Hat Facebook Zukunft?
Veröffentlicht: 8. Februar 2012 Einsortiert unter: Unternehmen/Branchen | Tags: Börsengang, Facebook, Netzwerkeffekte 2 Kommentare »Börsen bergen Geheimnisse. Warum will der eine kaufen, was der andere los werden möchte? Weshalb lassen sich Massen dazu verleiten, Trends hinterherzulaufen bis die Trends zusammenbrechen? Und welch sonderliche Papiere werden an diesen Märkten überhaupt gehandelt?
Börsen bringen häufig Licht ins Dunkle. Denn Börsen stellen Regeln auf. Sie schreiben vor, zu welchen Bedingungen Geschäfte getätigt werden dürfen, und sie zwingen jene, die über den Verkauf von Papieren an frisches Geld kommen wollen, Informationen preis zu geben, damit jene, die das Geld geben, halbwegs wissen, worauf sie sich einlassen.
Rund fünf Milliarden Dollar will Facebook mit seinem im Mai geplanten Börsengang einsammeln. Das weltweit größte soziale Netzwerk hat sich dafür ausgezogen, allen voran sein Erfinder Marc Zuckerberg. Im 207 Seiten umfassenden Börsenprospekt ist zu lesen, dass Zuckerberg im vergangenen Jahr 693.000 Dollar ausgegeben hat, um nicht mit Linienfliegern, sondern mit gecharterten Flugzeugen zu reisen, angeblich aus Sicherheitsgründen. Und dass Zuckerberg bisher pro Jahr 483.300 Dollar verdient hat sowie ein Bonus von zuletzt 221.000 Dollar; dass er in Zukunft aber nur noch ein symbolisches Gehalt von einem Dollar beziehen wird. Zuckerberg kann sich das leisten. Er hält 28,4 Prozent der Facebook-Anteile und ist somit potenzieller Multimilliardär.
Außerdem im Börsenprospekt zu lesen: Facebook hat im vergangenen Jahr einen Gewinn von einer Milliarde Dollar gemacht, bei einem Umsatz von 3,7 Milliarden Dollar. 2010 waren es noch 606 Millionen Dollar Gewinn, 2009 waren es 229 Millionen. Davor war Facebook nicht profitabel, der Verlust 2008 betrug 56 Millionen Dollar. Und die Mitarbeiter-Zahl steht ebenfalls im Prospekt: 3200 Menschen arbeiten für Facebook, 50 Prozent mehr als noch im 2010.
Der Börsengang verrät also viel über aktuellen Stand und Historie des Unternehmens Facebook. Für Anleger mindestens genauso wichtig: Informationen über die Zukunft. Bei einem Börsengang müssen deshalb auch potenzielle Risiken dargelegt werden. 35 dieser Risikofaktoren finden sich im Börsenprospekt von Facebook. Etwa dass ein Ausscheiden von Sherly Sandberg, der Nummer zwei bei Facebook und ehemalige Stabsschefin des amerikanischen Finanzministers Larry Summers, für Facebook eine mittlere Katastrophe wäre. Ebenfalls ein Risiko: Weil viele Facebook-Programmierer Anteile am Unternehmen besitzen, sind diese mittlerweile reich geworden. „Deshalb kann es für uns schwierig werden“, schreibt Facebook, „diese Mitarbeiter zu halten und weiterhin zu motivieren.“
Ungewiss ist auch die Entwicklung der Werbeeinnahmen auf dem Portal, Facebooks größte Einnahmequelle. Die läuft nämlich gar nicht so gut: 845 Millionen Facebook-Mitglieder erwirtschaften im Durchschnitt nicht mal vier Dollar Werbeumsatz im Jahr.
Die Offenheit, die ein Börsengang verlangt, kann einem Unternehmen schaden. Weil die Konkurrenz viel erfährt: über Umsatz und Gewinn, welche Produkte gut, welche schlecht laufen, was geplant ist und wo die Gefahren liegen. Ein börsennotiertes Unternehmen wird so angreifbar. Facebook muss sich dennoch wenig Sorgen machen. Konkurrenz gibt es kaum. Facebook hat sie abgehängt, marginalisiert, abgeschafft. Vielleicht von Google abgesehen, das mit dem Dienst „Google+“ versucht, Facebook anzugreifen, bisher mit überschaubarem Erfolg.
Facebook profitiert von einem Phänomen, einer vor allem im Internet vorkommenden Besonderheit, welche dem Ersten in einem Markt gute Chancen einräumt, für lange Zeit der Erste zu bleiben. Es sind die so genannten Netzwerkeffekte, welche den Wert eines Unternehmens ohne eigenes Zutun steigert. Neue, dem Netzwerk beitretende User erhöhen demnach nicht nur für sich den Nutzen, sondern auch für jene, die sich bereits im Netzwerk befinden, da sie nun mit mehr Nutzern kommunizieren können. Wird eine kritische Masse erreicht, so steigt die Nutzerzahl sogar exponentiell an. Nach der Erfindung des Telefons war dieses Phänomen erstmals zu beobachten. Facebook haben die Netzwerkeffekte zum Giganten gemacht.
Der Kauf von Facebook-Aktien scheint also eine sichere Bank zu sein. Könnte man meinen. Zunächst einmal muss man überhaupt an Aktien gelangen. Das wird nicht einfach. Facebook hat fünf US-Banken und ein britisches Institut beauftragt, große Teile der Aktien auszugeben: Morgan Stanley, JPMorgan, Goldman Sachs, Bank of America/Merrill Lynch, Allen & Co sowie Barclays. Wer bei der erstmaligen Ausgabe an Aktien kommen will, muss sich grundsätzlich an diese Unternehmen wenden. Die aber sind keineswegs verpflichtet, die Nachfrage nach einem gerechten Verfahren – etwa Auslosung – zu bedienen, wie das beispielsweise bei der Ausgabe der Telekom-Aktien in Deutschland stattgefunden hatte.
„Die Institute haben keinerlei Verpflichtungen, an wen sie die Aktien ausgeben”, sagt Robert Halver, Börsenhändler bei der Baader Bank zu Spiegel Online. Die Institute werden folglich zunächst ihre besten Kunden bedienen, reiche Kunden und ihre eigenen Investmentfonds mit Facebook-Aktien ausstatten.
Viele potenzielle Anleger werden also erst dann die Chance auf Facebook-Aktien bekommen, wenn diese erstmals an der Börse gehandelt werden. Vermutlich wird der Preis aber dann schon deutlich über dem Ausgabewert liegen. Allein schon deshalb, weil die Facebook-Aktie in bekannte Indizes wie dem US-Technologieindex Nasdaq aufgenommen werden wird und daher jene Investmentfonds die Aktien kaufen müssen, die diesen Index 1:1 nachbilden.
Aber wie wird sich die Aktie auf lange Frist entwickeln? Taugen Facebook-Aktien als dauerhaftes Investment? Die ökonomische Theorie sagt: Ja. Die Netzwerkeffekte spielen Facebook in die Hände. Und wenn Mark Zuckerberg keinen Blödsinn macht, wenn das Unternehmen solide geführt wird, wenn keiner dem Größenwahn verfällt, wird Facebook auf lange Zeit das größte Netzwerk bleiben. Auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite: Der technische Fortschritt verläuft immer rasanter. Was gestern noch als Geschäftsmodell funktionierte, ist morgen schon überholt. Der Ausblick in die Zukunft wird immer ungenauer, weil immer schwerer einschätzbar ist, welche Erfindungen morgen unser Leben umkrempeln.
Und allen Netzwerkeffekten zum Trotz: Die Hürde, ein Netzwerk zu wechseln, ist aus User-Sicht gering. Eine neue Webseite anklicken, Name und Passwort eintragen, fertig. Sollte der Gegenwind, den Facebook schon heute an manchen Stellen spürt, zum globalen Trend anwachsen, könnten die Internetnutzer ihr Glück im nächsten „Whatever it will be named“- Netzwerk finden.
Fazit: Trotz Netzwerkeffekt taugen Facebook-Aktien nicht für die Altersvorsorge, weil in der Internetbranche zu viel Bewegung ist. Selbst Mark Zuckerberg macht jetzt schon mal Kasse. Noch vor dem Börsengang seines Unternehmens möchte Zuckerberg Aktienoptionen verkaufen, die er 2005 für seinen Job als Facebook-Chef erhalten hatte – potenzieller Verkaufserlös: 5 Milliarden Dollar.
Mein Name ist „Ich“: Warum wir die Anonymität im Internet schützen sollten
Veröffentlicht: 12. August 2011 Einsortiert unter: Digitales | Tags: Facebook, Friedrich, Innenminister, Twitter, Vermummungsverbot 1 Kommentar »Die Beobachtung des alltäglichen Autoverkehrs kann bekanntlich den Glauben an die Möglichkeit des friedlichen Zusammenleben der Menschen erschüttern. Es wird gehupt, geärgert, gemotzt, gefuchtelt. Hinter einer Autoscheibe vor handgreiflicher Auseinandersetzung geschützt und mit der Option ausgestattet, durch Antippen des Gaspedals einer Konfrontation zu entfliehen, erlauben sich viele, was sie sich ohne schützenden Metallmantel nicht trauen: Aggressivität gegenüber Mitmenschen zeigen.
Es ist eine soziologische Binsenweisheit: Je größer die Distanz bei der Kommunikation, desto ausgeprägter die Neigung zur Grobheit. Beim Autofahren ist dies zu beobachten. In vielen anderen Situationen ebenfalls. Bei Arbeitskollegen über den Chef lästern, ist einfach, viel schwerer ist es, die Kritik dem Chef selbst zu sagen. Weil die Folgen negativ sein können, auch, weil bereits die Gegenwart ungemütlich ist. Wer dem anderen beim Sprechen in die Augen schauen muss, der wählt meist sanftere Worte.
Im Internet surfen ist schlimmer als Autofahren. Die Distanz ist noch größer. Zeitlich versetzt, verschanzt hinter Bildschirmen und die Identität verbergen könnend, bietet digitale Kommunikation den Nährboden für Bosheiten der besonders rauen Art.
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hat jetzt im Spiegel die Abschaffung der Anonymität im Internet gefordert. Die Grundsätze der Rechtsordnung “müssen auch im Netz gelten”, Blogger sollten “mit offenem Visier” diskutieren, so Friedrich.
Friedrich argumentiert mit den Anschlägen in Norwegen: “Politisch motivierte Täter wie Breivik finden heute vor allem im Internet jede Menge radikalisierter, undifferenzierter Thesen, sie können sich dort von Blog zu Blog hangeln und bewegen sich nur noch in dieser geistigen Sauce.“
Das Internet führt seiner Ansicht nach zu einer neuen Form radikalisierter Einzeltäter, die den Sicherheitsbehörden zunehmend Sorgen bereiteten. “Wir haben immer mehr Menschen, die sich von ihrer sozialen Umgebung isolieren und allein in eine Welt im Netz eintauchen”, sagt Friedrich. “Dort verändern sie sich, meist ohne dass es jemand bemerkt. Darin liegt eine große Gefahr, auch in Deutschland.”
Die Forderung des Innenministers aber geht über das Ziel hinaus, dass wer sich im Internet strafbar macht, auch belangt werden können muss. Friedrich fordert ein generelles Vermummungsverbot im Netz.
Keine Frage: Im Internet würde manche Hässlichkeit unterbleiben, wenn jeder Beitrag seinem Schöpfer zuordenbar wäre. Auf der anderen Seite: Anonymität ist ein Wesensmerkmal von Freiheit. Es schützt nicht nur potenzielle Täter, sondern auch Opfer.
Ein Mensch, der nach einer Vergewaltigung im Internet Hilfe findet; ein Stalking-Opfer, das sich in Foren austauscht; ein Mann, der mit seinen religiös-konservativen Ansichten seiner karrierebewussten Frau keine Steine in den Weg legen will; eine Lehrerin, der der Schutz ihrer Privatsphäre wichtig ist; der Blog-Schreiber, der Morddrohungen erhält – es gibt viele legitime Gründe, um im Internet ein Pseudonym zu verwenden.
Anonymität schützt also. Vor allem jene, die gesellschaftlich ausgegrenzt werden. Aber nicht nur diese. Sie hilft allen, die die verschiedenen Bereiche ihres Lebens trennen möchten, wer im Beruf, in der Freizeit, beim gesellschaftlichen Engagement unterschiedliche Rollen spielen will.
Ein generelles Vermummungsverbot, wie Friedrich es fordert, würde diese Möglichkeit nehmen.
Und nicht nur diese: Die Revolutionen in der arabischen Welt wären ohne die Anonymität des Internets nicht möglich. Sie bietet hunderttausenden Aktivisten Schutz vor Verfolgung. Kommunizieren zu können, ohne den Zwang der Identifizierung, ist also nicht nur ein Stück Freiheit, es hat auch das Potenzial, eine freie Gesellschaft zu erschaffen.
Wie Soziale Netzwerke unsere Informationswege im Internet verändern
Veröffentlicht: 14. Oktober 2009 Einsortiert unter: Digitales | Tags: Aufmerksamkeitsökonomie, Facebook, Nachrichten, Soziale Netzwerke, studiVZ Schreibe einen Kommentar »Kommen Sie noch heute zu uns in die Wellness-Oase! Schalten Sie auch morgen wieder diese Sendung ein! Verpassen Sie auf gar keinen Fall unsere nächste Ausgabe! – Der Mensch in der kapitalistischen Gesellschaft ist gefragt. Stetig wird seine Aufmerksamkeit gefordert. Er soll hinschauen und hinhören – und im besten Fall kaufen.
Die Medien sind Teil dieser Aufmerksamkeitsökonomie: Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen sowie das Internet stehen im Wettbewerb und kämpfen um die Gunst der potenziell Interessierten. Und weil letzteres Medium das jüngste ist, sind die beobachtbaren Veränderungen am größten. Zum Beispiel die sich ändernden Wege, welche die User im Internet zurücklegen. Kaum etwas interessiert die Ersteller von Webinhalten mehr, als die Frage, warum sich der User eben gerade so durchs Internet bewegt und nicht anders. Wie kann ich den Internetnutzer auf mein Angebot aufmerksam machen? Warum klickt er diesen Link und nicht den daneben? Was bringt ihn, so er erst einmal bei mir war, wieder zu meiner Webseite zurück?
Das Marktforschungsunternehmen Hitwise hat das amerikanische Internet untersucht und kommt zu dem Schluss (Die Zahlen wurden in einem so genannten Webinar veröffentlicht; besser aufbereitet findet man sie hier), dass es zunehmend Netzwerke wie Facebook und Twitter sind, die anderen Webseiten Traffic bringen. Zum Beispiel die Internetseite des Nachrichten-Senders CNN. Noch steht Google auf Platz eins: Keine Seite leitet mehr User auf CNN.com als der Suchmaschinenbetreiber. 13,7 Prozent aller CNN-Besucher haben zuvor ein Suchwort bei Google eingegeben. Aber bereits auf Platz zwei liegt mittlerweile Facebook (6,3 Prozent).
Auch der Mikroblog-Dienst Twitter nimmt an Bedeutung für journalistische Webseiten zu. Hitwise hat in einer weiteren Untersuchung, diesmal für Großbritannien, festgestellt, dass mittlerweile 10 Prozent aller Twitter-Links auf Nachrichtenseiten verweisen.
Den deutschen Markt hat einen Monat lang das amerikanische Marktforschungsunternehmen Comscore beobachtet. Demnach verschaffte Deutschlands größtes Netzwerk, StudiVZ, dem Axel-Springer-Verlag (Bild, Welt) im Monat August 6,5 Millionen Besuche. Bei Twitter dagegen führt die Verlagsgruppe Holtzbrinck (Zeit, Handelsblatt): Über eine Million Besuche gelangten innerhalb dieses Monats über Twitter auf eines der Angebote des Stuttgarter Verlages.
Warum werden Soziale Netzwerke zunehmend zur Verteilzentrale im Internet? Wegen der Quantität und wegen der Qualität. Facebook, StudiVZ und Co erfreuen sich steigender Beliebtheit. Wenn sich mehr User an einer Stelle im Internet aufhalten, steigt auch die Zahl derer, die von dort auf andere Angebote klicken. Das ist schlichte Mathematik. Der zweite Grund ist der interessantere: Links, die von Usern in ein soziales Netzwerk gestellt werden, werden von deren Bekannten mit hoher Wahrscheinlichkeit auch angeklickt. Man verhält sich im Internet eben nicht anders als anderswo. Was Freunde und Bekannte sagen, ist einem wichtiger, als Informationen, die von Fremden kommen. Man vertraut, dass das Angebot, das sich hinter dem Link verbirgt, die Zeit lohnt, die es braucht, um den Inhalt zu erschließen.
Und weil die Informationsangebote zunehmen und ebenso die Wege, an diese Informationen zu gelangen, ist es gut möglich, dass der eingetretene Effekt sich verstärken wird. Dass also Vertrauen immer wichtiger wird, weil eben auch die Zeit kostbarer wird, da die Alternativen, sie zu verwenden, größer werden. Und dass deshalb die User noch stärker als bisher nach Angeboten Ausschau halten, die von Bekannten, Freunden und Experten als linkwertig angezeigt werden. Auch hier verhält sich der Mensch im Internet vermutlich nicht viel anders als außerhalb: Wird das Angebot zu vielfältig, braucht es eine Vorauswahl. Und für diese Vorauswahl braucht es Vertrauen. Freunde und Bekannte sind dafür nicht die schlechteste Wahl.
