Archiv der Kategorie: Weltwirtschaft

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Warum der Kampf gegen vermeintlich unfaire Arbeitsbedingungen, denen schaden kann, denen geholfen werden soll, erklärt Professor Matt Zwolinski am Beispiel von Niedriglöhnen in einer Fabrik in Südafrika.

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Infografik: Deutsche Pro-Kopf-Verschuldung durch die europäische Schuldenkrise

Das Vergleichsportal vergleich.de hat eine Infografik erstellt, welche den bestehenden Schulden Deutschlands die potenziellen durch die Euro-Schuldenkrise gegenüber stellt. Eine informative Grafik – und eine clevere Art, für sein Portal zu werben.

Griechenland Krise vergleich.de

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Merkel bei Jauch: Sie wusste nicht, was sie sagte

Frau Merkel hat gestern in der ARD bei Günther Jauch so manches ökonomisch Wirres bis Unsinniges erzählt. Ein Punkt sei herausgegriffen: Ein Schuldenschnitt für Griechenland sei zum jetzigen Zeitpunkt gefährlich, hatte die Bundeskanzlerin gesagt.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Frau Merkel nicht wusste, was sie da sagte. Was sie nämlich sagte war, dass sie dafür plädiere, Griechenland weiter Garantien für neue Staatsanleihen zu geben, um in der Zukunft einen Schuldenschnitt für Griechenland in Erwägung zu ziehen. Dann also, wenn die Folgen eines Schuldenschnitts noch viel stärker vom deutschen Steuerzahler zu bezahlen sind. Das sagte die Kanzlerin – ohne es vermutlich sagen zu wollen.

Eurorettung führt zu gigantischer Umverteilung von unten nach oben

Auf die Frage, wie europäische Schuldenkrisen in Zukunft zu verhindern sind, gibt es ordnungspolitisch eine simple Antwort: Die Staaten müssen Anreize bekommen, weniger Schulden zu machen.

Weniger klar aber scheint die Antwort auf die Frage zu sein, was konkret getan werden muss, um aktuell eine dramatische Wirtschaftskrise infolge der Schuldenkrise zu vermeiden.

Möglicherweise fehlt die Klarheit aber auch nur deshalb, weil es um Milliarden geht und weil unterschiedliche Interessensgruppen am Werk sind, mit unterschiedlichen Vorstellungen.

So herrscht zum Beispiel unter Ökonomen weitgehend Konsens, dass die Rettung mehrerer europäischer Staaten nicht finanzierbar ist. Besser wäre ein Schuldenschnitt. Eine darauf drohende Bankenkrise könnte verhindert werden, indem sich Staaten mit Steuergeldern an Banken beteiligen, ihnen frisches Kapital geben.

Doch die Banken haben daran kaum Interesse. Denn durch den Einstieg des Staates (und zum Beispiel die Ausgabe neuer Aktien) würde der Wert der bisherigen Aktien verwässert, die Eigentümer müssten also einen Wertverlust hinnehmen.

Bankeigentümer haben folglich ein Interesse, dass Staaten mit Steuergeldern gerettet werden. Dann bleiben die Anleihen in ihren Depots wertvoll und die Eigentümer müssen den Firmenwert nicht mit dem Staat (Steuerzahler) teilen.

Oder die deutsche Exportindustrie. Der feste Eurowechselkurs hat sie zu Gewinnern der Krise gemacht. Die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen ist stetig gestiegen, weil die Inflation in anderen Euro-Ländern höher war. Die Folge: Der deutsche Export boomt. Die Leidtragenden der entstandenen Schieflage sind die Kosumenten, die teuer Produkte aus dem Ausland kaufen müssen, sowie der Steuerzahler, der die Schäden mittels Rettungsschirm kitten soll.

Die Wirtschaftswissenschaftler Hau und Lucke haben darauf hingewiesen, dass 70 Prozent des von von einer möglichen Staateninsolvenz betroffenen Kapitals sich im Besitz der 5 Prozent reichsten Menschen befindet. Warum sollte der deutsche Steuerzahler denen helfen?

Weiterführender Text: Währungsunion: Ist Deutschland Hauptprofiteur des Euro?, vom CEP-Wissenschaftler Matthias Kullas

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CEP zeigt Weg aus Schuldenkrise

Wie kann ein realistischer Ausweg aus der europäischen Schuldenkrise aussehen?

Das Centrum für Europäische Politik (CEP) von Professor Lüder Gerken in Freiburg hat im Auftrag meines Arbeitgebers, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, ein Lösungszenario (Download-Link) entworfen.

Das 18-seitige Papier ist verständlich, lesenswert, erhellend. Ich kann es sehr empfehlen. Auch weil es nochmals anschaulich schildert, wie wir dorthin kamen, wo wir heute sind.

Der Kern des Papiers: Die Verankerung nationaler Schuldenbremsen auf Verfassungsebene ist ein viel versprechender Ausweg aus der Krise. Und Gerken rät, Auszahlungen aus dem Rettungsschirm so lange zurückzuhalten, bis die Schuldenbremsen in den jeweiligen Verfassungen verankert sind.

Der Bundestag sollte seine Zustimmung zu Auszahlungen von Finanzhilfen im Rahmen der Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) und des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) davon abhängig machen, dass der um Hilfe bittende Staat bereits vor Beantragung der Hilfe eine Schuldenbremse in seiner Verfassung verankert hat und ernsthafte realwirtschaftliche Reformen in die Wege geleitet hat.

Schon die Empirie zeige, so Gerken, dass Schuldenbremsen zur Sanierung der Staatshaushalte beitragen können.

Vor allem eine Verankerung im nationalen Verfassungsrecht kann die Verbindlichkeit von Schuldenbremsen – im Vergleich zum Stabilitäts- und Wachstumspakt – erhöhen.

Allerdings, so Gerken weiter, reiche eine alleinige Verankerung nicht aus.

Entscheidend sind die politische Überzeugung von der Notwendigkeit der Haushaltssanierung in der praktischen Tagespolitik sowie glaubhafte Institutionen zu ihrer Umsetzung und Durchsetzung.

Das habe schon das Scheitern des Stabilitäts- und Wachstumspaktes gezeigt.

Dass es letztendlich darauf ankommt, inwieweit sich die Politik wirklich von der (verfassungs)rechtlichen Norm binden lassen will, illustriert auch das Scheitern des Stabilitäts- und Wachstumspakts, der sogar im europäischen Recht verankert ist, welches gegenüber nationalem Recht grundsätzlich vorrangig ist.

Dass die jetzt beschlossene Reform des Stabilitäts- und Wachstumspaktes die Schuldenkrise überwinden kann, glaubt Gerken dagegen nicht.

Die politischen Hindernisse einer Änderung des Stabilitäts- und Wachstumspakts, die Inhalte der am 15. September 2011 politisch vereinbarten Reform desselben und die Erfahrungen der Vergangenheit mit seiner Anwendung – oder eben Nichtanwendung – bieten keine Grundlage für die Hoffnung, dass der SWP die Staaten zu einer Konsolidierung ihrer Haushalte zwingen kann.

Vor allem fehlten automatisch Sanktionen.

Um eine solche Entwicklung (gemeint ist der Verstoß von Frankreich und Deutschland im Jahre 2003) in Zukunft auszuschließen, müsste die Überwachung des Stabilitäts- und Wachstumspakts den Mechanismen politischer Tauschgeschäfte weitestgehend entzogen werden.

Genau das werde mit der angestrebten Reform aber nicht erreicht.

Die am 15. September 2011 erzielte politische Einigung auf eine Reform des Stabilitäts- und Wachstumspakts bleibt erheblich hinter den beschriebenen Mindestanforderungen zurück und ist daher nicht geeignet, die Euro- Staaten zu einer Sanierung ihrer Staatshaushalt zu zwingen.

Fazit: Wer glaubt, der Stabilitäts- und Wachstumspakt kann Europa retten, täuscht sich; auf Verfassungsebene verankerte nationale Schuldenbremsen dagegen sind zwar auch keine Garantie für eine bessere Zukunft, aber sie gäben berechtigen Anlass zur Hoffnung.

-> CEP-Studie “Anforderungen an die Sanierung der Euro-Staaten”

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FDP – nicht wählbar!

Auf die FDP einzudreschen ist so populär wie uninovativ. Aber das geht jetzt nicht anders. Das muss raus. Alles andere würde der Gesundheit schaden.

Deutsche Ökonomen haben sich hinter Philip Rösler gestellt, lese ich eben. Es sind Ökonomen, die ich durch die Bank sehr schätze, Hochachtung vor ihrer Leistung habe. Aber diese Unterstützung geht mir gegen den Strich, so sehr sie in der Sache gerechtfertigt ist.

Herr Rösler hatte gesagt, dass man über eine Insolvenz Griechenlands nachdenken müsse. Viele Ökonomen sagen das auch. Es ist schlicht der einzig mögliche Weg aus der Schuldenkrise.

Was also Herr Rösler sagt, klingt vernünftig. Er nimmt sogar einen Konflikt mit der Bundeskanzlerin in Kauf. – Welch billige Finte! Morgen ist Wahl. Rösler kann gar nichts besseres passieren, als dass Frau Merkel meckert, als das Thema am Köcheln zu halten.

Denn die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist gegen die Staaten-Rettung der Regierung. Für eine noch überwältigendere Mehrheit ist die FDP nicht wählbar. Da will die FPD kurz vor Urnenschluss noch ein paar Stimmen fischen. Herr Rösler macht Wahlkampf.

Man erkennt Menschen nicht an Worten, sondern an Taten. – Bei der Probeabstimmung zur Erweiterung des Rettungsschirms (EFSF), der am 29. September im Bundestag beschlossen werden soll, hatten ganze zwei FDP-Abgeordnete gegen den Rettungsschirm gestimmt.

Auch hier war das Kalkühl offensichtlich. Lässt die FDP die Abstimmung platzen, steht die Koalition auf dem Spiel. Neuwahlen aber würden den FPD-Abgeordneten im Bundestag ihren Job kosten (mindestens vielen von ihnen).

Man könnte fast Verständnis aufbringen, für solch ein egoistisches Motiv. Schließlich geht es um berufliche Existenzen. Aber nicht bei der Bedeutung dieser Abstimmung! Hunderte Milliarden Euro der Steuerzahler stehen auf dem Spiel.

Einen Schuldenschnitt in Erwägung zu ziehen, gleichzeitig Pleitestaaten Garantien über Milliarden zu gewähren, das ist keine konsistente Politik. Herr Rösler und die anderen FDP-Abgeordneten werden ihrer Verantwortung nicht gerecht. I dislike!

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Rettet die Banken! Das ist gerecht!

Wie der europäischen Schuldenkrise entkommen? Staaten retten? Oder Staaten pleite gehen lassen?

Ökonomisch betrachtet ist die Antwort einfach. Staaten retten bringt nichts. Weil erstens der Umfang der Rettung nicht zu stemmen ist. Und weil zweitens eine Staatenrettung falsche Anreize setzt. Es löst nicht das Problem, das nämlich Staaten gerne mehr ausgeben als sie einnehmen. Im Gegenteil: Eine Staatenrettung würde das Problem in die Zukunft verlagern und gleichzeitig verschärfen.

Als Ausweg bleibt nur der Schuldenschnitt. Aber auch der hätte negative Folgen. Eine Bankenkrise könnte folgen. Denn Banken halten Staatsanleihen, ein Schuldenschnitt könnte Geldhäuser in Schieflage bringen und so die Probleme einzelner Länder nach ganz Europa tragen.

Der Weg aus der Krise kann in der Rekapitalisierung gefährdeter Banken bestehen. Staaten geben Banken Geld und bekommen dafür Anteile an der Bank. Staaten werden also Miteigentümer von Banken. Im Gegensatz zur versuchten Staatenrettung besteht hier die berechtigte Hoffnung, nach der Krise die erworbenen Bankanteile ohne Verlust (vielleicht sogar mit Gewinn) wieder verkaufen zu können.

Eine Bankenrettung hat gegenüber einer versuchten Staatenrettung also zwei Vorteile:

  1. An einer Bank kann man, im Gegensatz zu einem Staat, Eigentum erwerben. Einer Rettung steht folglich ein Gegenwert gegenüber.
  2. Eine Bankenrettung bewegt sich in finanziellen Dimensionen, die zu stemmen ist.

Leider ist eine Bankenrettung bei den meisten Wählern unpopulär. Deswegen wird sich die Politik nicht darauf einlassen. Bei einer Bankenrettung, so der weit verbreitete Glaube, werde jenen Geld gegeben, die eh schon genug haben, nämlich der Finanzwelt.

Doch der Glaube ist ein Irrglaube. Eine Bankenrettung ist unter Verteilungsgesichtspunkten deutlich gerechter als eine Staatenrettung. Darauf weisen die beiden Wirtschaftswissenschaftler Harald Hau und Bernd Lucke in einem Gastbeitrag in der heutigen FAZ hin. 70 Prozent des von einer möglichen Staateninsolvenz betroffenen Kapitals befände sich im Besitz der 5 Prozent reichsten Menschen, schreiben die Wissenschaftler. “Die durch einen Rettungsschirm erfolgende Übernahme von Verlusten dieser kleinen Vermögenselite bedeutet eine gewaltige Umverteilung zuungunsten des durchschnittlichen Steuerzahlers.”

Und weiter: “Durch eine Bankenrekapitalisierung findet diese sozial anstößige Umverteilung entgegen landläufiger Meinung nicht statt, denn die Bankaktionäre werden nicht Eigentümer des frischen Kapitals: Es gehört vielmehr dem Staat.”

Eine geordnete Insolvenz inklusive Bankenrettung durch den Steuerzahler wäre also ökonomisch und gerecht. Die Bundesregierung aber will sie nicht. Sie hält ihre milliardenschweren Rettungspläne für alternativlos. Der Bundestag soll sie am 29. September abnicken. Hau und Lucke appellieren an den Widerstand der Parlamentarier. Der Bundestag dürfe sich “in einer für die Zukunft Deutschlands und Europas so bedeutenden Frage nicht zum Erfüllungsgehilfen einer Regierungen machen, die wider besseren Wissens ihre eigene Politik für alternativlos erklärt.”

Wenn Europa Griechenland nicht helfen würde…

Was eigentlich würde mit Griechenland passieren, wenn Europa nicht helfen würde?

Dann würde Griechenland seinen Gläubigern sagen, dass sie nicht mehr zahlen werden. Und den Worten würden Taten folgen. Die Gläubiger würden auf ihren hochwertig bedruckten Anleihe-Papieren sitzen bleiben. Sie würden diese nie mehr in Euro zurück tauschen können. Das wäre nicht schön für die Gläubiger. Aber so ist das (Finanz-)Leben. Wertpapiere steigen nicht nur im Wert, sie fallen auch. Manchmal verlieren sie ihren Wert vollständig. Man kennt das. Bei Aktien passiert das täglich. Firmen gehen Pleite. Die Unternehmenswerte sind dann nicht mehr das Papier wert auf dem sie stehen.

Für Griechenland wäre eine solcher, so genannter Schuldenschnitt, zunächst eine Befreiung. Müssten sie doch aktuell keine Steuergelder mehr dafür aufwenden, fällig werdende Staatsanleihen zu bedienen.

Der Nachteil für Griechenland: Sie würden nur zu hohen Kosten Geld für weiteres Schuldenmachen erhalten. Die Kapitalmärkte würden zunächst noch skeptischer. Warum sollte man jemandem, der in der Vergangenheit unzuverlässig war, für die Zukunft eine andere Eigenschaft attestieren?

Es wäre dieses fehlende Vertrauen, das Griechenland in eine goldene Zukunft führen könnte. Denn die griechische Politik müsste sich ändern. Die Wirtschaftspolitik müsste konsequent auf Wachstum ausgerichtet werden, indem mehr Wettbewerb zugelassen wird. Es würde eventuell eine Schuldenbremse in die Verfassung geschrieben werden. Die Politik insgesamt würde transparenter werden. Weil Griechenland nur so wieder an günstiges Geld für (maßvolle und temporäre) neue Schulden kommen könnte.

Die Zukunft Griechenlands könnte rosig sein. Stattdessen wird Griechenland “gerettet”. Mit billigem Geld für das die (noch) verlässliche Staaten bürgen.

Durch die vermeintliche Rettung kommt Griechenland an günstiges Geld, ohne die Märkte überzeugen zu müssen. Lediglich europäische Regierungen müssen überzeugt werden. Der Schein dominiert die Wahrheit.

Und so wird, was uns heute als Rettung verkauft wird, zumindest das Ende des Euros in seiner jetzigen Ausbreitung sein. Der könnte durch eine einzige Maßnahme gerettet werden: Wenn die Regierungen glaubhaft machen könnten, sich bei Verschuldung  in Zukunft nicht mehr gegenseitig zu helfen. Aber daran denkt momentan kein Regierungschef.

Es ist wie mit der Erziehung. Wer will, dass Kinder verantwortungsvolle Erwachsene werden, der muss ihnen Verantwortung geben. Das bedeutet, dass sie die Folgen ihres Tuns zu spüren bekommen. Das mag bisweilen weh tun. Es ist die Basis für ein gelingendes Leben.

Jeder will eine Waschmaschine!

Hans Rosling, Professor für Internationale Gesundheit am Institutionen för Folkhälsovetenskap des Karolinska Institutet und Direktor der Gapminder-Stiftung in Stockholm, erklärt bei TED am Beispiel der Erfindung der Waschmaschine den Segen des Fortschritts und die damit einhergehende Herausforderung des weltweit steigenden Energiebedarfs. Großartig!

Vorbild deutsche Automobilzulieferer? Weil in der Krise kaum Personal abgebaut wurde, starten deutsche Firmen nun durch

Igendwann konnten die Automobilzulieferer nur noch auf Sicht fahren. Langfristige Umsatzpläne schmolzen wie Schnee in der Sonne. Planungszyklen mussten im Wochenrhythmus nach unten korrigiert werden. Der Rotstift wurde aus den Schubladen gekramt. Weltweit gingen 350 Automobilzulieferer in Konkurs, in Deutschland waren es 70.

Das ist gerade mal ein gutes Jahr her. Den Autozulieferern ging es schlecht, weil es den Autoherstellern schlecht ging. Deren Verkaufszahlen befanden sich im freien Fall. Im neuen und wichtigen Markt Russland waren die Absätze ins Bodenlose gestürzt. Nur noch halb so viele Autos wurden dorthin verkauft. Und auch in den USA sanken die Zahlen um mehr als ein Fünftel.

Die gesamten Umsätze der hiesigen Automobilindustrie waren im Jahr 2009 im Vergleich zum Vorjahr um 21 Prozent eingebrochen – das hatte es in der Bundesrepublik Deutschland noch nicht gegeben. Die wichtigste Industriebranche befand sich im Sturzflug Richtung Wirtschaftskatastrophe.

Der Aufschlag ist ausgeblieben. Heute, ein Jahr später, hat sich die Richtung gedreht.  Vor allem das Geschäft mit teuren Fahrzeugen brummt. Das gefällt deutschen Autoproduzenten und deren Zulieferern besonders. Die Nachfrage aus China, Brasilien und Indien zieht die Branche aus der Krise. Mehr als 60 Prozent der Automobilzulieferer weltweit erwarten ein mehr als 20 prozentiges Umsatzwachstum. Bei einem Volumen auf Vorkrisen-Niveau wird der Branche eine Umsatzrendite von 6 Prozent prognostiziert, so viel wie noch nie.

Der Grund: In der Krise wurde gespart. Knapp gehaltene Lagerbestände reduzierten das Umlaufvermögen, Personalkosten wurden gekürzt. Die Sparanstrengungen von gestern sind die Gewinne von morgen.

Aber plötzlich hat die Branche ein neues Problem. Die Auftragsbücher füllen sich schneller, als das Personal in die Produktionshallen zurückkehrt.

US-amerikanische Zulieferer wie Delphi und Johnson Control entließen bereits zum Krisenauftakt 2008 10 Prozent der Belegschaft. 2009 mussten weitere 20 Prozent gehen.

Deutschland reagierte auf die Krise anders. 2008 wurde das Personal noch um 5 Prozent aufgestockt. Lediglich um den gleichen Betrag reduzierte sich die Personaldecke im folgenden Katastrophenjahr. Dem drastischen Umsatzeinbruch folgte also nur ein geringer Arbeitsplatzabbau.

Das hatte zwei Gründe: Die staatliche Unterstützung durch großzügige Kurzarbeiterregelungen sowie der Fachkräftemangel in Deutschland. Der hatte sich 2008 zugespitzt. Viele Firmen suchten händeringend qualifiziertes Personal. War das erst einmal gefunden, wollte man es in der nächsten Abschwungphase unter keinen Umständen wieder gehen lassen.

Dieses Verhalten hat den deutschen Automobilzulieferern in der Krise besonders zugesetzt. Die hiesige Branche litt mehr als im globalen Durchschnitt. Was gestern ein Nachteil war, wird heute zum Vorteil. Nirgendwo anders konnten die Kapazitäten im jetzigen Aufschwung schneller ausgeweitet werden als hierzulande.

Deutsche Firmen sind ohne Anlaufzeiten lieferfähig. Das ist ein bestechend gutes Verkaufsargument in einer Branche, die in immer kurzfristigeren Zyklen denkt. Dank langfristiger Personalplanung werden deutsche Firmen überproportional vom jetzigen Aufschwung profitieren. Ein Satz zum Ausschneiden für Verantwortliche von Personalabteilungen.

Gier – Warum wir das Bankensystem und nicht die Menschen verändern müssen

Als Peter Sodann, der ehemalige Tatort-Kommissar, sich für kurze Zeit in die Rolle des Kandidaten für das Bundespräsidentenamt verirrt hatte, da wurde er in einem Interview gefragt, was er machen würde, wenn er für einen Tag Polizeipräsident wäre. „Da würde ich Herrn Ackermann, den Chef der Deutschen Bank, verhaften“, hatte Sodann damals geantwortet. „Dann würde man mich zwar rausschmeißen, aber ich hätte es wenigstens mal gemacht.“

Ackermann verhaften. Wählte das Volk den Bundespräsidenten direkt, Sodann hätte damit an der Wahlurne Stimmen gemacht.

Josef Ackermann, 62, ist der exemplarische Feind all jener, die glauben, für die Bankenkrise sei nur eine einzige Gruppe verantwortlich, nämlich jene, die selbst in dieser Branche arbeiten. Vielleicht nicht die nette Frau am Bankschalter, die einem Dollars für den Auslandsurlaub unter dem Panzerglas durchschiebt. Aber jene, die an den Bildschirmen sitzen, auf denen die Zahlen durchrattern, die das Geld um den Globus schieben und nicht genug bekommen können, die reich sind, aber immer reicher werden wollen.

Die Gier, diese dunkle Seite des Menschen, habe das System zum Einsturz gebracht, so ist zu hören. Wer immer mehr wolle, der stehe am Ende mit leeren Händen da.

Uns wurde diese Kausalität schon als Kinder eingetrichtert. Sei nicht gierig! Sei nicht so, wie der Fischer und seine Frau, die Ilsebill, die immer mehr wollte und auch immer mehr bekam, die in immer größeren Häusern wohnte, sogar in einem Schloss, die schließlich wie Gott werden wollte – und dann doch nur wieder in ihrer schäbigen Baracke am Meer landete.

Die Gier, so wurden wir sozialisiert, führt uns ins Verderben. Die weltweite Bankenkrise hat uns darin bestätigt.

Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Vielleicht ist der Mensch weniger gierig als vielmehr verliebt in die Rache. Wenn etwas schief geht, braucht es Schuldige. Wir nennen das dann „zur Verantwortung ziehen“. Das klingt so gar nicht nach Rache und das soll es ja auch nicht. Aber damit man jemanden zur Verantwortung ziehen kann, muss sich zuvor erst einer der Verantwortung angenommen haben.

Wer soll Schuld daran sein, dass der Sozialismus scheiterte? Erich Honecker vielleicht? Michael Gorbatschow? Oder waren die Menschen im Osten einfach schlechter als die im Westen?

Natürlich nicht. Schuld war das System. Das klingt wie eine billige Ausrede. Ist es aber nicht. Das Problem ist nur: Ein System kann man auf keine Anklagebank setzen, ihm keinen Prozess machen und auch nicht in eine Einzelzelle sperren. Ackermann schon, theoretisch zumindest.

Aber Ackermann ist nicht das Problem. Ackermann ist der Chef eines Unternehmens, eines sehr erfolgreichen Unternehmens. Er spielt mit im großen Spiel des Geldverdienens. Er ist einer der besten Spieler. Will man ihn dafür verantwortlich machen?

„In der Finanzkrise wurde offenbar, dass das praktizierte Anreiz- und Vergütungssystem im Finanzsektor so verzerrt war, dass sich individuelle Entscheidungsträger zur maximalen Rendite in kürzest-möglicher Zeit geradezu angespornt fühlen mussten,“ schreibt Armin Steinbach in einem gerade erschienenen Aufsatz. Steinbach arbeitet im Wirtschaftsministerium, hat also hautnah erlebt, wie die Politik in der Bankenkrise zu retten versuchte, was kaum mehr zu retten war.

Das Bankensystem war eingestürzt, weil es zwei Konstruktionsfehler hat. Diese gibt es auch in anderen Branchen, aber in der Bankenlandschaft sind sie besonders ausgeprägt. Der eine spielt sich auf der großen Ebene ab, der Makroebene, es geht um die Rahmenbedingungen für Finanzinstitute. Der andere Fehler zeigt sich im kleinen, im Mikrobereich, wenn es um die Frage geht, wie sich Manager entscheiden und warum sie bei ihren Entscheidungen häufig nicht alle Interessen einbeziehen, die sie eigentlich einbeziehen sollten. Aber der Reihe nach.

Aktionäre wollen Gewinne machen. Sie tun dies, wenn Unternehmen erfolgreich sind, wenn auch diese Gewinne erwirtschaften. Aktionäre, also die Eigentümer der Unternehmen, verlangen folglich von den Managern, Geschäfte zu tätigen, die hohe Gewinne versprechen. So weit, so simple.

Das Problem dabei: Was passiert, wenn sich die Erwartungen nicht erfüllen, wenn die Geschäfte nicht laufen wie erwartet, wenn sich Verluste anhäufen? Hier schleicht sich der Systemfehler ein. Für Verluste haften die Eigentümer nur in Höhe des Aktienwertes. Weniger als Null kann der aber nicht sein. Sind die Unternehmenszahlen im roten Bereich, werden andere zur Kasse gebeten: die Gläubiger des Unternehmens, in der Bankenkrise sogar die Steuerzahler.

Wie aber handelt einer, der weiß, dass er im Falle eines Gewinns diesen vollständig einstreichen darf, aber Verluste von anderen übernommen werden? Er riskiert mehr! Weil Risiko belohnt wird. Weil die Chancen auf hohe Einnahmen steigen, gleichzeitig die Gefahren aber nicht zunehmen. Ergo: Die Eigentümer von Unternehmen drängen die Firmenleitung zu tendenziell risikoreichen Strategien. Systemfehler Nummer eins.

Systemfehler Nummer zwei: fehlende Weitsicht. Unternehmen sind wie Lebewesen. Sie entstehen, wachsen, durchlaufen Höhen und Tiefen und gehen irgendwann zu Grunde. Erfolgreiche Unternehmen erleben dabei nicht nur eine Unternehmensleitung, sondern viele. Das ist ein Problem.

Ein – zugegeben etwas schräges – Gedankenspiel: Was wäre, wenn im Körper eines Menschen nicht eine Person leben würde, sondern – in zeitlicher Folge – mehrere. Einer in der Phase von der Geburt bis zum 20. Lebensjahr, ein zweiter bis 40 Jahre, ein dritter bis 60, ein vierter bis 80. Wie würden diese unterschiedlichen Personen mit diesem Körper umgehen, wenn sie wüssten, dass ihr Aufenthalt dort begrenzt ist? Dass es ihnen egal sein kann, was mit dem Körper ist, wenn sie nicht mehr darin leben.

Manager denken kurzfristig. Das Unternehmen in dem sie arbeiten mag es seit 100 Jahren geben, sie werden dort nur ein paar Jahre verbringen. Und in dieser kurzen Zeit maximieren sie den Gewinn des Unternehmens, weil das in der Regel auch ihren Gewinn maximiert. Ob das auf Kosten der langfristigen Firmensubstanz geht, ist egal.

Aktionäre sehen ein solches Verhalten eigentlich nicht gerne. Schließlich orientiert sich der Aktienkurs an den prognostizierten zukünftigen Gewinnen. Wird erwartet, dass es das Unternehmen in überschaubarer Zukunft nicht mehr geben wird, sinkt bereits heute der Kurs. Aber Aktionäre wissen eben auch nicht immer, was ihre Manager so treiben.

Das sind die beiden verhängnisvollen Zutaten für eine Weltwirtschaftskrise: Aktionäre drängen Manager zu riskanten Unternehmensstrategien, diese versuchen darüber hinaus Gewinne kurzfristig zu maximieren.

Die Politik versucht gerade, die Systemfehler zu reparieren. Zum Beispiel müssen Banken in Zukunft mehr Eigenkapital halten, wodurch die Eigentümer bei riskanten Geschäften ihrer Manager mehr zu verlieren haben.

Außerdem müssen nach der Novellierung des Aktiengesetzes im vergangenen Jahr Vorstände bei schuldhaftem Verhalten teilweise mit ihrem privaten Vermögen haften. Eigentlich war das schon vorher so. Aber in der Vergangenheit hatten die Unternehmen für ihre Vorstände Versicherungen abgeschlossen. Jetzt darf die Versicherung nur noch eingeschränkt einspringen.

Und drittens kann jetzt die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (Bafin), also der Aufseher über die Bankenbranche, die Auszahlung erfolgsabhängiger Gehälter an Banker unterbinden, wenn deren Banken Mindestanforderungen, wie zum Beispiel eine bestimmte Eigenkapitalquote, nicht erfüllen.

Die Deutsche Bank hat darauf bereits reagiert, belegt der Mann aus dem Wirtschaftsministerium. Von den 39 Millionen Euro, die 2009 an den Vorstand des Geldhauses ausbezahlt wurden, so Steinbach, seien lediglich 17 Prozent festes Gehalt, 83 Prozent erfolgsabhängig gewesen. Für 2010 dagegen seien die Grundgehälter der Vorstände um 350.000 Euro erhöht, die variable Vergütung um den gleichen Betrag gekürzt worden.

Der Journalist Hans-Ulrich Jörges hat Josef Ackermann einmal gefragt, warum er als reicher Mann überhaupt 14 Millionen verdienen müsse, warum es nicht auch sieben oder neun Millionen täten. Er brauche das Geld gar nicht, habe Ackermann geantwortet, er lebe bescheiden. Aber die ehrgeizigen jungen Leute in der Bank verlören ihre Motivation und den Respekt vor ihm, wenn er nicht nähme, was möglich sei.

Alles Gute! – Warum wir an den Folgen der Weltwirtschaftskrise noch lange leiden werden

Wäre die Wirtschaft ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit Zipperchen und Wehwehchen, mit Phasen ohne Beschwerden und mit Zeiten schwerer Krankheit, wäre die Wirtschaft also ein Mensch wie Du und ich, sie säße wahrscheinlich gerade beim Entlassungsgespräch mit dem Stationsarzt.

Der würde noch einmal die lange Leidensgeschichte nachzeichnen. Die zahlreichen Therapien, die man durchgeführt habe, dass man ehrlich gesagt gar nicht genau wisse, ob eine davon angeschlagen habe, dass sich aber der Gesundheitszustand, warum auch immer, mittlerweile stabilisiert habe, dass man darüber sehr froh sei, und es nun wagen könne, den Patienten aus dem Krankenhaus zu entlassen.

Zum Abschied würde der Mann im weißen Kittel seine Hand reichen, dem Patienten mit der Autorität eines Stationsarztes ernst in die Augen schauen und sagen: „Ich verlasse mich darauf, dass sie weiter regelmäßig ihre Medikamente nehmen. Denn bedenken Sie: Ihnen mag es im Augenblick wieder besser gehen, aber die Rückschläge werden kommen, allein schon wegen der Nebenwirkungen in Folge der heftigen Therapien. Geheilt im Sinne der Medizin sind Sie noch lange nicht.“

Die guten Nachrichten häufen sich. Deutsche Produkte sind im Ausland wieder gefragt: Um 30 Prozent sind die Ausfuhren im ersten Halbjahr 2010 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen. Die Stimmung in der Wirtschaft ist prächtig: Der Ifo-Geschäftsklima-Index verzeichnet im Juli den kräftigsten Anstieg seit der Wiedervereinigung. Und auch die Kauflaune ist zurück: Nach einem kräftigen Sprung im Juli wird der Konsumklima-Index auch im August steigen.

Deutschland kommt gut aus der Krise, ist der Ökonom Hans-Werner Sinn überzeugt. „Ich glaube, dass die Welt sich zweiteilt, in Gewinner und Verlierer dieser Krise; wir gehören zu den Gewinnern, Amerika zu den Verlierern“, sagt das Mitglied des Sachverständigenrates. Warum das so ist? Weil die Krise viel mit Überschuldung zu tun habe und sich in den USA mittlerweile über 800 Milliarden Dollar Schulden aufgetürmt hätten, so Sinn. Das Exportland Deutschland dagegen habe zum Beispiel in Asien und in aufstrebenden so genannten Schwellenländern neue Partner gefunden und profitiere nun vom Wachstum dort.

Sie scheint also vorbei zu sein, die größte Weltwirtschaftskrise seit der großen Depression in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Welche Krise, möchte man fast fragen. Wo war sie?

Die Menschen sind weiter in den Urlaub gefahren. Sie haben ihre Wohnungen mit neuen Fernsehern und Computern ausgestattet. Sie konnten sich Lebensmittel im Überfluss kaufen. Welch ein Unterschied zur großen Depression! Damals hatten Millionen Menschen innerhalb kurzer Zeit ihre Arbeit verloren. Und weil das Sozialsystem von den heutigen Standards weit entfernt war, fiel ein Großteil in bittere Armut.

Wenn die aktuelle Weltwirtschaftskrise ein Drama war, dann jedenfalls kaum in Deutschland. 3,1 Millionen Menschen sind hierzulande arbeitslos. Viel zu viele. 2005 aber, als von der Weltwirtschaftskrise noch keiner sprach, waren es fünf Millionen gewesen. Und auch jene, die ihr Einkommen nur zum Teil mit ihrer eigenen Arbeit verdienen, die vielmehr ihr Vermögen arbeiten lassen und von den Zinsen leben, auch die haben unter der Krise nur kurz gelitten. „Die These, dass vor allem Vermögende zu den Verlierern der Krise gehören, ist zu verwerfen“, schreibt Gustav Horn, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung, in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Wirtschaftsdienst. Das Gegenteil sei der Fall. Den Vermögenden gehe es besser als vor der Krise.

Ist der Genesungsprozess also bereits abgeschlossen?

Vielleicht ist der Entschluss von Horst Köhler, das Amt des Bundespräsidenten an den Nagel zu hängen, damals gereift, als die Krise am größten schien. Die Bundesregierung beschloss Rettungsgesetze, eines nach dem anderen. Die Hypo Real Estate sollte überleben, ein Milliarden schwerer Sonderfonds zum Schutz vor weiteren Banken-Zusammenbrüchen wurde installiert, und Griechenland bat um Rettung. Die Parlamentarier konnten die Gesetzestexte gar nicht so schnell lesen, wie sie verabschiedet wurden.

Und auch der Bundespräsident hatte keine Zeit, von der Wahrung seines Prüfungsrechts Gebrauch zu machen. „Es wird nicht so sein, dass der Süden bei den so genannten reichen Ländern abkassiert“, hatte Köhler, der maßgeblich an der Aushandlung des Maastricht-Vertrags beteiligt war, 1992 gesagt. Das sei rechtlich nämlich gar nicht möglich. „Es gibt eine No-bail-out-rule.“ Jetzt musste er durchwinken, gegen was er gekämpft hatte: systematische Fehlanreize.

Ohne eine solche No-Bail-out-Regel droht einem gemeinsamen Währungssystem nämlich die Selbstzerstörung. Weil sich die Folgen unverantwortlichen Handelns eines Landes auf viele Länder verteilen, erhöht sich der Anreiz, sich gemeinschaftsschädigend zu verhalten.

Konkret: Hat jedes Land seine eigene Währung, führt eine hohe Staatsverschuldung dazu, dass übermäßig viel Geld in Umlauf kommt. Das wiederum schürt Inflation, was einer Abwertung des eigenen Geldes gleichkommt. Die Einwohner eines solchen Landes können sich mit dem gleichen Geld folglich weniger kaufen. Das ist nicht schön, aber gerecht: Ein Land, das sich verschuldet, muss die Folgen selbst ausbaden.

In einer Währungsunion aber verteilen sich die negativen Folgen (Inflationsanstieg) auf das gesamte Währungsgebiet, während die positiven Effekte der Staatsverschuldung (Politiker können ihren Wählern Wahlgeschenke anbieten) im Land selbst bleiben.

Und noch einen zweiten Fehlanreiz fängt man sich bei einer Währungsunion ein. In einem solchen Zusammenschluss sind die Länder aufeinander angewiesen. Der Bankrott des einen Landes kann andere Länder mit in den Abgrund reißen. Deshalb kann sich jede Regierung sicher sein, dass ihr im Notfall andere Länder der Union unter die Arme greifen. Sie werden ein bankrottes Land retten, um nicht selbst unterzugehen. Fazit auch hier: Der Anreiz der Überschuldung steigt in einer Währungsunion, weil die negativen Folgen von anderen mitgetragen werden.

Deswegen gibt es im Maastricht-Vertrag die so genannte No-Bail-out-Regel, die es den Ländern gegenseitig untersagt, sich zu helfen. Und es gibt Verschuldungsgrenzen. Und auch die Europäische Zentralbank darf nicht eingreifen. Letztlich sollten die Länder mit der No-Bail-out-Regel vor sich selbst geschützt werden. Damit sie sich nicht gegenseitig ausnutzen.

Horst Köhler hat das alles gewusst. Er hat die Rettungsgesetze dennoch durchgewunken.

Jetzt gibt es einen Staatenrettungsfonds, der auf den Namen European Financial Stability Facility (EFSF) hört. Den können überschuldete Länder bis zu einer Höhe von 440 Milliarden Euro in Anspruch nehmen. Es wäre ein Wunder, wenn – um an das Geld zu kommen – im Laufe der Zeit die Zahl derer Staaten, die Not leiden, nicht steigen würde. Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber die Zeit wird kommen. Weil jetzt jeder weiß: Die No-Bail-out-Regel gibt es nur auf dem Papier.

Aber nicht nur Staaten werden gerettet, sondern bekanntermaßen auch Banken. Die Errichtung des mit 500 Milliarden Euro dotierten Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin) wurde von der Ankündigung begleitet, man werde binnen 100 Tagen eine neue Weltfinanzarchitektur schaffen. „Bei diesem frommen Wunsch ist es dann auch geblieben“, resümiert Professor Stefan Homburg, Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen der Leibniz Universität Hannover, ebenfalls in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsdienstes.  Die Bankenrettung habe Fehlanreize geschaffen, denen keine geartete Regulierung wirksam begegnen könne, so Homburg.

Denn für Banken gilt das gleiche wir für Staaten: Wer weiß, dass ihm im Notfall geholfen wird, der wird sein Verhalten entsprechend anpassen. Die Banken werden in Zukunft noch mehr riskieren als bisher. Weil sie wissen, dass sie die durch riskante Geschäfte erzielten hohen Gewinne behalten, aber die Verluste auf andere (die Steuerzahler) auslagern können.

In der gerade abflauenden Krise ist bereits die Saat für die nächste Krise gelegt. Eine dauerhafte Genesung ist nicht in Sicht.

Auch, weil Konjunkturprogramme und Rettungsfonds der Politik die Luft zum Atmen nehmen. Der Spielraum der öffentlichen Hand sei auf Jahre, vielleicht Jahrzehnte in unumkehrbarer Weise beschnitten, so Homburg, für Steuersenkungen und verbesserte Bildungsangebote kein Spielraum vorhanden. „Die Mittel der Konjunkturprogramme sind ausgegeben oder verplant, und aus den mit Soffin und Financial Stability Facility freiwillig begründeten Rechtspflichten kommt Deutschland nicht heraus.“

Die Folgen der Krise spürt also nicht nur der Steuerzahler. Sie sind auch in der Politik angekommen. Die Einengung politischer Möglichkeiten ist für Homburg  der entscheidende Grund für das desolate Erscheinungsbild von Schwarz-Gelb in Berlin. „Die versperrte Möglichkeit, Wähler durch gelegentliche Steuersenkungen oder Ausgabenerhöhungen für sich einzunehmen, ist meines Erachtens der tiefere Grund für die sonst kaum erklärlichen Zerfallserscheinungen der neuen Bundesregierung.“ Und sie seien ebenso die Hauptursache der um sich greifenden Flucht- und Absetzbewegungen wichtiger Entscheidungsträger der Koalition.

Der Arzt mag seinen Patienten nach Hause geschickt haben. Aber der Arzt weiß, dass der Patient bald wiederkommen muss.

Der bessere Dollar: Wie der Euro zum Gewinner der Weltwirtschaftskrise wird

Als John Maynard Keynes einmal das Geschehen an der Börse erklären sollte, warum dort regelmäßig Spekulationsblasen entstehen, da beschrieb der bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts diese Übertreibungen mit der  Geschichte vom Seite-1-Mädchen.

Die Leser einer Boulevardzeitung waren aufgefordert worden das schönste Pin-Up-Girl zu küren. Jeder Einsender konnte eine Stimme abgeben. Am Ende sollte unter denjenigen, welche die Siegerin angegeben hatten, ein Preis ausgelost werden. Was passierte? Die Teilnehmer urteilten nicht nach ihrem Geschmack, sondern danach, was sie glaubten, was der Mehrheit gefällt. Nur so hatte man ja eine Chance auf den Preis. Das Ergebnis: Es gewann nicht das attraktivste Model, sondern jenes, von der die meisten glaubten, dass es die meisten für besonders attraktiv halten.

Ganz schön vertrackt also. Wie an der Börse eben.

Dort kaufen die Händler auch nicht jene Wertpapiere, die sie selbst für am gewinnträchtigsten halten, sondern jene, von denen sie glauben, dass sie bald von vielen gekauft werden. Denn nur dann wird der Preis des Wertpapiers steigen, nur dann lassen sich hohe Gewinne einstreichen.

Ein solcher Herdentrieb hatte die aktuelle Weltwirtschaftskrise ausgelöst, nämlich in Form von Spekulationen am amerikanischen Immobilienmarkt. Und es ist die US-Notenbank „Federal Reserve“ (Fed), die scharf dafür kritisiert wird, dem Treiben nicht frühzeitig entgegengewirkt zu haben. Die Notenbanker glaubten, die Situation im Griff zu haben.

Es hatte ja schon einmal funktioniert: beim Platzen der New-Economy-Blase im Frühjahr 2000. Unter Alan Greenspan senkte die Fed damals die Zinsen drastisch. Geld wurde billig, Kredite günstig, eine Konjunkturkrise vermieden. Oder genauer gesagt: verschoben. Denn das billige Geld wollte erneut angelegt werden. Es entstanden neue Blasen.

Die Situation vor der aktuellen Krise aber hatte sich verschärft. Der Spielraum der Fed war im Vergleich zum Jahr 2000 geringer geworden. Die expansive Geldpolitik der Vorjahre hatte das Weltzinsniveau kontinuierlich nach unten gedrückt. Drastische Zinssenkungen zur Belebung der Konjunktur waren nicht mehr möglich.

Mittlerweile ist das Pulver ganz verschossen. Der so genannte Leitzins der Fed liegt zwischen 0 und 0,25 Prozent. Die Eigentümer der Dollarnoten verschenken ihr Geld.

Wie es so weit kommen konnte? Die Fed verfolgt neben dem Ziel der Preisniveaustabilität ein weiteres, nämlich die Stützung der Konjunktur. Dabei entstehen regelmäßig Zielkonflikte: Billiges Geld kann kurzfristig der Konjunktur helfen, aber langfristig zu Inflation führen.

Hinzu kommt: Die Methode, mit der die Fed versucht das Preisniveau zu beeinflussen, ist umstritten. Die Notenbank sympathisiert mit dem so genannten Inflation Targeting. Dabei geben verschiedene Wirtschaftsindikatoren der Fed Hinweise auf Preisniveau-Änderungen. Aufgrund dieses Indikatorenbündels hebt oder senkt die US-amerikanische Notenbank ihren Leitzins.

Der Fed wird nun vorgeworfen, bei der Beobachtung diverser Wirtschaftsindikatoren die Preisentwicklung auf Vermögensmärkten – wie dem Immobilienmarkt – unterschätzt zu haben. Die Tatsache, dass trotz billigen Geldes die Kosumentenpreise weitgehend stabil geblieben waren, wurde als ausreichendes Indiz für die Stabilität der Volkswirtschaft gesehen. Das war ein Irrtum.

Was die Fed falsch, das hat die Europäische Zentralbank (EZB) richtig gemacht. Die Notenbank für den Euro ist, im Gegensatz zur US-amerikanische Notenbank, vorrangig dem Ziel der Geldwertstabilität verpflichtet. Für sie ist es deshalb einfacher, sich einer expansiven Geldpolitik zur vermeintlichen Rettung der Konjunktur zu verweigern. Zudem erlebt aktuell die von vielen bereits als altmodisch abgestempelte so genannte Geldmengensteuerung der EZB eine Renaissance.

Anders als beim Inflation Targeting wird bei der Geldmengensteuerung zunächst ein Zwischenziel formuliert, nämlich ein Geldmengenziel. Die Geldmenge lässt sich, anders als das Preisniveau, von der Notenbank relativ zuverlässig steuern. Und die Geldmenge wiederum wirkt sich recht konkret auf das Preisniveau aus.

Der Vorteil einer solchen Zwischenschritt-Lösung: Sie erhöht die Nachvollziehbarkeit der Geldpolitik. Denn während beim Inflation Targeting im Grunde jede Leitzinsentscheidung mit der Veränderung einer der Indikatoren begründet werden kann, bindet sich beim Zwischenziel „Geldmenge“ eine Notenbank bei ihren Entscheidungen wesentlich an diesen einen Indikator.

Das Vertrauen in eine inflationsfreie Geldpolitik aber ist die wichtigste Voraussetzung für ein stabiles Preisniveau. Denn beim Geld herrscht das Gesetz der selbsterfüllenden Prophezeiung: Wer Inflation erwartet, der wird die Preise seiner Produkte frühzeitig anpassen, der wird bei Lohnverhandlungen einen Inflationsausgleich fordern, der wird die Miete erhöhen. Am Ende steigt das Preisniveau tatsächlich, aber nicht aufgrund der Geldpolitik, sondern wegen der Erwartungen der Menschen.

Die EZB hat solchen Erwartungen durch ihre umsichtige Politik bisher erfolgreich entgegen gewirkt. Allerdings: Noch ist die Wirtschaftskrise nicht vorüber. Auch die EZB hat das Geld drastisch verbilligt. Der Leitzins liegt aktuell bei einem Prozent. Das Jahr 2010 könnte zur größten Herausforderung der Europäischen Zentralbank werden. Die Frage ist nämlich: Wann ist der Zeitpunkt gekommen, die aktuell lockere Geldpolitik zu beenden? Je länger die EZB-Banker in Frankfurt warten, desto größer werden die Inflationsrisiken und die Gefahren neuer Spekulationsblasen. Erhöhen sie den Leitzins dagegen zu früh, kann dies den beginnenden Aufschwung abwürgen.

Doch das Vertrauen, dass die EZB den richtigen Zeitpunkt findet, ist groß. Denn der Euroraum hat sich bewährt.

  • Die Euro-Preise sind seit über zehn Jahren stabiler als sie zu DM-Zeiten je waren.
  • Der durch die Euro-Einführung bedingte Wegfall von Wechselkursschwankungen innerhalb sowie größere Wechselkursstabilität gegenüber Dollar und Yen außerhalb Europas haben den deutschen Exportfirmen Planungssicherheit gegeben.
  • Die ersten Studien zu den Folgen der Weltwirtschaftskrise zeigen, dass vor allem kleine Euroländer von der Währung profitiert haben. So waren beispielsweise die bereits zur Währungsunion beigetretenen Länder Slowenien und Slowakei weniger Turbulenzen ausgesetzt als ihre Nachbarn mit eigener Währung.
  • Es gibt Indizien, die für eine stabilisierende Wirkung des Euros auf die Staatsfinanzen sprechen. Denn je mehr Länder beim Euro mitmachen, desto weniger Druck kann eine einzelne Regierung auf die EZB ausüben. Eine inflationäre Geldpolitik zur Reduzierung der realen Schulden eines Landes wird somit unwahrscheinlich. Dies könnte eine disziplinierende Wirkung auf die Politik haben.

Der starke Euro kratzt somit immer stärker an der ehemaligen alleinigen Leitwährung Dollar, dessen Aufstieg 1944 in dem kleinen amerikanischen Dörfchen Bretton Woods seinen Anfang nahm. Prominenter Teilnehmer damals: John Maynard Keynes. Keynes war  Verhandlungsführer für England und es galt in Bretton Woods ein Weltwährungssystem für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu finden. Keynes plädierte für eine liberale Lösung: Verbot aller Zölle und flexible Wechselkurse.

Doch so kam es nicht. Es setzte sich die aufstrebende Wirtschaftsmacht USA durch. Eingeführt wurde der so genannter Gold-Devisen-Standard, bei dem der Dollar das wichtigste Reservemedium wurde, denn nur für den Dollar gab es eine Einlöseverpflichtung in Gold. Alle anderen Währungen banden sich mit festem Wechselkurs an den Dollar.

Die USA war damit das einzige Land geworden, dass de facto selbst Liquidität durch Drucken neuer Dollarnoten schaffen konnte, wovon sie später zur Finanzierung des Vietnamkrieges auch reichlich Gebrauch machte, was das System letztlich auch zu Grunde richtete. Keynes, der 1946 starb, wäre darüber nicht erstaunt gewesen.

Keynes hatte, so schreibt Gerald Braunberger in seinem Buch „Keynes für jedermann – Die Renaissance des Krisenökonomen“  den USA von vornherein nicht zugetraut, die Führungsrolle verantwortungsbewusst wahrzunehmen. “Die Amerikaner haben keine Vorstellung von internationaler Kooperation”, schrieb er seinem Lieblingsschüler Richard Kahn. “Da sie die stärksten Partner sind, glauben sie, sie haben das Recht, in allen Punkten den Ton anzugeben. Wenn sie die Musik kennten, wäre das nicht so schlimm, aber leider haben sie keine Ahnung von der Musik.”

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Dieser Artikel erscheint auch im Südkurier.

Versagt der Mensch oder der Markt? – Auf der Suche nach den Auslösern von Finanzkrisen

Vielleicht kann ja der leuchtende Armreif die Börsenhändler im Zaum halten. Vielleicht halten sie inne, wenn die Leuchtdioden heftig zu blinken beginnen. Wenn Farbe und Flackern signalisieren, dass es jetzt besser wäre, den Aktienhandel einzustellen. Weil die Emotionen die Oberhand gewinnen. Weil rationale Entscheidungen nicht mehr zu erwarten sind.

Emo-Bracelet“ heißt der Prototyp eines Armbandes, den der Elektronikkonzern Philips zusammen mit der Bank ABM Amro entwickelt hat. Es misst die elektronische Spannung der Haut. Ist der Träger des Armreifs entspannt, leuchtet der Armreif gelb. Bei zunehmender Erregung wechselt die Farbe über orange zu rot und das Licht flackert.

Vernünftige Investitionsentscheidungen sind bei starker Erregung – ob positiv oder negativ – nicht mehr möglich, so die Meinung der Armreif-Entwickler. Das Emo-Bracelet soll signalisieren, wann es besser ist, den Laptop zu zuklappen.

Wie Händler, so neigen auch Börsen zur Überreaktion. Kurse steigen, erklimmen Rekorde, und die Anleger ahnen, dass es irgendwann kein gutes Ende nehmen wird. Die Frage ist nur: Wann?

Vor der letzten Finanzmarktkrise stiegen die Preise am amerikanischen Immobilienmarkt auf nie gekannte Höhen: Grundstücke und Gebäude wurden immer teurer. Und weil stetig neue Immobilienkredite vergeben wurden, brach die Nachfrage nicht ab. Irgendwann konnten Kredite nicht zurück gezahlt werden. Erste Banken kamen in die Bredouille und weil das Kreditgewerbe stark miteinander verflochten ist, fielen Banken um wie Dominosteine.

In der klassischen Theorie von Angebot und Nachfrage gibt es solche Krisen gar nicht. Der Preis einer Aktie entspricht dort dem Gegenwartswert aller zukünftigen Dividendenzahlungen. (Der  Gegenwartswert, auch Barwert genannt, ergibt sich, wenn man von zukünftigen Dividenden die marktüblichen Zinsen abzieht.) Bei einer Abweichung von Aktienkurs und Gegenwartswert tendiert der Aktienkurs schnell wieder in Richtung Gegenwartswert. Es gewinnen so immer jene Börsianer, die auf die Angleichung von Gegenwartswert und Aktienkurs spekulieren.

Laut dieser so genannten Effizienzmarkthypothese stabilisieren Spekulanten die Börsen.

Henning Klodt schreibt auf dem Blog „Wirtschaftliche Freiheit

“Das Fazit dieser Überlegungen lautet, dass gewinnbringende Spekulanten tendenziell die Kurse stabilisieren und destabilisierende Spekulanten automatisch vom Markt verschwinden, da ihnen auf Dauer das Geld ausgehen wird.”

Die Effizienzmarkthypothese baut allerdings auf der Annahme auf, dass sowohl Käufer als auch Verkäufer über sämtliche Informationen verfügen. Dass also zum Beispiel bekannt ist, wie hoch Dividendenzahlungen zukünftig ausfallen werden. Aber nichts ist unsicherere als die Zukunft, weshalb es auch keine Einigkeit darüber geben kann, wie sie aussehen wird.

In der Realität ist die Zukunft nicht nur ungewiss, sondern auch Informationen höchst unterschiedlich verteilt. Deswegen schwanken Kurse. Warum aber neigen die Börsen zur Übertreibung? Weshalb entstehen regelmäßig Blasen, deren Platzen nicht nur die Börsenteilnehmer, sondern die gesamte Weltwirtschaft negativ treffen kann?

Liegt der Fehler im System oder sind die Börsianer schuld, weil sie emotional reagieren, weil Rationalität häufig der Irrationalität weicht?

„Beim Denken ans Vermögen leidet oft das Denkvermögen“, hat der österreichische Kabarettist Karl Farkas einmal treffend gesagt. Die Ökonomie hat sich deshalb schon vor Jahren der Psychologie geöffnet. Weil der Mensch eben nicht stetig rational handelt, wie es das Leitbild der Ökonomie, der Homo economicus, eigentlich vorgibt. Der Bauch regiert den Kopf, häufig. Auch an der Börse.

In der Ökonomie hat sich deshalb der Zweig der „Behavioral Finance“ entwickelt, in dem es auch um menschliches Verhalten an Börsen geht. Die Erkenntnisse sind zunächst wenig überraschend: Ja, der Mensch neigt zu irrationalem Verhalten! Er legt sich die Welt zurecht wie sie ihm gefällt, weniger wie sie wirklich ist.

Drei grundsätzliche Fehleinschätzungen machen es Anlegern schwer, erfolgreich an der Börse zu handeln:
(Weitere Ausführungen zu irrationalem Anlegerverhalten finden sich hier und hier.)

  1. Angst vor Verlust
    Wer etwas kauft, gibt es ungern wieder her. Anstatt Aktien bei einer vorher festgelegten Schmerzgrenze (Verlustlimit) zu verkaufen, halten viele Anleger zu lange an Wertpapieren fest und verstricken sich so in eine folgenreiche Abwärtsspirale.
  2. Selbstüberschätzung
    Der Mensch sieht sich gerne positiver als er ist. Regelmäßig glaubt die Mehrheit, besser zu sein als der Durchschnitt. Sie ist ist nicht. 80 Prozent der Anleger schneiden schlechter ab als die Entwicklung des Gesamtmarktes.
    Die Selbstüberschätzung führt außerdem dazu, dass wir glauben, eingetretene Ereignisse vorhergesagt zu haben, obwohl dies gar nicht der Fall ist. Wir ordnen also unsere Fähigkeit zur Prognose falsch ein, mit der Folge, dass wir aus falschen Prognosen nicht lernen.
  3. Selektive Wahrnehmung
    Haben wir einmal eine Entscheidung getroffen, nehmen wir Informationen, die uns in dieser Entscheidung bestätigen, verstärkt war. Einmal gemachte Fehler werden so nur schwer wieder korrigiert. In den Aktienmarkt zu investieren ist wie in einer Beziehung zu stecken: Um die Beziehung zu festigen, sieht man nur das Positive.

Ist also der Mensch, weil er zu sehr Mensch ist, schuld an den heftigen Ausschlägen an der Börse?

“Ich weigere mich, die Finanzkrise als ein Produkt der Irrationalität der Menschen zu beschreiben, ich glaube nicht, dass das stimmt”, sagt der Neuroökonom Paul Glimcher. (Die Neuroökonomie verbindet die Wirtschaftswissenschaft mit der Psychologie und der Neurowissenschaft.) Glimcher hat entscheidend an der Erforschung von irrationalem Verhalten an Börsen mitgearbeitet. Er muss es also wissen.

Glimcher macht falsche Preisentscheidungen und fehlende Markttransparenz für Finanzkrisen verantwortlich. Den Marktteilnehmern fehle es an ausreichenden Informationen, um richtigen Entscheidungen zu treffen, so Glimcher.

Wer wenig Informationen hat, der kann sich immer noch am Preis orientieren. Der kauft dann bei steigendem Markt und verkauft, wenn die Kurse fallen. Daraus ergibt sich der viel zitierte Herdentrieb, der sich eigentlich besser am Beispiel einer Autokolonne verstehen lässt:

“Stellen Sie sich vor, Sie fahren in einer Autokolonne, welche dasselbe Ziel hat. Die Sicht reicht nicht weit, es ist neblig. An einer Kreuzung passiert es nun, dass die ersten drei Wagen die linke und somit falsche Abzweigung erwischen. Diese drei Lenker senden mit ihrer Wahl ein „Signal“ an die Nachfolgenden aus. Möglicherweise glaubt der vierte Fahrer zwar, dass der andere Weg der richtige wäre. Er ist sich aber nicht sicher genug, um von den vorderen Autos abzuweichen – fahren diese doch alle in die andere Richtung. Nun sind Sie an der Reihe. Auch Sie glauben zu „wissen“, dass der rechte Weg der richtige ist. Aber alle Fahrer vor Ihnen sind offenbar anderer Ansicht. Wie entscheiden Sie sich?”

Ähnlich wie Autokolonnen funktioniert der Finanzmarkt. Man weiß nie exakt über die zukünftigen Einnahmen seines Investments bescheid. Man muss schätzen und verlässt sich dabei eben auch auf die Entscheidung anderer. Und die sind beim Kauf eines Wertpapiers eindeutig: Der Kauf offenbart nämlich die  Einschätzung, dass der Preis des Wertpapiers steigen wird.

Fazit: Zur Verringerung von zukünftige Spekulationsblasen braucht es nicht nur weniger irrationales Verhalten, sondern auch mehr Informationen. Ein erster Schritt könnte eine bessere Beratung der Anleger sein. Künftige Exzesse könnten am Besten dadurch verhindert werden, so Yale-Professor Robert Shiller jüngst gegenüber der Financial Times Deutschland, wenn die Beratung für Privatpersonen und Investoren unabhängig werde. Die meisten Berater verdienen nämlich ihren Lebensunterhalt nicht durch die Honorare ihrer Kunden, sondern durch Provisionen von den Anbietern der verkauften Finanzprodukte. Verhindern lassen würden sich Spekulationsblasen aber nie, so Shiller: „Sie gehören zum Kapitalismus.“


Wohlstand für Alle? – Während Deutschland seinen 60. Geburtstag feiert, steckt die Marktwirtschaft in der Krise – zumindest glauben das viele.

Wer sich den Begriff ausgedacht hat, ist ungewiss. Manche meinen, Ludwig Erhard selbst ist es gewesen: Während eines Gesprächs im Januar 1945 soll der spätere Wirtschaftsminister der Bundesrepublik und personifizierte Mythos des deutschen Wirtschaftswunders die Formulierung “Soziale Marktwirtschaft” erfunden haben. Kaum Zweifel dagegen gibt es, wer das Wortpaar erstmals nieder schrieb. Der Freiburger Ökonom Alfred Müller-Armack nannte so ein Kapitel in seinem 1946 erschienen Buch “Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft”.

Sechs Jahrzehnte hat das Schlagwort von der „Sozialen Marktwirtschaft“ die Republik begleitet. Nie ist es aus der Mode gekommen. Wer es für sich reklamiert, hat die Fürsprecher auf seiner Seite. Weil es zwei Hoffnungen verbindet: Wohlstand und Gerechtigkeit – eine Kombination, die bekanntermaßen nicht immer Hand in Hand geht.

Schon gar nicht heute. Zum 60. Geburtstag des Landes sehen viele die Marktwirtschaft in der Krise. In den letzten Monaten ist die heimische Wirtschaft so stark geschrumpft wie noch nie. Deutschland hat es vom Trümmerland zum Exportweltmeister geschafft, doch jetzt vermuten nicht wenige das Ende der Wohlstandsära. Die Marktwirtschaft habe ihre Verfallsdatum überschritten.

Es ist die Hysterie des Augenblicks, die solchen Thesen Zustimmung bringt. Ein Schritt, ein Blick zurück zeigt: Krisen hat es in der Marktwirtschaft schon immer gegeben – und, sie gehen vorbei. Ende der 80 Jahre platzte in Japan eine Immobilienblase, die Aktienmärkte brachen ein. Es folgte die Finanzkrise Mitte der 90er Jahre in Südostasien.

Vor allem aber: Finanzkrisen sind nicht ein Merkmal des Neokapitalismus. Der „Tulpenwahn“ zu Beginn des 17. Jahrhunderts ist ein gut dokumentiertes Beispiel dafür, dass es durch Finanzkrisen ausgelöste Wirtschaftskrisen schon lange gibt. Die Züchtung von Tulpen war ein Hobby reicher Niederländer gewesen. Ab etwa 1630 nahm der Handel zu, die Preise stiegen. Irgendwann verselbständigte sich dieser Handel – die Geburt der Finanzderivate. Nicht mehr Tulpenzwiebeln wurden gehandelt, sondern das Anrecht auf deren Kauf. Das Objekt des Geschäfts steckte noch in der Erde, wenn überhaupt. In der Spekulationswelle 1636/37 verdreifachten sich die Preise. Einfache Handwerker steckten ihr Vermögen in die Börse – bis die Blase platzte. Zurück blieben überschuldete Spekulanten. Läden mussten geschlossen, Häuser verkauft werden. Die Finanzkrise kam in der Realwirtschaft an.

Es sind in der Geschichte der Krisen häufig neue Finanzprodukte gewesen, die zuerst den schnellen Aufschwung erzeugt und später den Absturz verursacht haben. Auch in der aktuellen Krise ist das so. Finanzinnovationen förderten den Boom des amerikanischen Immobilienmarktes. Kreditrisiken wurden verbrieft und weiter gegeben. Kreditketten entstanden, der Überblick ging verloren.

Informationsasymetrien sind der eine, die staatliche Geldpolitik der andere Grund für den Niedergang heute, genauer gesagt die massive Ausweitung der Geldmenge vor der Krise. Und zwar sowohl durch die amerikanische als auch die europäische Notenbank. So ist die relevante Geldmenge vom ersten Quartal 2000 bis zum zweiten Quartal 2008 um 64,8 Prozent ausgeweitet worden, bei einem realen Zuwachs des Bruttoinlandprodukts (BIP)um 19,5 Prozent. Die europäische Zentralbank (EZB) weitete die Geldmenge im selben Zeitraum gar um fast 90 Prozent aus. Dabei stieg das BIP nur um 15 Prozent. Die Ausweitung fiel nur deshalb kaum auf, weil dank der Billigimporte aus Asien die Inflation moderat war.

Die Gründungsväter der sozialen Marktwirtschaft um Alfred Müller-Armack und Walter Eucken wussten um die Gefahren einer expansiven Geldpolitik. Geldwertstabilität gilt als eines der wichtigsten ordoliberalen Prinzipien. Ein anderes: das Haftungsprinzip. „Wer den Nutzen hat, muss den Schaden tragen“, schrieb Eucken.

Was also lehrt uns die aktuelle Krise?

Erstens: Staatliche Geldpolitik neigt zur Expansion. Weil sie kurzfristig Wachstum fördert und durch Inflation die realen Staatsschulden reduziert, ist die Geldmengenausweitung ein beliebtes Instrument der Machthabenden. Der Schaden zeigt sich erst in der langen Frist (Spekulationsblase platzt) und trifft die Gläubiger des Staates (meist Privatpersonen). Eine von kurzfristigen Politik-Interessen befreite und auf Geldwertstabilität ausgerichtete Notenbank kann Konjunktureinbrüche, wenn nicht verhindern, so wenigstens abschwächen.

Zweitens: Finanzkrisen entstehen häufig durch neue Finanzprodukte und deren Undurchschaubarkeit. Diese transparent zu machen und gegebenenfalls gar nicht zu zulassen, ist Aufgabe der staatlichen Finanzaufsicht. Nur so kann verhindert werden, dass die Folgen von Spekulationsblasen die Gesellschaft der Steuerzahler tragen muss.

Drittens: Krisen gehen vorbei. Falsche Lehren aus Krisen aber richten dauerhaften Schaden an. Etwa die Beschneidung des freien Wettbewerb, dem Herz der Marktwirtschaft und die Basis für Wohlstand – oder wie Ludwig Erhard es formulierte: „Wohlstand für alle und Wohlstand durch Wettbewerb gehören untrennbar zusammen; das erste Postulat kennzeichnet das Ziel, das zweite den Weg, der zu diesem Ziel führt.“

Gipfel im tiefen Tal: Welche Lehren das G20-Treffen in London aus der Weltwirtschaftskrise ziehen sollte

Joseph Alois Schumpeter hat der Konjunktur eine Ordnung gegeben. Der Ökonom aus Österreich (1883-1950) teilte die Wirtschaftsentwicklung in einen Zyklus mit vier Phasen: Aufschwung, Hochkonjunktur, Abschwung, Krise. Das Wissen um diesen Zyklus erschreckt und beruhigt zugleich. Es nährt die Gewissheit, dass die aktuelle Krise nicht die letzte sein wird, es untermauert aber zugleich die Hoffnung auf den nächsten Aufschwung.

Damit dieser bald am Horizont sichtbar wird, treffen sich diese Woche die 20 gewichtigsten Staats- und Regierungschefs in London. Auf einfache Rezepte indes können sie nicht zurückgreifen. Denn in der Wissenschaft fehlt es sowohl an einer allgemein akzeptierten Theorie, warum ein marktwirtschaftliches System in Schwingungen gerät, noch sind sich die Ökonomen einig darüber, ob staatliche Stabilisierungsversuche tatsächlich helfen. Gewissheit gibt es nur darüber: Jede Krise hat ihre Besonderheiten, und wer sie schnell überwinden will, muss ihre speziellen Ursachen kennen.

Die aktuelle Krise hat ihren Ursprung im überzogenen Konsum- und Importboom der USA, der dort über Jahre zu einem wachsenden Leistungsbilanzdefizit geführt hatte. Mit anderen Worten: Die US-Bürger haben lange, zu lange auf Pump gelebt. Weil Preise und Zinsen niedrig waren.

  • Denn erstens wurden durch niedrige Wechselkurse, vor allem des chinesischen Yuan, die USA mit billigen Produkten aus Ostasien überschwemmt.
  • Zweitens tauschten die chinesischen Exporteure ihre in der Folge reichlich vorhandenen Dollars in Yuan. Mit den Dollars kaufte die chinesische Notenbank US-Staatsanleihen und  finanzierte damit den amerikanischen Konsumrausch.
  • Drittens wurden die  hohen Sparüberschüsse in Ostasien  von den dort noch unterentwickelten Kapitalmärkten nicht aufgenommen. Das Geld strömte deshalb in die Kapitalmärkte der USA, was  dort den Hypothekenboom mit ermöglichte.
  • Und viertens hatte Zentralbank-Präsident Alan Greenspan dem Ende des ersten Internet-Booms im Jahre 2000 mit einem historisch niedrigen Leitzins von ein Prozent entgegen gewirkt, was ebenfalls günstige Krediten begünstigte.

Im Grunde war hier entstanden, was im Marktmechanismus nur schwer zu vermeiden ist: eine Blase. Deren Platzen traf als erstes den Finanzsektor. Eigentlich kein Drama in einer Marktwirtschaft. Die weniger konkurrenzfähigen Unternehmen scheiden aus, wer übrig bleibt, blickt gestärkt in die Zukunft. Doch in der Krise des Banken-Sektors hat sich eine Besonderheit gezeigt, die bisher übersehen worden war: Die Branche ist derartig mit wechselseitigen Vertragsbeziehungen durchzogen, dass das Ausscheiden eines Instituts, die Existenz anderer im Markt verbleibender Banken gefährdet.

Das hat die Politik in ein Dilemma gestürzt: Sie muss, die in der Bevölkerung wenig beliebten Banken mit Milliarden stützen. Das noch größere Problem aber ist, dass ein solche Unterstützung die Saat für die nächste Krise legt. Weil erstens der notwendige Strukturwandel nicht vollzogen wird und weil zweitens diese Banken in der Zukunft noch risikoreicher wirtschaften werden. Denn sie können sich darauf verlassen: Geht was schief, springt der Steuerzahler ein.

Diese Fehlanreize in Zukunft zu unterbinden, ist die schwierige Aufgabe, vor der die G20-Länder stehen. Was es dafür braucht: Erstens eine bessere Marktbeobachtung als bisher, um mögliche Risiken frühzeitig zu erkennen. Zweitens deutlich mehr Eingriffsmöglichkeiten des Staates im Falle einer drohenden Schieflage. Nur so entwickeln die Bankeigentümer  ein ausgeprägtes Interesse dafür, Gefahren frühzeitig entgegenzuwirken – zu ihrem eigenen Wohl, und zum Wohle der Gesellschaft.

Sie sind jung und brauchen das Geld

Hypothekenkrise und Bankencrash: Wie sich die weltweite Finanzkrise auf die New Economy auswirkt

Ein Begriff ist in Vergessenheit geraten. Er ist verbrannt, sagt das Marketing. Zu viele negative Assoziationen. Kaum einer spricht noch von der “New Economy”. Dabei hatten die zwei Worte einmal das finanzielle Glück auf Erden versprochen. New Economy, das waren junge Firmen aus der Computer-Branche oder der Bio-Technologie. Diese Unternehmen wollten anders sein, als die etablierten Konzerne. Schneller, kreativer, gewinnbringender. Viele glaubten daran und gaben ihr Geld. Sie wollten dabei sein, als die Kurse stiegen, immer schneller. Bis zum März 2000. Dann platzte die Blase.

Achteinhalb Jahre später purzeln die Kurse erneut. Schuld sind diesmal nicht Technologie-Aktien. Billiges Geld der amerikanischen Notenbank, mit dem sich viele Amerikaner den Traum vom Eigenheim erfüllt hatten, war der Anfang vom Ende. Später brachten faule Hypotheken-Kredite das gesamte Bankensystem ins Wanken, teilweise zum Einsturz. Keine Branche wird von den Folgen verschont bleiben. Wie aber trifft es jenen Wirtschaftszweig, der beim letzten Börsencrash Hauptleidtragender war? Was wird von hoffnungsvollen Startups übrig bleiben?

Junge Unternehmen werden von Finanzkrisen meist überproportional hart getroffen. Denn sie brauchen das, was in solchen Zeiten besonders knapp ist: Geld. Viele dieser Unternehmen stehen noch nicht auf eigenen Beinen. Sie machen keine Gewinne. Und neues Geld, etwa von so genannten Venture-Capital-Unternehmen, ist schwer zu bekommen. Weil diese Firmen, die sonst gerne etwas riskieren und mit ihrem Kapital bei hoffnungsfrohen Jungfirmen einsteigen, genug mit sich selbst zu tun. Nach einer Studie des Ökonomen John Fisher von der Universität San Francisco hat sich durch das Platzen der Internetblase zur Jahrtausendwende die Zahl der Venture-Capital-Unterehmen von rund 1800 auf 1200 reduziert. “Dieses Mal wird der Einbruch erneut zu spüren sein: Ich schätze, dass nur 500 bis 750 Firmen übrig bleiben”, so Fisher gegenüber Spiegel Online.

Auch an frisches Geld durch einen Börsengang ist aktuell nicht ranzukommen. In den USA zum Beispiel wird im gesamten Jahr 2008 gerade Mal mit zehn Börsengängen gerechnet. Hinzu kommt: Technologie-Unternehmen brauchen die Finanzbranche nicht nur als Geldgeber, sie schätzen sie auch als attraktive Auftraggeber. Weil in Geldhäusern, neben dem Personal, funktionierende Computer und Software das größte Kapital sind. Aber keine Bank, die finanzielle Probleme hat, wird viel Geld in ihre Informationstechnik stecken. Schon immer wurde an Investitionen zuerst gespart.

Für junge Hightech-Firmen gibt es aber auch Grund zur Hoffnung: Der Wirtschaftszweig gilt als Zukunftsmarkt. Wenn die Finanzkrise ausgestanden ist, werden neue Anlageformen gesucht werden. Der Immobilienmarkt wird auf absehbare Zeit nicht gefragt sein. Interesse wecken werden Werte mit Perspektive, Werte, die getragen sind von dem Wunsch, mit neuen Technologien Geld zu verdienen.

Wie aber als Chef eines solchen Startups die Durststrecke überwinden?
Ryan Janssen, Geschäftsführer von Angelsoft.net, einer Web-Plattform, die Investoren und Unternehmer zusammen bringt, hat in einem Blogbeitrag drei Ratschläge gegeben.

1) Sprechen Sie mit ihrem Team und den Investoren! Man müsse der eigenen Belegschaft klar machen, so Janssen, was die schwierige Situation bedeute, nämlich keine Einstellungen, kein Boni, kein Gehaltsanstieg. Auch müsste deutlich werden, dass Investitionen zurückgestellt werden müssten. Auch solle frühzeitig den Geldgebern mitgeteilt werden, dass sie mit niedrigerem Wachstum rechnen müssten. Offene Kommunikation brächte Verständnis, so der Geschäftsführer.

2) Suchen Sie neue Umsätze! Viele Startups, schreibt Janssen im Blog gigaom.com, würden lediglich darauf schauen, so viele User wie möglich an sich zu binden und hofften, die große Userzahl erst später in Umsätze wandeln zu können. In Krisenzeiten sei es aber von Nöten, Einnahmen zu generieren. Deswegen sei es wichtig, das eigene Produkt nach unentdeckten Umsatzquellen zu durchsuchen.

3) Machen Sie weniger! Krisenzeiten seien Zeiten der Besinnung. Wer in solchen Phasen als einziges Ziel das Wachstum habe, der Laufe Gefahr sich finanziell zu verausgaben und beim nächsten Aufschwung erst gar nicht mehr dabei zu sein.