Die Sache mit den Mieten: Warum es besser ist, mit beiden Gehirnhälften Politik zu machen
Veröffentlicht: 28. Januar 2013 Einsortiert unter: politische Ökonomie | Tags: behavioral economics, Kahnemanm, Mieten, Mietpreise, SPD, Sperry 3 Kommentare »Ich neige dazu, mich über Politiker aufzuregen. Über ihre populistischen Reden, ihre kurzsichtigen Wahlversprechen. Mehr noch ärgere ich mich über Wähler. Dass sie den populistischen Reden folgen, den Wahlversprechen glauben.
Dabei weiß ich es eigentlich besser. Ihr Verhalten ist rational, von beiden Gruppen. Die Public Choice Theorie beschreibt anschaulich, warum Politiker sich verhalten wie sie sich verhalten (Eigennutz) und Wähler ebenso (Es lohnt sich nur bedingt, sich mit politischen Themen tiefergehend zu beschäftigen). Warum aufregen, wenn dieses Verhalten verständlich ist? Etwa das von Peer Steinbrück, wenn er vorschlägt, steigenden Wohnungsmieten mit dem Mittel der gesetzlichen Verhinderung von Mietpreissteigerungen beikommen zu wollen.
Wenn die Mieten “zu sehr” steigen, dann soll die Politik dies eben verhindern. Das ist sozial, das klingt vernünftig. Ist es eben aber nicht. Weil der Markteingriff dazu führt, dass das Wohnungsangebot verknappt wird, was den Druck auf Mietpreise erhöht, mit der Folge, dass, wenn diesem Druck nicht nachgegeben wird, es am Ende zu wenige (bezahlbare) Wohnungen gibt.
Die politische Diskussion über den Umgang mit steigende Wohnungsmieten steht beispielhaft für das Dilemma in der Politik. Dass nämlich eine relevante Gruppe von Wählern Parteien mit jenen Wahlversprechen den Zuschlag gibt, die auf den ersten Blick vernünftig, aber letztlich kontraproduktiv sind.
Warum das so ist? Weil der Mensch ist wie er ist. Und der Mensch ist mindestens zweigeteilt. Er folgt der Intuition ebenso wie dem Verstand. Der Mensch war schon immer darauf angewiesen, schnell zu entscheiden, dem Bauchgefühl zu folgen. Das hat ihm das Leben gesichert – und führt ihn bisweilen in die Irre.
Der erste, der dies genauer verstanden und wissenschaftlich belegt hat, war der Psychobiologe Roger W. Sperry. Er hat über die Funktionen der beiden menschlichen Gehirnhälften geforscht und dafür den Nobelpreis erhalten.
Seine verblüffende Entdeckung war, dass das menschliche Gehirn zwei grundlegend unterschiedliche Denkmodi verwendet, einen verbalen, analytischen, logisch-folgerichtige vorgehenden und einen visuellen, wahrnehmungsorientierten, simultanen.
Diese beiden Denkmodi sind auch körperlich verortet. Das sprachlich analytische ist vorwiegend in der linken Hirnhemisphäre zu Hause, das visuelle, gefühlvolle, intuitive in der rechten.
Was das mit Politik zu tun hat? Mit dieser rechten Hirnhemisphäre fällen wir spontane Urteile. Es ist unser Bauchgefühl das sagt, Mietpreisanstiege müssen beschränkt werden.
Der Verhaltensökonome, Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat die Erkenntnisse von Sperry auf die Ökonomie übertragen (Lesetipp: “Schnelles Denken, langsames Denken“, 2011).
Er nennt die Zweiteilung des Gehirns (ökonomisch-)schlicht “System 1″ und “System 2″.
System 1 arbeitet schnell und automatisch, weitgehend mühelos und ohne willentliche Steuerung. Hier entstehen Eindrücke und Emotionen. System 2 verrichtet anstrengendere Denkarbeit, arbeitet rational und reflektierend.
Kahnemans These lautet nun, dass unser Denken viel stärker vom System 1, dem schnellen Denken, beherrscht werde, als wir uns das vorstellen.
Die Folge: Wir machen Fehler. Selbst wenn wir glauben, vernunftgeleitet zu handeln, werden wir unbewusst von Gefühlen und Intuition getrieben.
Und damit wird Politik gemacht. “Politiker haben schon immer an Emotionen appelliert”, sagt Kahnemann in einem lesenswerten Interview in der NZZ.
Doch obwohl Kahneman bekennender Pessimist ist (“Pessimismus ist genetisch bedingt, und ich stamme aus einer langen Linie von Pessimisten ab.”), glaubt er, dass die Möglichkeiten der Aufklärung, und damit für gute, vernünftige Politik, noch nie so gut waren wie heute: “Wir befinden uns in einer besseren Situation als Mitte des letzten Jahrhunderts.”
Im Kern fordert Kahneman Emotion und Vernunft zu verbinden. Weil die meisten Menschen sich mit Politik nur am Rande beschäftigen (“Die Mehrheit der Leute liest nicht die langen, ausführlichen Artikel zu einem Thema, sondern die populäre, kurze Variante davon.”), muss man sie emotional berühren.
“Sie können das Publikum nicht alleine durch faktenbasierte Evidenz überzeugen. Sie müssen sich an das schnelle Denken richten, an «System 1»: Geschichten erzählen, die auch emotional berühren. Sonst werden die Leute den wissenschaftlichen Resultaten keine Aufmerksamkeit schenken. Das ist eine Herausforderung für Demokratien.”
Für die SPD könnte das zum Beispiel bedeuten, dass sie sich weiter für “bezahlbaren Wohnraum” einsetzt (emotionales Thema), aber zur Zielerreichung den Weg “bessere Rahmenbedingungen bei die Erstellung von Wohnungen” wählt (rationale Handlung: Erhöhung des Wohnungsangebots).
Eigentlich könnte erfolgreiche Politik so einfach sein. Man müsste nur einen einzigen Grundsatz folgen: Beim Denken und Handeln immer beide Gehirnhälften benutzen.
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Nudge – Sanfte Chance oder Gefahr?
Veröffentlicht: 23. Januar 2012 Einsortiert unter: Gesellschaft | Tags: Armin Falk, behavioral economics, Cass Sunstein, Nudge, Richard Thaler, stups, universität bonn 3 Kommentare »Zur Beeinflussung von Menschen braucht es oft nicht viel. Um etwa bei einer Kantinenauslage mit Obst und Süßigkeiten die Menschen zur gesunden Entscheidung zu bewegen, reicht es, einen Spiegel hinter der Auslage zu platzieren. Damit Reinigungskräfte weniger Arbeit haben, wird in Urinalen das Abbild einer Fliege angebracht, weil Männer auf die Fliege zielen, und deshalb 80 Prozent weniger Urin auf dem Boden landet. So ist es jedenfalls in dem 2008 erschienenen Buch „Nudge“ der US-Professoren Richard Thaler (Wirtschaftswissenschaftler) und Cass Sunstein (Rechtswissenschaftler) nachzulesen.
Mit kleinen Änderungen viel bewirken, lautet die Idee hinter Nudge (auf deutsch „Stups“ oder „Schubs“). Armin Falk, Wirtschaftsprofessor für Verhaltensökonomie an der Universität Bonn, hat dies heute mit einem kleinen Vortrag auch bei mir geschafft. Falk war Referent auf der gerade stattfindenden Konferenz „Ökonomie neu denken“ von Stifterverband und Handelsblatt in Frankfurt.
Falks Wissenschaftszweig, die Behavioral Economics, hat die Wirtschaftswissenschaften in den vergangenen Jahrzehnten ordentlich durcheinander gewirbelt. Die Modellannahmen vom Homo oeconomicus, also des rationalen Nutzenmaximierers, wurden durch die Forschungsergebnisse der Verhaltensökonomen in Frage gestellt.
Wirklich gestürzt wurde der Homo oeconomicus aber nie. Klassiker und Verhaltensökonomen haben sich mittlerweile weitgehend ausgesöhnt. Beide Seiten haben erkannt, dass es mehr ums Ergänzen, Erweitern, statt Zerstören und Ersetzen geht. Heute dient der Homo oeconomicus der grundlegenden und groben Orientierung bei der Erklärung menschlichen Verhaltens, im Detail benötigt es den empirisch geschärften Blick der Verhaltensökonomie.
Für viele Liberale war der Angriff auf den Homo oeconomicus ein Angriff auf ihr Weltbild gewesen. Zu diesem Weltbild gehört, dass keiner besser als jeder für sich selbst weiß, was gut für einen ist. Liberale kämpfen für den freien Willen und die freie Entscheidung, für einen Menschen, der nicht vom Staat oder anderen Institutionen genötigt wird zu tun, was er nicht tun will. Was aber, wenn der Einzelne gar nicht immer weiß, was gut für ihn ist? Weil er zum Beispiel zu wenige Informationen hat, oder zu viele. Wenn rationale Entscheidungen, aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich sind. Braucht es dann doch Dritte (den Staat), der für einen entscheidet?
Thaler und Sunstein finden in ihrem Buch einen Weg, der die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie mit liberalen Grundsätzen versöhnt. Der Ausweg heißt liberaler Paternalismus, bei dem der Staat in erster Linie lediglich Anstöße gibt.
Beim liberalen Paternalismus werden den Bürgern also lediglich Entscheidungshilfen gegeben, ohne jene Bürger einzuschränken, die sich für eine andere Richtung entscheiden. Beispiel Organspendegesetz. Dort führen kleine Unterschiede zu diametral gegensätzlichen Ergebnissen. So ist in Ländern mit so genannter Opt-in-Regel, wie in Deutschland, bei der sich jeder bewusst für die Organspende entscheiden muss, die Bereitschaft zur Organspende um ein Mehrfaches geringer (nur knapp über 10 Prozent besitzen einen Organspendeausweis) als in Ländern mit Opt-out-Regel, wie beispielsweise in Österreich, wo man sich explizit äußern muss, dass man nach seinem Tod keine Organe entnommen bekommen möchte (über 90 Prozent).
Bei der Organspende geht es für den Einzelnen um sehr viel, doch obwohl nur eine Postkarte zu schreiben ist, führen unterschiedliche Ausgangssituationen zu extrem unterschiedlichen Ergebnissen. / Armin Falk
Das Organspende-Beispiel macht deutlich, dass sich Menschen mit vielen – selbst für sie persönlich – wichtigen Themen nicht beschäftigen. Sie nehmen hin, was sie vorfinden, sie hinterfragen nicht. Man kann das kritisieren. Man sollte bedenken: Der Mensch hat viel zu tun. Täglich, stündlich, minütlich müssen Entscheidungen getroffen werden. Wir kommen gar nicht darum herum, Entscheidungsfindungen auszulagern. Ständig. Zum Beispiel im Supermarkt. Wir kaufen Lebensmittel nach dem äußeren Schein oder weil sie ein Bio-Siegel tragen. Wir brauchen Hilfen, damit wir Qualität beurteilen können. Es geht nicht anders, wir können nicht alles überblicken. Nie konnte dass der Mensch, heute am allerwenigsten.
„Für einen Paternalismus in gewisser Ausprägung zu sein, ist eine liberale Position, weil sie schlicht anerkennt, dass Menschen hilfsbedürftig sind“, sagt Falk, der auch Direktor des Center for Economics and Neuroscience sowie des Labors für Experimentelle Wirtschaftsforschung an der Bonner Universität ist. Tatsächlich sei erwiesen, dass vor allem den weniger Schlauen mit sanftem Paternalismus geholfen werden könne, sagt Falk. Bei der Ernährung zum Beispiel. Fettleibigkeit sei vor allem in unteren sozialen Schichten verbreitet.
Nudge kann Probleme verringern, aber auch welche schaffen. Denn wer sagt, dass der, der stupst, eine Richtung vorgibt, welche die Menschen tatsächlich wünschen? Vor allem aber: Vielleicht verfolgt der „Stupser“ seine eigenen Interessen. Staatliche Institutionen wollen mit steigenden Steuereinnahmen finanziert werden, Machthabende möchten wiedergewählt werden.
„Keine Frage“, sagt Falk, „der liberale Paternalismus kann auch eine Gefahr sein.“ Deswegen sei es wichtig, dass auch die Anstöße demokratisch legitimiert werden. „Nicht ich kann beurteilen, was gewollt ist, dafür braucht es den Wähler.“
