AfD und Piratenpartei: Abschied oder Zukunft?

Wahlkampfreden wie bei den etablierten Parteien und das Durchwinken zahlloser Anträge – wer bisher behauptet hatte, die Piraten könnten sich nicht an die Spielregeln der Mediendemokratie anpassen, wurde auf dem Bundesparteitag am Wochenende eines Besseren belehrt. (umfangreiche Berichterstattung auf tagesschau.de)

Beschlossen wurde, was zu befürchten war: ein flächendeckender Mindestlohn zum Beispiel (9,02 Euro pro Stunde für unbefristete und 9,77 Euro für befristete Arbeitsverhältnisse) oder das bedingungslose Grundeinkommen (Höhe offen).

Die Tendenz bei der wirtschaftspolitischen Ausrichtung der Piratenpartei geht in Richtung “mehr Staatseingriff” und “mehr Umverteilung”. Der Einfluss des Frankfurter Kollegiums, der wirtschaftsliberalen Gruppierung der Partei, bleibt überschaubar.

Auch wenn die Piratenpartei noch lange nicht opportunistisch ist (schließlich wurde auf dem Parteitag erfreulicherweise auch für Abschaffung des reduzierten Umsatzsteuersatzes von 7 Prozent gestimmt, für die es bei Wahlen keinen Blumentopf zu gewinnen gibt), so bewegt sie sich doch in eine Richtung, wo sich bereits andere Parteien (unter anderem wegen opportunistischer Überlegungen) befinden. SPD, Grüne, Linke – sie alle stehen für eine Politik, die ebenfalls mehr staatliche Aktivitäten und mehr Umverteilung fordern.

Inhaltlich gesehen wird es also eng für die Piratenpartei. Aber das muss kein Problem sein. Die Stärke der jungen Partei  liegt nicht im “Was”, sondern im “Wie”. Ihre Inhalte müssen sich nicht zwingend von den Positionen der etablierten Parteien unterscheiden. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist die Art des Politikmachens. Das klingt wenig und ist doch so viel. Denn die Piratenpartei fängt Teile einer Generation ein, für die Politik etwas Fremdes war, etwas, das wenig bis nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun hatte. Die Piratenpartei hat die Politik zurück in ihr Leben gebracht.

Ob das dauerhaft für mehr als 5 Prozent reicht? Die Piraten haben ein demografisches Problem. Jene, die sie potenziell wählen, sind jung, also eine Minderheit. Anders als beim Start der Grünen fehlt den Piraten die Wählerbasis für große Sprünge. Sie müssen über populäre Themen und sympathische Gesichter punkten. Der Bundesparteitag zeigt, dass sie diesen Weg gehen.

Anders die zweite Alternative zum Berliner Politikestablishment, die Alternative für Deutschland (AfD). Sie besetzt ein Feld, das die etablierten Parteien verlassen haben. Im Grunde sind es zwei Felder. Die AfD will Alternative zur vermeintlich alternativlosen Euro-Rettungspolitik von Bundesregierung und parlamentarischer Opposition sein.

Doch das singuläre Thema könnte Türöffner für eine dauerhafte Präsenz im Parteienspektrum sein. Weil die AfD einen Platz bei jenen Wählern finden könnte, die früher Herz und Hirn an die FDP gegeben haben. Die heute aber die FDP nicht mehr wählen, weil sie zu offensichtlich Klientelpartei wurde, statt liberale Partei.

Das ist die große Chance der AfD: Mit dem populären (und ordnungspolitisch korrekten Thema “Euro-Kritik”) jene Aufmerksamkeit  erlangen, die für eine neue Partei zwingend nötig ist, um dauerhaft eine inhaltliche Nische (staatskritische, liberale Positionen) zu besetzen.

Ob das bei der Bundestagswahl für mehr als 5 Prozent reicht? Nur, wenn die Eurokrise Deutschland bis zum September erreicht.

Die Politik arbeitet fleißig daran, dass dies nicht geschieht, dass die Kosten einer falschen Währungspolitik die nächste (Politiker)Generation zahlen muss.

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Frauenquote: Der Zwang zum Fortschritt ist kein Fortschritt

Warum eigentlich gerade der Aufsichtsrat? Es gibt zahlreiche Rechtsformen für Unternehmen in Deutschland; UG, GmbH, KG etc. Es gibt zahllose Berufs- Karriere-, Verwirklichungsmöglichkeiten. Aber ausgerechnet im Aufsichtsgremium der Aktiengesellschaft soll es zukünftig per Gesetz eine Frauenquote geben. Gestritten wird nur noch über Quotenhöhe und Zeitpunkt der Einführung.

Die Antwort auf die Frage “Warum gerade in Aufsichtsräten von AGs?”, lautet: Weil die Politik hier ein Zeichen setzen kann. Schaut, wir tun was für die Gleichstellung von Mann und Frau! – Dabei wird das Gesetz die allerwenigsten Menschen betreffen.

Zum Glück! Denn was als Fortschritt (Gleichberechtigung) verkauft wird, ist Rückschritt. Rückschritt von Freiheit zu Zwang.

Es gibt beim Ziel der Emanzipation nur ein Mittel der Wahl, es lautet Marktwirtschaft.

Markwirtschaft verwirklicht Emanzipation auf Basis von Freiwilligkeit. Wer bei der Auswahl seines Personals einen Mann, einer besser qualifizierten, talentierteren Frau vorzieht, der macht nur die Konkurrenz glücklich. Unternehmen, deren Verantwortliche in falschen Rollenbildern denken, wird es mittel- bis langfristig nicht mehr geben. Sie gehen pleite.

Wer glaubt, Männer belegen deshalb den Großteil der Führungspositionen, weil es ihnen – dank Kungelkreisen – gelingt, Frauen absichtlich außen vorzuhalten, ist eine Verschwörungstheorie-Fan. Der Grund für geringe Frauenquoten in Führungspositionen ist ein anderer und tatsächlich im Kern ein gesellschaftlicher: Frauen wählen noch immer zu größeren Teilen Berufe, bei denen Anerkennung und Einkommen gering sind. Und sie steigen häufig länger aus dem Berufsleben aus.

Klassisches Rollenbilder dominieren weiter unser Leben. Man kann das schlecht finden. Man muss das aber nicht schlecht finden. Es ist das Ergebnis freier Entscheidungen.

Schon gar nicht sollte der Staat die Gesellschaft mit Zwang in eine Richtung bewegen, weil eine Mehrheit meint, sie sei für Alle die Richtige.

Tolerant sein heißt auch, Lebenseinstellungen hinzunehmen, die man selbst als überholt betrachtet. Zwang zum Fortschritt ist kein Fortschritt. Er ist nur, was er ist: Zwang.

Angela Merkel ist das egal. Sie ist auf die Linie der Unionsbefürworter einer starren Frauenquote in Aufsichtsräten eingeschwenkt und hat, schwups, der Opposition das nächste Wahlkampfthema weggeschnappt (siehe auch Pixelökonom-Post “Eisverkäuferin Merkel“).

Angela Merkel hat den Begriff von der “Alternativlosigkeit” bei der so genannten Eurorettung geprägt. In absurder Weise gilt dieser Begirff vor allem für ihre Politik. Indem sie die Politik der Opposition betreibt (damit es für den Wähler keinen Grund gibt, die Opposition zu wählen), hat sie ihre eigene Politik alternativlos gemacht. Denn jedes andere Politikangebot ähnelt dem der Regierung.

Es ist deshalb wichtig, dass in Deutschland eine marktwirtschaftliche Opposition wächst, wie etwa die Alternative für Deutschland (AfD). Damit Angela Merkel nicht mehr nur zu SPD und Grünen schielen kann. Dass sie auch jenen, welche die Politik-Angebote der Opposition wenig schätzen, Aufmerksamkeit geben muss. Das Regieren wird für Angela Merkel schwerer werden. Aber ohne politische Alternativen hat die Demokratie ihren Namen nicht verdient.

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Merkels Freund: Ein Abend mit Friedrich Merz

Am 17. August 2005 holt Angela Merkel den Steuerexperten Paul Kirchhof in ihr so genanntes Kompetenzteam. Sie will im Wahlkampf mit dem prominenten Professor aus Heidelberg punkten. Eigentlich hätte Friedrich Merz dieses Position zugestanden. Er war der ausgewiesene Steuerexperte der Union gewesen. Am Abend dieses Tages ist Merz Hauptredner des so genannten VS-Forums in Villingen-Schwennigen. Ich durfte über die Veranstaltung schreiben und wusste nicht, von was ich mehr beeindruckt sein sollte: Von seinem mitreißenden Vortrag oder von seiner Professionalität, wie er ohne Regung, ohne Seitenhieb seine Niederlage wegsteckte.


Wahrscheinlich ist Friedrich Merz einfach ein begnadeter Schauspieler. Weil Politikern oft nichts anderes übrig bleibt, als eine Rolle zu spielen. Sie sind öffentliche Menschen. Stehen im Rampenlicht. Werden durchleuchtet. Wer überleben will, braucht eine zweite Haut. Eine, die aussieht, als sei sie das Original. Als würde zwischen dem, was man denkt, und dem, was man sagt, kein Blatt Papier passen. Als sei der Mensch auf der Bühne, vor der Kamera, am Rednerpult eine authentische Person.

Friedrich Merz scheint ein solcher Politiker zu sein. Einer, dem man abnimmt, was er sagt. Einer mit ökonomischem Sachverstand, gepaart mit brillanter Rhetorik. Merz überzeugt, weil er selbst überzeugt ist. Und doch muss der Mann ein guter Schauspieler sein. Zumindest an diesem Abend. Anders ist sein Auftritt beim VS-Forum des Südkurier in Villingen nicht zu erklären.

Normalerweise hätte dieser Mittwoch, der 17. August 2005, ein Wendepunkt im Leben des Juristen Merz werden sollen. Doch die Frau, die sich anschickt Deutschlands erste Kanzlerin zu werden, machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Ihm, dem ehemaligen Richter am Amtsgericht Saarbrücken. Der nach seinem Umstieg in die Politik lange Zeit nur eine Karriere-Richtung kannte: steil nach oben. Der von 1989 bis 1994 Europaparlamentarier war. Dann in den Bundestag wechselte, dort schnell zum Obmann m Finanzausschuss aufstieg. Der nach der verlorenen Bundestagswahl 1998 stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender wurde und nach dem Rücktritt Wolfgang Schäubles im Jahr 2000 gar die Spitze übernahm.

Wäre alles so gelaufen wie gedacht, Friedrich Merz hätte diesen 17. August in Berlin verbracht. Es wäre jener Tag gewesen, an dem er zum designierten Finanzminister ernannt worden wäre. Das zähe Aktenstudium über Steuerdetails, die mühevolle Wahlkampfarbeit im Wahlkreis, die geduldigen Bemühungen, Parteimitglieder von notwendigen Reformen zu überzeugen – all das hätte sich mit der Berufung in Angela Merkels Kompetenzteam auf einen Schlag ausgezahlt. Erstmals in seinem Leben hätte Merz – der kompetenteste Wirtschaftsexperte der CDU – die konkrete Aussicht gehabt, in naher Zukunft die Geschicke des Landes entscheidend mitzubestimmen.

Stattdessen verbringt er den Abend in der Villinger Tonhalle. Spricht über den Arbeitsmarkt, die Sozialversicherungen, das Steuersystem – all das, worüber er seit Jahren redet. Er hat sich das selbst eingebrockt. Er hat sich mit Angela Merkel angelegt. Zwei Alphatiere, die beide an die Spitze wollten. Merz hat verloren und aufgegeben, so könnten man meinen.

2002 – der Wendepunkt in der politischen Karriere von Friedrich Merz: Die Union verliert die Bundestagswahl gegen Rot-Grün und die Parteichefin nimmt Merz den Fraktionsvorsitz im Bundestag weg. Und ein Jahr später: Im Urlaub auf Mallorca erarbeitet Merz ein radikal vereinfachtes Steuerkonzept. Es sieht einen Stufentarif bei der Einkommensteuer mit 12, 24 und 36 Prozent vor – finanziert durch einen weitgehenden Verzicht auf Steuervergünstigungen wie Pendlerpauschale, Steuerfreiheit von Nachtzuschlägen und Sparerfreibetrag.

Merz verspricht eine Reform, nach der die meisten Steuererklärungen auf einen Bierdeckel passen würden. Die Vorschläge sind mutig. Zu mutig für seine Partei, wie sich bald herausstellt. Schon kurz nach dem Parteitag im November 2003 in Leipzig bröckelt die Zustimmung. Die Reform sei nicht finanzierbar, kritisieren Länderfinanzminister der CDU.

Im März 2004 verständigen sich CDU und CSU auf ein Reformkonzept, das höhere Steuersätze und nur einige Ausnahmen auf der Streichliste vorsehen. Merz’ Bierdeckel-Reform ist gedeckelt. Die Konsequenz: Am 12. Oktober 2004 teilt Merz der Parteivorsitzenden in einem Brief mit, dass er die Ämter in der CDU niederlegen wird. Zum 1. Januar 2005 tritt er in eine international tätige Großkanzlei ein. Jetzt verdient Merz richtig Geld – und hat richtig wenig politischen Einfluss.

Statt Merz hat Merkel nun den ehemaligen Verfassungsrichter Paul Kirchhof ins Kompetenzteam geholt. Das muss den einstigen Hoffnungsträger der CDU tief getroffen haben. Keiner hat bisher in Deutschland ein radikaleres Steuerkonzept formuliert als Paul Kirchhof: Er fordert die Abschaffung der Steuerprogression. Alle sollen 25 Prozent Steuern bezahlen, keiner mehr, keiner weniger. Dagegen ist der Stufentarifvorschlag von Merz altbackener Strukturkonservatismus. Doch während die Partei seine Vorschläge als zu radikal zurückgewiesen hatte, wird Kirchhof an diesem Tag als Retter des (Steuer)-Abendlandes gefeiert.

Dabei hat sich Angela Merkel an diesem Mittwoch nicht nur einen klugen Kopf ins Kompetenzteam geholt, sondern auch ein neues Durcheinander: Mit welchem Steuersystem muss der Wähler nun rechen, wenn die Union an die Macht kommt, lautet die berechtigte Frage. Jenes im Wahlprogramm der Union? Oder das von Paul Kirchhoff – vielleicht garniert mit Ide en von Friedrich Merz? Nicht zu vergessen die steuerpolitischen Wünsche eines möglichen Koalitionspartners. Dieses Steuerwirrwarr hätte sich Merkel mit Merz statt Kirchhof zum Teil ersparen können.

Sie hat es nicht gemacht. Deswegen steht Friedrich Merz jetzt im dunklen Anzug, mit weißkariertem Hemd und blaugestreifter Krawatte vor 800 Zuhörern auf der Bühne der Tonhalle. Was er wohl denkt? Man weiß es nicht. Aber man kann ihm zuschauen und zuhören. Und was man sieht und hört, spricht Bände: „Ich habe mich sehr gefreut – und ich sage es ohne Abstriche – dass Angela Merkel Paul Kirchhof ins Kompetenzteam genommen hat.“ Oder: „Ich werde Angela Merkel und Paul Kirchhof nach Kräften unterstützen.“ Merz hätte allen Grund verbittert zu sein und dies auch zu zeigen. Mit dürftig versteckten Seitenhieben auf Merkel. Doch davon ist in Villingen nichts zu hören, nichts zu spüren. Merz ist zu Merkel nicht nur loyal. Er lobt sie sogar. Und damit ist klar: Merz, der zumindest als einfacher Abgeordneter auch dem nächsten Bundestag angehören wird, hat in der Politik noch Großes vor. Dafür braucht er die Unterstützung der Partei. Deswegen spart er Kritik aus. Deswegen tut er so, als sei dieser Tag keine Niederlage für ihn. Merz, der Schauspieler.

Aber Merz ist nicht nur Darsteller, sondern auch Regisseur. Er will lieber über Sachfragen reden, nicht über seine Person, sagt er. Weil er Angst hat, doch noch aufs Glatteis geführt zu werden: Als Südkurier-Chefredakteur Thomas Satinsky und sein Vorgänger Werner Schwarzwälder in einer Diskussionsrunde nachfragen, holt sich der 49-Jährige das Publikum an seine Seite. „Lassen Sie uns doch endlich aufhören immer nur über Personal zu reden“, sagt er, „in der Politik wird viel zu viel über Personen geredet – die Wähler aber erwarten Inhalte.“ Applaus. Merz hat mit einem Handstreich weitere unbequeme Fragen abgewendet. Merz, der Stratege.

Und dann hängt er doch noch einen Satz an. Auch dieser wohl überlegt. „Über Personalfragen können wir noch lang genug reden, wenn wir die Wahl gewonnen haben“, sagt er. Da hat er Recht. Schließlich wird auch über den CDU-Fraktionsvorsitz im nächsten Bundestag zu sprechen sein. Denn da wird Angela Merkel vermutlich auf dem Kanzlerstuhl Platz nehmen.


Dieser Artikel ist am 19. August 2005 im Südkurier erschienen. Ich veröffentliche auf diesem Blog in unregelmäßigen Abständen eine Auswahl an Artikeln aus meiner Zeit beim Südkurier (1999 bis 2007), die bisher nur in Print vorliegen.   

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100 Euro für die Grünen: Warum eine Reform der Minijobs nötig ist

Welch schöne, kleine Sternstunde der deutschen Politik! Alle Parteien kämpfen bereits den Vorwahlkampf. Es werden Wahlgeschenke versprochen (Betreuungsgeld, Reichensteuer etc.), um Mehrheiten – zumindest wahlentscheidende Gruppen – hinter sich zu bekommen. Und in diesem Vorwahlkampf trauen sich die Grünen - in Person der Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckart in einem Interview mit der Rheinischen Post - im Kern die Abschaffung der Minijobs zu fordern. Nur noch für einen Verdienst bis 100 Euro im Monat und für haushaltsnahe Dienstleistungen soll diese Beschäftigungsform gelten.

Mit dieser Forderung kann man im Wahlkampf nicht punkten – und doch trifft sie den Kern des deutschen Arbeitsmarktproblems.

Welches Problem, könnte man fragen. Dem deutschen Arbeitsmarkt geht es doch gut. Vor allem im europäischen Vergleich. Naja. Gerhard Schröders “Agenda 2010″ hat zwar viele Menschen in Beschäftigung gebracht, doch dem Einstieg folgt zu selten der Aufstieg. Nicht zuletzt wegen der Minijobs. Für knapp fünf Millionen Menschen ist der Minijob die einzige Beschäftigung. Sie verdienen im Monat maximal 450 Euro. Wollen sie mehr haben, müssen sie brutto zum Teil deutlich mehr verdienen, damit netto mehr bleibt. Rechnet der Einkommenszuwachs nicht die Mehrarbeit, unterbleibt sie.

Ähnlich die Überlegung bei potenziellen Lohnerhöhungen: Warum für mehr Lohn streiten, wenn man danach die 450-Euro-Grenze überschreiten würde – und damit seinen Minojob “verliert”?

Das Interesse, mehr zu verdienen und zu arbeiten, ist also überschaubar. Die Folge: Zu viele Menschen bleiben im Niedriglohnsektor gefangen.

Die Grünen kämpfen also für Chancengerechtigkeit. Neue Freunde werden sie dadurch dennoch wenige gewinnen. Zehntausende Arbeitgeber profitieren von der Suventionierung der Minijobs (geringere Abgaben zur Sozialversicherung und weniger Steuern), und Millionen Arbeitnehmer fürchten um ihre Minijob-Anstellung.

Es ist immer so, wenn sich die Politik für Chancen einsetzt: Der Ertrag einer derartigen Reform liegt in der Zukunft, die potenziellen Gewinner wissen also nichts von ihrem Glück und machen sich folglich auch nicht für die Reform stark. Bekannt sind dagegen die Verlierer – und die melden sich lautstark zu Wort.

Die Zahl der Verlierer würde sich im Wesentlichen auf eine bestimmte Gruppe beschränken. Es wären vor allem jene, die einem Minijob im Nebenerwerb nachgehen; das sind 2,57 Millionen. (Im Vergleich: Die Zahl der Minijobber, die keiner andere Beschäftigung haben, beträgt 4,8 Millionen.) Dass die Beschäftigungsform “Minijob im Nebenverdienst” bei einer Reform wegfallen würde, ist schlicht eine Frage der Gerechtigkeit. Eine Umverteilung der Steuerlast von unten nach oben ist nicht zu rechtfertigen.

Die meisten der knapp fünf Millionen Minijobber ohne andere Beschäftigung würden dagegen gewinnen. Weil Beschäftigungsverhältnisse mit niedrigem Lohn auch in Zukunft unterstützt würden, etwa in Form einer Steuerreduzierung. Was wegfiele, wäre lediglich die Einkommensklippe hin zu einem höheren Lohn, die es heute zu überwinden gilt.

Fazit: Eine Reform, wie von den Grünen gefordert, würde der Gesellschaft ebenso helfen (mehr Steuereinnahmen durch mehr Wirtschaftsleistung) wie jedem Einzelnen (in Form besserer Aufstiegschancen). Noch immer ist unser Leben klassengeprägt. Die Reform der Minijobs wäre ein Schritt zu einem besseren, weil selbstbestimmteren Leben.

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Gehen wir zum Arzt! – Oder: Wenn Angela Merkel Visionen hätte

Nichts ängstigt den Menschen mehr als sein Ende. Wir wünschen uns Unsterblichkeit. Eine interessante Ausprägung dieser Sehnsucht lässt sich an Machthabern beobachten. Früher ließen sie sich Statuen bauen. Oder sie beendeten Kriege. Um sich als Friedensfürst zu verewigen. Oder sie begannen welche.

In einer aufgeklärten, entmythologisierten und demokratisierten Gesellschaft ist die Unsterblichkeitsmachung deutlich schwieriger. Welches Gesetz, welche Tat hält länger als eine Legislaturperiode? Helmut Kohl profitierte bekanntlich vom Ende des kalten Krieges. Gerhard Schröder muss mit seinem “Nein” zum Irak-Krieg und der “Agenda 2010″ sich mit deutlich weniger Unsterblichkeitspotenzial zufrieden geben.

Was wird man einst über Angela Merkel sagen? Dass Sie die Revision der Revision der Energiewende durchgesetzt hat? Dass die vermeintliche Eurorettung vor allem die Rettung in ihre dritte Amtszeit bedeutete?

Vermutlich wird wenig bleiben.

Ist das bedauerlich? Wo keine Katastrophen drohen, da können auch keine Helden geboren werden. Der Preis unseres gesicherten Lebens ist eine Politik, die nur noch pragmatisch handelt. Die nicht mehr links und rechts kennt. Nicht gut, noch falsch. Die zwischen Interessengruppen Kompromisse aushandelt. Die nicht Meinung bildet, sondern ausführt, was Mehrheiten wünschen. – So sehen heute viele Politik. Wie armselig.

Man muss Angela Merkel für ihre Politik nicht verurteilen. Wenn es einem Land augenscheinlich gut geht, ist der Wille zur Veränderung gering. Wenn die Opposition mehrheitsfähige Positionen vertritt, ist die richtige Strategie des Machterhalts, sich diesen Positionen anzunähern.

Gut finden muss man die Politik von Angela Merkel deswegen noch lange nicht. Politik braucht den Willen zur Macht und zum Machterhalt. Aber das ist nur notwendige, nicht hinreichende Bedingung für gute Politik. Reine Machtpolitik verändert zum einen nur im Notfall. Sie holt das Kind aus dem Brunnen, statt es vor dem Reinfallen zu bewahren. Und eine solche Politik der Anpassung (in diesem Fall an die Opposition) generiert zum anderen nicht, was eine Demokratie zwingend braucht: politische Alternativen.

Auf der anderen Seite: Was wäre denn zu verändern? Wie sehe eine Politik aus, die nicht um des Machterhalts betrieben wird? Sondern eine, die das Ziel hat, das Leben der Menschen zu verbessern. Aller Menschen.

Helmut Schmidt hat den Satz geprägt, wer Visionen habe, der solle zum Arzt gehen. Gut. Gehen wir zum Arzt. Und sprechen über Visionen. Was für eine Politik braucht es, damit die Welt eine bessere wird? Heute. Morgen. 2030.

Keine Frage, Einigkeit über den richtigen Weg in eines bessere Welt zu erzielen, ist schwer bis unmöglich. Fangen wir deshalb mit einer Desillusionierung an. Nämlich der Vorstellung, dass wir kein Wachstum mehr bräuchten. Eine verbreitete Vorstellung, die sich hartnäckig hält. In aller Regel aber nur so lange, bis das Thema beim eigenen Einkommen landet. Davon hätte jeder gerne mehr. Die simple Kausalität von Einkommenswachstum und Wirtschaftswachstum ist vielen fremd. Hinzu kommt: Häufig wird Wachstum immer noch ausschließlich mit Ressourcenverbrauch gleichgesetzt. Seltener mit Fortschritt. Mit Neuerungen. Dass Wachstum auch und gerade darin bestehen kann, mehr mit weniger zu erreichen. Mehr Output, durch weniger Input.

Wir erleben den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg früher verarmter Weltregionen und brauchen dringend Lösungen, damit dieser Aufstieg nicht den ähnlichen Raubbau an der Natur hinterlässt, wie ihn die westliche Welt verursachte. Wir kennen heute 4000 Krankheiten, können aber nur 250 behandeln. Wir haben den Einstieg in die erneuerbaren Energien geschafft, aber ohne Fortschritt bei der Speichertechnologie wird auf den Einstieg das Drama folgen. - Wir brauchen also Wachstum durch Fortschritt. Wir brauchen Menschen, die Ideen nicht nur haben, sondern sie auch umsetzen. Umsetzen können. Weil sie schlau sind. Weil sie mutig sind. Weil anderen davon profitieren, aber auch – und nicht zuletzt – sie selbst. Wir brauchen ein Land, das die besten Voraussetzungen bietet, dass Menschen Ärzte, Ingenieure, Pädagogen, Produzierende, Helfer oder Dienstleister werden wollen. Die das gerne tun, weil die Arbeit ihnen Befriedigung bietet, auch finanzieller Art.

Was hat Angela Merkel in den vergangenen bald acht Jahren zu dieser notwendigen Entwicklung beigetragen?

Oder anderes gefragt: Was hätte Sie beitragen können? Was sind die entscheidenden politischen Stellschrauben, um in einer alternden Gesellschaft gutes Leben nicht nur zu sichern, sondern zu verbessern? Wie müsste eine Politik aussehen, um in Deutschland dauerhaft ein stetig besseres Leben zu ermöglichen?

Eine Agenda.

Mehr Bildung. Natürlich. Alle sagen das. Nur schlaue Menschen erschaffen nützliche, schöne Sachen. Mehr Geld in Bildung stecken, heißt das Schlagwort der Stunde. Aber: Welches “mehr Geld”? Mehr Geld, welches den Menschen mehr über Steuern genommen wird? Die das Geld, das ihnen genommen wird, mehr in die Bildung ihrer Kinder hätten stecken könnten? Zumindest das: Die Forderung nach “mehr Geld” muss am Ende, nicht am Anfang einer Diskussion über besser Bildung stehen.

Wenn die Marktwirtschaft das beste System zur Schaffung von Wohlstand ist, weil der Wettbewerb ein Entdeckungsverfahren um beste Lösungen ist, weil Menschen in Freiheit entscheiden, ob und wenn ja, was sie auf Märkten anbieten und nachfragen wollen. Wer also glaubt, dass die Marktwirtschaft dieses beste System ist, der kommt nicht an der Frage vorbei, warum wir bei der wichtigsten Wohlstandsvoraussetzung, der Bildung, den Wettbewerb ausgeschlossen haben. Warum hat der Staat noch immer weitgehend das Monopol auf Bildung inne? Warum werden Schulen und Universitäten vor allem vom Staat betrieben?

Die Frage nach der richtigen Bildung kennt tausend Antworten. Menschen sind Individuen. Tragen wir den Unterschieden mit unterschiedlichen Wegen des Lernens Rechnung!

Nirgendwo liegt größeres Wachstumspotenzial als darin, die Frage nach der richtigen Bildung den Wettbewerb entscheiden zu lassen. Indem die Menschen selbst wählen, wie sie/ihre Kinder gebildet werden. Wir benötigen Strukturen, in denen der Staat höchstens die Bildungsstandards vorgibt, die es zu erreichen gilt. Wo das “Wie” der Zielerreichung privaten Institutionen überlassen wird.

Wie viel Wohlstand haben wir vergeudet, wie viele Menschen in Schulen zu Mitläufern gemacht, weil jährlich auf Ministerialebene Schulreformen diskutiert werden. Jährlich neue. Oder jährlich alte. Auf einer Ebene, wo viele Interessen aufeinander prallen, jene der Schüler aber nur eine von vielen ist, anstatt die einzig relevante.

Erst wenn jene, die bilden, danach honoriert werden, wie gut sie bilden; erst wenn Schulen davon profitieren, gute Bildung anzubieten; erst wenn Universitäten im Wettbewerb um Studenten beste Lehre liefern; erst dann können wir auch über Geld reden. Und Ja, der Staat sollte mehr in Bildung investieren. Weil Menschen erst gebildet werden müssen, bevor sie selbst Geld verdienen (wovon die Gesellschaft profitiert). Und: Bildung erzeugt positive externe Effekte. Ein guter Grund für einen Staatseingriff.

Und Ja, wir müssen dort mehr bilden, wo Bildung wirkt. Tendenziell je früher, je nachhaltiger. Vorsorgende Bildungspolitik, statt nachsorgende Sozialpolitik! Eine Phrase, aber auch sinnhaft.

Und: Die Finanzierung von Bildung durch die Allgemeinheit muss da an ihre Grenzen stoßen, wo nicht mehr alle gebildet werden. Spätestens an den Hochschulen. Diese Regel verhindert Umverteilung von unten nach oben. Wer das Studium durch die Gesellschaft finanzieren lässt, der subventioniert eine Ingenieursausbildung mit dem Gehalt des Zeitungsausträgers. Das ist ungerecht.

Was wir freilich brauchen: Den Zugang zur Hochschule, auch ohne dicken Geldbeutel (der Eltern). Der Staat muss die Kosten des Studiums vorstrecken. Von allen, die das wünschen. Aber jeder einzelne muss seine Kosten während seines Arbeitslebens auch zurückzahlen. Das ist fair.

Wir brauchen also nicht nur Studiengebühren, sondern auch ein System zur Finanzierung des Studiums, ein Netz, durch das keiner fällt. Was für ein Versagen der Politik, Studiengebühren eingeführt zu haben, ohne dieses Netz bereit zu stellen! Das Scheitern der Studiengebühren ist nur konsequent.

Geistiges Eigentum  neu denken. Computer-  und Internet-Technologie ermöglichen die sekundenschnelle und verlustfreie Reproduktion digitaler Güter. Ich tendiere zunehmend zu der Ansicht, dass es der falsche Weg ist, die Daumenschrauben bezüglich des gesetzlichen Schutzes dieser Güter weiter anzuziehen. Schon zweimal nicht, wenn ein vermeintlicher Schutz ausschließlich den Interessen einer Lobbygruppe dient, wie es etwa beim Leistungsschutzrecht der Fall ist.

Beschäftigung zulassen. Auch klar. Kein aktiver Politiker meiner Generation hat mehr Positives für die Menschen bewirkt als Gerhard Schröder. Meine Meinung. Die “Agenda 2010″ hat Mentalität und Realität verändert.

Den Menschen geht die Arbeit aus. Arbeitslosigkeit ist die Folge des technischen Fortschritts. So dachte die Mehrheit in den 90er Jahren. Die “Agenda 2010″ machte klar: Arbeitslosigkeit ist menschengemacht. Systembedingt. Weil in Lohnverhandlungen die Interessen Dritter (Outsider) unberücksichtigt bleiben und die Folgen auf den Sozialstaat abgewälzt werden können. Weil es sich nicht lohnt, Arbeit zu suchen, anzunehmen.

Die “Agenda 2010″ hat vielen Menschen den Einstieg in Arbeit abgenötigt. Sie war eine Zumutung. Aber eine notwendige.

An was es aber heute noch häufig fehlt: der Chance zum Aufstieg. Größter Hinderungsgrund: die Minijobs. Wer mehr als 450 Euro verdienen will, hat ein Problem. Es lohnt sich nicht. Nicht für Arbeitnehmer, nicht für Arbeitgeber. Die stellen lieber einen zweiten Minijobber ein. Deshalb: Die Minijobs gehören dringend reformiert. In dem die Hürden abgeschafft werden, Hürden die Mehr-Arbeit und Mehr-Lohn verhindern.

Natürlich ist auch ein Mindestlohn eine solche Hürde. In jeder Form. Flächendeckend und politisch festgelegt wie in SPD und Grüne wollen, noch falscher, ein branchenspezifischer Mindestlohn, von den Trafivertragsparteien ausgehandelt.

Ein Mindestlohn verhindert den Einstieg in Arbeit. Das ist unstrittig. Gestritten werden kann höchstens über das Ausmaß der negativen Auswirkungen. Meine Meinung: Jeder einzelne Arbeitsplatz, der durch Mindestlohn nicht ensteht, rechtfertig den Verzicht auf einen Mindestlohn.

Zumal: Bedarfsgerechtigkeit schafft man nicht über die Einmischung in die Lohnfindung. Was in Schwerin an Einkommen reichen kann, ist in München zu wenig. Mit was ein Single auskommt, ist für eine Familie ein Drama. Ergo: Was Menschen, Familien zum Leben brauchen, lässt sich nicht über den Stundenlohn definieren. Reicht das Haushaltseinkommen nicht, muss der Staat zuschießen. So funktioniert im Grundsatz gute Sozialpolitik.

Renteneintritt flexibilisieren. Ein in der politischen Debatte unterbelichtetes Thema. Die Lebenserwartung steigt kontinuierlich. Welch ein Glück! Einleuchtend, dass wir in der Folge auch einen Teil der hinzugewonnenen Lebenszeit darauf verwenden, Einkommen zu erzielen. Zumal durch den demografischen Wandel auch der Anteil der Älteren zunimmt. Allerdings: Die Entscheidung, wie lange wir arbeiten, sollte nicht der Staat, sollte vielmehr jeder Einzelne entscheiden.

Im Moment läuft es so: Durch die Möglichkeit der Frühverrentung (heute weniger als noch vor Jahren) steigen viele Menschen vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter aus dem Arbeitsleben aus. Spätestens mit dem gesetzlichen Renteneintrittsalter verlassen praktisch alle ihr Unternehmen. Nicht, weil die Beschäftigten das zwingend wünschten, sondern weil der Arbeitgeber beim Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters ein einmaliges Sonderkündigungsrecht hat.

Mit einfachen Worten: Wer Ältere nicht mit Erreichen des gesetzlichen Rentenalters entlässt, bekommt sie nie mehr los. Weil etwa bei einer möglichen Sozialauswahl Ältere besonders geschützt sind. Will man also mehr Ältere in Unternehmen halten, muss man – praradoxerweise – deren Kündigungsschutz lockern. In dem man etwa ab Überschreiten des gesetzlichen Rentenalters dem Arbeitgeber ein jährliches Sonderkündigungsrecht zugesteht. So würde verhindert, dass alle mit 65 in Rente geschickt werden.

Parallel dazu sollten alle Rentenleistungen äquivalent zu den Einzahlungen gestellt werden. Wer früher oder später in Rente geht, sollte weder über- noch unterproportionalen Rentenleistungen erhalten. So wird der Renteneintritt nicht durch den Staat gelenkt, sondern liegt in der freien Entscheidung jedes Einzelnen.

Der Staat gehört reformiert. Und zwar radikal. Was ist Staatsaufgabe, was nicht? Diese Frage muss neu beantwortet werden. Meine Überzeugung: Ein nicht unrelevanter Teil der Staatsaufgaben ist aus politik-ökonomischen Überlegungen (Privilegierung relevanter Wählergruppen) entstanden, nicht weil damit originäre Staatsaufgaben erfüllt werden.

Deren gibt es nur drei:

  • die Bereitstellung öffentlicher Güter,
  • die Herstellung von Bedarfsgerechtigkeit und
  • die Internalisierung positiver wie negativer externer Effekte.

Subventionen gehören nicht dazu. Ein relevanter Part der Sozialausgaben sicherlich auch nicht.

Fordert man auch Generationengerechtigkeit ein, dann müsste der Schuldenberg auf absehbare Zeit abgetragen werden. (Allein die Bedienung der Zinsen machen den drittgrößten Posten im Bundeshaushalt aus und verschlingt über 12 Prozent des Jahreshaushalts des Bundes.)

Um wie viel würde die Staatsquote (heute: 45 Prozent der Wirtschaftsleistung) sinken, wenn der Staat keine Schulden mehr abtragen, keine Subventionen mehr bezahlen und Sozialpolitik “nur” noch für Bedürftige machen würde?

Mehr als 35 Prozent wären es vermutlich nicht. Weniger Geld, dass den Menschen genommen würde, mehr Geld über das sie selbst verfügen könnten.

Der Staat braucht nicht nur weniger, er braucht auch mehr Kontrolle, mehr demokratische Legitimation. Demokratie funktioniert, wenn die Wähler Arbeit und Leistung der von ihnen gewählten Vertreter beurteilen können. An entscheidender Stelle ist dies mittlerweile nur noch schwer möglich: Bei den Ein- und Ausgaben des Staates.

Viele Steuerarten liegen in der Verantwortung unterschiedlicher Ebenen des föderativen Staates. Und auf der kleinsten Ebene, der Gemeinde, fehlt die Steuerhoheit sogar weitgehend. Nur wenn die Verantwortung über Einnahmen- und Ausgabenhöhe in einer Hand liegt, kann der Wähler adäquat entscheiden. Wählt er jene Partei, die den Schwimmbadbau wünscht und stimmt dafür der Steuererhöhung zu, oder präferiert er niedrige Steuern und verzichtet auf das Schwimmbad.

Was im Kleinen gilt, macht auch im Großen Sinn: Auch auf europäischer Ebene fehlt das Prinzip von “Entscheidung und Verantwortung in einer Hand”. So fällt es dem Europa-Parlament in aller Regel leicht, ein höheres Budget für die Europäische Union einzufordern, da es bei den Wählern nicht für die Folgen (höhere Steuern/Staatsschulden) verantwortlich gemacht wird. Weil auch das Europa-Parlament nicht über Art und Höhe der Einnahmen entscheiden kann.

Was zum großen Merkel-Thema führt: der Euro-Rettung. So nennt Sie es jedenfalls. Vor allem rettet sie damit sich, so meine Überzeugung. Weil die Eurorettung Zeit kauft. Wer aber Banken rettet (weil sie zu risikoreich angelegt haben) und wer Staaten rettet (weil die lieber heute das Geld von morgen ausgegeben haben), der löst keine Probleme. Der verschärft sie. Weil falsche Anreize verstärkt werden. Weil wer weiß, dass er gerettet wird, sein Verhalten anpasst.

Ob der Euro überleben wird oder nicht, ist für mich keine entscheidende Zukunftsfrage. An der Größe eines Währungsraumes hängt nicht der Friede – und nur zum Teil der Wohlstand. Entscheidend ist, wie wir mit den Problemen, die der Euro geschaffen hat, umgehen.

Die Tendenz der Politik, ökonomische Realitäten zu leugnen, schürt den Unfrieden, den die Politik zu verhindern vorgibt. Dabei ist die Regel auch hier eine einfache: Wer das Risiko eingeht, trägt die Verantwortung. Wenn Staaten Schulden machen, müssen sie auch – und niemand anders – dafür haften. Das gilt für Staaten genauso wie für Unternehmen.

Alles andere säät Zwietracht. Das brauchen wir nicht. Auch nicht zwingend das Gegenteil: Eintracht. Wir müssen nicht alle das Gleiche wollen, die gleichen Ziele verfolgen. Nicht in der Familie, nicht in der Gemeinde, nicht in Deutschland, nicht in Europa. Wir müssen aber die Möglichkeit haben, das, was wir wollen, umzusetzen zu können. Jeder nach seiner Façon. Was hat Angela Merkel in den vergangenen acht Jahren dazu beigetragen?

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Nichts ist umsonst: Was die Rettung Zyperns lehrt

Der EU-Beschluss, die Kunden zyprischer Banken an den Kosten der Rettung zu beteiligen, wird von vielen kritisiert. Auch von dem von mir geschätzten Politikberater Michael Spreng auf Carta.

Die Guthaben kleiner Leute seien zum Spielball der Rettungspolitik geworden, schreibt Spreng. Und weiter:

Dies wird Nachwirkungen haben in Spanien, Italien, Portugal und Irland. Wer um sein Erspartes Angst hat, wird es künftig wieder unters sprichwörtliche Kopfkissen legen. Aber auch in Ländern, die bisher noch nicht von der Krise direkt betroffen sind, werden die Menschen um ihre Ersparnisse bangen. In diesen Ländern waren die Folgen der Rettungspolitik bisher abstrakt, jetzt werden sie plötzlich sehr konkret. Garantien können, das zeigt Zypern, von heute auf morgen außer Kraft gesetzt werden.

Was Spreng als Gefahr sieht, ist für mich notwendige Bewusstwerdung; dass es nämlich ein Irrglaube ist, alle Staatstitel und alle ins Wanken geratenden Banken Europas könnten schmerzlos gerettet werden.

Schlimmer: Eine vermeintlich vollumfängliche Rettung ist nicht nur eine Illusion, sondern verfestigt den falschen Anreiz, die Politik von gestern und heute auch morgen noch fortzusetzen. Mit der Folge, dass die Probleme verschoben und noch größer werden.

Denn die Krise von Staaten und Banken hat ihre Ursache in falschen Anreizen:

  • Staaten neigen zur Verschuldung, wenn sie gegenwärtige Wählerwünsche befriedigen und die Lasten auf zukünftige (Politiker-)Generationen verschieben können. Die Aussicht, im Krisenfall von anderen Staaten gerettet zu werden, verschärft diesen Anreiz – und erhöht die Verschuldung.
  • Die Rettungsaussicht führt bei Banken dazu, in besonders risikoreiche Anlagen zu investieren. Im Erfolgsfall (hohe Rendite) verdienen Bankeigentümer und Kunden, gehen die Invests schief, springt der Steuerzahler in die Bresche.

Die Folge im aktuellen Fall: Wer die Banken in Zypern rettet, erhöht die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Bankenpleiten.

Erst eine Risikobeteiligung führt zum Umdenken. Erst wenn die Banken nicht mehr darauf vertrauen können, vom Steuerzahler gerettet zu werden, werden die Bankkunden darauf achten, wem sie ihr Geld geben. Und erst dann werden die Banken anfangen, das Geld ihrer Kunden verantwortungsvoller (sicherer) anzulegen.

Man kann die politische Entscheidung zu Zypern kritisieren, in dem Sinne, dass sie alle über einen Kamm schert, das Signal, das ausgesendet wird, ist in doppelter Hinsicht richtig:

  1. Es gibt den Sparern einen guten Ratschlag: Schaut in Zukunft genauer darauf, wem ihr euer Geld anvertraut!
  2. Rettung gibt es nicht umsonst.

Der Preis, den wir zahlen werden, wird so lange steigen, bis wir Risiko und Haftung wieder in die selben Hände legen.

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Gerhard Schröder in Merkels Wohnung – Oder: Wie geht gute Politik?

Wenn sich die Politik in die Enge getrieben fühlt; wenn die Situation, die vorher lediglich wegen der politischen Rhetorik als alternativlos bezeichnet wurde, tatsächlich ohne Alternativen da steht; wenn die ökonomischen Bedingungen die Politik dahin geführt hat, wo Politik wenig Spaß macht. – Dann ist die Zeit großer Entscheidungen gekommen. Ja, Entscheidungen! Auch ein alternativloser Weg will gegangen werden. Auch das Alternativlose braucht Entscheidung. Die Entscheidung zur Handlung, statt zur Resignation.

In der Eurokrise steht diese Entscheidung noch bevor, nämlich jene, wie Staaten in Zukunft miteinander umzugehen gedenken.

Vor zehn Jahren war Gerhard Schröder in einer solchen Situation. Die Arbeitslosigkeit war auf Rekordhoch und die Regierung wurde dafür verantwortlich gemacht.  (Auch wenn es eigentlich Helmut Kohl gewesen war, der 16 Jahre lang nur in Ausnahmefällen Ordnungspolitik gemacht hatte.)

Als Gerhard Schröder merkte, dass das Arbeitsmarkt-Problem nicht auszusitzen war, hat er sich entschieden nach vorne zu gehen, statt zu resignieren. Er ist der Typ dazu.

Nun sind die Begriffe “Agenda 2010″ und “Hartz-Reformen” für immer mit ihm verbunden. Viele würden ihm für die Reformen ein Denkmal bauen wollen (wenn er nur nicht aus ihrer Sicht in der falschen Partei wäre). Anderen würden das Denkmal gleich wieder einreißen.

Im Lehrbuch für politische Ökonomie zumindest sollte dauerhaft für Gerhard Schröder Platz sein. Denn die Agenda 2010 ist ein anschauliches Beispiel dafür, warum es gute Politik in der Regel schwer hat.

Denn Politiker werden dann für ihr Tun mit Wählerstimmen belohnt, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind:

  1. Wenn die Politik für eine klar definierte Wählergruppe Vorteile (zum Beispiel Erhöhung des Kindergelds) schafft.
  2. Wenn diese Vorteile unmittelbar wirksam sind.

Politik dagegen, die nur in der langen Frist wirkt – und bei der auch noch unklar ist, wer davon profitieren wird – eine solche Politik hat es schwer.

Gute Ordnungspolitik funktioniert leider genau so. Sie wirkt in der langen Frist. Die Gewinner sind zunächst nicht bekannt.

Das  Aufbrechen von Monopolen zum Beispiel ist unpopulär. Die Verlierer sind bekannt (Eigentümer und Beschäftigte der Monopolbetriebe), die Gewinner (zukünftige Eigentümer und Angestellte neuer Unternehmen) wissen noch nichts von ihrem Glück. Auf die Straße geht folglich nur jene Gruppe, die das Alte bewahren will.

Gerhard Schröders Agenda 2010 war gute Ordnungspolitik. Sie hat den Rahmen für den Arbeitsmarkt so verändert, dass neue Arbeitsplätze entstehen konnten. In normalen Zeiten hätte er sich das nicht getraut. Der Kern der Reform (verkürzte und verringerte Transferzahlungen) war eine Zumutung, von der kurzfristig keiner profitierte. Wählerstimmenmaximierung geht anders.

In der langen Frist hat sich der Arbeitsmarkt erholt – und Schröder ist nicht mehr Kanzler. Von Schröder lernen heißt für Politiker deshalb leider auch: Probleme aussitzen, so lange es geht. Der Befreiungsschlag ist nur das letzte Mittel. Es kostet das Kanzleramt und bringt ein Platz in den Geschichtsbüchern (zumindest den Ökonomiebüchern).

Noch eines lehrt die Agenda 2010. Krisen sind notwendig. Sie bereiten den Boden für wichtige Veränderungen. Veränderungen, von denen in der Politik dann meist andere profitieren. Gut möglich, dass Angela Merkel in ihrer Wohnung eine kleines Denkmal stehen hat, auf dessen Sockel Gerhard Schröder steht.

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Mindestlohn: Wenn die Konkurrenz die Lohnkosten bestimmt…

Die Mindestlohn-Debatte wird den Wahlkampf mitbestimmen, keine Frage. Auch wenn die Regierung versucht, dem Thema den Stachel zu ziehen, in dem sie sich grundsätzlich ebenfalls für den Mindestlohn ausspricht. Angela Merkel und Co. wollen keinen flächendeckenden, keinen gesetzlichen Mindestlohn, sondern einen, der auf Branchenebene ausgehandelt werden soll, von den Tarifvertragsparteien, also Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden.

Diese Idee ist weder politisch, noch ökonomisch eine gute.

Politisch: Der Vorschlag der Union ist den Wählern schwer vermittelbar. Lediglich die Opposition hat hier eine klare Position. Über 8,50 Euro kann man streiten. Man kann ihn zu hoch oder zu niedrig empfinden, aber die Zahl ist ein Standpunkt. Das Konzept der Union dagegen kommt beim Wähler so an, als sei man eigentlich gegen den Mindestlohn. Als habe man sich wegen des Oppositionsdrucks zu einer abgeschwächten Variante durchgerungen (mehr oder weniger ist es ja auch so). Die Deutschen wollen aber keine niedrigen Löhne (wer will das schon), nirgendwo. Eine Politik die sagt, ja wir sorgen dafür, dass es keine Niedriglöhne mehr gibt, schlägt klar jene Position, die einen Flickenteppich unterschiedlicher Mindestlöhne – inklusive klaffender Löcher ganz ohne Mindestlohn – im politischen Angebot hat.

Ökonomisch: Das Konzept der Union ist ordnungspolitisch betrachtet ziemlicher Unfug. Denn der Vorschlag der Union wirft das Prinzip von Risiko und Haftung über Bord. Weil  jene über den Mindestlohn verhandeln sollen, die nicht die Folgen dieses Handelns zu tragen haben. Die Kosten hoher Mindestlöhne in Form von Arbeitslosigkeit bezahlen nämlich nicht Arbeitgeber oder Gewerkschaften, sondern die Beitragszahler der Arbeitslosenversicherung und die Steuerzahler bei der Grundsicherung. Hinzu kommt: Die Tarifpartner würden im Unionsmodell die Mindestlöhne für jene festlegen, die sich explizit dieser Verhandlung entzogen haben (negative Koalitionsfreiheit). Mit andern Worten: Mit der Bestimmung der Mindestlöhne werden gleichzeitig die Lohnkosten der Konkurrenz determiniert. Die Tendenz der Mindestlohnhöhe ist bei einem solchen Szenario leicht zu prognostizieren.

Zugegeben: Die Regierung hat es politisch gesehen schwer. Sie wird beim Thema Mindestlohn von der Opposition getrieben. Aus jener Ecke, in die sie sich hat treiben lassen, sollte sie sich zum Wohle aller schnellstens wieder befreien.

Vertiefung: Dietrich Creutzburg (bis vor kurzem noch beim Handelsblatt) erklärt das Problem ausführlich in der FAZ, wie immer sind seine Ausführungen verständlich und erkenntnisreich.

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Eisverkäuferin Merkel

Deutschland steuert auf einen gesetzlichen Mindestlohn zu. Die Mehrheit der Deutschen findet das gut, weshalb die Opposition das Thema schon länger für sich entdeckt hat. Und damit die mit dem Thema im Wahlkampf nicht punktet, schnappt die Regierung ihr das Thema weg.

Angela Merkel macht das jetzt regelmäßig so. Beim Mindestlohn. Bei der Energiewende. Bei der Homo-Ehe. Es ist ein Hase- und Igel-Spiel. Immer wenn die SPD ein neues Thema besetzen will, ist die Bundeskanzlerin bereits da.

Sie hat leichtes Spiel. Weil es rechts von der Union keine Partei gibt, kann sich die CDU-Vorsitzende an den Wünschen von SPD- und Grünen-Wählern orientieren. Sie braucht wenig Rücksicht auf Konservative und Wirtschaftsliberale nehmen. Wen sollen die denn wählen, außer Merkel?

Die politische Ökonomie kennt das Phänomen, dass Politik sich in der Mitte trifft, konkurrierende Ansichten sich angleichen. Am besten versteht man dies, wenn man es sich anhand der Veranschaulichung von zwei Eisverkäufern am Strand erklären lässt (etwa beim Sonntagsökonom in der FAZ).

Eine Alternative zur unterschiedsloser werdenden Politik gibt es nur in zwei Fällen:

  1. Die aktuelle Regierung wird bei der Bundestagswahl im Sepetember abgewählt.
  2. Die Menschen wünschen sich mehrheitlich eine andere Politik. Weil beispielsweise immer mehr Menschen begreifen, dass ein Mindestlohn die Welt nicht gerechter macht, weil ein Mindestlohn zwar manchen mehr Einkommen bescheren, andere dagegen ihren Job verlieren würden….

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Was wir verdienen – Ein Beitrag zur Mindestlohndebatte

In Belitz ist die Suche nach dem richtigen Lohn in Stein gemeißelt. Der prominenteste Einwohner des kleinen Dörfchens in Mecklenburg-Vorpommern war stolz auf seine vermeintliche Entdeckung gewesen, so stolz, dass er sich die Formel vom “naturgemäßen Lohn” auf seinen Grabstein schreiben ließ.

Noch heute ist dieser auf dem dortigen Friedhof zu bewundern. l = √a×p ist zu lesen, wobei „l“ für Lohn, „a“ für notwendigen Lebensunterhalt und „p“ für Arbeit steht.

Eine intensivere Beschäftigung mit der Gleichung lohnt nicht wirklich. Heinrich von Thünen hätte seine Formel besser mit ins Grab genommen. Der 1783 geborene Ökonom war eigentlich ein Pionier bei der Erklärung von Löhnen, Zinsen und Bodenrenten. Seine Lohnformel im Speziellen aber gilt als widerlegt.

Thünen ist in prominenter Gesellschaft. Viele haben sich an der Frage abgearbeitet, wie sich in einer Gesellschaft der Lohn bildet – und viele sind gescheitert. Karl Marx zum Beispiel. Im 19. Jahrhundert war die so genannte Arbeitswertlehre weit verbreitet. Demnach ist ein Gut genau so viel wert, wie viel Arbeit in dessen Erstellung gesteckt wird. Ein Paar Schuhe, die ein Schuster in zwei Arbeitstagen fertigt, hätte damit einen doppelt so hohen Preis wie ein Hut, der in einem Tag hergestellt wird.

Diese Arbeitswertlehre ergänzte Marx um seine selbst entwickelte Mehrwert-Theorie. Danach wird ein Gut in der Regel nur jenen Preis erzielen können, der den Reproduktionskosten dieses Gutes entspricht. Die Reproduktionskosten aber entsprechen dem Existenzminimum, das gerade das Überleben des Arbeiters sichert. Gleichzeitig ist der Wert eines Gutes aber höher als seine Reproduktionskosten. Dieser Mehrwert fließe ausschließlich den Kapitalisten zu, glaubte Marx.

Die Folge: Die Kapitalisten würden immer reicher, die Arbeiter blieben arm. Die Ungerechtigkeit nehme stetig zu.

Außerdem fänden die produzierten Güter auf Dauer keine Abnehmer mehr, weil die Arbeiter nicht genügend verdienten, um all die von ihnen hergestellten Produkte zu kaufen. Irgendwann, so Marx’ Überzeugung, müsse der Kapitalismus in sich zusammenstürzen.

Es ist bekanntlich anders gekommen. Die Löhne steigen in aller Regel, mal schneller, mal weniger schnell. Heute lässt sich am individuellen Lebensstandard häufig nicht mehr ablesen, wer Arbeitnehmer, wer Arbeitgeber ist. Reichtum und Armut gibt es in beiden Lagern.

Offensichtlich haben, anders als Marx erwartet hatte, auch die Arbeiter vom Produktionsanstieg profitiert.

Die Antwort auf die Frage, wie sich Löhne bilden, gilt heute – zumindest unter Ökonomen -  als weitgehend beantwortet. Es war die mathematische Exaktheit der Neoklassik, die Licht ins Dunkel brachte. Vereinfacht gesagt ist der Lohn das Ergebnis von Angebot und Nachfrage.

In der stilisierten Form zweier Geraden, die sich in einem Achsendiagramm zu einem „X“ formen, schlägt sich die Quintessenz der Neoklassik nieder, dessen Bild mittlerweile selbst den meisten Nicht-Ökonomen vertraut ist.

Das „X“ veranschaulicht folgende Überlegung: Unternehmer optimieren ihren Profit, Arbeitnehmer ihr Einkommen. Mit steigenden Löhnen sinkt folglich die Arbeitsnachfrage der Arbeitgeber und es steigt das Arbeitsangebot der Arbeitnehmer. Die eine Kurve geht nach oben, die andere nach unten.

Letztlich manifestieren sich in den beiden Geraden zwei unterschiedliche Interessen: Unternehmer stellen dann ein, wenn es sich für sie lohnt (möglichst geringe Kosten), Arbeitnehmer suchen dagegen solche Jobs, in denen sie möglichst viel verdienen.

Und wo sich die beiden Linien schneiden, da findet sich der Gleichgewichtslohn. Der besagt, dass zu diesem Lohn die Höhe der Arbeitsnachfrage gleich dem Arbeitsangebot ist. Es gibt dann keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit.

Genug der Theorie. Fast zumindest.  Denn nur die Einführung eines weiteren Begriffs bringt Klarheit. Entscheidend in der Neoklassik ist nämlich, wie sich das gemeinsam mit den Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit Erwirtschaftete wieder auf die Produktionsfaktoren in Form von Zinsen (für Kapital) und Lohn (für Arbeit) verteilt.

Diese Aufteilung hängt nach Auffassung der Neoklassiker nicht von einem, wie auch immer zu definierenden „Wert der Arbeit“ ab, sondern orientiert sich an Knappheiten. Ist Kapital reichlich vorhanden und Arbeit nur spärlich, dann wird die Entlohnung der Arbeit relativ hoch sein. Umgekehrt lassen sich dann hohe Zinsen für das eingesetzte Kapital erzielen, wenn die Kapitalausstattung einer Gesellschaft gering ist, aber reichlich Arbeitende vorhanden sind.

Die Neoklassik wurde und wird kritisiert. Die Annahmen seien sehr vereinfachend, so der häufigste Vorwurf. Das stimmt. Und ist auf der anderen Seite gerade die Stärke der Theorie. Sie vereinfacht – und trifft dabei den Kern. Keine Theorie hat das reale Wirtschaftsleben bisher besser erklären können als die Neoklassik.

Aber was ist gewonnen, wenn man weiß, wie sich der Lohn bildet? Gefragt seien vielmehr Antworten, wie man zu einem gerechten Lohn kommen könne, schallt es zur Zeit durch die Republik. Jeder arbeitende Mensch habe das Recht auf einen Mindestlohn, fordern Gewerkschaften und Linke schon lange lautstark – mittlerweile in gleicher Lautstärke auch SPD und Grüne. Selbst die FDP ist “kompromissbereit”.

Zu große Einkommensunterschiede wurden bereits in der griechischen Antike als ungerecht empfunden. Platon wird die Aussage zugeschrieben, dass niemand mehr als das Vierfache eines anderen verdienen solle.

Wenn es schon keine Einkommensobergrenze geben könne, dann doch bitte eine nach unten, sagen die Mindestlohn-Befürworter. Der Mindestlohn sei das Mindeste!

Das klingt gerecht. Und schafft neue Ungerechtigkeiten. Denn: Ein Mindestlohn ist für all jene prima, die durch die Einführung einer Einkommensuntergrenze mehr verdienen als bisher und dabei ihren Job behalten. Wer dagegen eine Anstellung hat, die sich für den Unternehmer bei der Bezahlung eines Mindestlohnes nicht mehr rechnet, der wird diese Anstellung verlieren.

Ein Mindestlohn würde also auch unter Arbeitnehmern Gewinner und Verlierer hervorbringen. Interessant wäre zu wissen: Wie groß diese Gruppen sind? Lohnt sich ein Mindestlohn, weil sich der daraus resultierende Arbeitsplätze-Verlust in überschaubaren Grenzen hält?

Die Empirie ist widersprüchlich: Insbesondere in den angelsächsischen Ländern kann kaum ein schädlicher Einfluss von Mindestlöhnen nachgewiesen werden. In Frankreich dagegen haben nach Einführung der Mindestlöhne vor allem Jüngere Probleme, an Arbeitsplätze zu kommen.

Vielleicht aber ist allein eine solche Abwägung zwischen Nutzen und Kosten eines Mindestlohnes unfair. Sollte es nicht in der freien Entscheidung jedes Einzelnen bleiben, zu welchen Bedingungen er einen (Arbeits-)Vertrag schließt?

Ist der Mindestlohn also Teufelszeug? Nicht ganz: Ein Vorteil hätte der Mindestlohn, er würde Mitnahme-Effekte durch Unternehmer unterbinden. Da Niedriglöhne häufig durch Hartz IV ergänzt werden, ist der Anreiz für Arbeitnehmer, sich für höhere Einkommen stark zu machen, nur bedingt vorhanden. Ob der Lohn bleibt wie er ist oder steigt und dadurch die Bezuschussung durch Hartz IV sinkt, macht für den Arbeitnehmer keinen Unterschied.

Durch einen Mindestlohn könnte Hartz IV „flankiert und so verhindert werden, dass bei den ‚Aufstockern’ Geschäfte zulasten der Sozialversicherungssysteme gemacht werden“, sagt der nicht für seine Gewerkschaftsnähe bekannte Chef der Monopolkommission Justus Haucap.

Haucap würde einen deutschlandweiten, über alle Branchen hinweg gleichen Mindestlohn zumindest den aktuell diskutierten branchenspezifischen Mindestlöhnen vorziehen. Letztere sind auch unter dem Begriff Entsendegesetz bekannt.

Mit dem Entsendegesetz können Löhne, die zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ausgehandelt wurden, für die Beschäftigten einer ganzen Branche verpflichtend gemacht werden. Was eine Gruppe von Menschen vereinbart, wird also per Gesetz für alle in einer Branche Beschäftigten zur Vorgabe.

„Branchenspezifische Mindestlöhne sind weder sozialpolitisch erklärbar – es gibt ja auch keine branchenspezifischen Hartz-IV-Sätze – noch sind sie wettbewerbskonform“, so Haucap. Meist gehe es nur darum, „kleine Unternehmen zu behindern oder Verbraucher auszuplündern – oder beides.“

Der deutschlandweit einheitliche Mindestlohn als kleineres Übel also? „Ein sehr moderater, allgemeiner Mindestlohn wäre aus meiner Sicht akzeptabel und vermutlich weitgehend unschädlich, beispielsweise 5 Euro“, sagt Haucap.

Das Problem: Ein Politiker, der mit dem Mindestlohn punkten will, wird sich mit einer 5 Euro-Forderung nicht an die Mikrofone trauen. 7 Euro sind das Mindeste, besser 8, noch besser 10 Euro.

Genau darin liegt ein Hauptübel des Mindestlohnes. Dass nämlich der Mindestlohn zum Politikum würde. Ein Überbietungswettbewerb würde entstehen. Nach dem Motto „Wer verspricht den höchsten Mindestlohn?“ hätten Populisten die besten Karten.

Weniger anfällig für Populismus und hilfreich zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit: die Trennung von Markt und Staat. Die Löhne bilden sich nach Angebot und Nachfrage, und für jene, die trotz Arbeit unter dem Existenzminimum bleiben, gibt der Staat Geld dazu. Und um Mitnahme-Effekte zu vermeiden, darf eine Lohnsteigerung nie vollständig durch eine Reduzierung der staatlichen Unterstützung aufgefressen werden. Wer mehr verdient, muss auch mehr haben. So einfach kann vernünftige Politik sein.

Übrigens: Die Lohnformel auf dem Grabstein wirft noch in einem weiteren Punkt ein falsches Licht auf Heinrich von Thünen. Der Ökonom war alles andere als ein Theoretiker im Elfenbeinturm der Akademie. In Mecklenburg führte er sehr erfolgreich einen landwirtschaftlichen Betrieb. Das besondere daran: Thünen zahlte den Arbeitern nicht nur Lohn. Er beteiligte sie auch am Gewinn. Nicht alles war früher schlechter. Und: Gute Ideen kann die Region gebrauchen. Die Arbeitslosigkeit beträgt dort aktuell 13,6 Prozent.

(Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 25. Februar 2011; er wurde anlässlich der aktuellen Mindestlohndebatte aktualisiert)

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