Gehen wir zum Arzt! – Oder: Wenn Angela Merkel Visionen hätte
Veröffentlicht: 27. März 2013 Einsortiert unter: politische Ökonomie | Tags: Agenda 2010, Angela Merkel, Arbeit, Bildung, Geistiges Eigentum, Reform 1 Kommentar »Nichts ängstigt den Menschen mehr als sein Ende. Wir wünschen uns Unsterblichkeit. Eine interessante Ausprägung dieser Sehnsucht lässt sich an Machthabern beobachten. Früher ließen sie sich Statuen bauen. Oder sie beendeten Kriege. Um sich als Friedensfürst zu verewigen. Oder sie begannen welche.
In einer aufgeklärten, entmythologisierten und demokratisierten Gesellschaft ist die Unsterblichkeitsmachung deutlich schwieriger. Welches Gesetz, welche Tat hält länger als eine Legislaturperiode? Helmut Kohl profitierte bekanntlich vom Ende des kalten Krieges. Gerhard Schröder muss mit seinem “Nein” zum Irak-Krieg und der “Agenda 2010″ sich mit deutlich weniger Unsterblichkeitspotenzial zufrieden geben.
Was wird man einst über Angela Merkel sagen? Dass Sie die Revision der Revision der Energiewende durchgesetzt hat? Dass die vermeintliche Eurorettung vor allem die Rettung in ihre dritte Amtszeit bedeutete?
Vermutlich wird wenig bleiben.
Ist das bedauerlich? Wo keine Katastrophen drohen, da können auch keine Helden geboren werden. Der Preis unseres gesicherten Lebens ist eine Politik, die nur noch pragmatisch handelt. Die nicht mehr links und rechts kennt. Nicht gut, noch falsch. Die zwischen Interessengruppen Kompromisse aushandelt. Die nicht Meinung bildet, sondern ausführt, was Mehrheiten wünschen. – So sehen heute viele Politik. Wie armselig.
Man muss Angela Merkel für ihre Politik nicht verurteilen. Wenn es einem Land augenscheinlich gut geht, ist der Wille zur Veränderung gering. Wenn die Opposition mehrheitsfähige Positionen vertritt, ist die richtige Strategie des Machterhalts, sich diesen Positionen anzunähern.
Gut finden muss man die Politik von Angela Merkel deswegen noch lange nicht. Politik braucht den Willen zur Macht und zum Machterhalt. Aber das ist nur notwendige, nicht hinreichende Bedingung für gute Politik. Reine Machtpolitik verändert zum einen nur im Notfall. Sie holt das Kind aus dem Brunnen, statt es vor dem Reinfallen zu bewahren. Und eine solche Politik der Anpassung (in diesem Fall an die Opposition) generiert zum anderen nicht, was eine Demokratie zwingend braucht: politische Alternativen.
Auf der anderen Seite: Was wäre denn zu verändern? Wie sehe eine Politik aus, die nicht um des Machterhalts betrieben wird? Sondern eine, die das Ziel hat, das Leben der Menschen zu verbessern. Aller Menschen.
Helmut Schmidt hat den Satz geprägt, wer Visionen habe, der solle zum Arzt gehen. Gut. Gehen wir zum Arzt. Und sprechen über Visionen. Was für eine Politik braucht es, damit die Welt eine bessere wird? Heute. Morgen. 2030.
Keine Frage, Einigkeit über den richtigen Weg in eines bessere Welt zu erzielen, ist schwer bis unmöglich. Fangen wir deshalb mit einer Desillusionierung an. Nämlich der Vorstellung, dass wir kein Wachstum mehr bräuchten. Eine verbreitete Vorstellung, die sich hartnäckig hält. In aller Regel aber nur so lange, bis das Thema beim eigenen Einkommen landet. Davon hätte jeder gerne mehr. Die simple Kausalität von Einkommenswachstum und Wirtschaftswachstum ist vielen fremd. Hinzu kommt: Häufig wird Wachstum immer noch ausschließlich mit Ressourcenverbrauch gleichgesetzt. Seltener mit Fortschritt. Mit Neuerungen. Dass Wachstum auch und gerade darin bestehen kann, mehr mit weniger zu erreichen. Mehr Output, durch weniger Input.
Wir erleben den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg früher verarmter Weltregionen und brauchen dringend Lösungen, damit dieser Aufstieg nicht den ähnlichen Raubbau an der Natur hinterlässt, wie ihn die westliche Welt verursachte. Wir kennen heute 4000 Krankheiten, können aber nur 250 behandeln. Wir haben den Einstieg in die erneuerbaren Energien geschafft, aber ohne Fortschritt bei der Speichertechnologie wird auf den Einstieg das Drama folgen. - Wir brauchen also Wachstum durch Fortschritt. Wir brauchen Menschen, die Ideen nicht nur haben, sondern sie auch umsetzen. Umsetzen können. Weil sie schlau sind. Weil sie mutig sind. Weil anderen davon profitieren, aber auch – und nicht zuletzt – sie selbst. Wir brauchen ein Land, das die besten Voraussetzungen bietet, dass Menschen Ärzte, Ingenieure, Pädagogen, Produzierende, Helfer oder Dienstleister werden wollen. Die das gerne tun, weil die Arbeit ihnen Befriedigung bietet, auch finanzieller Art.
Was hat Angela Merkel in den vergangenen bald acht Jahren zu dieser notwendigen Entwicklung beigetragen?
Oder anderes gefragt: Was hätte Sie beitragen können? Was sind die entscheidenden politischen Stellschrauben, um in einer alternden Gesellschaft gutes Leben nicht nur zu sichern, sondern zu verbessern? Wie müsste eine Politik aussehen, um in Deutschland dauerhaft ein stetig besseres Leben zu ermöglichen?
Eine Agenda.
Mehr Bildung. Natürlich. Alle sagen das. Nur schlaue Menschen erschaffen nützliche, schöne Sachen. Mehr Geld in Bildung stecken, heißt das Schlagwort der Stunde. Aber: Welches “mehr Geld”? Mehr Geld, welches den Menschen mehr über Steuern genommen wird? Die das Geld, das ihnen genommen wird, mehr in die Bildung ihrer Kinder hätten stecken könnten? Zumindest das: Die Forderung nach “mehr Geld” muss am Ende, nicht am Anfang einer Diskussion über besser Bildung stehen.
Wenn die Marktwirtschaft das beste System zur Schaffung von Wohlstand ist, weil der Wettbewerb ein Entdeckungsverfahren um beste Lösungen ist, weil Menschen in Freiheit entscheiden, ob und wenn ja, was sie auf Märkten anbieten und nachfragen wollen. Wer also glaubt, dass die Marktwirtschaft dieses beste System ist, der kommt nicht an der Frage vorbei, warum wir bei der wichtigsten Wohlstandsvoraussetzung, der Bildung, den Wettbewerb ausgeschlossen haben. Warum hat der Staat noch immer weitgehend das Monopol auf Bildung inne? Warum werden Schulen und Universitäten vor allem vom Staat betrieben?
Die Frage nach der richtigen Bildung kennt tausend Antworten. Menschen sind Individuen. Tragen wir den Unterschieden mit unterschiedlichen Wegen des Lernens Rechnung!
Nirgendwo liegt größeres Wachstumspotenzial als darin, die Frage nach der richtigen Bildung den Wettbewerb entscheiden zu lassen. Indem die Menschen selbst wählen, wie sie/ihre Kinder gebildet werden. Wir benötigen Strukturen, in denen der Staat höchstens die Bildungsstandards vorgibt, die es zu erreichen gilt. Wo das “Wie” der Zielerreichung privaten Institutionen überlassen wird.
Wie viel Wohlstand haben wir vergeudet, wie viele Menschen in Schulen zu Mitläufern gemacht, weil jährlich auf Ministerialebene Schulreformen diskutiert werden. Jährlich neue. Oder jährlich alte. Auf einer Ebene, wo viele Interessen aufeinander prallen, jene der Schüler aber nur eine von vielen ist, anstatt die einzig relevante.
Erst wenn jene, die bilden, danach honoriert werden, wie gut sie bilden; erst wenn Schulen davon profitieren, gute Bildung anzubieten; erst wenn Universitäten im Wettbewerb um Studenten beste Lehre liefern; erst dann können wir auch über Geld reden. Und Ja, der Staat sollte mehr in Bildung investieren. Weil Menschen erst gebildet werden müssen, bevor sie selbst Geld verdienen (wovon die Gesellschaft profitiert). Und: Bildung erzeugt positive externe Effekte. Ein guter Grund für einen Staatseingriff.
Und Ja, wir müssen dort mehr bilden, wo Bildung wirkt. Tendenziell je früher, je nachhaltiger. Vorsorgende Bildungspolitik, statt nachsorgende Sozialpolitik! Eine Phrase, aber auch sinnhaft.
Und: Die Finanzierung von Bildung durch die Allgemeinheit muss da an ihre Grenzen stoßen, wo nicht mehr alle gebildet werden. Spätestens an den Hochschulen. Diese Regel verhindert Umverteilung von unten nach oben. Wer das Studium durch die Gesellschaft finanzieren lässt, der subventioniert eine Ingenieursausbildung mit dem Gehalt des Zeitungsausträgers. Das ist ungerecht.
Was wir freilich brauchen: Den Zugang zur Hochschule, auch ohne dicken Geldbeutel (der Eltern). Der Staat muss die Kosten des Studiums vorstrecken. Von allen, die das wünschen. Aber jeder einzelne muss seine Kosten während seines Arbeitslebens auch zurückzahlen. Das ist fair.
Wir brauchen also nicht nur Studiengebühren, sondern auch ein System zur Finanzierung des Studiums, ein Netz, durch das keiner fällt. Was für ein Versagen der Politik, Studiengebühren eingeführt zu haben, ohne dieses Netz bereit zu stellen! Das Scheitern der Studiengebühren ist nur konsequent.
Geistiges Eigentum neu denken. Computer- und Internet-Technologie ermöglichen die sekundenschnelle und verlustfreie Reproduktion digitaler Güter. Ich tendiere zunehmend zu der Ansicht, dass es der falsche Weg ist, die Daumenschrauben bezüglich des gesetzlichen Schutzes dieser Güter weiter anzuziehen. Schon zweimal nicht, wenn ein vermeintlicher Schutz ausschließlich den Interessen einer Lobbygruppe dient, wie es etwa beim Leistungsschutzrecht der Fall ist.
Beschäftigung zulassen. Auch klar. Kein aktiver Politiker meiner Generation hat mehr Positives für die Menschen bewirkt als Gerhard Schröder. Meine Meinung. Die “Agenda 2010″ hat Mentalität und Realität verändert.
Den Menschen geht die Arbeit aus. Arbeitslosigkeit ist die Folge des technischen Fortschritts. So dachte die Mehrheit in den 90er Jahren. Die “Agenda 2010″ machte klar: Arbeitslosigkeit ist menschengemacht. Systembedingt. Weil in Lohnverhandlungen die Interessen Dritter (Outsider) unberücksichtigt bleiben und die Folgen auf den Sozialstaat abgewälzt werden können. Weil es sich nicht lohnt, Arbeit zu suchen, anzunehmen.
Die “Agenda 2010″ hat vielen Menschen den Einstieg in Arbeit abgenötigt. Sie war eine Zumutung. Aber eine notwendige.
An was es aber heute noch häufig fehlt: der Chance zum Aufstieg. Größter Hinderungsgrund: die Minijobs. Wer mehr als 450 Euro verdienen will, hat ein Problem. Es lohnt sich nicht. Nicht für Arbeitnehmer, nicht für Arbeitgeber. Die stellen lieber einen zweiten Minijobber ein. Deshalb: Die Minijobs gehören dringend reformiert. In dem die Hürden abgeschafft werden, Hürden die Mehr-Arbeit und Mehr-Lohn verhindern.
Natürlich ist auch ein Mindestlohn eine solche Hürde. In jeder Form. Flächendeckend und politisch festgelegt wie in SPD und Grüne wollen, noch falscher, ein branchenspezifischer Mindestlohn, von den Trafivertragsparteien ausgehandelt.
Ein Mindestlohn verhindert den Einstieg in Arbeit. Das ist unstrittig. Gestritten werden kann höchstens über das Ausmaß der negativen Auswirkungen. Meine Meinung: Jeder einzelne Arbeitsplatz, der durch Mindestlohn nicht ensteht, rechtfertig den Verzicht auf einen Mindestlohn.
Zumal: Bedarfsgerechtigkeit schafft man nicht über die Einmischung in die Lohnfindung. Was in Schwerin an Einkommen reichen kann, ist in München zu wenig. Mit was ein Single auskommt, ist für eine Familie ein Drama. Ergo: Was Menschen, Familien zum Leben brauchen, lässt sich nicht über den Stundenlohn definieren. Reicht das Haushaltseinkommen nicht, muss der Staat zuschießen. So funktioniert im Grundsatz gute Sozialpolitik.
Renteneintritt flexibilisieren. Ein in der politischen Debatte unterbelichtetes Thema. Die Lebenserwartung steigt kontinuierlich. Welch ein Glück! Einleuchtend, dass wir in der Folge auch einen Teil der hinzugewonnenen Lebenszeit darauf verwenden, Einkommen zu erzielen. Zumal durch den demografischen Wandel auch der Anteil der Älteren zunimmt. Allerdings: Die Entscheidung, wie lange wir arbeiten, sollte nicht der Staat, sollte vielmehr jeder Einzelne entscheiden.
Im Moment läuft es so: Durch die Möglichkeit der Frühverrentung (heute weniger als noch vor Jahren) steigen viele Menschen vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter aus dem Arbeitsleben aus. Spätestens mit dem gesetzlichen Renteneintrittsalter verlassen praktisch alle ihr Unternehmen. Nicht, weil die Beschäftigten das zwingend wünschten, sondern weil der Arbeitgeber beim Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters ein einmaliges Sonderkündigungsrecht hat.
Mit einfachen Worten: Wer Ältere nicht mit Erreichen des gesetzlichen Rentenalters entlässt, bekommt sie nie mehr los. Weil etwa bei einer möglichen Sozialauswahl Ältere besonders geschützt sind. Will man also mehr Ältere in Unternehmen halten, muss man – praradoxerweise – deren Kündigungsschutz lockern. In dem man etwa ab Überschreiten des gesetzlichen Rentenalters dem Arbeitgeber ein jährliches Sonderkündigungsrecht zugesteht. So würde verhindert, dass alle mit 65 in Rente geschickt werden.
Parallel dazu sollten alle Rentenleistungen äquivalent zu den Einzahlungen gestellt werden. Wer früher oder später in Rente geht, sollte weder über- noch unterproportionalen Rentenleistungen erhalten. So wird der Renteneintritt nicht durch den Staat gelenkt, sondern liegt in der freien Entscheidung jedes Einzelnen.
Der Staat gehört reformiert. Und zwar radikal. Was ist Staatsaufgabe, was nicht? Diese Frage muss neu beantwortet werden. Meine Überzeugung: Ein nicht unrelevanter Teil der Staatsaufgaben ist aus politik-ökonomischen Überlegungen (Privilegierung relevanter Wählergruppen) entstanden, nicht weil damit originäre Staatsaufgaben erfüllt werden.
Deren gibt es nur drei:
- die Bereitstellung öffentlicher Güter,
- die Herstellung von Bedarfsgerechtigkeit und
- die Internalisierung positiver wie negativer externer Effekte.
Subventionen gehören nicht dazu. Ein relevanter Part der Sozialausgaben sicherlich auch nicht.
Fordert man auch Generationengerechtigkeit ein, dann müsste der Schuldenberg auf absehbare Zeit abgetragen werden. (Allein die Bedienung der Zinsen machen den drittgrößten Posten im Bundeshaushalt aus und verschlingt über 12 Prozent des Jahreshaushalts des Bundes.)
Um wie viel würde die Staatsquote (heute: 45 Prozent der Wirtschaftsleistung) sinken, wenn der Staat keine Schulden mehr abtragen, keine Subventionen mehr bezahlen und Sozialpolitik “nur” noch für Bedürftige machen würde?
Mehr als 35 Prozent wären es vermutlich nicht. Weniger Geld, dass den Menschen genommen würde, mehr Geld über das sie selbst verfügen könnten.
Der Staat braucht nicht nur weniger, er braucht auch mehr Kontrolle, mehr demokratische Legitimation. Demokratie funktioniert, wenn die Wähler Arbeit und Leistung der von ihnen gewählten Vertreter beurteilen können. An entscheidender Stelle ist dies mittlerweile nur noch schwer möglich: Bei den Ein- und Ausgaben des Staates.
Viele Steuerarten liegen in der Verantwortung unterschiedlicher Ebenen des föderativen Staates. Und auf der kleinsten Ebene, der Gemeinde, fehlt die Steuerhoheit sogar weitgehend. Nur wenn die Verantwortung über Einnahmen- und Ausgabenhöhe in einer Hand liegt, kann der Wähler adäquat entscheiden. Wählt er jene Partei, die den Schwimmbadbau wünscht und stimmt dafür der Steuererhöhung zu, oder präferiert er niedrige Steuern und verzichtet auf das Schwimmbad.
Was im Kleinen gilt, macht auch im Großen Sinn: Auch auf europäischer Ebene fehlt das Prinzip von “Entscheidung und Verantwortung in einer Hand”. So fällt es dem Europa-Parlament in aller Regel leicht, ein höheres Budget für die Europäische Union einzufordern, da es bei den Wählern nicht für die Folgen (höhere Steuern/Staatsschulden) verantwortlich gemacht wird. Weil auch das Europa-Parlament nicht über Art und Höhe der Einnahmen entscheiden kann.
Was zum großen Merkel-Thema führt: der Euro-Rettung. So nennt Sie es jedenfalls. Vor allem rettet sie damit sich, so meine Überzeugung. Weil die Eurorettung Zeit kauft. Wer aber Banken rettet (weil sie zu risikoreich angelegt haben) und wer Staaten rettet (weil die lieber heute das Geld von morgen ausgegeben haben), der löst keine Probleme. Der verschärft sie. Weil falsche Anreize verstärkt werden. Weil wer weiß, dass er gerettet wird, sein Verhalten anpasst.
Ob der Euro überleben wird oder nicht, ist für mich keine entscheidende Zukunftsfrage. An der Größe eines Währungsraumes hängt nicht der Friede – und nur zum Teil der Wohlstand. Entscheidend ist, wie wir mit den Problemen, die der Euro geschaffen hat, umgehen.
Die Tendenz der Politik, ökonomische Realitäten zu leugnen, schürt den Unfrieden, den die Politik zu verhindern vorgibt. Dabei ist die Regel auch hier eine einfache: Wer das Risiko eingeht, trägt die Verantwortung. Wenn Staaten Schulden machen, müssen sie auch – und niemand anders – dafür haften. Das gilt für Staaten genauso wie für Unternehmen.
Alles andere säät Zwietracht. Das brauchen wir nicht. Auch nicht zwingend das Gegenteil: Eintracht. Wir müssen nicht alle das Gleiche wollen, die gleichen Ziele verfolgen. Nicht in der Familie, nicht in der Gemeinde, nicht in Deutschland, nicht in Europa. Wir müssen aber die Möglichkeit haben, das, was wir wollen, umzusetzen zu können. Jeder nach seiner Façon. Was hat Angela Merkel in den vergangenen acht Jahren dazu beigetragen?
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Was wir verdienen – Ein Beitrag zur Mindestlohndebatte
Veröffentlicht: 22. Februar 2013 Einsortiert unter: politische Ökonomie | Tags: Arbeit, Entsendegesetz, Gerechtigkeit, Heinrich von Thünen, Mindestlohn 2 Kommentare »In Belitz ist die Suche nach dem richtigen Lohn in Stein gemeißelt. Der prominenteste Einwohner des kleinen Dörfchens in Mecklenburg-Vorpommern war stolz auf seine vermeintliche Entdeckung gewesen, so stolz, dass er sich die Formel vom “naturgemäßen Lohn” auf seinen Grabstein schreiben ließ.
Noch heute ist dieser auf dem dortigen Friedhof zu bewundern. l = √a×p ist zu lesen, wobei „l“ für Lohn, „a“ für notwendigen Lebensunterhalt und „p“ für Arbeit steht.
Eine intensivere Beschäftigung mit der Gleichung lohnt nicht wirklich. Heinrich von Thünen hätte seine Formel besser mit ins Grab genommen. Der 1783 geborene Ökonom war eigentlich ein Pionier bei der Erklärung von Löhnen, Zinsen und Bodenrenten. Seine Lohnformel im Speziellen aber gilt als widerlegt.
Thünen ist in prominenter Gesellschaft. Viele haben sich an der Frage abgearbeitet, wie sich in einer Gesellschaft der Lohn bildet – und viele sind gescheitert. Karl Marx zum Beispiel. Im 19. Jahrhundert war die so genannte Arbeitswertlehre weit verbreitet. Demnach ist ein Gut genau so viel wert, wie viel Arbeit in dessen Erstellung gesteckt wird. Ein Paar Schuhe, die ein Schuster in zwei Arbeitstagen fertigt, hätte damit einen doppelt so hohen Preis wie ein Hut, der in einem Tag hergestellt wird.
Diese Arbeitswertlehre ergänzte Marx um seine selbst entwickelte Mehrwert-Theorie. Danach wird ein Gut in der Regel nur jenen Preis erzielen können, der den Reproduktionskosten dieses Gutes entspricht. Die Reproduktionskosten aber entsprechen dem Existenzminimum, das gerade das Überleben des Arbeiters sichert. Gleichzeitig ist der Wert eines Gutes aber höher als seine Reproduktionskosten. Dieser Mehrwert fließe ausschließlich den Kapitalisten zu, glaubte Marx.
Die Folge: Die Kapitalisten würden immer reicher, die Arbeiter blieben arm. Die Ungerechtigkeit nehme stetig zu.
Außerdem fänden die produzierten Güter auf Dauer keine Abnehmer mehr, weil die Arbeiter nicht genügend verdienten, um all die von ihnen hergestellten Produkte zu kaufen. Irgendwann, so Marx’ Überzeugung, müsse der Kapitalismus in sich zusammenstürzen.
Es ist bekanntlich anders gekommen. Die Löhne steigen in aller Regel, mal schneller, mal weniger schnell. Heute lässt sich am individuellen Lebensstandard häufig nicht mehr ablesen, wer Arbeitnehmer, wer Arbeitgeber ist. Reichtum und Armut gibt es in beiden Lagern.
Offensichtlich haben, anders als Marx erwartet hatte, auch die Arbeiter vom Produktionsanstieg profitiert.
Die Antwort auf die Frage, wie sich Löhne bilden, gilt heute – zumindest unter Ökonomen - als weitgehend beantwortet. Es war die mathematische Exaktheit der Neoklassik, die Licht ins Dunkel brachte. Vereinfacht gesagt ist der Lohn das Ergebnis von Angebot und Nachfrage.
In der stilisierten Form zweier Geraden, die sich in einem Achsendiagramm zu einem „X“ formen, schlägt sich die Quintessenz der Neoklassik nieder, dessen Bild mittlerweile selbst den meisten Nicht-Ökonomen vertraut ist.
Das „X“ veranschaulicht folgende Überlegung: Unternehmer optimieren ihren Profit, Arbeitnehmer ihr Einkommen. Mit steigenden Löhnen sinkt folglich die Arbeitsnachfrage der Arbeitgeber und es steigt das Arbeitsangebot der Arbeitnehmer. Die eine Kurve geht nach oben, die andere nach unten.
Letztlich manifestieren sich in den beiden Geraden zwei unterschiedliche Interessen: Unternehmer stellen dann ein, wenn es sich für sie lohnt (möglichst geringe Kosten), Arbeitnehmer suchen dagegen solche Jobs, in denen sie möglichst viel verdienen.
Und wo sich die beiden Linien schneiden, da findet sich der Gleichgewichtslohn. Der besagt, dass zu diesem Lohn die Höhe der Arbeitsnachfrage gleich dem Arbeitsangebot ist. Es gibt dann keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit.
Genug der Theorie. Fast zumindest. Denn nur die Einführung eines weiteren Begriffs bringt Klarheit. Entscheidend in der Neoklassik ist nämlich, wie sich das gemeinsam mit den Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit Erwirtschaftete wieder auf die Produktionsfaktoren in Form von Zinsen (für Kapital) und Lohn (für Arbeit) verteilt.
Diese Aufteilung hängt nach Auffassung der Neoklassiker nicht von einem, wie auch immer zu definierenden „Wert der Arbeit“ ab, sondern orientiert sich an Knappheiten. Ist Kapital reichlich vorhanden und Arbeit nur spärlich, dann wird die Entlohnung der Arbeit relativ hoch sein. Umgekehrt lassen sich dann hohe Zinsen für das eingesetzte Kapital erzielen, wenn die Kapitalausstattung einer Gesellschaft gering ist, aber reichlich Arbeitende vorhanden sind.
Die Neoklassik wurde und wird kritisiert. Die Annahmen seien sehr vereinfachend, so der häufigste Vorwurf. Das stimmt. Und ist auf der anderen Seite gerade die Stärke der Theorie. Sie vereinfacht – und trifft dabei den Kern. Keine Theorie hat das reale Wirtschaftsleben bisher besser erklären können als die Neoklassik.
Aber was ist gewonnen, wenn man weiß, wie sich der Lohn bildet? Gefragt seien vielmehr Antworten, wie man zu einem gerechten Lohn kommen könne, schallt es zur Zeit durch die Republik. Jeder arbeitende Mensch habe das Recht auf einen Mindestlohn, fordern Gewerkschaften und Linke schon lange lautstark – mittlerweile in gleicher Lautstärke auch SPD und Grüne. Selbst die FDP ist “kompromissbereit”.
Zu große Einkommensunterschiede wurden bereits in der griechischen Antike als ungerecht empfunden. Platon wird die Aussage zugeschrieben, dass niemand mehr als das Vierfache eines anderen verdienen solle.
Wenn es schon keine Einkommensobergrenze geben könne, dann doch bitte eine nach unten, sagen die Mindestlohn-Befürworter. Der Mindestlohn sei das Mindeste!
Das klingt gerecht. Und schafft neue Ungerechtigkeiten. Denn: Ein Mindestlohn ist für all jene prima, die durch die Einführung einer Einkommensuntergrenze mehr verdienen als bisher und dabei ihren Job behalten. Wer dagegen eine Anstellung hat, die sich für den Unternehmer bei der Bezahlung eines Mindestlohnes nicht mehr rechnet, der wird diese Anstellung verlieren.
Ein Mindestlohn würde also auch unter Arbeitnehmern Gewinner und Verlierer hervorbringen. Interessant wäre zu wissen: Wie groß diese Gruppen sind? Lohnt sich ein Mindestlohn, weil sich der daraus resultierende Arbeitsplätze-Verlust in überschaubaren Grenzen hält?
Die Empirie ist widersprüchlich: Insbesondere in den angelsächsischen Ländern kann kaum ein schädlicher Einfluss von Mindestlöhnen nachgewiesen werden. In Frankreich dagegen haben nach Einführung der Mindestlöhne vor allem Jüngere Probleme, an Arbeitsplätze zu kommen.
Vielleicht aber ist allein eine solche Abwägung zwischen Nutzen und Kosten eines Mindestlohnes unfair. Sollte es nicht in der freien Entscheidung jedes Einzelnen bleiben, zu welchen Bedingungen er einen (Arbeits-)Vertrag schließt?
Ist der Mindestlohn also Teufelszeug? Nicht ganz: Ein Vorteil hätte der Mindestlohn, er würde Mitnahme-Effekte durch Unternehmer unterbinden. Da Niedriglöhne häufig durch Hartz IV ergänzt werden, ist der Anreiz für Arbeitnehmer, sich für höhere Einkommen stark zu machen, nur bedingt vorhanden. Ob der Lohn bleibt wie er ist oder steigt und dadurch die Bezuschussung durch Hartz IV sinkt, macht für den Arbeitnehmer keinen Unterschied.
Durch einen Mindestlohn könnte Hartz IV „flankiert und so verhindert werden, dass bei den ‚Aufstockern’ Geschäfte zulasten der Sozialversicherungssysteme gemacht werden“, sagt der nicht für seine Gewerkschaftsnähe bekannte Chef der Monopolkommission Justus Haucap.
Haucap würde einen deutschlandweiten, über alle Branchen hinweg gleichen Mindestlohn zumindest den aktuell diskutierten branchenspezifischen Mindestlöhnen vorziehen. Letztere sind auch unter dem Begriff Entsendegesetz bekannt.
Mit dem Entsendegesetz können Löhne, die zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ausgehandelt wurden, für die Beschäftigten einer ganzen Branche verpflichtend gemacht werden. Was eine Gruppe von Menschen vereinbart, wird also per Gesetz für alle in einer Branche Beschäftigten zur Vorgabe.
„Branchenspezifische Mindestlöhne sind weder sozialpolitisch erklärbar – es gibt ja auch keine branchenspezifischen Hartz-IV-Sätze – noch sind sie wettbewerbskonform“, so Haucap. Meist gehe es nur darum, „kleine Unternehmen zu behindern oder Verbraucher auszuplündern – oder beides.“
Der deutschlandweit einheitliche Mindestlohn als kleineres Übel also? „Ein sehr moderater, allgemeiner Mindestlohn wäre aus meiner Sicht akzeptabel und vermutlich weitgehend unschädlich, beispielsweise 5 Euro“, sagt Haucap.
Das Problem: Ein Politiker, der mit dem Mindestlohn punkten will, wird sich mit einer 5 Euro-Forderung nicht an die Mikrofone trauen. 7 Euro sind das Mindeste, besser 8, noch besser 10 Euro.
Genau darin liegt ein Hauptübel des Mindestlohnes. Dass nämlich der Mindestlohn zum Politikum würde. Ein Überbietungswettbewerb würde entstehen. Nach dem Motto „Wer verspricht den höchsten Mindestlohn?“ hätten Populisten die besten Karten.
Weniger anfällig für Populismus und hilfreich zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit: die Trennung von Markt und Staat. Die Löhne bilden sich nach Angebot und Nachfrage, und für jene, die trotz Arbeit unter dem Existenzminimum bleiben, gibt der Staat Geld dazu. Und um Mitnahme-Effekte zu vermeiden, darf eine Lohnsteigerung nie vollständig durch eine Reduzierung der staatlichen Unterstützung aufgefressen werden. Wer mehr verdient, muss auch mehr haben. So einfach kann vernünftige Politik sein.
Übrigens: Die Lohnformel auf dem Grabstein wirft noch in einem weiteren Punkt ein falsches Licht auf Heinrich von Thünen. Der Ökonom war alles andere als ein Theoretiker im Elfenbeinturm der Akademie. In Mecklenburg führte er sehr erfolgreich einen landwirtschaftlichen Betrieb. Das besondere daran: Thünen zahlte den Arbeitern nicht nur Lohn. Er beteiligte sie auch am Gewinn. Nicht alles war früher schlechter. Und: Gute Ideen kann die Region gebrauchen. Die Arbeitslosigkeit beträgt dort aktuell 13,6 Prozent.
(Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 25. Februar 2011; er wurde anlässlich der aktuellen Mindestlohndebatte aktualisiert)
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Welche Folgen hätte ein gesetzlicher Mindestlohn in Deutschland?
Veröffentlicht: 7. Februar 2013 Einsortiert unter: Wissen | Tags: Arbeit, Mindestlohn 1 Kommentar »Der Mensch muss von seiner Hände Arbeit leben können. Was für eine zustimmungsfähige Forderung! Was für ein Fehler, den nahe liegendsten aller Rückschlüsse zu ziehen, nämlich ein Gesetz zu fordern, das eine untere Lohngrenze definiert, also einen gesetzlichen Mindestlohn.
Ein solches Gesetz würde ein kleines und ein großes Problem verursachen:
- Das kleine: Das Gesetz wäre nicht zielgenau. Bei einem Mindestlohn von, sagen wir 8,50 Euro, kann vielleicht ein Single über die Runden kommen. Eine Familie lässt sich damit nicht ernähren.
- Das große: Ein gesetzlicher Mindestlohn kann zwar vorschreiben, dass es keine Bezahlung unterhalb einer gewissen Grenze gibt; es kann aber nicht vorschreiben, wie groß die Zahl der Jobs.
Was ist gewonnen, wenn man zwar Hände hat, aber nicht arbeiten darf, gar nicht? Wenn man nicht einmal einen Teil seines Lebensunterhalts selbst erwirtschaften kann.
Ökonomisch wirkt die Einführung eines Mindestlohn ziemlich simpel: Erreicht der gesetzliche Mindestlohn eine relevante Höhe, dann gibt es nach der Einführung eines solchen Mindestlohns weniger Arbeitsplätze als zuvor.
Eine Mindestlohneinführung hat also Gewinner und Verlierer. Es gewinnt, wer seinen Job behält und dank Mindestlohn mehr verdient als vorher; es verliert, wessen Job sich nach der Einführung eines Mindestlohns nicht mehr rechnet, die Produktivität also unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns liegt.
Manche werden sagen, nun ja, so ist das nun mal; es gibt immer Gewinner und Verlierer, so lange die Zahl der Gewinner überwiegt, sei alles OK.
Wer die Freiheit schätzt, wird so etwas nicht gut finden. Niemand sollte das Recht haben, sich über eine freiwillige Vereinbarung dritter hinwegzusetzen. Schon gar nicht, wenn dadurch ein Job verloren gehen kann.
Das von Arbeitgebern finanzierte Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) hat ausgerechnet, wie viele Jobs von einer gesetzlichen Mindestlohnregelung betroffen wären.
Im Falle eines allgemeinen Mindestlohns in Höhe von 8,50 Euro je Stunde müssten bei 19,2 Prozent aller Beschäftigten die Löhne angehoben werden. So groß ist der Anteil derer, die im Jahr 2011 weniger als 8,50 Euro je Stunde verdient haben. Das entspricht etwa 6,1 Millionen Arbeitnehmern.
Mit anderen Worten: Von der Einführung eines Mindestlohn wäre keinesfalls nur eine kleine Gruppe betroffen. Freilich ist damit nicht gesagt, wie viele Menschen nach einer Mindestlohneinführung ihren Job behalten würden und wie viele nicht.
Fest steht, es würden Jobs verloren gehen. Fest steht, die Politik hätte dafür die Verantwortung zu tragen.
By the way: Wer glaubt, dass wer wenig verdient, auch wenig Einkommen hat, verkennt den Unterschied zwischen Arbeits- und Haushaltseinkommen. Letzteres setzt sich nämlich häufig aus mehreren Einkommen zusammen.
Nochmals das IW Köln:
Ein niedriger Bruttostundenverdienst geht nicht zwangsläufig mit einem niedrigen Einkommenswohlstand einher. Von dem Fünftel der Arbeitnehmer mit dem niedrigsten Bruttostundenverdienst gehören nur 26 Prozent auch beim Äquivalenzeinkommen, das den Haushaltszusammenhang berücksichtigt, zum einkommensschwächsten Fünftel. Dies erklärt sich dadurch, dass Arbeitnehmer mit einem Stundenverdienst von unter 8,50 Euro mit ihrem Nettoverdienst nur zu 38 Prozent zum Haushaltsnettoeinkommen beitragen, nicht zuletzt weil sie nur in gut der Hälfte der Fälle in ihrem Haushalt das höchste Erwerbseinkommen erzielen. Daher liegt ihr Armutsrisiko mit 18 Prozent (Vollzeitarbeitnehmer: 14 Prozent) nicht im bedenklichen Maße über dem der Gesamtbevölkerung (14 Prozent). Ein flächendeckender Mindestlohn in Deutschland wäre daher verteilungspolitisch ineffizient.
- Paper: Mindestlohn, Einkommensverteilung und Armutsrisiko; Moritz Heumer / Hagen Lesch / Christoph Schröder; IWKöln
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Schafft Wachstum Arbeitsplätze oder bringen Arbeitsplätze Wachstum?
Veröffentlicht: 10. Dezember 2011 Einsortiert unter: Wissen | Tags: Arbeit, Produktionsfaktoren, Wachstum 2 Kommentare »Wie sich Wachstum und damit Wohlstand entwickelt, ist wirtschaftstheoretisch ziemlich simple. Es gib deren drei Möglichkeiten:
➡ durch mehr Einsatz von Arbeit
➡ durch mehr Kapital
➡ durch technischen Fortschritt
Ersteres entsteht, wenn mehr Menschen arbeiten und/oder jene, die arbeiten, dies länger tun. Der Kapitalstock steigt durch Konsumverzicht, also durch Sparen (erweitert man den Blick auf eine offene Volkswirtschaft, kann auch aus dem Ausland Kapital zufließen – oder ins Ausland abließen). Drittens entsteht Wachstum und Wohlstand aus neuen Ideen, wodurch beispielsweise bessere Maschinen gebaut werden, mit denen in gleicher Zeit mehr produziert werden kann.
Wachstum hat also im Kern drei Ursachen. Ob Wachstum Arbeitsplätze schafft oder ob nicht vielmehr neue Arbeitsplätze das Wachstum steigern, ist nur auf den ersten Blick ein Henne-Ei-Problem. Beide Kausalitäten sind nämlich möglich, abhängig davon, welcher Wachstumsparameter sich ändert.
Steigt durch Reformen auf dem Arbeitsmarkt der Anreiz einen Job anzunehmen, führt die daraus folgende steigende Wirtschaftsleistung zu mehr Wachstum. Hier also schaffen Arbeitsplätze Wachstum.
Resultiert Wachstum dagegen aus einem gestiegenen Kapitalstock (weil etwa mehr gespart wird), dann erhöht der damit einhergehende Wachstumsschub die Zahl der Arbeitsplätze (Voraussetzung ist, dass zuvor Arbeitslosigkeit herrscht, alternativ steigen die Einkommen). Hier schafft Wachstum Arbeitsplätze.
Der Beschäftigungseffekt beim Wachstumsbringer „technischer Fortschritt“ ist weniger eindeutig. Technischer Fortschritt ist per Definition zunächst einmal arbeitsplatzsparend, geht es doch darum, mit vorhandenen Mittel mehr zu produzieren oder die gleiche Menge mit weniger Einsatz herzustellen. Gäbe es den technischen Fortschritt nicht, wir würden noch heute jeden Herbst auf den Feldern die Ernte einsammeln.
Technischer Fortschritt vernichtet also Arbeitsplätze. Die Schlussfolgerung jedoch, dass dadurch die Gesamtzahl der Arbeitsplätze sinkt, ist falsch. Berühmte Ökonomen sind der so genannten Freisetzungstheorie erlegen, David Ricardo zum Beispiel, auch Karl Marx.
Was sie nicht bedacht haben: Der technische Fortschritt macht Produkte günstiger. Wer mit neuen Maschinen doppelt so viele Büroklammern zum gleichen Preis produzieren kann, der wird (bei Konkurrenzsituation) die Büroklammern auch deutlich günstiger verkaufen. Mit andern Worten: Sinkende Büroklammerpreise erhöhen Realeinkommen, die Menschen können mehr kaufen. Diese steigende Nachfrage wird tendenziell neue Arbeitsplätze schaffen, aber tendenziell in anderen Branchen. Der Erntehelfer muss sich nach Einführung des Mähdreschers einen neuen Job suchen.
Das Problem des technischen Fortschritts ist also nicht der Arbeitsplatzverlust, sondern der ausgelöste Strukturwandel. Werden Menschen durch technischen Fortschritt in einer Branche arbeitslos, können sie zwar in einer anderen eine Anstellung finden, Voraussetzung ist aber, dass sie für die neuen Stellen qualifiziert sind. Auch hier zeigt sich: Lebenslanges Lernen bekämpft Arbeitslosigkeit.
Strukturwandel kann also unbequem sein. Wer ihn aber verhindert, der lässt die Quelle des Wohlstands versiegen. Nur wo mehr pro Kopf produziert wird, kann auf Dauer pro Kopf mehr verteilt werden.
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“Gehälter sinken im Aufschwung” – Eine schlechte Nachricht?
Veröffentlicht: 19. Juli 2011 Einsortiert unter: Gesellschaft | Tags: Arbeit, Arbeitslosigkeit, Arbeitsmarkt, Berliner Zeitung, DIW, Niedriglohnsektor 3 Kommentare »Die Wirtschaftsnachricht des Tages klingt deprimierend: Laut einer DIW-Studie sind die Einkommen der Geringverdiener vom Jahr 2000 bis 2010 um 16 bis 22 Prozent gesunken. Der Aufschwung, so die scheinbar unmissverständliche Botschaft, ist bei einem Teil der Menschen nicht angekommen.
Doch der Eindruck täuscht, ist missverständlich, vielleicht sogar bewusst manipuliert. Durch das Weglassen von Information.
Die Nachricht suggeriert nämlich, dass ein Beschäftigter im Niedriglohn-Sektor heute deutlich weniger verdient als vor zehn Jahren. Das ist aber gerade nicht der Fall. Es hat sich nicht die Lebenssituation einzelner Menschen verschlechtert. Die Entwicklung ist keine individuelle.
Das klingt nach Haarspalterei. Ist es aber nicht.
Es sind nämlich heute ganz andere Menschen als vor zehn Jahren, die im Niedriglohnsektor tätig sind. Weil Arbeitslosigkeit abgebaut wurde, weil die Menschen heute einen Job gefunden haben, ist der Niedriglohnsektor größer geworden. Wer früher in der Arbeitslosigkeit verharrte, der findet heute eine Anstellung. Zugegeben, nicht immer zu den optimalen Bedingungen, vor allem was die Entlohnung betrifft. Aber der Niedriglohnsektor ist häufig der Einstieg in Arbeit, die Löhne wachsen mit der Dauer des Beschäftigungsverhältnisses.
Zwischenfazit: Wenn also die Lohnentwicklung keine individuelle ist, wenn also ein bestimmter Angstellter nicht 16 bis 22 Prozent weniger verdient als vor zehn Jahren, wenn also vielmehr Menschen mittlerweile einen Job gefunden haben, die vor zehn Jahren noch arbeitslos geblieben wären, dann ist es mit der Beurteilung der heutigen Nachricht schon deutlich schwieriger.
Im Kern belegt die DIW-Studie folgendes: Der arbeitsmarktpolitische Erfolg, nämlich der Abbau der Arbeitslosigkeit Geringqualifizierter, führt zu dem Phänomen, das häufig davon losgelöst diskutiert wird: Die Zunahme von Beschäftigungsverhältnissen mit vergleichsweise geringen Löhnen.
Man könnte die heutige Nachricht demnach auch ins Positive wenden. Sie ist das offensichtliche Zeichen, dass der Arbeitsmarkt funktioniert. Das Menschen in Lohn und Brot kommen.
Zugegeben: Die Umsetzung der Forderungen nach einem Mindestlohn (zum Beispiel heute vom Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Joachim Möller) oder nach Regulierung von Zeitarbeit und geringfügiger Beschäftigung würde den Niedriglohnsektor verringern. Das Ergebnis wäre aber vermutlich nicht – oder nur in geringem Maße -, dass in der Folge höhere Beschäftigungsverhältnisse entstehen, vielmehr würden dauerhaft Beschäftigungsmöglichkeiten verloren gehen.
Regulierung dreht das Rad zurück, macht beschäftigungspolitische Erfolge zunichte! Viel besser: Den Niedriglohnsektor zulassen, und Einkommen, die unterhalb des gesellschaftlich definierten Lebensstandards sind, aufstocken.
