“Der Euro-Rettungsschirm belohnt die Spekulanten und schadet Deutschland”

Hans-Werner Sinn zuzuhören, heißt für mich: wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen. Jetzt hat sich Sinn der Eurokrise angenommen. Seine Analyse: Der Rettungsschirm für Griechenland und eventuell weitere Länder ist nicht nur unnötig, sondern auch schädlich. Denn erstens sei der Euro letzlich gar nicht gefährdet und zweitens würde durch den Schutzschirm dem rasanten Kapitalexport aus Deutschland Vorschub geleistet. Denn wer ausländische Staatsanleihen stütze, mache sie im Vergleich zur inländischen Geldanlage attraktiver.

Und eine ganz grundsätzliche Frage stellt Sinn auch: Warum sollen eigentlich die Steuerzahler mit Milliarden das Risiko jener Spekulanten tragen, die riskante Staatsanleihen gekauft haben?

Linktipp: Euro-Krise, ifo-Schnelldienst, Hans-Werner Sinn


Schaffen Spekulanten Wohlstand?

Der Mundschenk des Pharaos hatte ihn zurück in die Freiheit gebracht. Er, Josef, war zwei Jahre zuvor zusammen mit dem Mundschenk und einem Bäcker des Pharaos im Gefängnis gesessen. Der Mundschenk und der Bäcker hatten dort seltsame Träume gehabt. Josef deutete die Träume. Der Mundschenk komme wieder zu Gnaden, der Bäcker aber an den Galgen, prophezeite er. Und so kam es auch.

In Freiheit erinnerte sich der Mundschenk an den Deuter Josef. Sein Pharao hatte ebenfalls seltsam geträumt. Von fetten Kühen, die von mageren aufgefressen werden und von schönen, prallen Ähren, die von sieben dürren umschlungen werden. Der Pharao hatte alle Wahrsager des Landes zusammen kommen lassen, aber keiner konnte den Traum interpretieren.

Da erzählte der Mundschenk seinem Herrn von dem Erlebnis im Gefängnis und der Pharao ließ Josef holen. Und Josef deutete:

„Siehe, sieben reiche Jahre werden kommen in ganz Ägyptenland. Und nach ihnen werden sieben Jahre des Hungers kommen, so dass man vergessen wird alle Fülle in Ägyptenland. Und der Hunger wird das Land verzehren, dass man nichts wissen wird von der Fülle im Lande vor der Hungersnot, die danach kommt; denn sie wird sehr schwer sein.“

Aber Josef ließ es nicht bei der Deutung. Er bot auch eine Lösung an:

„Nun sehe der Pharao nach einem verständigen und weisen Mann, den er über Ägyptenland setze, und sorge dafür, dass er {der Pharao} Amtleute verordne im Lande und {er, der Pharao} nehme den Fünften {Anteil der Ernte} in Ägyptenland in den sieben reichen Jahren und lasse sie sammeln den ganzen Ertrag der guten Jahre, die kommen werden, dass sie Getreide aufschütten in des Pharao Kornhäusern zum Vorrat in den Städten und es verwahren, damit für Nahrung gesorgt sei für das Land in den sieben Jahren des Hungers, die über Ägyptenland kommen werden, und das Land nicht vor Hunger verderbe.“

Die mündliche Job-Bewerbung Josefs nahm der Pharao dankend und erhob ihn zum staatlichen Verwalter.

Das erste Buch Moses im Alten Testament erzählt die Geschichte vom wundersamen Aufstieg Josefs vom Sklaven zum zweiten Mann in Ägypten. Es ist aber auch die Geschichte einer gigantischen Spekulation. Sieben Jahre lang ließ Josef Vorräte horten, in dem Glauben, dass sie ab dem achten Jahr dringend benötigt werden. Josef, der Spekulant, rettete ein ganzes Volk vor dem Hungertot. Und vermutlich verdiente er sich – freilich schweigt sich darüber die Bibel aus – zusammen mit dem Pharao eine goldene Nase.

Der Spekulant als Lebensretter? Spekulanten profitieren vom Unglück anderer (Hungersnot), sie sind Parasiten, weil sie keine keine eigenen Werte schaffen, sondern sich an der Arbeit (Ernte) anderer bereichern, sie treiben die Preise nach oben und gelten deshalb als Krisenverschärfer und -profiteure. Gerät ihr Nachbar in Not, schließen sie wetten auf ihren Untergang ab, anstatt ihm zu helfen. Der Spekulant ist ein Egoist, der der Gesellschaft schadet.

Was sind Spekulanten? Lebensretter oder Wohlstandsvernichter?

Zunächst: Die Arbeit des Spekulanten ist eigentlich ganz simpel. Er kauft etwas, wenn er glaubt, dass es billig ist, und verkauft es, wenn er glaubt, dass es teuer ist. Die Differenz ist sei Einkommen (oder Verlust). Er handelt zu seinem Nutzen. Was aber sind die Auswirkungen auf die Gesellschaft?

Spekulationen sind grundsätzlich hilfreich. Dieser Überzeugung war der Wirtschaftsnobelpreisträger und amerikanische Liberale Milton Friedman. Im Kern ist seine Argumentation einfach.

Ein Beispiel: Der Wert eines Unternehmens A liegt nach Ansicht kundiger Marktteilnehmer bei 100 Euro. Aufgrund von Spekulationen unkundiger Anleger steigt der Börsenwert auf 110 Euro. Die kundigen Spekulanten erkennen diese Überbewertung, wittern ein Geschäft und verkaufen ihre Aktien, wodurch sich der Aktienkurs wieder dem tatsächlichen Wert nähert.

Spekulanten, so Friedmans Überzeugung, tragen zur Glättung von Kursbewegungen bei. Sie stabilisieren die Wirtschaft. Nicht nur durch den Handel mit Aktien. Auch durch Geschäfte mit Gütern.

Ein Spekulant etwa, der eine Hungersnot prognostiziert, wird frühzeitig Getreide aufkaufen. Als Folge seiner Nachfrage wird der Preis steigen. Dann aber, wenn die Hungersnot eintritt, die Not am größten ist und deshalb auch der Preis am höchsten, wird der Spekulant sein Getreide verkaufen und damit den Preis senken.

Die Realität aber hält sich nicht immer an Friedmans Theorie von den sich glättenden Preisen. Sie wurde deshalb um diverse Theorien zur Blasen-Bildung erweitert. Um im Beispiel zu bleiben: Nicht jeder kundige Spekulant verkauft seine Aktien bei 110 Euro, zumindest dann nicht, wenn er vermutete, dass der Kurs durch schlecht informierte Anleger weiter steigen wird. Der Spekulant versucht auf der Welle mitzureiten und hofft abspringen zu können, bevor der Absturz kommt. Weil viele so denken, bauen sich Aktienkurse regelmäßig auf, bevor sie abrupt einbrechen.

Es klingt absurd, aber es ist so: Auf der einen Seite korrigieren Spekulanten Übertreibungen, auf der anderen Seite befeuern sie diese Übertreibungen und produzieren selbst Blasen.

Aber Spekulanten beeinflussen nicht nur Kurse. Ihre Wetten auf die Zukunft können für all jene hilfreich sein, denen die Unsicherheit ihre Existenz kosten kann. Gegen eine angemessene Rendite-Erwartung kaufen Spekulanten Risiken ab, die andere nicht schultern wollen. Solche Geschäfte nennt man Hedging. Landwirte sichern sich damit ihre Zukunft. Sie können bereits im Frühjahr ihre Weizenernte über so genannte Terminbörsen verkaufen. Das schafft Planungssicherheit. Sie wissen somit genau, welchen Preis sie im Herbst für ihre Ernte erhalten werden.

Der Spekulant übernimmt das Risiko, dass der Weizenpreis im Herbst im Keller sein wird, er erhält aber auch die Chance, dass der Preis im Herbst höher sein wird, als was er dem Landwirt zahlen muss.

Was aber ist mit den Spekulationen auf Firmenpleiten? Sogar ganze Staaten sollen von Spekulanten in den bankrott getrieben worden sein (siehe auch „Kann ein Land bankrott gehen?“). Vernichten Spekulanten mit solchen Untergängen nicht Milliarden?

„Niemand soll den Spiegel für seine hässliche Fratze verantwortlich machen“, antworten die Spekulationsfreunde. Spekulanten machen nur offensichtlich, was ohnehin faul ist. Und da sie davon leben, dass sie die Zukunft vorhersagen, decken sie Fehler früher als andere auf.

Und sie schauen genauer hin. Denn es ist ihr Geld, das auf dem Spiel steht. Die Europäische Statistikbehörde hat es lange nicht so genau genommen mit den Buchungsmethoden des griechischen Staates. Die Spekulanten haben dies gesehen und darauf gewettet, dass diese Tricks auf Dauer nicht gut gehen werden.

Spekulanten sind Zocker, die Gerechtigkeit in die Welt der Lügen bringen! Wer auf sie schaut, hat die Möglichkeit zu reagieren. Mit etwas Glück ist es dann noch nicht zu spät.

Nach dem Anschlägen am 11. September 2001 gab es Überlegungen, Spekulationen auf Terrorattacken zuzulassen. Verdienen sollte, wer Ort und Ziel des nächsten Angriffs möglichst genau vorhersagt.

Auf einem solchen Handelsplatz über das Wissen von Terroranschlägen wären Millionen von Informationen zusammengelaufen. Denn Wissen begibt sich dorthin, wo sich mit ihm Geld verdienen lässt. Man hat diese Überlegungen als unmoralisch verworfen. Man hat damit aber auch eine Chance verworfen, zukünftige Terroranschläge zu verhindern.

Das Verbot der Spekulation verhindert, zukünftige Gefahren heute zu entschärfen. Josefs Hortung von Getreide über sieben Jahre ist der biblische Beleg für eine solche Gefahrenabwendung. Der Vorwurf, Josef sei auch ein Scharlatan gewesen, hat die Wissenschaft übrigens widerlegt. Die Traumdeutung Josefs war keine frei erfundene Interpretation. Die Hochwasser des Nils waren für die Landwirtschaft Ägyptens lebenswichtig. Die sieben fetten und sieben mageren Jahre, die den Ägyptern damals zu schaffen machten, seien womöglich auf die so genannte Nordatlantische Oszillation zurückzuführen, schreibt der Forscher Dmitri Kondrashov von Universität von Los Angeles in einer Forschungsarbeit. Diese im Rhythmus von sieben Jahren wiederkehrende Klimaveränderung beeinflusste den Wasserstand des Nils.

Man muss sich Josef, den Spekulanten, als sehr schlauen und weisen Menschen vorstellen.


Kann ein Land bankrott gehen?

Der Stabilitätspakt von Maastricht soll die Schulden der EU-Länder begrenzen. Nicht nur, aber vor allem Griechenland, ist von der Einhaltung der im Pakt verankerten Grenzen weit entfernt:

  • Das Haushaltsdefizit eines Jahres darf nicht mehr als 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) betragen, bei den Griechen waren es im vergangenen Jahr geschätzte 12,7 Prozent.
  • Die Gesamtschulden eines EU-Landes dürfen laut Stabilitätspakt nicht über 60 Prozent des BIP liegen, 2009 waren es bei den Griechen 113 Prozent.

Jetzt wird darüber spekuliert, ob Griechenland seine Schulden überhaupt wird zurückzahlen können. Die EU-Staaten denken über Kredite an Griechenland nach, obwohl der Maastricht-Vertag solche Hilfen ausdrücklich verbietet.

Was würde passieren, wenn Griechenland pleite ging?

Weniger als man vielleicht denkt. Denn eine Staatsbankrott läuft anders ab als eine Unternehmenspleite. Ein Unternehmen, das dauerhaft seine Schulden nicht mehr bezahlen kann, verschwindet von der Bildfläche. Ein Staatsbankrott aber ist nicht gleichbedeutend mit einer Staatsvernichtung. Wenn ein Staat seinem Schuldendienst nicht mehr nachkommt, dann passiert erst mal gar nichts. Was sollen die Gläubiger auch tun. Einen Krieg anzetteln?

Hinzu kommt: Im Vergleich zu einem Unternehmen hat der Staat immer Menschen, die “für ihn arbeiten” und ihn mit Geld in Form von Steuern versorgen. Reicht das nicht, werfen Staaten gerne die Notenpresse an. Sie bezahlen ihre Schulden mit frischem Geld und nehmen die folgende Inflation billigend in Kauf.

Und weil einem Staat nie wirklich das Geld ausgeht, finden sich selbst nach einem Staatsbankrott schnell wieder Bereitwillige, die eine neue Verschuldung des Staates finanzieren, indem sie dessen neue Anleihen kaufen.

Staaten gehen nicht unter, weil sie kein Geld mehr haben. Das wusste bereits Philipp II. Der regierte das spanische Weltreich von 1556 bis 1598. In den 42 Jahren seiner Regierungszeit gab es gerade mal 6 Monate Frieden. 90 Prozent seiner Einnahmen gab er für das Militär aus, weshalb sein Staat gleich viermal bankrott ging (mehr hier). Seiner Macht setzten die Pleiten nie ein Ende. Jedes mal fand er neue Finanziers, die ihm neue Kriege ermöglichten.


Versagt der Mensch oder der Markt? – Auf der Suche nach den Auslösern von Finanzkrisen

Vielleicht kann ja der leuchtende Armreif die Börsenhändler im Zaum halten. Vielleicht halten sie inne, wenn die Leuchtdioden heftig zu blinken beginnen. Wenn Farbe und Flackern signalisieren, dass es jetzt besser wäre, den Aktienhandel einzustellen. Weil die Emotionen die Oberhand gewinnen. Weil rationale Entscheidungen nicht mehr zu erwarten sind.

Emo-Bracelet“ heißt der Prototyp eines Armbandes, den der Elektronikkonzern Philips zusammen mit der Bank ABM Amro entwickelt hat. Es misst die elektronische Spannung der Haut. Ist der Träger des Armreifs entspannt, leuchtet der Armreif gelb. Bei zunehmender Erregung wechselt die Farbe über orange zu rot und das Licht flackert.

Vernünftige Investitionsentscheidungen sind bei starker Erregung – ob positiv oder negativ – nicht mehr möglich, so die Meinung der Armreif-Entwickler. Das Emo-Bracelet soll signalisieren, wann es besser ist, den Laptop zu zuklappen.

Wie Händler, so neigen auch Börsen zur Überreaktion. Kurse steigen, erklimmen Rekorde, und die Anleger ahnen, dass es irgendwann kein gutes Ende nehmen wird. Die Frage ist nur: Wann?

Vor der letzten Finanzmarktkrise stiegen die Preise am amerikanischen Immobilienmarkt auf nie gekannte Höhen: Grundstücke und Gebäude wurden immer teurer. Und weil stetig neue Immobilienkredite vergeben wurden, brach die Nachfrage nicht ab. Irgendwann konnten Kredite nicht zurück gezahlt werden. Erste Banken kamen in die Bredouille und weil das Kreditgewerbe stark miteinander verflochten ist, fielen Banken um wie Dominosteine.

In der klassischen Theorie von Angebot und Nachfrage gibt es solche Krisen gar nicht. Der Preis einer Aktie entspricht dort dem Gegenwartswert aller zukünftigen Dividendenzahlungen. (Der  Gegenwartswert, auch Barwert genannt, ergibt sich, wenn man von zukünftigen Dividenden die marktüblichen Zinsen abzieht.) Bei einer Abweichung von Aktienkurs und Gegenwartswert tendiert der Aktienkurs schnell wieder in Richtung Gegenwartswert. Es gewinnen so immer jene Börsianer, die auf die Angleichung von Gegenwartswert und Aktienkurs spekulieren.

Laut dieser so genannten Effizienzmarkthypothese stabilisieren Spekulanten die Börsen.

Henning Klodt schreibt auf dem Blog „Wirtschaftliche Freiheit

“Das Fazit dieser Überlegungen lautet, dass gewinnbringende Spekulanten tendenziell die Kurse stabilisieren und destabilisierende Spekulanten automatisch vom Markt verschwinden, da ihnen auf Dauer das Geld ausgehen wird.”

Die Effizienzmarkthypothese baut allerdings auf der Annahme auf, dass sowohl Käufer als auch Verkäufer über sämtliche Informationen verfügen. Dass also zum Beispiel bekannt ist, wie hoch Dividendenzahlungen zukünftig ausfallen werden. Aber nichts ist unsicherere als die Zukunft, weshalb es auch keine Einigkeit darüber geben kann, wie sie aussehen wird.

In der Realität ist die Zukunft nicht nur ungewiss, sondern auch Informationen höchst unterschiedlich verteilt. Deswegen schwanken Kurse. Warum aber neigen die Börsen zur Übertreibung? Weshalb entstehen regelmäßig Blasen, deren Platzen nicht nur die Börsenteilnehmer, sondern die gesamte Weltwirtschaft negativ treffen kann?

Liegt der Fehler im System oder sind die Börsianer schuld, weil sie emotional reagieren, weil Rationalität häufig der Irrationalität weicht?

„Beim Denken ans Vermögen leidet oft das Denkvermögen“, hat der österreichische Kabarettist Karl Farkas einmal treffend gesagt. Die Ökonomie hat sich deshalb schon vor Jahren der Psychologie geöffnet. Weil der Mensch eben nicht stetig rational handelt, wie es das Leitbild der Ökonomie, der Homo economicus, eigentlich vorgibt. Der Bauch regiert den Kopf, häufig. Auch an der Börse.

In der Ökonomie hat sich deshalb der Zweig der „Behavioral Finance“ entwickelt, in dem es auch um menschliches Verhalten an Börsen geht. Die Erkenntnisse sind zunächst wenig überraschend: Ja, der Mensch neigt zu irrationalem Verhalten! Er legt sich die Welt zurecht wie sie ihm gefällt, weniger wie sie wirklich ist.

Drei grundsätzliche Fehleinschätzungen machen es Anlegern schwer, erfolgreich an der Börse zu handeln:
(Weitere Ausführungen zu irrationalem Anlegerverhalten finden sich hier und hier.)

  1. Angst vor Verlust
    Wer etwas kauft, gibt es ungern wieder her. Anstatt Aktien bei einer vorher festgelegten Schmerzgrenze (Verlustlimit) zu verkaufen, halten viele Anleger zu lange an Wertpapieren fest und verstricken sich so in eine folgenreiche Abwärtsspirale.
  2. Selbstüberschätzung
    Der Mensch sieht sich gerne positiver als er ist. Regelmäßig glaubt die Mehrheit, besser zu sein als der Durchschnitt. Sie ist ist nicht. 80 Prozent der Anleger schneiden schlechter ab als die Entwicklung des Gesamtmarktes.
    Die Selbstüberschätzung führt außerdem dazu, dass wir glauben, eingetretene Ereignisse vorhergesagt zu haben, obwohl dies gar nicht der Fall ist. Wir ordnen also unsere Fähigkeit zur Prognose falsch ein, mit der Folge, dass wir aus falschen Prognosen nicht lernen.
  3. Selektive Wahrnehmung
    Haben wir einmal eine Entscheidung getroffen, nehmen wir Informationen, die uns in dieser Entscheidung bestätigen, verstärkt war. Einmal gemachte Fehler werden so nur schwer wieder korrigiert. In den Aktienmarkt zu investieren ist wie in einer Beziehung zu stecken: Um die Beziehung zu festigen, sieht man nur das Positive.

Ist also der Mensch, weil er zu sehr Mensch ist, schuld an den heftigen Ausschlägen an der Börse?

“Ich weigere mich, die Finanzkrise als ein Produkt der Irrationalität der Menschen zu beschreiben, ich glaube nicht, dass das stimmt”, sagt der Neuroökonom Paul Glimcher. (Die Neuroökonomie verbindet die Wirtschaftswissenschaft mit der Psychologie und der Neurowissenschaft.) Glimcher hat entscheidend an der Erforschung von irrationalem Verhalten an Börsen mitgearbeitet. Er muss es also wissen.

Glimcher macht falsche Preisentscheidungen und fehlende Markttransparenz für Finanzkrisen verantwortlich. Den Marktteilnehmern fehle es an ausreichenden Informationen, um richtigen Entscheidungen zu treffen, so Glimcher.

Wer wenig Informationen hat, der kann sich immer noch am Preis orientieren. Der kauft dann bei steigendem Markt und verkauft, wenn die Kurse fallen. Daraus ergibt sich der viel zitierte Herdentrieb, der sich eigentlich besser am Beispiel einer Autokolonne verstehen lässt:

“Stellen Sie sich vor, Sie fahren in einer Autokolonne, welche dasselbe Ziel hat. Die Sicht reicht nicht weit, es ist neblig. An einer Kreuzung passiert es nun, dass die ersten drei Wagen die linke und somit falsche Abzweigung erwischen. Diese drei Lenker senden mit ihrer Wahl ein „Signal“ an die Nachfolgenden aus. Möglicherweise glaubt der vierte Fahrer zwar, dass der andere Weg der richtige wäre. Er ist sich aber nicht sicher genug, um von den vorderen Autos abzuweichen – fahren diese doch alle in die andere Richtung. Nun sind Sie an der Reihe. Auch Sie glauben zu „wissen“, dass der rechte Weg der richtige ist. Aber alle Fahrer vor Ihnen sind offenbar anderer Ansicht. Wie entscheiden Sie sich?”

Ähnlich wie Autokolonnen funktioniert der Finanzmarkt. Man weiß nie exakt über die zukünftigen Einnahmen seines Investments bescheid. Man muss schätzen und verlässt sich dabei eben auch auf die Entscheidung anderer. Und die sind beim Kauf eines Wertpapiers eindeutig: Der Kauf offenbart nämlich die  Einschätzung, dass der Preis des Wertpapiers steigen wird.

Fazit: Zur Verringerung von zukünftige Spekulationsblasen braucht es nicht nur weniger irrationales Verhalten, sondern auch mehr Informationen. Ein erster Schritt könnte eine bessere Beratung der Anleger sein. Künftige Exzesse könnten am Besten dadurch verhindert werden, so Yale-Professor Robert Shiller jüngst gegenüber der Financial Times Deutschland, wenn die Beratung für Privatpersonen und Investoren unabhängig werde. Die meisten Berater verdienen nämlich ihren Lebensunterhalt nicht durch die Honorare ihrer Kunden, sondern durch Provisionen von den Anbietern der verkauften Finanzprodukte. Verhindern lassen würden sich Spekulationsblasen aber nie, so Shiller: „Sie gehören zum Kapitalismus.“



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