittel zum Zweck. Es wird benutzt, anstatt dass man sich benutzt fühlt. Es ist keine Bedrohung, sondern Hilfe. Bevor man etwas kauft, werden im Netz Beurteilungen eingeholt, in Foren gesucht, Fragen gestellt – das Internet als Emanzipation des kleinen Konsumenten vor den großen Konzernen. Und bieten letztere schlechten Service oder tricksen, fliegt das im Internet auf. Der Vertrauensverlust ist dann nur schwer wieder zu kitten.
Für die Digital Natives bringt das Internet Selbstbestimmung. Wahrheitsmonopole sind ihnen fremd. Nur weil jemand einen Professorentitel trägt, hängt man ihm noch nicht an den Lippen; für den Schutz der Konsumenten braucht es nicht zwingend Behörden; Journalisten sind nicht die einzigen Wahrheitssucher. Die Generation X schätzte noch die Information, die über Institutionen verbreitet wurde. Sie steht deshalb dem Internet skeptisch gegenüber. Die Digital Natives schlagen derweil bei Wikipedia nach.
Und jetzt ist diese Generation Anfang zwanzig und drängt in die Unternehmen. Dort wird vielerorts noch auf Hierarchien wert gelegt. Der Titel zählt, die Position, es wird isoliert gearbeitet, nach zugewiesenen Funktionen. Dem steht die Arbeitsweise der Internet-Generation gegenüber. Diese arbeitet grundsätzlich vernetzt. Die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit ist wenig scharf. Leistung bemisst sich weniger an Arbeits- und Präsenzzeiten als an Zielen und tatsächlichen Ergebnissen. Konflikte sind damit vorprogrammiert. Durchsetzen wird sich die bessere, die motivierendere, die effizientere Arbeitsweise. Wo das alles hinführen wird? Vermutlich in ein besseres Leben. Denn immerhin liegt die Zukunftstechnologie in den Händen der Jugend.
