Warum werden Großprojekte regelmäßig teurer als geplant?

Warum kosten Großprojekte wie Stuttgart 21, Elbphilharmonie Hamburg, Kölner U-Bahn, Flughafen Berlin regelmäßig mehr als veranschlagt? Es liegt nicht an der Fehlplanung, nicht an falscher Einschätzung, nicht an der Unsicherheit infolge großer Komplexität. Das Problem ist in erster Linie systematisch bedingt, schreiben die Wissenschafter Bent Flyvbjerg und Alexander Budzier im aktuellen Wirtschaftsdienst:

Nicht die technische Bauausführung, sondern der politische Entscheidungs- und Steuerungsprozess bieten den größten Hebel für Verbesserungen.

Projektbefürworter, wie z.B. Planer, Bauunternehmen, aber auch Politiker, verdienten an Großprojekten, ohne am Kostenrisiko beteiligt zu sein, so Flyvbjerg und Budzier. Dies führe zu systematischen und politisierten Falschdarstellungen der Planungsannahmen und -risiken.

Ist das Problem lösbar? Ja, schreiben die Wissenschaftler. Indem man ein Projekt mit Vorgängerprojekten vergleiche und die dort gemachten Fehlplanungen (Kostenunterschätzung) in das aktuelle Projekt einpreist:

Optimismus bei Planungen kann mit einem einfachen Ansatz erkannt werden: der Außensicht. Statt ein Projekt als Summe vieler Kleinteile zu betrachten, kann die einfache Frage “Wieviel haben denn die letzten 20 Auftraggeber am Ende zahlen müssen?” einen Perspektivenwechsel bieten, der individuelle Fehleinschätzungen korrigiert.

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Zalando – das langweiligste und lehrreichste Startup Deutschlands

Der Schriftsteller Neil Gaiman hat neulich die Abschlussrede an der University of the Arts in Philadelphia gehalten. Auf dieser so genannten commencement speech (eine US-amerikanische Tradition, die es leider noch nicht bis nach Deutschland geschafft hat) gab der 1960 in England geborene und heute in Minneapolis in den USA lebende Gaiman den vor ihrem Berufslebenden stehenden Studenten einen Ratschlag, der so hilfreich wie unamerikanisch ist. Dass man nämlich, um erfolgreich zu sein, gar nicht immer der Beste sein muss, ja nicht einmal sein Bestes geben muss.

Gib immer alles, sei besonders, verwirkliche deinen Traum – an solchen Superlativen kann man leicht scheitern, sind schon viele gescheitert, oder haben den Start erst gar nicht gewagt, gar nicht angefangen. Wer in der Schule, an der Uni, Durchschnitt ist, der kann sich kaum vorstellen, im Berufsleben, vielleicht als Selbständiger, Erfolg zu haben, wenn die Vorstellung vorherrscht, dass nur die Besten sich durchsetzen.

Auf Perfektion sagte Gaiman jedenfalls den verblüfften Studenten, darauf käme es nicht an. Es reiche, wenn man von drei Eigenschaften (Pünktlichkeit, Freundlichkeit, gute Arbeit) zwei beherzige: „Die Menschen werden eure unfreundliche Art tolerieren, wenn ihr gute Arbeit pünktlich abliefert; die Menschen werden Verspätungen verzeihen, wenn die Arbeit gut ist und ihr gemocht werdet; und ihr müsst nicht die Besten sein, wenn ihr pünktlich liefert und man euch mag.“

“But people keep working, in a freelance world — and more and more of today’s world is freelance — because the work is good and because they’re easy to get along with and because they deliver the work on time. And you don’t even need all three. Two out of three is fine. People will tolerate how unpleasant you are if your work is good and you deliver it on time. People will forgive the lateness of your work if it’s good and they like you. And you don’t have to be as good as everyone else if you’re on time and it’s always a pleasure to hear from you.”

Die Medien verstärken den Eindruck, dass nur der Außergewöhnliche Erfolg hat, der Sonderling, der geniale Tüftler. Menschen wie Bill Gates und Steve Jobs werden zu übermenschlichen Lichtgestalten hochgeschrieben. Keine Unternehmensgeschichte, die nicht das Einzigartige am Unternehmen herauszustellen versucht, das Erfolgsgeheimnis lüften will. Von Geheimnis findet sich dann aber häufig keine Spur. Harte Arbeit, Ausdauer, Zufall – so erklären Unternehmer regelmäßig ihren Erfolg.

Dass es keine geniale Geschäftsidee braucht, um ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen, zeigt in Deutschland niemand besser als Zalando.

Zalando hatte 2008 damit begonnen, Schuhe über das Internet zu verkaufen. Kann man sich eine langweiligere Geschäftsidee vorstellen? Wo es Schuhläden in jeder Stadt, an jeder Ecke gibt. Wo das Geschäftsmodell, Konsumgüter nach Hause zu bestellen, sie dort auszuprobieren und bei Nicht-Gefallen wieder zurückzuschicken, so alt wie Quelle und der Otto-Versand ist. Wo es schon im Jahre 2008 zig Möglichkeiten der Schuhbestellung im Internet gab. Kein Mensch, der in der Überzeugung lebt, dass nur die Besten, nur die besten Ideen, nur geniale Geschäftskonzepte von Erfolg gekrönt werden, kein solcher Mensch hätte 2008 einen Pfifferling auf Zalando gewettet.

Das Wachstum von Zalando kennt im Moment nur eine Grenze: den Menschen. Auf der Stellenseite des Unternehmens werden 395 Mitarbeiter gesucht: Designer, Computerexperten, Personaler, Logistiker, Verkäufer. Zalando benötigt alle Qualifikationen, die es in einem Unternehmen braucht. Wie ein Schwamm saugt das Startup den Arbeitsmarkt im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg leer, wo das Unternehmen 2010 in ein altes Umspannwerk gezogen ist.

2010 lag der Umsatz des Internet-Versandhändlers bei über 160 Millionen Euro, im ersten Halbjahr 2011 waren es bereits über 200 Millionen Euro. Das Unternehmen hat laut Presseabteilung aktuell „deutlich über 1000 Mitarbeiter“. Allein am Logistik-Standort Erfurt sollen dieses Jahr über 1000 Mitarbeiter eingestellt werden. Das Sortiment wurde mittlerweile um Kleidung und Wohnungszubehör ergänzt. Im April diesen Jahres hat der Zalando-Onlineshop für Schweden eröffnet, vergangenen Monat folgten Belgien und Spanien.

Die Erfolgsgeschichte von Zalando zeigt, wie wenig es für eine Erfolgsgeschichte braucht, wie wenig Besonderes, dass es reichen kann, wenn Bestehendes leicht verändert wird. Der Kunde schätzt jeden Fortschritt. Ein gutes Sortiment, einfache Bestellmöglichkeit, schnelle Lieferung – Zalando hat in kurzer Zeit geschafft, wozu andere Unternehmen Jahre brauchen: zufriedenstellenden Service.

Die Lernkurve bei Zalando war so steil, weil die Unternehmensgründer alte Hasen der Internetbranche sind. Drei der Gründer sind die Samwer-Brüder Marc, Oliver und Alexander. Deren Erfolgsgeschichte ist lang. Sie haben das Internet-Auktionshaus alando.de nach dem Vorbild des US-amerikanischen Unternehmens eBay gegründet und es nur sechs Monate nach Gründung für 43 Millionen Dollar an eBay verkauft. Darauf zogen sie den Klingelton-Anbieter Jamba! zum größten Unternehmen seiner Branche in Europa auf. Wo die Samwer-Brüder sind, wollen viele dabei sein.

An Kapital mangelt es daher nicht. Ein wichtiges Kriterium für den kapitalintensiven Versandhandel. Allein die Samwer-Brüder haben ein geschätztes Vermögen von 350 Millionen Euro. Außerdem ist an Zalando mit 10 Prozent der milliardenschwere Einzelhändler Tengelmann beteilig und verschiedene Investoren wie Holtzbrinck Ventures. Viele wollen an dem Erfolg partizipieren, viele teilen sich das Risiko einer Pleite.

Ausreichende Kapitalversorgung und Erfahrung, das macht Zalando erfolgreich, von Geheimnis keine Spur. Zugegeben, das sind keine Qualitäten, die Studenten beim Start ins Berufsleben mitbringen. Der Schriftsteller Gaiman hatte für die Studenten bei der Abschlussrede dann auch noch einen weiteren Ratschlag. Einen, der weit weg ist vom Geschäftsmodell von Zalando, von Umsatzwachstum, Investment und Rendite. Kurz nach seiner ersten Veröffentlichung war sein Verlag pleite gegangen. Damals habe er beschlossen, zukünftig nicht mehr nur wegen des Geldes zu schreiben, sondern das zu machen, was im wichtig sei. „Wenn ich für Geld schreibe und ich bekomme keines, dann habe ich nichts“, so Gaiman, „wenn ich das schaffe, was mich stolz macht, dann habe ich wenigstens diese Arbeit.“

“If you didn’t get the money you didn’t have anything, and if I do a work I am proud of at least I have the work.”

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Hat Facebook Zukunft?

Börsen bergen Geheimnisse. Warum will der eine kaufen, was der andere los werden möchte? Weshalb lassen sich Massen dazu verleiten, Trends hinterherzulaufen bis die Trends zusammenbrechen? Und welch sonderliche Papiere werden an diesen Märkten überhaupt gehandelt?

Börsen bringen häufig Licht ins Dunkle. Denn Börsen stellen Regeln auf. Sie schreiben vor, zu welchen Bedingungen Geschäfte getätigt werden dürfen, und sie zwingen jene, die über den Verkauf von Papieren an frisches Geld kommen wollen, Informationen preis zu geben, damit jene, die das Geld geben, halbwegs wissen, worauf sie sich einlassen.

Rund fünf Milliarden Dollar will Facebook mit seinem im Mai geplanten Börsengang einsammeln. Das weltweit größte soziale Netzwerk hat sich dafür ausgezogen, allen voran sein Erfinder Marc Zuckerberg. Im 207 Seiten umfassenden Börsenprospekt ist zu lesen, dass Zuckerberg im vergangenen Jahr 693.000 Dollar ausgegeben hat, um nicht mit Linienfliegern, sondern mit gecharterten Flugzeugen zu reisen, angeblich aus Sicherheitsgründen. Und dass Zuckerberg bisher pro Jahr 483.300 Dollar verdient hat sowie ein Bonus von zuletzt 221.000 Dollar; dass er in Zukunft aber nur noch ein symbolisches Gehalt von einem Dollar beziehen wird. Zuckerberg kann sich das leisten. Er hält 28,4 Prozent der Facebook-Anteile und ist somit potenzieller Multimilliardär.

Außerdem im Börsenprospekt zu lesen: Facebook hat im vergangenen Jahr einen Gewinn von einer Milliarde Dollar gemacht, bei einem Umsatz von 3,7 Milliarden Dollar. 2010 waren es noch 606 Millionen Dollar Gewinn, 2009 waren es 229 Millionen. Davor war Facebook nicht profitabel, der Verlust 2008 betrug 56 Millionen Dollar. Und die Mitarbeiter-Zahl steht ebenfalls im Prospekt: 3200 Menschen arbeiten für Facebook, 50 Prozent mehr als noch im 2010.

Der Börsengang verrät also viel über aktuellen Stand und Historie des Unternehmens Facebook. Für Anleger mindestens genauso wichtig: Informationen über die Zukunft. Bei einem Börsengang müssen deshalb auch potenzielle Risiken dargelegt werden. 35 dieser Risikofaktoren finden sich im Börsenprospekt von Facebook. Etwa dass ein Ausscheiden von Sherly Sandberg, der Nummer zwei bei Facebook und ehemalige Stabsschefin des amerikanischen Finanzministers Larry Summers, für Facebook eine mittlere Katastrophe wäre. Ebenfalls ein Risiko: Weil viele Facebook-Programmierer Anteile am Unternehmen besitzen, sind diese mittlerweile reich geworden. „Deshalb kann es für uns schwierig werden“, schreibt Facebook, „diese Mitarbeiter zu halten und weiterhin zu motivieren.“

Ungewiss ist auch die Entwicklung der Werbeeinnahmen auf dem Portal, Facebooks größte Einnahmequelle. Die läuft nämlich gar nicht so gut: 845 Millionen Facebook-Mitglieder erwirtschaften im Durchschnitt nicht mal vier Dollar Werbeumsatz im Jahr.

Die Offenheit, die ein Börsengang verlangt, kann einem Unternehmen schaden. Weil die Konkurrenz viel erfährt: über Umsatz und Gewinn, welche Produkte gut, welche schlecht laufen, was geplant ist und wo die Gefahren liegen. Ein börsennotiertes Unternehmen wird so angreifbar. Facebook muss sich dennoch wenig Sorgen machen. Konkurrenz gibt es kaum. Facebook hat sie abgehängt, marginalisiert, abgeschafft. Vielleicht von Google abgesehen, das mit dem Dienst „Google+“ versucht, Facebook anzugreifen, bisher mit überschaubarem Erfolg.

Facebook profitiert von einem Phänomen, einer vor allem im Internet vorkommenden Besonderheit, welche dem Ersten in einem Markt gute Chancen einräumt, für lange Zeit der Erste zu bleiben. Es sind die so genannten Netzwerkeffekte, welche den Wert eines Unternehmens ohne eigenes Zutun steigert. Neue, dem Netzwerk beitretende User erhöhen demnach nicht nur für sich den Nutzen, sondern auch für jene, die sich bereits im Netzwerk befinden, da sie nun mit mehr Nutzern kommunizieren können. Wird eine kritische Masse erreicht, so steigt die Nutzerzahl sogar exponentiell an. Nach der Erfindung des Telefons war dieses Phänomen erstmals zu beobachten. Facebook haben die Netzwerkeffekte zum Giganten gemacht.

Der Kauf von Facebook-Aktien scheint also eine sichere Bank zu sein. Könnte man meinen. Zunächst einmal muss man überhaupt an Aktien gelangen. Das wird nicht einfach. Facebook hat fünf US-Banken und ein britisches Institut beauftragt, große Teile der Aktien auszugeben: Morgan Stanley, JPMorgan, Goldman Sachs, Bank of America/Merrill Lynch, Allen & Co sowie Barclays. Wer bei der erstmaligen Ausgabe an Aktien kommen will, muss sich grundsätzlich an diese Unternehmen wenden. Die aber sind keineswegs verpflichtet, die Nachfrage nach einem gerechten Verfahren – etwa Auslosung – zu bedienen, wie das beispielsweise bei der Ausgabe der Telekom-Aktien in Deutschland stattgefunden hatte.

„Die Institute haben keinerlei Verpflichtungen, an wen sie die Aktien ausgeben”, sagt Robert Halver, Börsenhändler bei der Baader Bank zu Spiegel Online. Die Institute werden folglich zunächst ihre besten Kunden bedienen, reiche Kunden und ihre eigenen Investmentfonds mit Facebook-Aktien ausstatten.

Viele potenzielle Anleger werden also erst dann die Chance auf Facebook-Aktien bekommen, wenn diese erstmals an der Börse gehandelt werden. Vermutlich wird der Preis aber dann schon deutlich über dem Ausgabewert liegen. Allein schon deshalb, weil die Facebook-Aktie in bekannte Indizes wie dem US-Technologieindex Nasdaq aufgenommen werden wird und daher jene Investmentfonds die Aktien kaufen müssen, die diesen Index 1:1 nachbilden.

Aber wie wird sich die Aktie auf lange Frist entwickeln? Taugen Facebook-Aktien als dauerhaftes Investment? Die ökonomische Theorie sagt: Ja. Die Netzwerkeffekte spielen Facebook in die Hände. Und wenn Mark Zuckerberg keinen Blödsinn macht, wenn das Unternehmen solide geführt wird, wenn keiner dem Größenwahn verfällt, wird Facebook auf lange Zeit das größte Netzwerk bleiben. Auf der einen Seite.

Auf der anderen Seite: Der technische Fortschritt verläuft immer rasanter. Was gestern noch als Geschäftsmodell funktionierte, ist morgen schon überholt. Der Ausblick in die Zukunft wird immer ungenauer, weil immer schwerer einschätzbar ist, welche Erfindungen morgen unser Leben umkrempeln.

Und allen Netzwerkeffekten zum Trotz: Die Hürde, ein Netzwerk zu wechseln, ist aus User-Sicht gering. Eine neue Webseite anklicken, Name und Passwort eintragen, fertig. Sollte der Gegenwind, den Facebook schon heute an manchen Stellen spürt, zum globalen Trend anwachsen, könnten die Internetnutzer ihr Glück im nächsten „Whatever it will be named“- Netzwerk finden.

Fazit: Trotz Netzwerkeffekt taugen Facebook-Aktien nicht für die Altersvorsorge, weil in der Internetbranche zu viel Bewegung ist. Selbst Mark Zuckerberg macht jetzt schon mal Kasse. Noch vor dem Börsengang seines Unternehmens möchte Zuckerberg Aktienoptionen verkaufen, die er 2005 für seinen Job als Facebook-Chef erhalten hatte – potenzieller Verkaufserlös: 5 Milliarden Dollar.


Die Welt ist keine Scheibe: Warum die Musikindustrie Zukunft hat

Es hatte so ausgesehen, als sei die Geschichte bereits zu Ende erzählt. Die vom Aufstieg und Fall einer gigantischen Wirtschaftsbranche, der Musikindustrie. Deren Anfang in der Erfindung der Schallplatte und deren Schlusspunkt mit dem Aussterben der CD gekommen schien.

Vielleicht stimmt beides nicht. Zumindest der Anfang nicht. Am Anfang nämlich stand keine Scheibe, sondern eine Walze aus Wachs. Der berühmte Physiker Thomas Edison hatte sie 1888 entwickelt, 10 cm lang, mit einem Durchmesser von 5 cm. Sie was der erste brauchbare Audioaufzeichner und -abspieler. Mehrere Minuten Ton konnte die Wachswalze konservieren.

Nicht in der Form, aber in der Technik ähnelte die Walze bereits der späteren Langspielplatte: Zur Wiedergabe wurde die rotierende Wachswalze mit einem abgerundeten Diamanten abgetastet.

Die darauf folgende Geschichte der Tonträger ist weitgehend bekannt. Auf die Wachswalze folgte die haltbarere und reproduzierbare Schellackplatte des deutschen Erfinders Emile Berliner, dann die Schallplatte, das Tonband, die Compact Cassette und schließlich die Compact Disc.

Es war nicht einmal eine Frage der Zeit, bis den technischen Erfindungen der wirtschaftliche Nutzen folgte: Schellack-Plattenerfinder Berliner hatte bereits 1887 mit American Gramophone Co. die erste Plattenfirma weltweit gegründet, es folgten Columbia Records und 1898, mit Deutsche Grammophon, die erste deutsche Plattenfirma.

Ziemlich schnell war offenbar klar geworden, dass der technische Fortschritt ein geniales Geschäftsmodell ermöglicht, nämlich eine einmal gemachte Aufnahme millionenfach zu kopieren und danach wieder einzeln zu verkaufen.

Einmalige Produktionskosten und niedrige variable Kosten – eine solche Wirtschaftslogik braucht vor allem eines: Bekanntheit. So lassen sich einmal entstandene Fixkosten der Produktion in Windeseile amortisieren. Die Reproduktionstechnik machte Stars zu Goldeseln.

Im Jahre 1921 wurde in der Musikbranche der USA erstmals die Umsatzmarke von 100 Millionen Dollar überschritten, 1967 waren es bereits mehr als eine Milliarde.

Dem Aufstieg und der Vielfalt folgte die Konzentration. Plattenfirmen kauften sich gegenseitig auf. Heute ist die Tonträgerindustrie oligopolistisch strukturiert. Es gibt wenige große Anbieter, so genannte Major-Labels, und eine Vielzahl kleinerer Plattenfirmen (Independent Labels). Die großen Vier, das sind: Universal Music Group, Sony Music Entertainment, EMI Group und Warner Music Group. Sie erreichen einen Weltmarktanteil von 71,7 Prozent.

Die Krise begann 1997. Der Grund war der gleiche, welcher der Branche den Aufstieg ermöglicht hatte: technischer Fortschritt. Mit dem massenhaften Verkauf beschreibbarer CDs hielt erstmals eine Technik in Privathaushalte Einzug, welche die günstige Reproduktion ohne Qualitätsverlust ermöglichte. Man könnte sagen, die Musikindustrie wurde mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Was sie groß gemacht hatte, ließ sie nun wieder schrumpfen. Weil sie das Monopol auf günstige und hochwertige Reproduktion verloren hatte.

Die Musikindustrie kämpft seitdem mit einer Strategie gegen den Abstieg, die in vielen sterbenden Industrien zu beobachten ist: mit Verteidigung, der Bewahrung des Bestehenden. CDs wurden mit Kopierschutz versehen, mit Lobbyarbeit wird für die Verschärfung des Urheberrechts gekämpft und – seit das Internet und das Audioformat MP3 den Absatz weiter bröckeln lässt – auch mit Klagewellen gegen jene, die Musik downloaden, ohne dafür zu zahlen.

Der Abwehrkampf mag den Niedergang verlangsamt haben, die Richtung umkehren konnte er nicht. Wer sich Strategien für die Verteidigung überlegt, hat keine Reserven für neue Ideen, für Offensiven.

Ein ganzes Jahrzehnt hielt die Musikindustrie an einem Geschäftsmodell fest, das in der Zeit vor dem Internet entstand. Als würden noch immer lediglich Schallplatten und CDs verkauft, einzeln, abgepackt, an der Kasse in eine Tüte gesteckt, zu hause aufgerissen, aufgelegt und abgespielt.

Die Musikindustrie behielt ein Geschäftsmodell bei, das entwickelt wurde, als noch für einen physischen Gegenwert bezahlt wurde. Heute aber ist Musik digital. Man kann Musik noch immer besitzen, sie sich in ein IKEA-Regal stellen und wenn dies voll ist, Kisten für den Keller packen. Nur nötig ist das nicht mehr. Gigantische Musiksammlungen passen heute auf kleine Festplatten. Und die müssen nicht einmal mehr in der eigenen Wohnung aufbewahrt werden, sondern können, von Internet-Experten sicher verwaltet, über das Internet abgerufen werden, Stichwort: Cloud-Computing.

Langsam scheinen die neuen Techniken neue Einkommensmöglichkeiten zu generieren. Geschäftsmodelle, die darauf bauen, dass Eigentum an Bedeutung verliert. Nicht für den Besitz von Musik wird in Zukunft bezahlt werden, sondern für den Zugang zu ihr. Nicht die Bewahrung einer Musiksammlung auf Lebenszeit ist mehr das Ziel, sondern die Zur-Verfügung-Stellung dessen, was gerade interessiert – so könnte das Geschäftsmodell, der Goldesel der Zukunft, aussehen.

Das wird nicht funktionieren, klagen Konservative. Der Mensch wolle besitzen, wolle das einmal Erworbene nicht wieder hergeben, wolle den seit der eigenen Jugend verfestigten Musikgeschmack mit den Händen greifbar bewahren. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Vielleicht folgt der Umgang mit Eigentum auch Moden und technischen Möglichkeiten. Vielleicht wird man sich in 50 Jahren wundern, wie man Wohnzimmer mit riesigen Bücher- und Platten- und CD-Regalen verrammeln konnte. Vielleicht kann die Entfernung von sichtbaren Beweisen des einmal Erfahrenen auch eine Befreiung sein.

Wir wissen es nicht. Noch nicht. Der technische Fortschritt wird es weisen. Es hat damit angefangen, dass das E-Book dem Bücherregal Konkurrenz macht, jetzt bekommt die Musikindustrie ihre zweite Chance.

In Deutschland wurde der Grundstein dafür diesen Monat gelegt. Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (Gema) und der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) haben einen Vertrag geschlossen, der die Höhe der Urhebervergütungen regelt, die für das Onlinestellen von Musikstücken auf Internet-Musikportalen zu bezahlen sind. Zwischen sechs und neun Cent soll pro Song bezahlt werden.

Damit ist die Basis geschaffen für ein Geschäftsmodell, bei dem die Kunden nicht mehr einzelne Stücke oder Alben für die Ewigkeit kaufen, sondern dafür bezahlen, dass sie sich auf Zeit Zugang zu Millionen Titeln verschaffen. Der Musikinteressierte kann sich nun für zwei konkurrierende Geschäftsmodelle entscheiden (so er bei legalen Wegen der Musikbeschaffung bleibt): Entweder er besitzt relativ wenige Musik-Titel auf Dauer, oder er hat die Auswahl aller verfügbaren Musik, dies aber nur, solange er zahlt.

Manches spricht dafür, dass Letzteres das Modell der Zukunft ist. Weil, wer ohne CD aufgewachsen ist, gar nicht auf die Idee kommt, den MP3-Player durch ein CD-Regal ersetzen zu wollen. Weil mit Musik-Streaming die Lust auf neue Musik geweckt wird. Denn statt ständig die gleichen CDs in den Player zu legen, verleitet ein Streaming-Abo dazu, auf Entdeckungsreise zu gehen. Schließlich stehen Millionen Songs zur Auswahl. Sicher ist: Die Geschichte der Musikbranche hat nicht mit einer Scheibe begonnen. Es sieht so aus, als wird die Scheibe auch nicht ihr Ende bedeuten.

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Napster, Deezer, Simfy: Eine Liste von Streamingdiensten findet sich hier.

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„Keiner kann ihn ersetzen“: Segen und Fluch charismatischer Unternehmenschefs am Beispiel Steve Jobs

Zu jedem Star gehört eine Aufstiegsgeschichte. Die vom Tellerwäscher zum Millionär, bisweilen zum Milliardär. Steve Jobs hat seine Geschichte 2005 erzählt. In einer Rede vor dem Abschlussjahrgang der Stanford-Universität in Kalifornien. Nie zuvor und nie danach hat der Apple-Gründer so viele Details seines Lebens öffentlich preisgegeben.

Zum Beispiel, dass er ein Adoptivkind war und als Jugendlicher ein viel zu teures College besuchte. Und dass er das Studium bald abbrach, vorher aber noch einen Kalligraphie-Kurs besuchte, von dem er nicht wusste, was der eigentlich bringen soll, der ihm aber schlicht Spaß machte. Dass er lange kaum Geld hatte, dass er deshalb 5-Cent-Pfandflaschen sammelte, um Essen kaufen zu können. Oder wie er später aus dem Unternehmen Apple rausflog, das er 20 Jahre zuvor in der Garage seiner Eltern gegründet hatte.

Jobs erzählt auch, wie er daraufhin mit „Next“ eine neue Computerfirma etablierte und bei „Pixar“ einstieg, das später zum erfolgreichsten Studio für computeranimierte Kinofilme der Welt wurde. Auch über die Erfahrungen der gerade überstandenen Krebserkrankung plaudert Jobs bei strahlendem Sonnenschein vor den Absolventen.

Interessanter als die Details seines Lebens aber ist die Art, wie der erfolgreichste Unternehmer der Welt mit seinen Erfahrungen umgeht. Zwei Dinge scheinen Jobs wichtig zu sein. Zum einen nimmt er hin, was nicht (oder nicht mehr) zu ändern ist, und interpretiert es positiv. „Ich bin mir recht sicher“, sagt Jobs vor den jungen Menschen und meint die Erfolge mit den Unternehmen „Next“ und „Pixar“ sowie das Kennenlernen seiner Frau Laurene, „dass das alles nicht geschehen wäre, wäre ich bei Apple nicht gefeuert worden.“ Zweitens: sich nicht anzupassen. „Bleibt hungrig, bleibt tollkühn“, ruft Jobs den Studenten zu und rät den eigenen Wünschen und Sehnsüchten zu folgen, auch wenn dies zunächst keinen Nutzen zu ergeben scheint.

Der Nutzen stelle sich häufig später ein. So war es zumindest bei Steve Jobs. Etwa mit seiner Kalligraphie-Ausbildung gewesen. „Ich konnte nicht hoffen, dass irgendetwas davon in meinem Leben einmal wichtig werden würde“, so Jobs, „aber zehn Jahre später, als wir den ersten Macintosh-Computer entworfen haben, war es so weit: Wir arbeiteten alles in den Mac ein, es war der erste Computer, der wunderschöne Schriftzeichen setzen konnte.“

Vielleicht würde Steve Jobs keiner kennen, wenn es nicht ihn gegeben hätte: Konrad Zuse. Der Ingenieur, Erfinder, Manager und Maler muss mindestens so genial gewesen sein wie der Apple-Gründer. Der langfristige wirtschaftliche Erfolg aber blieb ihm verwehrt.

Konrad Zuse hatte Anfang der 1940er Jahre in Berlin den ersten Computer gebaut, der diesen Namen verdient, den Z3. Zuse hatte studiert und danach in den Flugzeugwerken von Henschel eine Stelle als Statiker bekommen. Vom vielen Rechnen genervt, entwickelte er den Plan für einen Computer.

Der Krieg verzögerte die Umsetzung seiner Pläne (er floh mit seiner Familie und dem in große Holzkisten verpackten Rechner beim Einmarsch der Russen ins Allgäu), aufhalten ließ er sich nicht. 1949 gründete er mit zwei Partnern die Zuse KG und machte sich an die Arbeit für den Z4.

Der wurde fertig gestellt und zahlreiche weitere Baureihen auch (bis Z25). Der durchschlagende Erfolg aber blieb aus. 250 Computer verkaufte die Zuse KG, dann kamen andere Unternehmen wie IBM und überrollten das Startup. Mitte der 60er Jahre stieg Siemens ein, löschte die Zuse KG aus dem Handelsregister und schickte Konrad Zuse nach Hause. Dort schrieb er fortan Bücher und malte Bilder.

Was unterscheidet Zuse und Jobs? Was führt zu Erfolg, was zum Scheitern?

Nicht selten, so eine schlichte Einsicht, bestimmt der Zufall den Lauf des Lebens. Nicht die eigene Intelligenz, nicht der persönliche Ehrgeiz, nicht das individuelle Können entscheiden dann, sondern die Zeit, in der man lebt, die Menschen, die man trifft, die Möglichkeiten, die einem umgeben. Aber was ist mit dem Teil, der zu beeinflussen ist? Was kennzeichnet Menschen wie Steve Jobs?

„Gute Unternehmer gehen Risiken ein und blicken nach vorne“, meint die Unternehmensberaterin Inke Schulze-Seeger, „diese Unternehmer haben außerdem Durchhaltevermögen, trotzen schlechten Zeiten und setzten sich gerade dann klare Ziele.“ Außerdem hätten solche Menschen gelernt, nicht alles selbst machen zu können, weil andere manches besser können. „Außerdem“, so Schulze-Seeger weiter, „stecken diese Menschen den Rahmen, in dem sich ihre Mitarbeiter bestmöglich selbst motivieren können.“

Zusammengefasst: Erfolgreich ist, wer neugierig bleibt, Widrigkeiten trotzt und Mitmenschen begeistern kann. Keine Frage, diese Beschreibung passt zu dem Mann, der abgetreten ist als sein Unternehmen das wertvollste der Welt geworden war.

Eigentlich gibt es keinen besseren Zeitpunkt zu gehen. Apples Zukunft wäre auch mit Steve Jobs ungewiss. Der Vorsprung vor der Konkurrenz ist in den vergangenen Jahren geschrumpft. Der iPod hat keine Zukunft, weil die Musikfunktion zunehmend im Handy integriert wird. Das iPhone wird bedrängt von Smart-Phones mit immer ausgereifterer Hardware gepaart mit solider Android-Software. Und das iPad erhält fast täglich einen neuen Tablet-Konkurrenten.

Steve Jobs Abschied geschieht möglicherweise auf dem Höhepunkt der Unternehmensgeschichte von Apple. Wie tragisch, dass er allem Anschein nach nicht freiwillig geschieht, sondern krankheitsbedingt.

So oder so aber ist die Lücke, die Jobs bei Apple hinterlässt, nicht zu füllen. Es wird eine Weile brauchen, bis die Folgen spürbar werden. Weil Produktpläne einen Vorlauf von mehreren Jahren haben. Weil also, was Apple in der nächsten Zeit auf den Markt bringt, mit und ohne Jobs passieren wird. Auch weil Steve Jobs gutes Personal für seine Firma ausgewählt hat, die das Unternehmen erfolgreich führen werden.

Langfristig aber werden die Folgen sichtbar. Weil eben der fehlt, der auch in Zukunft hervorragendes Personal findet und bindet und motiviert. Vor allem aber, weil Jobs Gespür nicht zu ersetzen ist, das Gespür dafür, was den Menschen gefällt.

Ein Journalist hat Jobs einmal gefragt, wie umfangreich die Marktuntersuchungen vor der Einführung des iPads gewesen wären. Es habe keine gegeben, antwortete Jobs dem verblüfften Reporter, denn es sei nicht Aufgabe der Konsumenten zu wissen, was sie brauchen.

„Steve Jobs hat eine einzigartige Kombination aus visionärer Kreativität und Entscheidungsfreude“, hat David B. Yoffie, Professor an der Harvard Business School, neulich gesagt, „keiner kann ihn ersetzen.“ Ein hoffnungsvoller Satz über die Zukunft des Unternehmens Apple liest sich anders.

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Comeback der deutschen Industrie?

Die Finanzkrise hat einer Branche medialen Aufschwung gebracht (mittlerweile auch einen tatsächlichen), die seit Jahrzehnten kontinuierlich an Bedeutung verliert, nämlich der deutschen Industrie.

Der Bankensektor – und damit ein wichtiger Bereich des Dienstleistungssektors – war eingebrochen und bestätigte all jene, die der Drei-Sektoren-Hypothese schon lange skeptisch gegenüberstanden. Zugespitzt lautet die These der Kritiker: Dienstleistungen kann man nicht essen.

Die Drei-Sektoren-Hypothese beschreibt, dass sich der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Tätigkeit zunächst vom primären Wirtschaftssektor (Rohstoffgewinnung), auf den sekundären (Rohstoffverarbeitung) und anschließend auf den tertiären Sektor (Dienstleistung) verlagert. (Wikipedia)

Die Industriebranche, so könnte man also meinen, geht gestärkt aus der Krise hervor. „Deutschland ist ein Industrieland“, heißt beispielsweise selbstbewusst der erste Satz im Grundlinienpapier des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Und weiter ist dort zu lesen:

Die deutsche Industrie beschäftigt direkt 6 Millionen Menschen und erwirtschaftet rund 500 Milliarden Euro pro Jahr an Werten. Das ist knapp ein Viertel der deutschen Wirtschaftsleistung. (VCI)

Das klingt viel, ist aber relativ wenig. Denn die Finanzrkise hat – zumindest bisher – den Trend hin zum Dienstleistungssektor nicht brechen können.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren im vergangenen Jahr noch 24,4 Prozent der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe tätig, so wenig wie noch nie. 2009 waren es noch 24,8 Prozent, zehn Jahre davor noch 30 Prozent gewesen.

Erwerbstätige im Inland nach Wirtschaftssektoren

Der Trend ist also ungebrochen. Und der muss keine Angst machen. Denn erstens führt der Wandel nicht zur Abschaffung der Industrie, sondern eben nur zu einer relativen Reduzierung. Und zweitens ist der Wandel ein Kennzeichen von Wohlstand. Der arbeitsplatzsparende Prozess der Automatisierung im primären und sekundären Sektor schafft den Freiraum, im Dienstleistungssektor den Mennschen neue Angebote zu machen.


Die Großen werden größer: Wie das Internet die Macht von Unternehmen wie Amazon zementiert

Wer bei Amazon ein Buch zum Thema „verkaufen“ sucht, wird mit Angeboten zugeschüttet. „Besser verkaufen mit Glaubwürdigkeit und Sympathie“, „30 Minuten für erfolgreiches Verkaufen“ oder „Erfolgreich Verkaufen für Dummies“, heißen die dort angebotenen Bücher. 48.121 Ergebnisse spuckt die Amazon-Datenbank aus.

Man kann sich diese Bücher aber auch sparen. Es reicht, dem zuzuhören, der diese Bücher verkauft: Jeffrey Preston Bezos, besser bekannt als Jeff Bezos, Gründer und Chef von Amazon, dem weltweit größten Internethändler.

Der Wirtschafts-Zeitschrift Harvard Business manager (Ausgabe 11/2007) hat Bezos einmal verraten, wie er es mit dem 1994 gegründeten Unternehmen zur globalen Nummer Eins unter den Internet-Verkaufshäusern gebracht hat. “Wir verdienen kein Geld, indem wir Sachen verkaufen“, hatte er gesagt, „wir verdienen Geld, wenn wir den Kunden helfen, Kaufentscheidungen zu treffen.”

Den Kunden in den Mittelpunkt stellen! So oder so ähnlich liest man es auch in den zahllosen Verkäufer-Büchern. Aber keiner hat dies so ernst genommen wie der 1964 in New Mexico, USA, geborene Bezos.

Denn wer bereit ist, Geld auszugeben, hat zwei Entscheidungen zu treffen. Was will ich kaufen? Und: Wo will ich kaufen? Aus ersterer Frage folgt die Kaufentscheidung, aus letzterer die Wahl des Verkäufers.

Bezos hat früh erkannt, dass, wer bei einer Kaufentscheidung behilflich ist, auch als Verkäufer in Frage kommt. Deswegen stehen Bewertungen und Empfehlungen von Produkten („Kunden, die Produkt A gekauft/gesucht haben, haben auch B gekauft“) im Mittelpunkt der Amazon-Philosophie.

Das Unternehmen hält mehrere Patente auf die Bewertungstechnik, die auf der Amazon-Webseite zum Einsatz kommt.

Ist die Kaufentscheidung gefallen, bietet Amazon wenig Gründe, warum nicht auch gleich der Einkauf dort getätigt werden sollte. Denn der Kaufprozess bei Amazon ist einfach. Zum Beispiel mit der „1-Click-Bestellung“. Auch darauf hat Amazon ein Patent.

100 Millionen Menschen haben in den vergangenen 12 Monaten bei Amazon eingekauft. Von jedem Einzelnen hat Amazon Name, Adresse, Bankverbindung oder Kreditkartennummer.

80 Milliarden US-Dollar ist Amazon deshalb an der Börse wert. Allein in den letzten drei Monaten diesen Jahres wird Amazon einen Umsatz von rund 13 Milliarden Dollar machen.

Dieser Umsatz ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Auch weil Amazon sein Geschäftsfeld stetig erweiterte. So betreibt Amazon für andere Händler und Hersteller deren Portale. Zum Beispiel für den Uhrenhersteller Timex, das Kaufhaus Marks & Spencer oder das Modelabel Lacoste. Und seit 1. Juli diesen Jahres kann man bei Amazon auch Lebensmittel bestellen.

Den größten Erfolg aber hatte Bezos mit einer Geschäftsidee, bei der sich Amazon nur  bequem zurücklehnen muss. Die Arbeit machen andere. „Marketplace“ heißt die auf der Amazon-Webseite integrierten Plattform, bei der nicht Amazon selbst als Anbieter auftritt. Das Unternehmen stellt lediglich seine Webseite zur Verfügung, um andere Geschäfte machen zu lassen. Privatanbieter und Profis verkaufen dort Neuware und Gebrauchtartikel – und Amazon hält bei jedem Abschluss die Hand auf und kassiert 15 Prozent des Kaufpreises.

Eine solche Provision kann sich nur leisten, wer wenig bis keine Konkurrenz hat. Die wird vermutlich weiter abnehmen. Denn erstens spielt der technische Fortschritt Amazon in die Hände. Was früher stofflich war, wird zunehmend digital – und damit zum idealen Verkaufsobjekt für das Internet. Musik, Filme, Bücher, Zeitungen und Zeitschriften werden zunehmend über elektronische Geräte verbreitet. Keine Frage: In fünf Jahren wird ein großer Teil der Kunden von Buchverlagen, Medienunternehmen und Fernsehsendern stetig ein Gerät bei sich haben, mit dem man lesen, schauen, hören – und vor allem einkaufen kann.

Eine zweite Entwicklung trägt zudem dazu bei, dass Große größer werden. Das Internet selbst bringt diesen Effekt hervor. Die Kosten für den Unterhalt einer Plattform im Internet orientieren sich meist nicht an der Zahl der Personen, die sich auf dieser Plattform aufhalten. Ob 10 Menschen pro Tag eine Webseite besuchen oder 1000 ändert an den Kosten wenig. Die sind nämlich weitgehend fix.

Entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens sind aber die Kosten pro Kunde. Sind die Kosten fix, so sinken die Durchschnittskosten mit jedem weiteren Besucher und potenziellen Kunden eines Portals.

Mit anderen Worten: Je größer ein Unternehmen wird, desto besser steht es gegenüber der Konkurrenz da. Größe wird so zum Selbstläufer. Die Ökonomie hat dafür einen Namen gefunden: natürliche Monopole. Google, iTunes, Amazon, eBay, Facebook – diese Namen werden uns in diesem Jahrhundert noch lange begleiten.

Was die Situation zudem verschärft: so genannte Netzwerkeffekte. Je mehr User bei einem Portal sind, desto mehr profitiert jeder davon. Am besten lässt sich dieser Effekt bei sozialen Netzwerken wie Facebook feststellen. Am meisten nutzt einem der Einstieg in einen solches Netzwerk, wenn sich bereits die meisten Freunde und Bekannten dort aufhalten. Wo alle sind, lohnt sich das Mitmachen.

Auch hier die Folge: Die Großen werden größer. Wie ein reißender Strom, der mit tausenden Nebenarmen alles in sich einverleibt, was sich ihm widersetzt. Wie der südamerikanische Strom Amazonas, der weit verzweigteste und wasserreichste Strom der Erde – und der Namensgeber des weltgrößten Internethändlers.


Der gute Chef: Wer als Unternehmer Erfolg haben will, sollte sich nicht Ebenezer Scrooge zum Vorbild nehmen

Als Charles Dickens 1843 seine Weihnachtserzählung “A Christmas Carol” (“Eine Weihnachtsgeschichte”) schrieb, war dies auch eine Abrechnung. Dickens hatte die Missstände im England des 19. Jahrhunderts am eigenen Leib erlebt. Weil sein Vater die große Familie wegen gestiegener  Lebenshaltungskosten nicht mehr hatte ernähren können, war er in einem Schuldgefängnis gelandet (In solche bis ins 19. Jahrhundert übliche Sonderanstalten kam, wer seine Zahlungsverpflichtungen nicht erfüllen konnte.). Um das finanzielle Überleben der Familie zu sichern, arbeitete der 11-jährige Charles in einer Lagerhalle, später als Hilfsarbeiter in einer Fabrik für Schuhpolitur. Die Schule besuchte er nur unregelmäßig.

Die Hauptperson in Dickens‘ Weihnachtserzählung ist der Tyrann Ebenezer Scrooge. Der ist alleiniger Inhaber des Warenhauses “Scrooge and Marley”, geizig, habgierig und schikaniert bei jeder  Gelegenheit seinen Mitarbeiter Bob Cratchit. Den Unternehmertyp „Scrooge“ mag es im aufkommenden Industriezeitalter häufiger als heute gegeben haben, zur „Mitarbeiterführung“ mancher Vorgesetzten gehört aber noch immer Kontrolle, Schikane und Gängelung. Und tatsächlich ist dies ja auch eine Möglichkeit, Mitarbeiter anzuhalten, ihre Arbeitszeit vollständig für das Unternehmen einzusetzen.

„Kontrolle schafft Gewissheit, ist aber aufwendig, unflexibel und wenig motivierend“, sagt Frank Hauser, Geschäftsführer des Great-Place-to-work-Instituts, einem Forschungs- und Beratungsunternehmen. Der Trend gehe deshalb in eine andere Richtung, so Hauser. Bei der Regelung der Arbeitszeit gingen immer mehr Unternehmen zur Vertrauensarbeitszeit über und verzichteten auf strenge Kontrollen.

„Unternehmen sind darauf angewiesen, dass Mitarbeiter die Mittel – Finanzen, Produkte, Zeit – zum beabsichtigten Zweck verwenden; das lässt sich über Vermittlung, Integration und Identifikation schaffen, ohne dann aber im Einzelnen Gewissheit zu haben, was geschieht.“ Allerdings fiele es noch immer vielen Managern schwer, diese Offenheit zu ertragen, so Hauser.

Der „Techniker Krankenkasse“ gelingt dies offensichtlich. Sie wurde 2009 zu Deutschlands bestem Arbeitgeber gewählt. Was sind die Merkmale von Beschäftigten, die für solche Arbeitgeber tätig sind? Sie vertrauen den Menschen, für die sie arbeiten, sind stolz auf das, was sie tun, und haben Freude an der Zusammenarbeit mit anderen. „Im Mittelpunkt unserer Definition ausgezeichneter Arbeitsplätze steht die Idee, dass die Qualität eines ausgezeichneten Arbeitsplatzes durch drei miteinander verbundene Arten von Beziehungen bestimmt ist“, so die Überzeugung des Great-Place-to-work-Instituts,

  1. der Beziehung zwischen Mitarbeitern und Management,
  2. der Beziehung zwischen Mitarbeitern und ihrer Arbeitstätigkeit sowie dem Unternehmen beziehungsweise der Organisation,
  3. und der Beziehung zwischen den Mitarbeitern untereinander.

Kürzer gefasst: Vertrauen, Stolz und Teamgeist machen Arbeitnehmer zufrieden. Aber wirkt sich eine solche Unternehmenskultur letztlich auch auf den Unternehmenserfolg aus? Schließlich ist die Schaffung eines positiven Arbeitsklimas nicht sozial, sondern betriebswirtschaftlich motiviert. Für den Arbeitgeber ist entscheidend, ob sich aus einer Unternehmenskultur ein wirtschaftlicher Nutzen ergibt.

Eine Studie des deutschen Great-Place-to-Work-Instituts im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales bestätigt den betriebswirtschaftlichen Nutzen. Unternehmen mit höher engagierten Mitarbeitern sind demnach signifikant häufiger erfolgreich als Unternehmen mit einem geringeren Engagement ihrer Beschäftigten, so das Ergebnis einer Mitarbeiter-Befragung in 314 zufällig ausgewählten Firmen in Deutschland.

Allerdings hat die Untersuchung einen Haken: Die Richtung der Kausalkette ist ungeklärt. Möglich ist nämlich auch, dass die Mitarbeiter zufriedener sind, weil ihr Unternehmen erfolgreich ist und zum Beispiel genug Geld zur Förderung der Unternehmenskultur vorhanden ist.

Unzweifelhaft allerdings ist, dass zufriedene Mitarbeiter seltener den Arbeitgeber wechseln. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wird die Mitarbeiterbindung zunehmend an Bedeutung gewinnen. Wer Erfolg haben will, muss vor allem seine besten Angestellten halten. Aktuell leben in Deutschland 56 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 64. Im Jahre 2050 werden es vermutlich nur noch gut 40 Millionen sein. Der „War for Talents“, der  Kampf um die besten Arbeitnehmer, wird sich verschärfen. Zu einem Chef à la Scrooge wird es kaum einen mehr ziehen.


Von wegen Bio-Boom! Öko-Lebensmittel führen noch immer ein Nischendasein, doch das wird nicht so bleiben

Der Eintritt in den Öko-Markt des Vertrauens kostet 17,90 Euro. Das ist der Mitgliedsbeitrag, der monatlich an die „LPG Biomarkt GmbH“ in Berlin zu überweisen ist. Wer ihn bezahlt, darf in Europas größtem Bio-Markt günstig einkaufen. Denn an allen 18.000 Artikeln des Marktes, die auf einer Fläche groß wie zwei Handballfelder angeboten werden, kleben zwei Preise: der „Normalpreis“ und der rund 20 Prozent günstigere „Mitgliedspreis“.

Bezahlen um Bezahlen zu dürfen – so lautet das unausgesprochene Konzept des LPG Biomarktes im Berliner Statdtteil Prenzlauer Berg. Sieben von zehn Kunden, die dort einkaufen, besitzen den LPG-Mitgliedsausweis.

Vielleicht kann dieses Konzept nur hier funktionieren. Zwei Drittel der Prenzlauer-Berg-Bewohner sind erst nach der Wende zugezogen; sie leben in frisch sanierten Altbauhäusern, die sie sich leisten können, weil sie (zumindest für Berliner Verhältnisse) zu den Besserverdienenden gehören; außerdem hat der Bezirk die höchste Geburtenrate der Hauptstadt – die perfekte Zielgruppe für ein Geschäft mit gesunden, teuren Lebensmitteln.

20 bis 30 Prozent mehr kosten Bio-Artikel im Vergleich zu konventionellen Produkten. Und es wird nicht zuletzt an diesem Preisunterschied liegen, warum wir zwar in den Medien häufig vom Bio-Boom lesen und hören, in Wirklichkeit diese Branche aber noch immer ein Nischendasein fristet.

Die Diskrepanz ergibt sich aus der Verwendung zweier unterschiedlicher Zahlen, einer relativen und einer absoluten: der Wachstumsrate und der Basis dieser Wachstumsrate. Ist die Basis gering, ändern auch hohe Wachstumsraten (zunächst) wenig. So ist die Bio-Branche in der Vergangenheit zwar um bis zu 30 Prozent pro Jahr gewachsen. Dennoch beträgt ihr Anteil an allen Lebensmitteln heute gerade einmal vier Prozent.

Dabei wird es nicht bleiben. Die Unternehmensberatung Ernst & Young schätzt, dass der Marktanteil für Bio-Produkte bis zum Jahr 2020 auf 30 Prozent steigen wird. Und auch das wird vermutlich nicht die Obergrenze bleiben.

Weil es sich mit den Bio-Produkten wie mit dem Airbag verhalten wird: Früher war er was besonderes, heute wird kein Auto mehr ohne ihn verkauft. Was von Vorteil ist, setzt sich durch. Auch Bio-Produkte werden zum Standard werden.

Aus drei Gründen:

  1. Wir können uns hohe Qualität leisten. Nur nur noch knapp 13 Prozent unserer Konsumausgaben verwenden wir für Essen und Trinken (einschließlich alkoholischer Getränke). 1990 waren es noch 18, 1970 über 25 Prozent gewesen (Link zur Zeitreihe des Statistischen Bundesamtes).(Der Anteil ihres Einkommens, den eine Gesellschaft für Lebensmittel aufwendet, ist übrigens ein guter Indikator für ihren Wohlstand. Wer nichts hat, wer von der Hand in den Mund lebt, der wird, um zu überleben, fast alles in Nahrung investieren.)
  2. Bio-Siegel unterstützen beim Griff zur Ökoware. Jeden Tag werden in Deutschland 150 Millionen Kaufentscheidungen getroffen. Aber wir wissen so wenig über die Produkte, die in unseren Einkaufswägen landen. Wie ist die Qualität? Werden wir den Kauf bereuen?Weil wir ständig entscheiden müssen, aber kaum etwas wissen, reduzieren wir regelmäßig unsere Kaufentscheidung auf wenige Kriterien. Wir entscheiden nach Erfahrung, nach Aussehen und danach, was andere sagen. Zum Beispiel die Stiftung Warentest: Ein Produkt, das die Auszeichnung „gut“ oder „sehr gut“ auf seiner Verpackung kleben hat, wird deutlich häufiger in den Einkaufskorb gelegt.

    Bio-Siegel haben eine ähnliche Wirkung. Das bekannteste ist das sechseckige, grüne, staatliche Siegel, das es seit 2001 gibt. Über 50.000 Lebensmittel tragen mittlerweile dieses Siegel und zeigen damit, dass sie nach der EG-Öko-Verordnung hergestellt wurden.

  3. Bio-Produkte werden billiger. Der Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel und artgerechte Tierhaltung machen Bio-Lebensmittel teurer als konventionelle. Aber auch in der Bio-Landwirtschaft gibt es Fortschritt, der die Produktion verbessert und vereinfacht. Außerdem professionalisiert sich der Handel mit Ökoprodukten zunehmend. Der Preisaufschlag für Bio-Produkte wird von heute 20 bis 30 Prozent auf 10 bis 15 Prozent sinken, schätzt die Unternehmensberatung Ernst & Young.

Diese Professionalisierung bekommen auch die Pioniere zu spüren. Immer mehr kleine Öko-Läden müssen schließen.

Auch den „Lebensbaum Naturwaren Laden“ aus Berlin gibt es nicht mehr. 1971 eröffnet galt er als der erste Bio-Laden Europas. „Uns ist finanziell die Luft ausgegangen. Es tut weh, alles aufzugeben“, diktierten die Besitzer Florence Spitz und Ronald Brauer, wenige Tage vor der Schließung einem Reporter der Tageszeitung Tagesspiegel in seinen Schreibblock, „aber die marktbeherrschende Stellung der Bio-Ketten lässt einem keine Chance.“



Das Geschäftsmodell von Apple ist von gestern – eigentlich

Der iPhone-Gott will mit Apple nichts mehr zu tun haben. Er hat genug. Gibt auf. Will zurück in die Freiheit. – Ganz lapidar hatte Joe Hewitt seine Entscheidung in die Welt getragen: „Es ist Zeit für mich, etwas Neues zu probieren“, twitterte er vor wenigen Tagen, um auf Nachfrage dann doch seine Leidensgeschichte zu offenbaren.

Hewitt ist Programmierer bei Facebook. Damit man auch auf Apples iPhone verfolgen kann, was die Facebook-Freunde so treiben, hat Hewitt eine Software geschrieben, eine so genannte App. Über 100.000 solcher Programme gibt es mittlerweile für das iPhone.

Hewitt galt als einer der besten App-Programmierer. Jetzt steigt er aus, weil er sich von Apple bevormundet und gegängelt fühlt. Wegen des internen Prüfungsverfahrens bei Apple. Jede Software, die im so genannten App-Store angeboten werden will, muss zuvor diese Prüfung durchlaufen. Diese wird von Hewitt (und vielen anderen) als zu strikt und undurchsichtig kritisiert. Manche Entwickler warten Wochen und Monate auf die Zulassung ihrer Software, anderen wird sie mit unverständlichen Begründungen ganz verweigert.

Typisch Apple! Auf Transparenz legte der Computerkonzern aus dem kalifornischen Cupertino noch nie gesteigerten Wert. Wichtiger sind ihm: Geheimniskrämerei und Abschottung. Dabei scheinen diese Prinzipien so gar nicht zur modernen Computer- und Internetwelt zu passen. Dort ist vermeintlich alles offen, jede Information nur ein Klick weit entfernt, Zusammenarbeit wichtiger als Konkurrenz, Arbeitsteilung das A und O.

Aber Apple ist anders. Man will fast alles selbst machen. Teure Berater rund um den Globus verkünden (bevorzugt in Krisenzeiten), dass sich jedes Unternehmen auf seine Kernkompetenzen zu konzentrieren habe. Verkürzen Sie Ihre Wertschöpfungskette, raten sie. Bieten Sie nur an, was Sie am besten können!

Apple schert sich um solche Ratschläge nicht: Das eigens entwickelte Betriebssystem (OS X) läuft ausschließlich auf den eigens produzierten Rechnern; man steigt mit neuen Produkten (iPhone) in fremde Branchen (Telefonmarkt) ein; schenkt dem Handel keinen Cent, indem man vorwiegend in eigenen Apple-Stores verkauft; und lässt sich eben auch bei den Apps fürs iPhone nicht vorschreiben, wann welche Software zu erscheinen hat.

Apple ist anders, und Apple ist erfolgreich. So erfolgreich wie noch nie. Die jüngsten Quartalszahlen haben die Erwartungen der Finanzexperten mal wieder deutlich übertroffen. Mehr als 3 Millionen Mac-Computer, über 10 Millionen iPods und 7,4 Millionen iPhones – so viele Geräte hat Apple allein in den Monaten Juli, August und September verkauft. Der Umsatz stieg auf fast 10 Milliarden Dollar (ein Plus von 25 Prozent im Vergleich zum gleichen Vorjahresquartal) und der Gewinn legte auf 1,67 Milliarden Dollar zu (plus 46 Prozent).

Jetzt ist Apple sogar in Sichtweite der Nummer eins, Microsoft. 180 Milliarden Dollar ist Apple mittlerweile an der Börse wert und übertrifft damit Branchenriesen wie Google (174 Milliarden Dollar), IBM (159), HP (114), Intel (109) oder Dell (29). Analysten schätzen, dass der Preis pro Aktie auf 280 Dollar steigen könnte. Dann würden alle Apple-Aktien zusammen 250 Milliarden Dollar wert sein, genau so viel, wie alle Microsoft-Aktien heute.

Wenn aber das Geschäftsmodell von Apple eigentlich von gestern ist, warum ist das Unternehmen dann so erfolgreich?

Es ist die Leidenschaft – eine Eigenschaft, die sich vorwiegend in eigentümergeführten Unternehmen findet. Im Haushaltswaren-Laden um die Ecke oder beim Brillengeschäft am Marktplatz erlebt man die damit verbundene Einstellung häufig: Man wird freundlich bedient, gut beraten, nicht übers Ohr gehauen. Dort, wo der Ladenbesitzer selbst am Werk ist, werden die Wünsche der Kunden am häufigsten erfüllt.

Der Vorteil gegenüber anderen Unternehmensformen: Zumindest für den Chef ist der Beruf mehr als nur ein Job. Der hat viel Zeit und Geld investiert. Es geht ihm um Erfolg, manchmal sogar um die Existenz. Dafür ist er bereit, besonders viel zu leisten. Gute Voraussetzungen für eine positive Geschäftsentwicklung.

Um die Existenz geht es bei Steve Jobs schon lange nicht mehr. Aber Apple ist Jobs Lebenswerk. Er hat das Unternehmen 1976 gegründet und besitzt heute 5,5 Millionen Apple-Aktien. Er hat also viel zu verlieren. Seine Leidenschaft und seine Intelligenz haben Apple aus der Versenkung geholt. Weil er, wie kaum ein zweiter, immer wieder Antworten auf die beiden wichtigsten Fragen findet: Was wollen die Kunden? Wofür sind sie bereit, (möglichst viel) Geld zu bezahlen? – Für einfache Bedienung? Ja. Für gute Verarbeitung? Ja. Für tolles Design? Ja.

Hinzu kommt: Steve Jobs hat früh erkannt, dass seine Hard- und Software der Schlüssel für weitere Geldquellen ist. Von jeder verkauften App fürs iPhone erhält Apple 30 Prozent. Und nirgendwo im Internet wird mehr Musik erworben als bei iTunes. 80 Prozent aller Käufe werden über die Software abgewickelt. Die Apple-Gewinnmarge pro verkauftem Song: immerhin 3 Prozent.

Apples Erfolg aber ist auch Apples Gefahr. Dem Vorteil eigetümergeführter Unternehmen steht ein Nachteil gegenüber: Was passiert, wenn der Eigentümer einmal abtritt? Als Jobs im Januar diesen Jahres eine krankheitsbedingte Auszeit von einem halben Jahr verkündetet, sackte die Apple-Aktie um 10 Prozent ab.

An das Ende des Erfolgsduos Apple und Jobs denken aber zumindest die Börsen zur Zeit nicht. Die kurze Sicht dominiert die lange. Jobs, so wird erwartet, wird alsbald die nächste Revolution einläutet, und zwar in Form eines neuen Apple-Computers, dem Tablet.

Darunter versteht man einen Computer, der vor allem aus einem berührungsempfindlichen Display besteht, also keine Tastatur braucht. Das Tablet soll der bessere E-Book-Reader werden. Das wird für Apple vermutlich nicht allzu schwer werden, betrachtet man Design und Handhabung der aktuellen Reader. Außerdem soll das Tablet mehr können: Es soll Spielkonsole, DVD-Player, Musikspieler sein; und natürlich wird man mit dem neuen Computer auch im Internet surfen können.

„Apple wird mit seinem Tablet jeden sprachlos machen“, formuliert jüngst eine Börsen-Analystin ihre hochgesteckten Erwartungen. Bisher hat Jobs diese meist übertroffen.

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Dieser Artikel erscheint im Südkurier.


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