Archiv der Kategorie: Medien

Schlimmer als Paywall: Wenn der Leser (gar) nicht mehr an den Inhalt kommt…

Eine Anzeige auf Handelsblatt.com, die sich über ein Viertel des Browserfensters legt….

Handelsblatt Ad

… und die keinen Schließen-Button hat und auch nach ein paar Sekunden nicht automatisch verschwindet; die sich stattdessen bei Mouseover verdoppelt ….

Handelsblatt

… und die erst, wenn sie verdoppelt ist, oben links ein Schließen-Symbol zeigt, …

Schließen-Button auf Telekom-Ad

… das sich aber als Fake entpuppt, weil man bei Klick darauf doch auf der Landingpage des Werbemittels landet.

Liebes Handelsblatt, welche Form des Geldverdienens plant ihr als nächstes? Phishing?


Update, 13.06.2014, 20 Uhr.

Antwort von Marc Renner, Stellvertretender Chefredakteur von Handelsblatt Online

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Print-only: Texte aus meiner Zeit beim Südkurier

Einige Artikel aus meiner Zeit  bei der Regionalzeitung Südkurier:

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Ein kluger Kopf auf fremden Feldern: Warum Frank Schirrmacher (oft) irrt

Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ, ist ohne Zweifel ein kluger Kopf. Und er ist ohne Zweifel ein gutes Beispiel dafür, dass kluge Köpfe über Dinge, von denen sie wenig Ahnung haben, ziemlich viele unkluge Dinge sagen und schreiben können. Bei Frank Schirmmacher verhält es sich so beim Thema Ökonomie.

Leider wird das häufig nicht bemerkt. Zumindest nicht von den Menschen, die auf dem Gebiet, auf dem der kluge Kopf wenig Ahnung hat, ebenfalls wenig Ahnung haben.

Frank Schirrmacher hat sich nun (wie könnte es anders sein) zu der in seiner Zeitung initiierten Google-Debatte ebenfalls zu Wort gemeldet, in Form eines Interviews. Ich bin darauf gestoßen, weil Sascha Lobo ein Zitat daraus twitterte (genauer gesagt zitiert Schirrmacher in dem Interview Norbert Wiener, ebenfalls ein kluger Kopf).

Ich weiß nicht, was Sascha Lobo von diesem Zitat hält. Ob er es getwittert hat, weil er es für besonders geistreich hält oder das Gegenteil davon. Für mich jedenfalls ist es ein klassisches Schirrmacher-Zitat (auch, wie gesagt, wenn sich Schirrmacher in diesem Fall auf einen anderen beruft). Ein Zitat, über das sich herrlich diskutieren lässt. Das sich liest, als habe sich jemand ausführlichst Gedanken über ein gesellschaftlich relevantes Thema gemacht und es fertig gebracht (ganz Medienprofi), die Essenz dieser Gedanken auf Twitterlänge zu bringen. Für mich allerdings offenbart Schirrmacher, einmal mehr, lediglich seine fragwürdige ökonomische Kompetenz.

Er suggeriert mit dem Zitat, dass es zwei unterschiedliche Formen des Zusammenlebens gäbe, eine gute, in der Maschinen nicht mit Menschen konkurrieren würden und eine schlechte, bei der dies eben der Fall sei, und in der die Menschen ihre Freiheit verlören (“Sklavenarbeit”).

Was sich aus ökonomischer Sicht dazu sagen lässt: Mensch (Arbeit) und Maschine (Kapital) stehen in einer freien Gesellschaft sowohl in einem konkurrierend als auch in einer für beide Seiten (Kapital und Arbeit) gewinnbringenden Beziehung. Weder ist das eine gute, noch das andere schlecht. Es ist schlicht so. Folge einer freien Gesellschaft. Und das ist heute nicht anders als in früheren Zeiten.

Ein Landwirt beispielsweise steht vor der Entscheidung, ob er sein Feld mit dem Traktor (Maschine) bestellt, oder ob er etwa die Aussaat ausschließlich mit menschlicher Arbeitskraft bewältigen möchte.

Welche Entscheidung der Landwirt fällt, hängt nicht zuletzt von seinen Entscheidungsmöglichkeiten ab. Zum Beispiel, ob er überhaupt einen Traktor zur Verfügung hat. Ob es Menschen gibt, die (zu welchen Lohn?) bereit sind, stundenland über das Feld zu laufen und die Saat zu streuen.

Mensch und Maschine stehen also sowohl in Konkurrenz (hat der Landwirt einen Traktor, geht der Landarbeiter möglicherweise leer aus) als auch in einer Beziehung, die für den Mensch gewinnbringend ist (Landwirt steuert den Traktor und kann dank des Fortschritts einen höheren Ertrag bei niedrigeren Kosten erwirtschaften, wovon am Ende auch die Verbraucher profitieren). Es ist nie das eine oder das andere, immer das eine und das andere.

Das Landwirtschaftsbeispiel steht stellvertretend für fast alle Produktionsprozesse. Der Produzierende muss abwägen, ob sich eine Tätigkeit besser und/oder billiger von Mensch oder Maschine verrichten lässt. Manchmal sind die Antworten eindeutig (z.B bei der Arbeit eines Psychotherapeuten), oft, vor allem in der Industrie, der Abwägungsprozess komplexer.

Und Ja, digitale Produkte haben ihre Besonderheiten (siehe auch: Kann man eine Melodie besitzen?), aber diese Besonderheiten sind lediglich (wenn überhaupt) in der Quantität neu, nicht in der Qualität.

Fest steht: Maschinen haben im Laufe von Jahrhunderten in unzähligen Fällen (vor allem schwere körperliche) Arbeit ersetzt. Die Arbeit ausgegangen ist den Menschen dadurch nicht (Hallo Ulrich Beck, schon lange nichts mehr dazu von Ihnen gehört!). Und schon gar nicht sind die Menschen zu Sklaven geworden. Im Gegenteil: Dort wo viele Menschen zur Verrichtung  physischer Arbeit notwendig waren (Pyramidenbau), dort gab es Sklavenarbeit. Heute werden solche Arbeiten (in wohlhabenden Ländern) von Maschinen erledigt. Nicht die Konkurrenz der Menschen mit Maschinen bringt Sklavenarbeit hervor, vielmehr haben die Maschinen (technischer Fortschritt) dazu beigetragen, dass Sklavenarbeit nicht mehr nachgefragt wird.

Das hat (zugegebenermaßen) auch Frank Schirrmacher verstanden. Er aber sieht, ganz Kulturpessimist (Feuilleton!), neue Sklaven an der Arbeit, Geistessklaven, in seinem eigenen Haus, nämlich Onlineredakteure. Mindestens das vergisst Schirrmacher dabei: Das sich nämlich Sklavenarbeit vor allem über den Zwang zur Arbeit definiert (was hoffentlich nicht den Arbeitsbedingungen bei der Zeitung aus Frankfurt entspricht). Schirrmacher sieht in deren stereoptyper (das nimmt er vermutlich als Indiz für Skalvenarbeit) Arbeit (eine News nach der anderen schreiben) ein Entwicklung, die jener der gesamten Gesellschaft nur voran geht. (Auch eine schöne Umdeutung der Krise seiner Medienbranche, bleibt sie doch zumindest in diesem Sinne Vorreiter.)

So sind sie, die Strukturkonservativen! Sie wollen das Gute bewahren und verhindern, so sie erfolgreich sind, das Bessere. Sie vergessen dabei genau das, dass eben in einer freien Gesellschaft das Bessere der Feind des Guten ist. Das Schlimme daran: Sie scheuen nicht davor zurück, für die Verhinderung des Wandels, die Freiheit zu beschneiden.

Macht die Inhalte groß! Nur die Inhalte! – Gedanken eines (gelegentlichen) Zeit-Lesers

Ich habe gestern “Die Zeit” gelesen. Mal wieder. Ich lese sie meist im Abstand von mehreren Wochen oder Monaten. Wenn ich mal wieder hoffe, dass sie mich schlauer macht und/oder unterhält.

Die Erfahrung ist seit längerem die gleiche: Meine Erwartung wird enttäuscht, tendenziell.

Mein Problem ist schnell umrissen: Mich interessieren die Inhalte nicht. So ist Zeitungslesen,  könnte man sagen, man bleibt eben nur an manchen Stellen hängen. Ja genau, an manchen, das wär’s schon.

Ich habe also ein Problem mit der Wochenzeitung aus Hamburg. Die Nachfrage legt allerdings die Vermutung nahe, dass ich damit einigermaßen alleine stehe. “Die Zeit” ist eine der wenigen Zeitungen in Deutschland, deren Auflage steigt.

Vielleicht ist es Selbstüberschätzung, vielleicht trügt mein Gefühl aber auch nicht, ich würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn sich das bald ändert.

Auf mich wirkt die Printausgabe verstaubt. Nicht die Gestaltung (vor allem die Aufbereitung in der App finde ich vorbildlich schön), sondern die Auswahl der Inhalte und die Texte.

Es sind Kleinigkeiten, die mir auffallen, die mir nicht gefallen. Hinter denen ich mehr vermute als Kleinigkeiten. Zum Beispiel Formulierungen, die aus meiner Sicht nicht mehr in die heutige Zeit passen. Zum Beispiel in den wöchentlichen Kolumnen von Harald Martenstein. Genaugenommen nicht in seinen Kolumnen (noch genauer genommen ganz explizit dort nicht), sondern im Vorspann (Warum hat die Kolumne eigentlich einen Vorspann? Steht eine Kolumne nicht für sich?). In diesem Vorspann jedenfalls wird stetig von “unserem Kolumnisten” gesprochen. Ein Besitzanspruch. Als ob dem Verlag die Autoren gehören würden (mal abgesehen davon, dass – wenn ich es Recht weiß – Harald Martenstein Redakteur beim Tagesspiegel ist).

Ein Beispiel, ein kleines nur, es gehört für mich zu einer alten Zeit. Zu einer Zeit, als der Verlag über allem stand. Weil nur über ihn publiziert werden konnte. Wo Zeitungen Meinungshoheit besaßen. Wo Redakteure dem Leser erklärten, wie die Welt ist. Und zwar ohne Zweifel. Man wusste es. Und wenn es doch Gegenstimmen gab, dann wusste man es eben besser.

Ich gebe zu: Ich bin empfindlich geworden. Wahrscheinlich weil ich es gerne anders hätte. Weil ich mir wünsche, beim Lesen einen neuen Blick auf Leben und Gesellschaft eröffnet zu bekommen.

Meine Kritik ist mehr ein Gefühl. Interesse ist schließlich subjektiv. Vielleicht lebe ich einfach in einer anderen Welt als der typische Zeit-Leser. Vielleicht ist es aber auch nicht so. Vielleicht ist die Schuld für meine Langeweile weniger bei mir als bei der Zeitung zu suchen. Vielleicht stinkt der Fisch vom Kopf. Ich habe nur wenige Indizien. Alle finden sich in der aktuellen Ausgabe, alle auf einer Seite, alle am Anfang eines Interviews (weiter bin ich nicht gekommen).

Dieser Verdacht lautet: Es ist der Chefredakteur, Giovanni di Lorenzo, himself, der die Zeitung zu dem Blatt machte, das es ist.

Die Indizienkette ist so simpel wie kurz. Di Lorenzo, ist ein Schöngeist, und in der Zeitung stehen vor allem schöngeistige Texte. Die Inhalte sind nicht frech, wenden das Blatt nicht, schauen nicht, was darunter liegt, sie denken nicht quer.

Und die Zeitung strahlt noch etwas aus, was zu meinem Bild von di Lorenzo passt: Eine gewisse Selbstverliebtheit. Eine Selbstverliebtheit, die Selbstzweifel nur bedingt zulässt. Die einen eben zu sehr auf sich selbst schauen lässt und deshalb im anderen höchstens das sieht, was man sehen möchte. So findet man das, was man finden wollte. Interessante Inhalte entstehen so selten.

Wie gesagt, es ist nur ein Verdacht, ich kenne di Lorenzo nicht persönlich. Vielleicht ist es auch unfair. Auf der anderen Seite: Ich habe mich aufgeregt, über ihn. Darüber, dass ein Aufmacher viel verspricht – und mich enttäuscht. Ein Aufmacher mit einem tollen Bild, einer alten und interessanten Frau. Thema: Es sterben die letzten Überlebenden des Holocausts, dabei gibt es doch noch so viel, was noch nicht gesagt ist.

Aufmacher Die Zeit 2014/19

Ich beginne also das Interview zu lesen (Screenshot unten) – und möchte gleich wieder aufhören.

Es hat sich unter Journalisten ja eingebürgert, dass sie vor epischen Interviews gerne die Situation schildern, in der dieses Interview stattfand. Oder, wie das Interview zustande kam. Oder, oder. Es geht um “Atmosphäre schaffen”. Ich verstehe das, ich finde das bisweilen auch gut. Ein Problem: Die zu interviewende Person gerät bisweilen aus dem Fokus. Manchmal steht der Interviewer selbst im Mittelpunkt. Im schlechten Fall zu unrecht, wenn es nämlich dafür eigentlich keinen Grund gibt.

Die Zeit - Ausgabe 19/2014

Im Falle der 90jährigen Renate Lasker-Harpprecht, die zu diesem Thema noch nie interviewt wurde, empfinde ich das als mindestens unpassend. Schon im ersten Satz denkt Giovanni die Lorenzo – an sich:

“Über Renate Lasker-Harpprecht hatte ich bis dahin nur von ihrem Mann gehört, dem großen Publizisten Klaus Harprecht, der bis heute auch für die ZEIT schreibt.”

In diesem ersten Satz schafft es di Lorenzo nicht nur sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen (Hochstatus eines Chefredakteurs), sondern auch noch seine Zeitung (große Menschen schreiben für die große Zeit).

Im Vorspann gelingt es ihm außerdem wie beiläufig, auf seine Fremdsprachenkenntnisse hinzuweisen:

“Sie trinkt Kaffee, raucht, und manchmal findet sie den richtigen Ausdruck nur im Fanzösischen, Englischen und Italienischen.”

Und das Interview ist noch keine zwei Fragen alt, da bringt der Chefredakteur auch noch unter, dass vermutlich nur er dieses Interview hatte führen können. Wenn er nämlich Renate Lasker-Harpprecht fragt, ob es ihr mit 90 Jahren leichter falle, über Auschwitz zu sprechen und sie antwortet:

“Ja, aber nur mit bestimmten Personen.”

Ich weiß nicht, vielleicht habe ich mein Urteil zu schnell gefällt. Ab dieser Stelle konnte ich nicht mehr weiterlesen. Ich weiß nicht, was Frau Lasker-Harpprecht alles zu sagen hat. Eigentlich hatte es mich interessiert. Der Mittelpunktsmensch di Lorenzo hat mir das Interesse genommen.

Was ich sagen will: Für mich ist dieses Interview beispielhaft für “Die Zeit” (Print, nicht Online). Es wäre so viel möglich, doch die Zeitung steht sich mir ihrer Tollheit selbst im Weg. Alles will groß und wichtig sein. Die Zeitung, die Themen, die Schreiber. Dabei sollte das alles klein sein, nur die Inhalte groß. Ich warte jedenfalls darauf. Ich werde zurückkommen. In ein paar Wochen. Oder Monaten.

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Es geht um alles: Wie (heute) über die Glaubwürdigkeit der Zeitung diskutiert wird

Ein schönes Beispiel des stattfindenden Medienwandels ist heute auf Facebook zu beobachten. Es zeigt, wo mittlerweile interessante Debatten geführt werden, früher vorwiegend im Feuilleton, heute (auch) im Kommentarthread bei Facebook.

Konkret geht es um die Folgen eines Blogbeitrags von Stefan Niggemeier, dem wohl bekanntesten deutschen Medienblogger. Markus Hesselmann, Online-Chef des Tagesspiegels, kontert. Unter seinem Facebook-Post sammeln sich die deutschen Medienexperten (parallel wird auch in einem Facebook-Post von Stefan Niggemeier heftig diskutiert).

Lesenswert sind beide Threads für alle, die sich für die Textmedien-Branche interessieren. Und: Die Erregtheit ist berechtigt. Es geht nicht nur um die Glaubwürdigkeit eines Mediums (wer die nicht mehr hat, kann als Qualitätszeitung einpacken), sondern auch um das Selbstverständnis eines Berufsstandes (wir lassen uns nicht kaufen).

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Wohnzimmer ohne Lagerfeuer – oder: Abschied vom Aufmerksamkeitsfänger Fernseher

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Drin lassen oder raus damit? Seit einer Weile beschäftigt mich die Frage, ob der Fernseher im Wohnzimmer bleiben soll. Ich habe es nie anders gekannt, bin mit dem Fernseher als Möbelstück aufgewachsen. Im Wohnzimmer war er stetig präsent. In den 70er Jahren noch hinter Türen der Wohnzimmerschrankwand, ab den 80er Jahren offen und damit immer sichtbar.

Den letzten Fernseher habe ich 2008 (zur Fußball-Europameisterschaft) gekauft. Angeschaltet wird er mittlerweile selten (Tatort, Fußball, Serien). Präsent ist er dennoch: Sitze ich auf der Couch, schaue ich ihn an (oder er mich?). Mir kommt dabei immer öfters der Loriot-Sketch in den Sinn, in dem ein Ehepaar am Abend vor ihrem kaputten Fernseher sitzt und das Gerät, obwohl defekt, weiter ihr Leben bestimmt.

Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen:

“Das Fernsehprogramm war ein Mittelpunkt unseres Lebens, strukturierte die Feierabendgestaltung und war eine Art Lagerfeuer im eigenen Wohnzimmer, vor dem sich die Familie einfand, um gemeinsam und still die Sendungen zu verfolgen. Heute ist das Fernsehen zu einem Nebenbeimedium geworden, das zwar durchschnittlich 221 Minuten pro Tag eingeschaltet ist, aber dennoch immer weniger geschaut wird.”

Es gab also auch diesen technischen Grund (Gerät war groß und immobil), warum Fernsehen zum Massenmedium wurde. Er war da, also wurde er genutzt. An Lagerfeuerstellen entzündet man eben gerne Feuer.

Verschwinden die Geräte aus den Wohnzimmern, verschwindet diese Erinnerungsfunktion. Inhalte auf dem Handy, Tablet oder Laptop müssen erst gesucht und hervorgeholt werden. Einem Bookmark oder eine App auf den hinteren Screens des Handys fehlt die Präsens des TV-Geräts im Wohnzimmer. “Ach ich könnte ja, ach eigentlich will ich nicht, ach was, jetzt schalte ich erst mal ein und guck, was läuft…”. Vorbei.

Man könnte auch sagen: Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit wird fairer. Da neben dem TV-Gerät auch die Bücherwand aus den Wohnungen verschwinden wird, werden zukünftig alle Medien auf einem Gerät, tendenziell dem Handy, ausgewählt (in meinem Fall aktuell folgende iOS Apps: Musik -> Spotify, Filme -> Amazon Instant Video, Fernsehen -> Zattoo, Bücher -> Kindle). Kein Inhalt wird mehr “bevorzugt”.

Für das Fernsehen (Private wie Öffentlich-Rechtliche) ist das eine Katastrophe. Grundsätzlich könnte es den Fernsehmachern egal sein, ob ihr Programm auf dem TV-Gerät oder über das Internet geschaut wird, aber, ob der Konkurrenz im Internet, wird ihr Angebot im Internet wesentlich weniger frequentiert.

Zwar lassen Zahlen wie die über den jüngsten Tatort, der von mehr als zwei Millionen Menschen im Internet geschaut wurde, aufhorchen. Allerdings: Mittlerweile werden auch viele Menschen auf ihrem TV-Gerät im Wohnzimmer Filme on demand schauen. Und: Der Tatort hat Tradition. Er wurde eben schon geschaut, als der Fernseher im Wohnzimmer noch Standard war. Stirbt diese Tradition, stirbt vielleicht auch der Tatort (an der Qualität lässt sich der Erfolg jedenfalls nicht festmachen).

Ein Aufmerksamkeitsvorteil bleibt dem Fernsehen. Will man es in der Gruppe konsumieren, braucht es Fläche. Eine freie, weiße Wand im Falle des Beamers, oder einen, wenn auch flachen, Monitor. Zumindest letzteren kann man bei Nicht-Verwendung nicht so einfach verschwinden lassen. Vielleicht lasse ich den Fernseher doch noch eine Weile an seinem Platz…

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Der treue Leser ist der Dumme – Das Geschäftsmodell von faz.net

Ein seltsames Geschäftsmodell betreibt die FAZ da: Befindet man sich auf der Webseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und sucht über deren Suchfeld ältere Artikel, dann sind viele dieser Artikel kostenpflichtig (ein Beispiel).

Sucht man die gleichen Artikel aber über Google, bekommt man den Inhalt kostenlos präsentiert, nämlich so.

Warum diskriminiert die FAZ ihre treuen Leser, also jene, die sich auf der eigenen Webseite länger aufhalten und sich dort von Inhalt zu Inhalt klicken wollen?

Vermutlich will der Verlag einfach ungern auf den Google-Traffic verzichten, also auf jene Leser, die mehr oder weniger zufällig über die Suchmaschine auf Artikel der FAZ aufmerksam werden. Schließlich kommen über Google ein Drittel bis zur Hälfte aller User auf Nachrichtenwebseiten.

Wer aber der FAZ treu ist, wer die Seite direkt ansteuert und nach Artikeln sucht, der ist der Dumme, weil der zahlen soll, was für andere umsonst ist. Hinter diesem Geschäftsmodell steckt kein kluger Kopf, zumindest kein fairer.

Wie gut sind die iPad-Apps der Verlage?

“Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit diesem Gerät die Verlagsindustrie rettet.” Diesen Satz sagte Springer-Chef Matthias Döpfner vor wenigen Wochen in einem Fernsehinterview. Ganz so einfach ist es freilich nicht. Auch die Verlage müssen mitmachen. Indem sie Apps bauen. Einige sind bereits zum deutschen iPad-Verkaufsstart verfügbar. Für das MacMagazin habe ich sie getestet. Mein Fazit: Die Verlage sind auf der Suche. Jede App folgt einem anderen Konzept. Manche überzeugen schon jetzt.

Erobert “Google TV” den Milliardenmarkt?

Porsche verkauft Brillen, Camel macht auf Schuhverkäufer: Schon immer haben starke Marken ihren Namen gegeben, um Produkte an Mann und Frau zu bringen, von denen sie eigentlich keine Ahnung haben. Jetzt will der mächtige Google-Konzern ins Fernsehgeschäft einsteigen. “Google TV” nennt sich das Projekt, das Fernsehen und Internet verbinden soll. Daran haben sich schon einige die Zähne ausgebissen. Doch für die neue Idee gibt Google weit mehr als seinen Namen. Der Eindruck nämlich täuscht: Fernsehen berührt die Kernkompetenz des Unternehmens, die Werbung. – Meine Einschätzung zu diesem Thema habe ich im MacMagazin aufgeschrieben.

1/3 des Medienangebots durch Blogger erstellt

Die Zahl der deutschsprachigen Wirtschaftsblogs nimmt zu, aber kaum einer liest sie, hatte ich am Mittwoch geschrieben. Jetzt bin ich auf eine Untersuchung des Bloggers Jan Schmidt gestoßen. Der wissenschaftliche Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg hat populäre Webseiten danach untersucht, von wem sie erstellt werden. Und siehe da: Die etablierten Medien dominieren die Szene viel weniger, als (zumindest von mir) gedacht. Ein Drittel der Angebote unter den Top-100-Medien werden von nur einer Person betrieben.

Ich habe dazu einen kurzen Blogbeitrag auf unserer Firmenhomepage geschrieben. Oder Sie lesen gleich den Post von Jan Schmidt.

Die Zahl der Wirtschaftsblogs nimmt stetig zu – Jetzt müssten sie nur noch gelesen werden

Was ist der Unterschied zwischen einem Ökonomen und einem Terroristen? Terroristen haben Sympathisanten!

Sie finden diesen Witz nicht lustig? Dann vielleicht den hier:

Wie viele Ökonomen braucht es, um eine Glühbirne zu wechseln? Antwort A: Keinen. Wenn die Glühbirne hätte ausgewechselt werden müssen, hätte es der Markt längst getan. Antwort B: Das ist irrelevant. Die Präferenzen der Glühbirne sind gegeben. Antwort C: Zwei. Einen der annimmt, es gäbe eine Leiter, einen der die Birne auswechselt. Antwort D: Sieben, plusminus zehn. Antwort E: Acht. Einen um sie zu wechseln und sieben um alles andere konstant zu halten. Antwort F: Das hängt vom Lohnsatz ab.

Die beiden Witze spiegeln das öffentliche Bild von Ökonomen wider: Ökonomen gelten als wenig sympathisch und fehlbar. Weil, was sie sagen, häufig nicht verständlich ist. Weil sie unangenehme Wahrheiten aussprechen. Weil Ökonomen sich häufig gegenseitig widersprechen. Weil sie zwar gerne über die Zukunft reden, diese aber dermaßen komplex ist, dass sie selten vorhersehbar ist.

Und dennoch haben Ökonomen zur Zeit Hochkonjunktur. Gerade wegen der Krise. Seit im Frühsommer 2007 die US-amerikanischen Immobilienpreise in den Keller rauschten, haben sich viele Menschen mit ökonomischen Fragestellungen beschäftigt. Manche weil sie es mussten, etwa weil sie arbeitslos wurden und nun mit geringerem Einkommen ihr Leben neu zu organisieren hatten. Andere, weil sie einfach verstehen wollten, wie es zu dieser Krise kommen konnte. Was sind die Ursachen? Wer sind die Schuldigen? Was muss getan werden, dass es zu keiner Wiederholung der Krise kommt?

Ökonomen suchen und geben Antworten. Und zunehmend tun sie dies in der Form von Blogs.  Das Blog Blick Log registriert alle deutschsprachigen Wirtschaftsblogs. Im Februar war dort das 100. Blog hinzugekommen. Mittlerweile sind es 143. Das Problem aber ist: Kaum einer liest die Inhalte. In den Top 100 der meistverlinkten deutschsprachigen Blogs taucht mit dem Netzökonom auf Platz 34 gerade mal ein Wirtschaftsblog auf. Bezeichnenderweise gehört das Blog zur altehrwürdigen FAZ. Das Neue scheint es schwer zu haben.

„Die deutschsprachigen Wirtschaftsblogs haben weniger ein Qualitätsproblem als ein Wahrnehmungsproblem“, meint Blick-Log-Betreiber Dirk Elsner. Und an diesem Wahrnehmungsproblem seien die Schreiber teilweise selbst Schuld. Die Wirtschaftsblogger, so Elsner, würden sich gegenseitig kaum wahrnehmen und deshalb viel seltener als andere Blogger „mit- und gegeneinander diskutieren“. Und so blieb auch der Verweis auf die Kollegen meist aus: „Viele verlinken eher auf die etablierte Wirtschaftspresse, auf US-Blogs oder am liebsten gar nicht, als auf themenähnliche Blogs im deutschsprachigen Raum.“

Aber auch die etablierte Wirtschaftspresse würde auf das Verweisen der Blogs verzichten. „Man zitiert gerne ‘renommierte Quellen‘, ‚anerkannte Fachleute‘, ‚ausgewiesene Experten‘ oder ‚prominente Kenner‘.“ Sich auf einen Wirtschaftsblog zu berufen, sei in Deutschland aber nicht angesagt, so Wirtschaftsblogger Elsner. „Von der in den USA zu beobachtenden sich gegenseitig befruchtenden Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftsblogs und Medien ist hier leider weit und breit nichts zu sehen.“

Dabei könnten Blogs publizistische Lücken schließen. Die etablierten Wirtschaftsmedien verhalten sich nämlich gerne wie Spekulanten an der Börse. Sie folgen der Herde. Berichtet wird über das, worüber alle berichten. Die großen Nachrichtenseiten wie Handelsblatt, Financial Times Deutschland, Spiegel Online, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung richten sich mit ihren Wirtschaftsnachrichten an ein breites Publikum. Analysen über die Wirtschaftskrise sind dort zu lesen, die Entwicklung der Arbeitslosigkeit zu verfolgen und die Kreditklemme in Griechenland wird von allen ausführlich dokumentiert. Wenn aber viele über das Gleiche schreiben, bleiben andere Themen auf der Strecke. Hinzu kommt: Kein noch so großes Nachrichtenportal kann alle Bereiche vollständig abdecken. Deswegen werden Texte häufig nach dem KISS-Prinzip verfasst: Keep it short and simple.

Hier könnten Wirtschaftsblogs ihre Vorteile ausspielen, die in der Spezialisierung und im Tiefgang liegen. Das Konsumentenblog, das die Marketingtricks der Warenhersteller aufdeckt; das Aktionärsblog, das unbeeinflusst und kritisch, das Auf und Ab an den Börsen begleitet; das  Ökonomie-Blog, das den wirtschaftswissenschaftlichen Fortschritt in verständliche, aber nicht verfälschende Worte fasst. – Keine Frage, solche Blogs werden gelesen.

Was es dafür braucht? Kompetenz, Geld und Zeit. Und an allem fehlt es. Mit Blogs ist kaum Geld zu verdienen. In Texten mit Tiefgang steckt häufig ein ganzer Tag Arbeit. Wer wirtschaftliche Zusammenhänge anständig vermitteln kann, wechselt deshalb vorzugsweise dorthin, wo diese Kompetenz gut bezahlt wird, in die PR-Abteilungen großer Unternehmen.

Und dennoch: Thomas Knüwer, einer der bekanntesten deutschen Blogger, hat bereits vor einiger Zeit eine Veränderung in der Bloggerlandschaft festgestellt: „Mein Eindruck ist, dass sich die Autoren mehr fokussieren und weniger schreiben – dafür aber durchdachter.“ Außerdem habe durch die  Krise an den Finanzmärkten der Anteil von Wirtschafts- und Politikthemen zugenommen. Allerdings, so Knüwer, seien diese Bereiche in Deutschland immer noch unterrepräsentiert. Alles in allem aber, könne er auf die Frage, wie es der deutschen Blog-Sphäre gehe nur antworten: „Joah, ganz gut, ne. Und selbst?“

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Meine deutschsprachigen Lieblingswirtschaftsblogs:

  • Wirtschaftliche Freiheit - Hier geht es um ordnungspolitische Fragen wie Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit oder die Probleme der Euro-Währung. Das Blog ist ein gemeinsames Projekt mehrerer VWL-Professoren. Initiator ist Professor Norbert Berthold von der Universität Würzburg
  • Ökonomenstimme - Dieses Blog gibt es erst seit wenigen Tagen und ist quasi die Konkurrenz zu „Wirtschaftliche Freiheit“. Denn auch hier bloggen zahlreiche VWL-Professoren. Auf der Webseite heißt es: „Ziel von Ökonomenstimme ist es, volkswirtschaftlichen Fragen und Diskussionen im deutschsprachigen Raum eine Bühne zu bieten – von Ökonomen für Ökonomen und alle, die sich für volkswirtschaftliche Themen interessieren.“
  • Freilich - Eine Gruppe Schweizer Autoren hat sich zusammengeschlossen um dieses Blog zu füllen. Ihre gemeinsame Leidenschaft: Der Liberalismus.
  • Blick Log - Blick Log durchkämmt jeden Tag große Wirtschaftsseiten und kleine Blogs und stellt die interessantesten Inhalte per Linkliste zur Verfügung. – Für alle die wenig Zeit haben, gute Texte aber nicht verpassen wollen.
  • Die Liste aller deutschsprachigen Wirtschaftsblogs gibt es hier.

Pixelökonom goes Wirtschaftliche Freiheit

Ich freue mich, dass ich für das Blog “Wirtschaftliche Freiheit” einen Gastbeitrag veröffentlichen darf. Der Post geht der Frage nach, ob die aktuelle Medienkrise Folge eines Marktversagens ist oder die Branche sich schlicht aufgrund des technischen Fortschritts wandelt.

Da ich den Artikel bereits vor ein paar Wochen geschrieben habe, ist er an der ein oder anderen Stelle nicht mehr ganz aktuell (zum Beispiel was die iPhone-App des Springer-Verlages betrifft). Das spielt allerdings für die Analyse des Themas keine Rolle.

In einer etwas kürzeren Fassung ist der Gastbeitrag auch hier erschienen.

Sind die Medien in der Krise, weil der Markt versagt?

Er ist 78 Jahre alt und sieht in die Zukunft: „Die Zeiten des freien Internets werden bald vorbei sein“, hatte Rupert Murdoch im Frühjahr prognostiziert. Der mächtigste Verleger der Welt (Murdoch gehören über 100 Zeitungen) möchte selbst zur Erfüllung der Prognose beitragen: Die ersten Zeitungen seiner News Corporation kündigten vor wenigen Tagen Bezahlinhalte ab kommenden Frühjahr an. Dann sollen diese Inhalte auch nicht mehr über Google erreichbar sein, wie Murdoch außerdem  betonte.

In Deutschland ist Springer der erste. Der Verlag plant, iPhone-Nutzern ab Ende des Jahres die Webseiten von „Welt“ und „Bild“ zu sperren. Die Inhalte sollen auf dem Apple-Handy nur noch für den zu lesen sein, der eine Software aufspielt, für die entweder einmalig bezahlt werden muss oder eine Abo-Gebühr fällig wird.

Die Verlage sind auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen für ihr Wirtschaftsgut „Information“. Schon in der Printwelt war dieses Gut ein besonderes. Denn normalerweise bewertet der Kunde vor einem möglichen Kauf das Produkt. Er will prüfen, ob sich der Erwerb lohnt. Dafür aber muss er es begutachten. Bei der Betrachtung des Produkts „Information“ allerdings eignet man es sich bereits an. Der Kauf ist dann gar nicht mehr nötig.

Informationsanbieter versuchen dieses Dilemma (man nennt es das „Bewertungsparadox von Arrow“) mit zwei Strategien zu umgehen: Sie präsentieren zum einen kostenlose Informationshappen, die zum Kauf des Produkts anregen sollen, und versuchen zum anderen Reputation aufzubauen. Man greift dann am Kiosk zu seiner Lieblingszeitung, ohne einen Blick auf die Titelseite zu werfen, weil die Erfahrung lehrt, dass sich der Kauf lohnt.

In der Printwelt ließ sich das flüchtige Gut „Information“ halbwegs einfangen. Vor allem tagesaktuelle Publikationen hatten sozusagen eine stoffliche Exklusivitätstechnik fest eingebaut: Wer die ganze Story lesen wollte, musste in den Besitz der Zeitung kommen.

Das Internet verändert den Charakter des Gutes „Information“: Der Zugriff auf Informationen ist einfacher und umfangreicher geworden; die Trennung zwischen Anbietern von Information und Nachfragern wird unscharf; Information lässt sich leicht verändern; der Aufwand der Vervielfältigung tendiert gegen Null; Informationen lassen sich fast ohne Kosten über beliebige Entfernungen transportieren; und im Unterschied zu Papier nutzt sich digitale Information nicht ab.

Die Folgen dieser Veränderungen sind vielfältig. Weil zum Beispiel alle Informationen für alle verfügbar sind, kommt es zum Informationsüberfluss. Anpassungsprozesse sind die Folge. Manche Angebote verschwinden, neue Ideen setzen sich durch. Schon immer war das Bessere der Feind des Guten.

Die aktuelle Krise der Medien aber wirft die Frage auf, ob das Medium Internet dazu beiträgt, dass das Informationsangebot stärker als gewollt reduziert wird, wobei „stärker als gewollt“ in einer Marktwirtschaft bedeutet, dass Umfang und Qualität des Angebots niedriger ist als die Zahlungsbereitschaft der Nachfrager. Es entstünde dann ein Wohlfahrtsverlust: Obwohl ein besseres Angebot gewünscht und auch bezahlt würde, wird es nicht geliefert.

Ein solches potenzielles Marktversagen kann zwei Ursachen haben: Entweder wenn es sich bei dem Produkt „Information“ um ein so genanntes öffentliches Gut handelt oder der Markt zum natürlichen Monopol tendiert. Ist Marktversagen der Grund für die aktuelle Medienkrise?

Ein natürliches Monopol kann sich dann bilden, wenn hohe Fixkosten anfallen und die Kosten zusätzlicher Produktion (Grenzkosten) gering sind. Da sich Fixkosten auf die gesamte Produktion verteilen, sinken die Stück-Kosten je mehr produziert wird. Am billigsten kann dann derjenige anbieten, der am meisten verkauft. Die Folge: Wer groß ist, wird noch größer.

Diese Entwicklung ist bei Informationsangeboten im Internet zu beobachten. Den Fixkosten der Informationserstellung (Personal für Redaktion, Computertechnik, Gebäude, Marketing) stehen Grenzkosten gegenüber, die gegen Null tendieren. Denn ein zusätzlicher User auf der Webseite des Informationsanbieters verursacht minimale Zusatzkosten (Serverkosten).

Allerdings: Gibt es kaum Hürden, um in einen Markt einzusteigen, geht es Monopolisten meist schnell an den Kragen. Die Konkurrenz macht dann mit frischen Ideen die Kostennachteile wett.

So scheint es auch gegenwärtig zu sein: Das umfangreiche Informationsangebot im Internet ist ein Indiz dafür, dass der Nachteil der Monopoltendenz durch die gefallenen Publikationshürden kompensiert wird.

Ist die Information im Internet aber vielleicht ein öffentliches Gut? Öffentliche Güter zeigen beim Konsum zwei Besonderheiten: Nicht-Rivalität und Nicht-Ausschließbarkeit.

Nicht-Rivalität meint, dass ein Gut zur gleichen Zeit von vielen Personen verwendet werden kann, ohne dass die Nutzung des einen die Nutzung des anderen beeinträchtigt. Während ein Auto zur gleichen Zeit nur von einem Fahrer gefahren werden kann (Rivalität), ist die Nutzung einer Webseite für viele gleichzeitig möglich (Nicht-Rivalität).

Nicht-Ausschließbarkeit heißt, dass es nicht möglich ist, Personen vom Konsum eines Gutes auszuschließen. „Saubere Luft“ zum Beispiel ist ein solches öffentliches Gut, Informationen im Internet aber eben nicht.

Es ist technisch kein großes Problem, Informationen nur jenen zukommen zu lassen, die dafür bezahlen. Bei speziellen Fachinformationen wird das heute auch schon gemacht. Bei Nachrichten, die potenziell viele interessieren (Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur), aber schreckten die Medienunternehmen vor Bezahlinhalten zurück. Denn den potenziellen Zusatzeinnahmen stehen Verluste der Werbeeinnahmen gegenüber, wenn weniger Nutzer auf die Seiten gelangen.

Ein Marktversagen für das Gut „Information“ liegt also nicht vor. Der Umbruch des Medienmarktes ist folglich ein natürlicher – die Suche nach neuen Geschäftsmodellen deswegen nicht weniger mühsam. Vielleicht werden sich Murdoch und Springer mit ihren Bezahlversuchen blutige Nasen holen. Versuch und Irrtum aber war schon immer die beste Methode, um auf dem Fortschrittspfad voran zu kommen.

Der König ist tot – und wird es bleiben

Wenn Prominente sterben, packen Medien gerne den Superlativ aus. Dann ist “die letzte Hollywood-Diva gestorben”, “die letzte wahre Politikgröße von uns gegangen”, “der letzte Meister-Regisseur verschieden”. Hätten die Schlagzeilen Recht, die Lebenden würden in einem Meer der Mittelmäßigkeit vegetieren: Das Herausragende, die Ausnahmeleistung, das Genie – all das gäbe es nicht, es wäre ja längst zu Grabe getragen.

Tatsächlich aber folgen dem Letzten neue Letzte. Der Superlativ von morgen kümmert sich nicht um den Superlativ von gestern. Im Kampf um die Aufmerksamkeit der Leser ist die Überhöhung der Ereignisse eben ein wirksames Mittel.

Michael Jackson ist auch so ein Letzter. Überhäuft mit Superlativen. Er hatte mit “Thriller” das meist verkaufte Musikalbum (60 Millionen), er unterschrieb 1991 den höchstdotierten Plattenvertrag aller Zeiten (angeblich 890 Millionen Dollar) und er ist der Solokünstler mit den meisten Nr.1-Single-Hits in den amerikanischen Charts (14). Kurzum: Michael Jackson gilt als der King of Pop, nein, er IST der King of Pop.

Denn wie es aussieht, wird es nach ihm tatsächlich keinen weiteren Letzten mehr geben. Zumindest keinen letzten Popstar. Zumindest keinen letzten Popstar, der größer sein wird als er. Das ist keine Form der Wahrsagerei. Es liegt auch nicht an seinem Ausnahmetalent. Vielmehr: Michael Jacksons Tod fällt in jene kurze Epoche, die vor gut 50 Jahren mit der Verbreitung der Schallplatte begann und die jetzt durch das Internet zu Ende geht.

Es war der Massenartikel Langspielplatte, der Musik und Lebensgefühl in jede Wohnung und den Künstlern das große Geld brachte. Und es war das Fernsehen, mit der besonderen Ausprägung der Musik-Sender, das dem Ton die Bilder und der Popwelt die Verstärkung des Personenkults bescherte. Michael Jacksons märchenhafter Aufstieg als Solokünstler zu Beginn der 80er Jahre hätte ohne MTV schlicht nicht stattgefunden.

Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben Prominenz.
— Georg Franck, Ökonom und Software-Entwickler

Die Zeit der Musiksender für die Massen und der Tonträger mit Millionen-Auflage ist vorbei. Das technische Produkt einer runden Scheibe, auf der etwa 10 Songs ein “Album” bilden und dieses Album, einmal produziert, bei jeder Abgabe Geld in die Kassen von Künstler und Musikfirma spült, hat einer neuen Technik Platz machen müssen. Das Bessere als Feind des Guten. In dem Fall auch der Feind der ganzen Musikbranche. Denn mit dem Internet gibt es Musik schneller, günstiger, oft umsonst.

Das Internet zerstört nicht nur das bisherige Geschäftsmodell der Musikbranche, sondern auch eine Figur der Musikwelt: den Superstar. Denn um Superstar zu werden, braucht es Zweierlei, viel Geld und viel Aufmerksamkeit. Eine kostenintensive Marketingmaschinerie macht aus guten Musikern Lichtgestalten für breite Massen. Und um die breite Masse zu erreichen, braucht es neben Geld eben die Massenmedien.

Das Internet aber hat der Branche nicht nur die Finanzkraft genommen, sondern raubt ihr auch die Aufmerksamkeitskontrolle. Früher gab es wenige Fernsehprogramme und ein paar mehr Zeitschriften und Zeitungen. In der Sprache der Kommunikationstheorie fokussierten sich viele “Empfänger” auf wenige “Sender”. Der Aufwand der Musik-Konzerne, Musik und Musiker bei diesen wenigen Angeboten zu platzieren, hielt sich in Grenzen.

Heute kämpfen unzählige Medienangebote um Aufmerksamkeit. Nachrichtenportale, Blogs, Soziale Netzwerke – das Informationsangebot explodiert und wird kleinteiliger. Dem früheren Einheitsprogramm von MTV stehen mittlerweile zahlreiche Spartenangebote gegenüber. Das ist gut wegen der Vielfalt und schlecht für Superstars – denn ohne Massenpublikum kein Superstar.

Vielleicht aber ist es auch gut für sie. Denn der Superstar ist auch eine tragische Figur: Reichtum und Ruhm führen nicht selten zu Dekadenz, Selbstüberschätzung und Einsamkeit. Elvis Presley und Michael Jackson, zwei Ikonen der Pop-Ära, haben für ihren Erfolg teuer bezahlt. Vermutlich hat die Evolution die Psyche des Menschen nicht ausreichend gegen solche Überhöhungen gewappnet. Eigentlich nur konsequent, wenn jetzt die technische Evolution den Superstar-Kult abschafft.

Was den Journalismus rettet? Aufmerksamkeit!

Weil die Kostenlos-Kultur im Internet Journalisten ihre Jobs kostet, wird wieder über Bezahl-Inhalte nachgedacht – Ökonomisch betrachtet ist das ziemlicher Unsinn

Bill Keller hatte als erster mit den Wiederbelebungsversuchen begonnen. Der Chefredakteur der “New York Times” war vor kurzem mit einem Gedanken um die Ecke gekommen, der schon tausendmal gedacht, ausgesprochen und aufgeschrieben wurde, nämlich dass für journalistische Inhalte im Internet doch zu bezahlen sei.

Das Thema war kaum mehr diskutiert worden. Weil Bezahl-Inhalte nur noch in Nischen vorkommen. Kaum eine große Nachrichtenseite verlangt noch Geld. Weil User, die zur Kasse gebeten werden, so schnell verschwinden wie sie gekommen sind. Weil es häufig einen Klick entfernt kostenlose Alternativen gibt.

Doch die Krise hat das Thema zurückgebracht: Der Medienunternehmer Steve Brill entwirft  ein Modell um die New York Times zu retten; William Isaacson, Leiter des Aspen Instituts plädiert in der Titelgeschichte “How to save your newspaper?” des Time Magazine für Bezahlinhalte; und der Medienwissenschaftler Robin-Meyer Lucht greift das Thema bei Spiegel online auf.

Das Problem ist bekannt: Sinkende Einnahmen durch zurückgehende Zeitungsauflagen  werden nicht durch steigende Werbebudgets für Online-Inhalte kompensiert. Die Folgen auch: Redaktionen werden ausgedünnt, in den USA mittlerweile sogar ganze Zeitungshäuser dicht gemacht (zum Beispiel die Rocky Mountain News, hier mit einem beeindruckenden Video über die Schließung des Verlags). Ist die Kostenlos-Kultur des Internets der Totengräber des Qualitätsjournalismus? Zerstört sie letztlich eine ganze Branche, führt zu Arbeitslosigkeit und letztlich zu Wohlstandsverlust?

Tatsächlich können kostenlose Güter den Wohlstand verringern. Nämlich immer dann, wenn Dritte nicht von der Nutzung ausgeschlossen werden können. Wer ein Open-Air-Kino-betreibt, aber keinen Zaun um sein Gelände baut, wird nur einen Teil der Kinogänger am Kassenhäuschen begrüßen können. Sind es zu wenig, wird der Kinobetreiber sein Geschäft einstellen müssen.

Die Durchsetzung von Eigentumsrechten ist in einer Marktwirtschaft eine grundlegende Voraussetzung für Wohlstandsgewinne. Güter, bei denen Eigentumsrechte nicht vergeben oder nicht durchsetzbar sind, werden in der Ökonomie als Allmende-Güter bezeichnet. Der Name geht auf die so genannte Allmende-Wiese zurück, die es früher in Dörfern gab und auf der jeder seine Tiere weiden lassen durfte. Die Allmende-Wiese gehörte allen und niemandem. Das Ergebnis war nie zu übersehen: Die Dorfwiese war regelmäßig bis auf den letzten Halm abgegrast – und daher kaum zu verwenden. Denn niemand nahm  seine Tiere von der Wiese, um den Boden regenerieren zu lassen. Weil keiner dazu einen Anreiz hatte: Wer seine eigenen Tiere von der Wiese holte, musste mit anschauen, wie die Tiere des Nachbarn die letzten Halme abgrasten.

Das Allmende-Phänomen gibt es heute in anderer Form, zum Beispiel bei überfüllten Straßen oder bei der Überfischung der Meere. Gehören keinem die Fische und muss niemand für das Recht, die Fische zu fangen, bezahlen, fängt jeder bis zum letzten. Allmende-Güter führen also in der Regel zu geringerem Wohlstand. Doch die Theorie der Allmende-Güter passt nicht zum Gut “journalistische Inhalte im Internet”. Aus zwei Gründen. Erstens zeichnen sich Allmende-Güter durch die “Rivalität in der Nutzung” aus. Ein zusätzlicher Nutzer auf einer Webseite aber stört niemanden, weder die anderen User, noch die Webseitenbetreiber. Während zwei Fischkutter um die gleichen Fischgründe konkurrieren, gibt es beim Konsum “journalistischer Inhalte” also keine Rivalität in der Nutzung. Zweitens: Das Geschäftsmodell des Journalismus war schon immer zweigeteilt. Zum einen wurden Inhalte an die Kunden verkauft (Beispiel Zeitungsabo), zum anderen verkaufen die Verlage die Aufmerksamkeit, die sie mit journalistischen Inhalten schaffen an Werbekunden, die dafür Anzeigen neben die journalistischen Inhalte platzieren dürfen.

Das besondere dabei: Beide Geschäftsmodelle konkurrieren miteinander. Je teurer der Preis für die Zeitschrift, desto weniger Leser, desto weniger sehen die Anzeigen darin. Im Internet  ist dieses “Konkurrenzverhältnis” noch deutlich ausgeprägter. Denn das Prinzip des Internets ist der Hyperlink. Eine Webseite verweist auf eine andere, ein Artikel auf den nächsten – das Internet als Netz eben. Wer dort seine Artikel hinter Passwörtern und Bezahl-Barrieren versteckt, der entzieht sie  weitestgehend der Wahrnehmung. Im Internet wird aus dem Konkurrenzverhältnis der beiden Geschäftsmodelle nahezu ein Ausschluss-Verhältnis. Man muss sich für eine der beiden Variante entscheiden: entweder Bezahl-Inhalte oder Anzeigen-Verkauf. Am Ende geht es vor allem um eine geschäftliche Abwägung zwischen zwei Geschäftsmodellen, nicht um ein marktwirtschaftliches Versagen – von Wohlstandsverlusten durch journalistische Kostenlos-Angebote kann jedenfalls keine Rede sein.

Und doch ist Bill Kellers alte Idee von den Bezahl-Inhalten am Ende vielleicht doch nicht so abwegig ist, wie sie im ersten Augenblick scheint. Nischen sind bereits gefunden, zum Beispiel für Testberichte von Stiftung Warentest oder für börsenrelevante Informationen, die etwa das Wall Street Journal verkauft. Vermutlich werden die Nischen zunehmen. Schlicht deshalb, weil Geschäftsleute Geschäftsideen ausprobieren und die ein oder andere eben auch funktionieren wird. Was sich nämlich auch zeigt: Die Bereitschaft für “Komfort” zu bezahlen, ist vorhanden. Es geht also weniger um den Ausschluss von Inhalten für jene, die nicht bezahlen, sondern um Zusatznutzen. Apple hat es vorgemacht: Musik gibt es kostenlos im Internet, dennoch sind Millionen bereit, über iTunes ihre Lieblingsmusik für 10 Euro das Album zu kaufen. Warum? Weil es einfach ist. Solche Beispiele werden Schule machen. Ein  komfortables Lesegerät, dass die Zeitung mit einem Klick lädt: Warum sollte dafür keine Kaufbereitschaft vorhanden sein? Ein kleines Handy-Programm, das Kinos der Umgebung inklusive Filme und Rezensionen anzeigt: Warum soll das nichts wert sein? Der Journalismus, der mit seinen Inhalten Aufmerksamkeit erzielt, ist jedenfalls bereits vorhanden. Neue Ideen, diese Aufmerksamkeit in Geld zu verwandeln, werden folgen.

Wie wir arbeiten werden

Der Journalismus legt die Ketten ab: Über die Zukunft eines Berufszweigs

Es gab mal eine Zeit, da war die Presse ein ganzer Industriezweig. Das Geschäft mit der Nachricht ernährte die unterschiedlichsten Handwerker: Schriftsetzer, Seitenbauer, Lithografen, Drucker, auch Abschreiber und Austräger. In der digitalen Welt sind die meisten Berufe verschwunden. Zum Publizieren braucht es nur noch eines: Inhalt. Darüber hinaus höchstens Programmierer und Gestalter; um das Angebot ansprechend zu präsentieren.

“Paper were things. Now they’re thoughts”, beschreibt der amerikanische Journalist und Blogger Jeff Jarvis den Wandel. Nur an den Journalisten selbst ging die Veränderung jahrzehntelang vorbei. Jetzt stecken die Verlage in der Krise. Und mit ihr ihre Angestellten. Das ist bekannt. Aus Redaktionen werden Zentralredaktionen, aus Büros Newsdesks. Die Worte sind Euphemismen. Der Klartext lautet: Redaktionen schrumpfen, Personal wird entlassen. Den Verlegern Vorwürfe zu machen, greift zu kurz. Es sind die Bedingungen, die sich geändert haben.

Es wird schlicht weniger verdient. Printauflagen fallen und die Anzeigenerlöse im Internet fangen die gesunkenen Einnahmen aus dem Verkauf der Papierprodukte in keiner Weise auf. Die Reaktion der Verlage: Sparen durch Abbau. Viel mehr ist den Verlagen bisher nicht eingefallen – das vielleicht kann man den Verlagen vorwerfen. Die mangelnde Kreativität. Aber das ist in der Geschichte der Wirtschaft keine Besonderheit. Selten geht die Innovation von den Konzernen aus. Viel zu schwerfällig. Viel zu wenig Unternehmerehrgeiz in den Konzernetagen mit ihren Angestelltenbüros. Das Neue kommt von außen. So ist es meisten. So könnte es auch in der Medienbranche sein.

Wie gesagt, die Pressekrise ist bekannt und oft genug beschrieben worden. Interessanter als die Bestandsaufnahme ist die Prognose, der Blick in die Zukunft. Welche Formen des Journalismus wird es in fünf Jahren geben? Welches Geschäftsmodell wird Erfolg haben?

Meine Überzeugung vorneweg:

Der Journalismus der Zukunft wird ein besserer sein. Er wird kompetenter, einzigartiger, interessanter. Der Umbruch, ist ein notwendiger. Er basiert nämlich nur auf den ersten Blick auf wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Sie aber haben ihre Ursache in überkommene Strukturen. Die werden nun weggefegt. Das Bessere war schon immer der Feind des Guten. Und wie immer während eines Strukturwandels wird es Gewinner und Verlierer geben. So viel lässt sich schon heute sagen: Gewinnen wird der Journalismus und mit ihm die Journalisten, verlieren werden die Verlage.

Die Begründung der Überzeugung:

Der aktuelle Arbeitsalltag der meisten Journalisten ist ein Anachronismus. Es basiert auf den Bedingungen einer vergangenen Epoche. Die Verlage arbeiten, als sei das Internet noch nicht erfunden. Am Morgen fahren die Redakteure in ihre Redaktionen, setzen sich an ihre Schreibtische, schalten ihre Computer an (oder gibt es irgendwo noch Schreibmaschinen;-)), konferieren in Konferenzräumen und liefern am Abend ihre Inhalte ab. Danach ist Dienstschluss.

Diese Arbeitsweise wird in zweifacher Hinsicht den heutigen Notwendigkeiten nicht mehr gerecht:

1) Die hohen Kosten der Infrastruktur sind überflüssig. Um journalistisch arbeiten zu können, braucht es in erster Linie einen Computer, einen Internetanschluss, ein Telefon – nichts also, was nicht sowieso jeder zu Hause hat. Was sich deshalb verändern wird: Die Arbeit wird in Zukunft dezentraler organisiert werden. Man spart sich Kosten für die Infrastruktur (Gebäude, Miete, Computer); auf der anderen Seite werden die Journalisten freier, weil sei nicht mehr jeden Morgen zur gleichen Uhrzeit am gleichen Ort erscheinen müssen. Was zählt ist das Ergebnis.

2) Der Output der herkömmlichen Arbeitsweise ist ungenügend: Durchschnittsware massenhaft! Die meisten Redaktionen arbeiten noch als seien sie Monopolisten der Information. Mehr als 100 Redaktionen treffen sich in Deutschland Morgen für Morgen zur Konferenz, diskutieren über die gleichen Themen. Danach setzen sich die Redakteure an ihre Computer und schreiben ihre Geschichten – die Ergebnisse sind in der Mehrzahl austauschbar.

Angela Merkel hält in Berlin eine Regierungserklärung und die Newsportale berichten darüber, alle. Und am nächsten Tag stehen Artikel im Nordkurier und im Südkurier und in weiteren 100 Zeitungen. Weil man noch immer so arbeitet wie vor dem Zeitalter des Internet. Als fast jeder Leser nur eine Zeitung kannte und las, und deshalb gar nicht wusste, was woanders stand. Das Internet aber macht jede Information jedem zugänglich. Die massenhafte Berichterstattung in fast identischer Weise ist damit überflüssig. Sie wird es deshalb nicht mehr lange geben.

Was sich verändern wird. Es wird geschehen, was in jeder anderen Branche in der gleichen Situation auch passiert: Die Unternehmen versuchen sich von der Konkurrenz abzusetzen, indem sie besser oder anders werden.

Für qualitativ hochwertigere Inhalte aber muss sich der Arbeitsprozess vieler Journalisten ändern, vor allem vieler Online-Journalisten. Sie werden bald nicht mehr in Redaktionen sitzen und Themen zugewiesen bekommen, heute über die Finanzkrise, morgen über Handytests und übermorgen über ein Theaterstück – mit dem stetige Begleiter des Halbwissens im Handgepäck. Diese Form des Journalismus mag der Leser akzeptiert haben, als das Medienangebot eingeschränkt war. In der Internetzeit verzichtet er auf derartige Inhalte dankend. Weil er im Netz mehr Kompetenz findet: Den Ökonomen, der die Ursachen der Wirtschaftskrise aufschlüsselt; den hauptberuflichen Tester, der die Schwächen der Handys en detail beschreiben kann; den einschlägigen Theater-Kritiker, der die Schauspieler persönlich kennt.

Deshalb: Die Zukunft des Journalismus verbindet Fachwissen mit dem Können, dieses anschaulich zu vermitteln. Gut möglich, dass diese Aufgabe zunehmend Blogger ausfüllen. Sie sind Experten auf ihrem Gebiet. Sie haben gelernt sich mitzuteilen. Sie diskutieren mit ihren Usern. Ihr Interesse für ein Thema endet nicht mit Dienstschluss. Geschichten werden weitergedreht, fortgeführt, erleben neue Wendungen, auch mit Hilfe der Blogleser. Außerdem: Blogger schreiben häufig nicht hauptberuflich. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit tragfähiger Geschäftsmodelle. Wer einem Blogger 1000 Euro im Monat für seine Inhalte bietet, wird auf Dankbarkeit stoßen; ein Redakteur in Vollzeit kann davon nicht leben.

Außerdem: Im Journalismus wird zunehmend Suchkompetenz verlangt. Es schreiben in Zukunft nicht mehr 100 Redakteure mit ähnlicher Kompetenz über die gleichen Themen. Jeder schreibt, worüber er am meisten weiß. Alles andere wird verlinkt. Dafür muss man die besten Inhalte im Netz aufspüren. Und das Netz ist nahezu grenzenlos. Das verlangte viel Wissen.

Und die Verlage? Die Hürde des Publizierens ist nicht mehr vorhanden. Die Folge: Journalisten können erstmals selbst publizieren und damit – zumindest theoretisch – ein Millionenpublikum erreichen. Es muss kein Papier gekauft, keine Druckmaschine gemietet, kein Austräger bezahlt werden. Der Journalist wird gleichzeitig Publizist und Verleger.

Allerdings werden es Einzelkämpfer auch in Zukunft schwer haben. Die meisten Blogs erhalten nur eine beschränkte Aufmerksamkeit. Sie werden häufig von Fachleuten für Fachleute geschrieben. Der Musiknerd schreibt für Musiknerds, der Volkswirt für Volkswirte, der Kinofreak für Kinofreaks. Dabei steht Vieles in Blogs, was Viele interessieren könnte; aber eben nicht zu jeder Zeit und nicht jeder Inhalt. Hier liegt das Geschäftsmodell der Zukunft: Blogger/Journalisten schließen sich zu Netzwerk zusammen. Jeder Autor behält seinen Blog, präsentiert diesen aber auf gemeinsamen Plattformen.

Eine Plattform präsentiert somit alle relevanten Inhalte eines Nachrichtenportals. Auf der Startseite wird aus der Vielzahl der Experteninhalte, die zu einer bestimmten Zeit besonders interessierenden Inhalte angezeigt. Nach einem Flugzeug-Absturz wird ein Post des Verkehrsexperten angerissen, wo dieser erklärt, warum das Unglück nicht abwendbar war. Zum Kinostart eines Blockbuster-Films wie „Operation Wallküre“ diskutiert der Kinofilm-Blogger die Besetzung der Hauptrolle mit Tom Cruise. Zeigt man darüber hinaus noch die besten Inhalte anderer Webseiten an, erhält man mit überschaubarem Aufwand ein umfassenden Nachrichtenportal mit außerordentlich kompetenten Inhalten. Das Beste vom Besten. Ein Verlag braucht es dafür nicht, auch deshalb, weil die Vermarktung des Portals extern vergeben werden kann. Alles was nötig ist: ein Netzwerk von Journalisten.

Zusammenfassung der zukfünftigen Veränderungen im Journalismus:
* Die massenhafte Anfertigung fast identischer Inhalte wird einer größeren Differenzierung und einer besseren Qualität weichen.
* Journalisten benötigen stärker als bisher Fachwissen und werden ihre Veröffentlichungen auf dieses Gebiet konzentrieren
* Journalisten benötigen stärker als bisher Suchkompetenz, um jene Inhalte, die sie nicht selbst erstellen, im Netz zu finden und gesammelt zu präsentieren.
* Der bei einem Verlag angestellte Journalist, der jeden Morgen ins Büro fährt, wird es zunehmend weniger geben. Weil die Infrastruktur nicht nötig ist, weil es grundsätzlich Verlage zum Publizieren immer weniger braucht.

Where do we go? 10 Thesen zur Zukunft des Journalismus

These 1:
Der Journalismus muss und wird ein neues Geschäftsmodell finden

Womit verdienen Journalisten ihr Einkommen? Mit guten Geschichten, durch exklusive Nachrichten. Ja, aber ganz konkret? Woher fließt das Geld? In der Print-Branche gibt es bisher zwei Einnahmequellen: der Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften sowie durch Einahmen der Werbeanzeigen, die in den Publikationen geschaltet werden.

Im Internet funktioniert das Prinzip der „doppelten Einnahme“ aktuell aber nicht. Die Bereitschaft der User, für Inhalt zu zahlen, beschränkt sich auf wenige exklusive Bereiche wie Börseninformationen oder Testberichte. Bleibt als einzige Erlösquelle die Werbung. Zwar wachsen die Ausgaben für Werbung im Internet stetig: Für 2008 werden in Deutschland 3,6 Milliarden Euro erwartet – ein Zuwachs von immerhin über 25 Prozent gegenüber 2007; der Marktanteil des Onlinebereichs im gesamten Medienmix erreicht in diesem Jahr damit bereits 13,5 Prozent (2005 waren es noch 4,4). Doch die Verlage streichen nur ein Teil des Geldes ein. Fast die Hälfte der diesjährigen Werbeausgaben werden allein für die Suchwortvermarktung ausgegeben (1,5 Milliarden Euro), also um etwa bei Google-Suchtrefferseiten in der rechten Spalte mit kleinen Textanzeigen aufzutauchen.

Das Internet scheint die alte Verbindung von Werbung und journalistischen Inhalten zum Teil aufgehoben zu haben. Weil der User im Internet häufig Sucher statt Leser ist. Wer einen MP3-Player verkaufen will, tut gut daran, dem User mit seinem Angebot dann unter die Augen zu kommen, wenn er eben gerade auf der Suche nach dem Musikspieler ist und nicht, wenn er einen Artikel über die Steuerreformpläne der Bundesregierung liest.

Ausblick:
Der Journalismus wird der Werbung hinterher ziehen. Klassische journalistische Darstellungsformen ergänzen sich um bisher unbekannte Formate, etwa journalistische Inhalte auf dem Mobiltelefon. Ein Beispiel: Wenn etwa ein Handy-Programm Touristen den Weg zu den Attraktionen der Stadt weist, dann werden auf dem Handy-Display Hotels und Gaststätten werben wollen. Zusätzlich können journalistische Texte, Bilder und Videos über die Geschichte der Stadt und aktuelle lokale Nachrichten das Angebot aufwerten.

Neben neuen Formen wird auch klassische Qualitätsjournalismus bestehen bleiben. Reichen Werbeeinnahmen nicht aus, um ihn zu bezahlen, wird die Bereitschaft zunehmen, für hochwertige Inhalte auch im Internet wieder Geld auszugeben. Warum? Gegenfrage: Warum nicht? Wieso sollte es keine Bereitschaft geben, für gute Inhalte zu bezahlen? Man kauft Autos, man kauft Bücher, man wird auch gut recherchierte Inhalte kaufen. Spätestens wenn der Mangel sichtbar wird. Gut möglich auch, dass sich dabei neue Formen der Finanzierung finden, Spenden zum Beispiel; damit finanziert sich etwa das Wissensportal „Wikipedia“.

These 2:
Das Medienangebot wächst rasant – und mit ihm die Konkurrenz

Nie war es einfacher, Nachrichten zu verbreiten, seine Meinung zu sagen. Die Kosten für die Verbreitung von Information über das Internet gehen gegen Null. Es brauchen keine Räume angemietet, keine Druckaufträge erteilt werden. Nicht mal um Werbeanzeigen muss sich aufwändig gekümmert werden. In 30 Minuten ist ein Blog eingerichtet, wenig später können Werbeanzeigen etwa von Google eingebunden werden.

Ausblick:
Im Internet werden neue Medienmarken entstehen, die mit guten Ideen und Inhalten den Etablierten Konkurrenz machen. Zudem wird es unter den Internetportalen zur Spezialisierung kommen. Die Abdeckung aller Themengebiete durch eine Redaktion wird es immer seltener geben, weil das Hintergrundwissen eines Experten nur einen Mausklick entfernt ist. Das Motto wird lauten: Do what you can do best, and link the rest!

These 3:
Die Qualität des Journalismus wird nicht ab-, sondern zunehmen

Wo der Kunde die Wahl hat, kümmern sich die Anbieter verstärkt um ihn. Der Kunde will umgarnt, überzeugt, gehalten werden. Konkurrenz belebt das Geschäft also. Diese Regel der Marktwirtschaft gilt auch für Medien. Der zunehmende Konkurrenz zwischen den Medien (siehe These 2) wird die Publizierer stärker als bisher an für Leser und User interessanten Publikationen arbeiten lassen. Sie müssen sich also mehr anstrengen. Allerdings stehen diesem Trend die Probleme der Finanzierung (These 1) gegenüber. Wo weniger Geld zu verdienen ist, sinkt die Qualität. Welcher Effekt wird stärker sein?

Ausblick:
Die größere Konkurrenz dank einfachem Publizieren wird ein dauerhaftes Merkmal der neuen Medienbranche bleiben. Dagegen sind die Probleme der Finanzierung der Medienbranchen ein aktuelles Umbruchphänomen, ausgelöst durch das Internet. Denn grundsätzlich spricht nichts gegen ein Finanzierungskonzept, das interessanten Inhalten Werbung zur Seite stellt. Denn Werbung möchte dort sichtbar sein, wo die Menschen ihre Aufmerksamkeit hin richten. Und es spricht ebenfalls nichts gegen eine Zahlungsbereitschaft für journalistische Inhalte. Deshalb stehen die Chancen gut, dass das Umbruchphänomen ein zeitlich begrenztes bleibt und somit auf lange Frist journalistische Angebote noch besser werden.

These 4:
Nachricht goes Community – und umgekehrt

Facebook, StudiVZ, Youtube und Twitter stehen für Erfolg im Internet. Nicht jedes Angebot steht wirtschaftlich in der Gewinnzone, aber allen ist gemein: Sie haben Millionen Mitglieder, die sich deswegen auf den Webseiten bewegen, weil sie sich dort austauschen, präsentieren, mitteilen können. Es ist die neue Form des ehemaligen Markplatz: Man trifft sich, schaut sich um, will gesehen werden, sich informieren, tratschen. Die Nachricht (und damit das Kerngeschäft des Journalisten) ist hier bestens aufgehoben.

Ausblick:
Nachrichtenportale werden verstärkt drei Strategien verfolgen:
1) Aufbau einer eigenen Community. Zentraler Bestandteil einer funktionieren Community ist dabei der Aktivity-Feed. Darunter versteht man das Aufzeichnen und Wiedergeben von User-Aktivitäten im Internet. User werden so stetig darüber informiert werden, was ihre Freunde tun. Die New York Times hat dies als erstes Nachrichtenportal umgesetzt. Ob ein Kommentar geschrieben, ein Beitrag empfohlen, ein Video weitergeleitet wird, immer erfahren es die Freunde unmittelbar. Am oberen Ende des Browserfenster wird auf jeder Seite der Aktivity-Feed angezeigt.

2) Nachrichtenportale begeben sich dorthin, wo die Community bereits ist. Sie twittern (zum Beispiel wie Der Westen) oder verteilen ihre Nachrichten bei Facebook (zum Beispiel zoomer.de)

Idealerweise verbinden sich die Communitys von Nachrichtenportalen und bestehenden Communitys. Auch hier ist die New York Times ein positives Beispiel: Installiert man auf Facebook die Anwendung “Times People” werden die eigenen Aktivitäten auf http://www.nyt.com in eigenen Facebook-Profil angezeigt. Ein empfohlener New-York-Times-Artikel wird somit automatisch allen Facebook-Freunden angezeigt.

3) Nachrichtenportale binden bestehende Communitys in die eigene Seite ein. Mit der Facebook-Anwendung “Connect” gibt es beispielsweise seit wenigen Tagen die Möglichkeit, Facebook-Funktionalitäten auf anderen Seite zu integrieren. So kann sich der User beispielsweise auf einer Nachirchten-Seite mit seinem Facebook-Profil anmelden um etwa die Kommentarfunktion und andere Funktionalitäten der Seite zu nutzen.

These 5:
Der User wird zum Co-Autor

Was in der Zeitung der Leserbrief, ist im Internet der User-Kommentar. Beide setzen sich in der Regel kritisch mit der Arbeit des Journalisten auseinander. Der Unterschied: Ein Kommentar im Internet ist schnell geschrieben und wird in der Regel an der gleichen Stelle wie das Journalistenstück veröffentlicht.

Beides erhöht die Motivation der User, sich aktiv an einem Thema zu beteiligen. Außerdem kann der Online-Redakteur auf die Kommentare eingehen und seine eigene Geschichte daraufhin korrigieren oder ergänzen. Die Folge: Der User wird so zum Co-Autor des Journalisten. Und das nicht nur mit Textbeiträgen. Fotos und Videos kommen hinzu.

So können Geschichten entstehen, die ohne User-Beteiligung gar nicht möglich wären. Etwa wenn User ihre Eindrücke von einer Demonstration schicken. Oder weil der Recherche-Aufwand für einen einzelnen Journalisten zu groß wäre. Dann kann der Journalist seine User um Hilfe bitten. Um zum Beispiel herauszufinden, welche Kneipen in einer Großstadt eine extra Raucherzimmer haben, wären unzählige Anrufe nötig. Ruft man die User auf, eine kurze Info zu ihrer Stammkneipe zu schicken, sind die Infos schnell zusammengetragen.

Ausblick:
Die Trennung von Journalist und User wird tendenziell verwischen. Weil die User nicht nur Leser, sondern eben auch selbst Publizisten sind. Sei es mit Bildern, Texten oder Videos in ihrer Community, sei es mit einem eigenen Blog, oder über die Kommentarfunktionen von Nachrichtenportalen. Damit tragen User selbst zur Entstehung von Nachrichten bei – Crowdsourcing (hier gibt’s einen Artikel zu dem Thema) wird diese Tendenz in den USA genannt. Das birgt aber auch die Gefahr der Manipulation. Wo Nachrichten ungeprüft in Umlauf gelangen, schwindet am Ende auch die Glaubwürdigkeit der Nachricht selbst.

These 6
Fernsehen, Radio und Zeitung verschmelzen zu einem einzigen Medium

Im Internet können Texte gelesen, Fotos betrachtet, Videos gesendet, Töne gehört werden. Bisher unterschiedliche Medienformate (Fernsehen, Radio, Print) treffen im Internet aufeinander und bieten dort ihre Inhalte an, die frühere Trennung löst sich auf: Das ZDF zeigt seine Inhalte im Internet genauso, wie die alteingesessene Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Ausblick:
Das Zusammentreffen verschiedener Medienformate im Internet verstärkt den Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit der User. Außerdem wird, was im ersten Augenblick paradox klingt, die Angebote sich anpassen, indem sie vielfältiger werden. Ein ehemals textlastiges Medium wird verstärkt auf multimediale Elemente setzen, während etwa Radioprogramme stärker das geschriebene Wort in ihrem Online-Auftritt einbinden.

These 7:
Der Inhalt bestimmt das Format

Heute arbeiten Online-Redaktionen bisweilen noch als Anhängsel der Kernredaktion, bei der Zeitung der Printredaktion. Die liefern die Inhalte, in der Regel Texte, die Online-Redaktionen sorgen für eine Übertragung ins Internet. Dabei bietet das Internet eine breite Palette an journalistischen Darstellungsformen. Bewegbild, Ton, Text, Grafik. Jeder Inhalt kann so mit dem passenden Format aufbereitet werden. Die Filmkritik wird mit Ausschnitten des betreffenden Films garniert; die Flugzeugkatastrophe mit einer anschaulichen Grafik zum Hergang des Unfallgeschehens dargestellt.

Ausblick:
Gerade Nachrichtenportale werden in Zukunft stärker die Vielfalt des Internet nutzen. Die Medienredaktionen werden dafür (möglicherweise zu Lasten der Textredaktionen) ausgebaut werden. Bevor man sich einem Thema widmet, wird man sich fragen: In welchem Format soll die Geschichte erzählt werden? Das wird Nachrichten interessanter, weil abwechslungsreicher machen.

These 8:
Zeitung und Zeitschriften werden eine Renaissance erleben

Was kann bedrucktes Papier, was andere Medienformate nicht können? Es ist zum Beispiel geduldig. Es fällt zu Boden, es wird geknickt, es liegt lange in der Sonne – der Inhalt ist dennoch zu erschließen. Papier ist unempfindlich. Und geht es kaputt, ist es meist kein Drama, weil ein Zeitungsexemplar ersetzbar und nicht teuer ist. Das ist nur ein Vorteil von Print. Ein weiterer: Im Gegensatz zum Internet ist der Gestaltung der Seiten kaum Grenzen gesetzt. Kurzfristige Änderungen, Ausbrüche aus der Konvention sind einfach möglich.

Ausblick:
Die Zeitung und Zeitschriften der Zukunft werden ihre Vorteile gegenüber anderen Medien ausspielen. Auf die Präsentation der Themen wird stärker Wert gelegt werden, die Darbietung wird hochwertig aufgemacht und abwechslungsreich gestaltet sein. Die Inhalte selbst werden hintergründig, reflektiert, häufig kommentierend sein, alles was beim schnellen Medium Internet bisweilen auf der Strecke bleibt.

These 9:
Auch das Internet wird sich neu erfinden

Bis vor kurzem hatte das Internet einen festen Platz. Es stand auf dem Bürotisch oder zu Hause in der Ecke, dort wo man seine Rechnungen aufbewahrt und einmal die Woche abarbeitet. Das Internet war an einen festen Ort gebunden, nämlich dort wo der Desktop-Computer stand. Und die Bildschirme hatten alle mehr oder weniger das gleiche Format. Mit den Laptops wurde zunächst das Internet mobil, die Bildschirm-Größen blieben gleich. Jetzt, wo das Internet auch aufs Handy wandert, muss das Internet erstmals auf unterschiedlichen Ausgabe-Formaten funktionieren. Was vorher auf 30 Zentimetern Platz hatte, soll nun auch auf 7 Zentimeter Breite gut ausehen. Und das Format schrumpft nicht nur, es wächst auch. Denn auch auf dem Großbild-Fernseher im Wohnzimmer wird mittlerweile ebenfalls im Internet gesurft.

Ausblick:
Die Vielzahl der Ausgabeformate wird zunehmen. Schon bisher fließt der gleiche Inhalte (zum Beispiel ein Kommetar zu einem politischen Thema) in mehrere Kanäle (der Kommentar erscheint am nächsten Tag in der Zeitung und auf der Webseite). In Zukunft wird es selbstverständlich sein, dass der Inhalt im Internet selbst an verschiedenen Stellen abrufbar ist; etwa mittels eines kleinen Programms auf dem Handy, wie es sie mittlerweile breits etwa für Blackberrys und das iPhone von Apple gibt.

Vertiefender Text:
Eine Frage der Größe – Weil mobiles Surfen zur Selbstverständlichkeit wird, stehen die Webseitenbetreiber vor neuen Herausforderungen


These 10:

Das Tempo der Veränderung wird weiter zunehmen

50 Jahre lang lebten Fernsehen, Radio und Zeitung in friedlicher Koexistenz. Doch mit Aufkommen des Internets als Massenmedium zur Jahrtausendwende ist dieses Nebeneinander Geschichte. Und vermutlich wird sich der Wandel beschleunigen. Wissen vermehrt sich expoential, die Innovations- Produktlebenszyklen werden in allen Branchen kürzer. Es gibt keinen Grund, warum dieser Trend an der Medienbranche vorbeigehen sollte.

Ausblick:
Medien werden verstärkt in die Weiterentwicklung ihrer “Produkte” investieren. Wer die besten Ideen hat, gewinnt; sowohl was die Inhalte, die Präsentation und Vermarktung betrifft. Für Journalisten wie für Leser und User eine interessante Entwicklung.

Der Fachbuch-Autor und Journalist Mark Briggs schreibt in seinem Buch “Journalism 2.0” über den amerikanischen Markt: „Es gab nie eine besser Zeit Journalist zu sein als heute. Das klingt vielleicht komisch wenn man bedenkt, wie viele Zeitungs-Journalisten seit dem Jahre 2000 ihren Job verloren haben, aber noch nie hat es so mächtige Wege gegeben, Geschichten zu erzählen und den Leser mit Informationen zu versorgen. Wer den Journalismus liebt, der liebt die Vielfalt der Möglichkeiten, die gestiegene Interaktion mit dem Publikum und das fast komplette Verschwinden der Beschränkung von Raum und Zeit.“

Der Wikipedia-Effekt

Alles Berichterstatter? – Wie die Masse im Internet das Berufsbild des Journalisten verändert

Für die Redaktion des “Cincinnati Enquirer” war die Aufgabe nicht zu bewältigen gewesen. Im Dezember 2006 hatte der dortige Bundesstaat Ohio ein Rauchverbot erlassen. Die Zeitung wollte nun jedem ihrer Lesern mitteilen, ob sich die Kneipe um die Ecke an das Rauchverbot hält oder nicht. Eine gute Idee. Das Problem: In Cinncinnati gab es zu diesem Zeitpunkt exakt 1488 Bars und Restaurants. Für die Zeitungsredakteure war es unmöglich in überschaubarer Zeit alle notwendigen Informationen einzuholen. Also bat man die Leser um Hilfe. Die meldeten sich zahlreich. Vor allem per E-Mail. Die Zeitung sammelte alle Informationen und stellte sie auf ihrer Internet-Seite auf einem Stadtplan (per Google-Map) allen zur Verfügung. Eine Recherche, welche die Redaktion nie alleine geschafft hätte, wurde durch ihre Leser ermöglicht. “Crowdsourcing” heißt in den USA dieser journalistische Trend. Er besteht im Kern darin, dass viele bei der Informationsbeschaffung helfen.

Früher waren die Rollen klar verteilt: Der Journalist begab sich auf die Suche nach Informationen. Hatte er diese gefunden, teilte er sie dem Leser, Hörer, Zuschauer mit. Durch das Internet verwischt die Grenze. Weil der Austausch zwischen Informationsbereitsteller und Informationsaufnehmer viel enger ist. Der Besucher eines Nachrichtenseite im Internet kann sich in der Regel sofort zu einem erschienenen Artikel äußern, per Kommentar. Er kann seine Meinung mitteilen oder einfach nützliche Zusatzinformationen beisteuern. Bei einer Printausgabe dagegen muss erst ein Leserbrief verfasst und verschickt werden. Dann muss der Schreiber noch darauf hoffen, dass sich die Redaktion bei der Auswahl der zu veröffentlichten Leserbriefe für seinen entscheidet. Im Internet gibt es diese Beschränkungen nicht. Die Reaktionen auf journalistische Beiträge erscheinen unmittelbar und in voller Länge. Im Prinzip funktioniert diese Art des Journalismus wie das Online-Lexikon Wikipedia: Weil viele mitarbeiten, ist das Ergebnis am Ende besser, als wenn sich eine kleine Gruppe von Experten darum kümmert.

Das hat Konsequenzen für den Journalismus der Zukunft. “Während es heute üblich ist, die Idee einer Geschichte als Geheimnis zu bewahren, damit die Konkurrenz sie nicht erfährt, ist es bei der Idee des ‘verteilten Reporter-Modells’ nötig, eine Story in einem möglichst frühen Stadium Online zu stellen”, schreibt etwa Mark Briggs in seinem Lehrbuch “Journalism 2.0“. Dies, so Briggs weiter, erlaube den Lesern, sich an der Entwicklung einer Story zu beteiligen. Gleichzeitig ist im Online-Journalismus eine saubere Recherche noch wichtiger als bei Print, Radio und Fernsehen. Weil das Blamage-Potential größer ist. Ein Fehler wird von den Usern per Kommentar sofort öffentlich gemacht.

Am radikalsten will diese Idee die Internet-Seite NewAssignment.net umsetzen. Professor Jay Rosen von der New York University hat im Jahre 2006 diese Seite ins Leben gerufen. Dort werden Nachrichten und Geschichten eingestellt und von freiwilligen weiterentwickelt. Rosen erklärt das Konzept so: „NewAssignment sagt: Hier ist eine ziemlich fertige Story. Wir haben viele gute Informationen gesammelt. Pack dein Wissen dazu und mach sie besser. Arbeite mit uns, wenn du Dinge weißt, die uns unbekannt sind.“

Der verstärkte Austausch mit den Lesern, Hörern und Zuschauern ist nicht die einzige Veränderung im Berufsbild des Journalisten. Das Internet fügt auch zusammen, was früher getrennt war. Bewegbilder lieferte das Fernsehen, Texte wurden in der Zeitung gedruckt, das gesprochene Worte sendete das Radio. Im Internet vereinen sich alle drei Medien. Eine für das Internet aufbereitete Story, über die Wahlen in den USA etwa, kann ein Video mit Wahlkampfreden der Kandidaten enthalten, einen geschriebenen Kommentare und ein Audio-Interview mit einem Wahlkampf-Experten.

Das ist die eigentliche Chance des Internets: Dass nicht mehr das Medium darüber entscheidet, in welchem Format ein journalistischer Inhalt übermittelt wird, sondern die Frage im Mittelpunkt steht, welches Format das beste für eine Story ist. Ein Sportereignis will man in bewegten Bildern sehen, die gekonnte Analyse als geschriebenes Wort, ein Thema mit Erklärungsbedarf in einer anschaulichen animierten Grafik. Das Internet macht diese neue Form des Journalismus möglich.

Für den Journalisten heißt dies: Die Anforderungen steigen. Wer früher bei einer Zeitung war, schrieb; wer beim Radio arbeitet, baute Audio-Beiträge; war man beim Fernsehen angestellt, produzierte man Bewegbilder. Weil es diese Trennung im Internet nicht mehr gibt, müssen Journalisten zunehmend zu Generalisten der Formate werden. Nicht alle Journalisten müssen alles herstellen können. Denn guter Journalismus braucht auch in Zukunft die Spezialisierung. Immer wichtiger aber wird das Verständnis darüber, wie eine Story aufbereitet werden soll: mit einem Kamerateam, einem guten Schreiber oder durch einen Grafiker, der sich auf beeindruckende Animationen versteht.

Der Beruf des Journalismus gewinnt dadurch. „Es gab nie eine besser Zeit Journalist zu sein als heute “, sagt Briggs. Das klinge vielleicht komisch, so Briggs weiter, wenn man bedenke, wie viele Zeitungs-Journalisten seit dem Jahre 2000 ihren Job verloren hätten, aber noch nie habe es so mächtige Wege gegeben, Geschichten zu erzählen und den Leser mit Informationen zu versorgen. „Wer den Journalismus liebt, der liebt die Vielfalt der Möglichkeiten, die gestiegene Interaktion mit dem Publikum und das fast komplette Verschwinden der Beschränkung von Raum und Zeit.“

Nur das Fernsehen bleibt zu hause

Zeitenwende für den Computer: Warum sich fast alle Formen der Kommunikation auf dem Handy vereinen werden

Die Etappen des Misserfolges lassen sich in Fußballmeisterschaften messen. Spätestens zur WM 2006 in Deutschland sollte mobiles Fernsehen an den Start gehen. So hatten es die Macher prognostiziert. Handy-TV galt als Geschäft der Zukunft. Doch 2006 blieb es beim Versuch. Zwei Jahre später das gleiche Spiel: Zur Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich versprach man den Durchbruch. Es wurde wieder nichts. Die Gründe: Unausgereifte Technik, wenige Interessenten (trotz Fußball). Anfang diesen Monats dann das endgültige Aus: Das Konsortium Mobile 3.0 gibt die Lizenz zum Aufbau von Handy-TV an die Landesmedienanstalten zurück.

Handy-TV ist vorerst tot – zumindest das speziell für Handys entwickelte Format DVB-H. Neben technischen Problemen hat dies vor allem einen Grund: Fernsehen und Mobilität passen nur bedingt zusammen. Einen Spielfilm oder eine Dokumentation schaut man am liebsten zu hause auf dem Sofa, vielleicht noch im Zug; aber eben nicht in der Kneipe, nicht beim Warten auf den Bus oder auf dem Pausenhof. Viele Fernsehformate brauchen eine entspannte Umgebung und große Bildschirme. Fernsehen ist Freizeitgestaltung, gern auch im Jogging-Anzug.

Handy und Fernsehen müssen also erst noch zusammen finden und zwar in Form neuer Inhalte. Das Fernsehen wird sich den Bedürfnissen anpassen. Wie andere Mediengattungen auch. Denn eigentlich ist das Handy für fast jede Art der Kommunikation das ideale Medium: Man hat es immer bei sich, es überträgt Informationen innerhalb von Sekunden, es kann Töne, Bilder, Bewegbilder. Durch das Handy verschmilzt zunehmend, was früher getrennt war: Man telefonierte über das Festnetz, schrieb Briefe, las Zeitung, hörte Radio, schaute Fern – das Mobiltelefon aber bringt alle Formen in ein Gerät, one size fits all sozusagen.

Wer wissen will, wohin die Reise geht, sollte zwei Fragen strikt trennen: Was ist technisch möglich? Was ist inhaltlich gewünscht? Häufig nämlich werden technische Barrieren mit gewollter Gewohnheit verwechselt. Wir alle haben noch vor fünf Jahren unsere E-Mails nicht deswegen ausschließlich im Büro oder zu Hause am Schreibtisch gelesen, weil es die ideale Zeit oder der beste Ort war. Es fehlte an Alternativen. Weil es aber den Wunsch gibt, selbst darüber zu entscheiden, wann und wo wir kommunizieren, beinhalten heute immer mehr Handys eine komfortable E-Mail-Funktion. Wer also in die Zukunft blicken will, lässt besser alle heutigen technischen Beschränkungen beiseite. Weil was der Mensch sich materiell wünscht, er früher oder später meist auch erreicht.

Was aber geschieht bei der Vereinigung verschiedener Medienformate mit den Medienformaten selbst? Manche werden im wesentlichen bleiben wie sie sind: das Radio zum Beispiel. Denn Radio hört in der Regel nur, wer lediglich “die Ohren frei hat”, wer etwa Auto fährt oder kocht. Technischer Fortschritt macht Radio hören zwar komfortabler (zum Beispiel durch digitales Radio), ändert aber nicht grundsätzlich seine Nutzung. Anders verhält es sich mit Medieninhalten, die vorwiegend über das Auge aufgenommen werden. Hier verschmelzen die Formate: Zeitungen und Fernsehen zum Beispiel wandern beide ins Internet. Aber nicht nur das: Auch die Trennung zwischen sozialen Netzwerken wie etwa Facebook oder StudiVZ auf der einen und Nachrichtenlieferanten wie Spiegel online, zoomer.de oder Südkurier.de auf der anderen Seite wird sich vermutlich auflösen. Noch sind dies zwei Welten, historisch bedingt. Auf News-Seiten legen Redaktionen quasi hoheitlich fest, welches Ereignis eine Nachricht wert ist und welches nicht. In sozialen Netzwerken machen das die User selbst. Was von Interesse ist, wird mitgeteilt und von anderen gelesen. Gemeinsam ist beiden, dass es um Nachrichten geht.

Der Unterschied liegt in der Qualität und Quantität. In soziale Netzwerken interessieren sich für die Nachricht eines Users (zum Beispiel wo dieser seinen letzten Urlaub verbracht hat) meist nur wenige; Nachrichten, etwa aus dem Lokalteil einer Zeitung, bekommen von mehr Menschen Aufmerksamkeit; die Zahl der Interessenten wächst bei nationalen und weltweiten News. Aber: Eine grundsätzliche Trennung zwischen Community- und Nachrichten-Welten gibt es eben nicht. Immer geht es um Interesse, Information, Neuigkeit.

Für die Zukunft heißt dies: Soziale Netzwerke und Nachrichten-Portale verschmelzen. Wo man sich mit Freunden austauscht, steht klickbereit das lokale Kinoprogramm. Daneben sind die regionalen und überregionalen Nachrichten zu lesen. Man wird wissen, welcher Freund sich für welche Nachricht interessiert, wer was gelesen, bewertet oder kommentiert hat. Und diese Informationen werden wiederum Auslöser für weitere Diskussionen sein. Die Nachrichten-Verschmelzung hat erst begonnen. Fest steht schon jetzt, wo sie vor allem stattfinden wird, nämlich auf dem Handy. Bei Facebook zum Beispiel explodieren gerade die Zugriffe von mobilen Geräten auf das Social Network: Nach Unternehmensangaben ist die Zahl der User, welche den mobilen Zugang nutzen, von 5 Millionen Anfang des Jahres auf 15 Millionen gewachsen.

Heimat 2.0

Lokales im globalen Netz: Für den Journalismus liegt die Zukunft in der Region

Claus Strunz war acht Jahre lang Chefredakteur von Bild am Sonntag gewesen. Gestern trat er seinen neuen Job an. Er ist zwar weiter als Chefredakteur tätig, aber nicht mehr für Deutschlands größte Wochenend-Zeitung, sondern beim “Hamburger Abendblatt”. Ein Karriere-Knick für den 42-jährigen Überflieger aus dem Hause Springer? Strunz kontert offensiv: “Ich sehe den Wechsel eher als Aufstieg”, sagte er. Und: “Die Zukunft des Journalismus liegt vor allem im Regionalen.”

Ob Abstieg oder Aufstieg: Den Trend hat Strunz jedenfalls auf seiner Seite. Genauer gesagt den Gegentrend. Vor ein paar Jahren noch war der Begriff der Globalisierung positiv besetzt. Er stand für Wachstum, Offenheit, Veränderung. Doch der Wind drehte sich: Heute assoziieren damit viele Ungerechtigkeit und Entfremdung. Heimat dagegen hat Konjunktur. Wir kaufen bevorzugt Produkte aus der Region, empfinden Herkunft als identitätsstiftend, interessieren uns für Themen aus der Nachbarschaft. 70 Prozent der Deutschen, so eine Studie des Südwestrundfunks (SWR), wünschen sich in den Medien mehr Hintergrundinformationen zu Ereignissen aus der Region.

Es ist nicht nur der Anti-Globalisierungstrend, der regionale Nachrichten für Informationsanbieter wichtiger macht. Es ist das Internet selbst. Nachrichten werden heute über das Netz weltweit verbreitet. Das heißt auch: Der Leser/Zuhörer/Zuschauer/User empfängt deutlich mehr Informationen, aber eben oft auch gleichen. Über die weltweite Finanzkrise oder Selbstmordanschläge im Irak-Krieg berichten unzählige Medien, häufig mit den selben Details. Die Folge: Medien werden austauschbar – der Tod einer jeden Medienmarke. Lokale Nachrichten dagegen sind meist einzigartig. Weil sich nur wenig, nicht selten nur ein einziger um die Informationsbeschaffung bemüht. Durch lokale und regionale Informationen erlangen Verlage damit etwas Wesentliches: Einzigartigkeit.

Aber Einzigartigkeit alleine reicht nicht. Wer es nicht schafft, Nachrichten zu Geld zu machen, der kann seine Informationsbeschaffer nicht bezahlen. Vor dem Internet-Zeitalter war das Geschäftsmodell für die Verlage schlicht und klar: Die Nachricht erschien in der regionalen Zeitung, die an die Leser verkauft wurde und in der von der ganzseitigen Anzeige ob einer Supermarkteröffnung bis zum privaten Autoverkauf in der Kleinanzeigen-Rubrik, alle Anzeigenkunden ihr Werbe-Botschaften inserierten. Das brachte respektable Gewinne. Das Web hat die Lage verändert: Kleinanzeigen wandern ins Netz ab und neue regionale Webportale kämpfen um Aufmerksamkeit und Anzeigen. Der Werbekuchen wird neu aufgeteilt.

Für den Journalismus ist das kein grundsätzliches Problem. Denn Unternehmer wollen auch in Zukunft ihre Produkte an Mann, Frau und Kind kriegen. Und sie brauchen dafür eine Plattform, die von vielen wahrgenommen wird. Die Frage ist nur: Wem werden diese Plattformen gehören? Und damit: Wer macht in Zukunft gutes Geld? Doch auch wenn die Karten neu gemischt werden, sind die Trümpfe bereits verteilt. Denn etablierte Medienmarken können das Vertrauen, dass Leser und Werbetreibende in sie haben, auf neue Medienformate übertragen: Glaubte man der Zeitung, schenkt man auch deren Internet-Auftritt vertrauen. Und dennoch hat das Internet den Wettbewerb um lokale Nachrichten neu eröffnet. Dass diese Form der Nachrichten auch im Netz die größte Aufmerksamkeit bringen, hat man übrigens schon zu Beginn des Internet-Zeitalters beobachten können, als nämlich Programmierer der Universität Cambridge eine der ersten Webcams zur Übertragung von Bildern im Internet installiert hatten: Sie zeigte die Füllstand-Anzeige ihrer Institutskaffeemaschine.