Autor: Johannes Eber

Die Leiden der jungen Medien: Warum das Internet keine Qualitätsauswahl braucht

Mathias Müller von Blumencron träumt von der Wahrheitsmaschine. Das Internet erfahre “derzeit seine erste wirkliche Bewährungsprobe”, schreibt der FAZ-“Chefredakteur digitale Produkte”  (Kann man Chef über Produkte sein?) heute in der FAZ. Der Grund: Das Internet habe sich zum Massenmedium gewandelt und sei damit zu einer “gigantischen Emotionsmaschine” geworden, “bei der nicht Erkenntnis im Vordergrund steht, sondern pralle Unterhaltung nach den Regeln des Boulevards.” Ein “Geschäftsmodell für Wahrheit” gäbe es im Internet genauso wenig, wie eines für “Konsens” oder “die Förderung der Vernunft”, leidet Blumencron. Die typischen Leiden einer Printzeitung im digitalen Zeitalter, könnte man beschwichtigend sagen. Tendenzjournalismus, wäre eine kritischere (Ein-Wort-)Anmerkung. Was mir missfällt: die Tendenz zum Hochstatus, der sich in der Unterstellung offenbart, dass Menschen grundsätzlich nicht in der Lage seien, sich über die Qualität von Inhalten selbst ein Bild zu machen. Oder anders gesagt: Blumencron überstülpt das Internet mit dem typischen Kulturpessimismus des Feuilletons. Er fordert im Internet “Signale der Qualität”, die freilich “mit großer Sorgfalt ausgearbeitet” werden müssten (damit FAZ-Artikel stets an der Spitze der Google-Suchtreffer-Listen landen?). “Signale”, das klingt unverdächtig. Aber wie zu …

Die unsichtbare Grenze: Wie Zollschranken das Flüchtlingsleid vergrößern

Wie viel mehr Menschen könnten ein besseres Leben leben, weil sie der Handel mit Europa wohlhabender gemacht hätte, wenn es ihnen nur erlaubt wäre, mit Europa Handel zu betreiben? Oder thematisch aktueller formuliert: Wie viel weniger Menschen wären auf der Flucht, wenn die reichen Länder und Regionen sich nicht abschotten würden? Die Europäische Union hat innerhalb ihres Territoriums einen weitgehend freien Markt geschaffen, die Marktmauern aber hat sie dabei an ihre Ränder verschoben. Ich komme auf diese Frage aus Gründen. Eine vernünftige Strategie zur Eindämmung der Flüchtlingsströme ist bekanntlich, die Nachbarländer von Krisenstaaten zu unterstützen. Jordanien, das südlich an Syrien grenzt, ist ein solches Land. Zu den neun Millionen Einwohnern sind in den vergangenen Jahren 1,3 Millionen syrische Flüchtlinge hinzugekommen. Arbeit finden die Flüchtlinge schon allein deswegen nicht, weil sie in Jordanien nicht arbeiten dürfen. Die Bundesregierung verhandelt gerade 150.000 Arbeitserlaubnisse mit der jordanischen Regierung aus. Im Gegenzug stellt sie dem Land Handelserleichterungen mit der Europäischen Union in Aussicht. Mit diesem 400-Millionen-Menschen großen Wirtschaftsraum handelt Jordanien bisher nämlich kaum. Im Gegensatz zu den USA. Aus mehreren …

In eigener Sache: Mein Umgang mit den neuen Rechten

Ich habe Liane Bednarz getroffen. Ich habe eine bestimmte, überlegte, aufgeräumte, freundliche Frau kennen gelernt. Das ist mindestens deswegen interessant, weil manche Menschen Liane Bednarz ganz anders beschreiben (“Abgrund einer armen und gequälten Seele“). Liane Bednarz hat zusammen mit Christoph Giesa das Buch “Gefährliche Bürger” geschrieben, indem Sie ihr Wissen über die neuen Rechten offenlegt. Mit den neuen Rechten sind explizit nicht jene Rechten gemeint, die dumpfe Naziparolen krakeelen und deren Outfit bereits auf die Gesinnung schließen lässt, sondern Menschen aus der vermeintlichen Mitte der Gesellschaft, deren Fremdenfeindlichkeit bisweilen erst auf den zweiten Blick sichtbar wird. Liane Bednarz’ “Gefährliche Bürger” ist ein Buch voller Namen. Wer hat wann was zu wem gesagt. Die tiefe Recherche ist offensichtlich. Ich habe das Buch mit einem gewissen Widerwillen gelesen. Ich möchte eigentlich mit dieser Welt nichts zu tun haben. Möchte meine Zeit nicht verschwenden. Möchte mir von den neuen Rechten mein Leben nicht bestimmen lassen, und sei es nur für die Lesezeit eines Buches. Jetzt, nach der Lektüre, gibt es kein zurück mehr. Es ist wie mit dem Baum …

Sozialstaat oder offene Grenzen? – Das Dilemma der Sozialen Marktwirtschaft

Nichts erhöht den Wohlstand von Menschen in armen Ländern schneller als die Migration in reiche Länder. Die Verdienstmöglichkeiten sind dort häufig um ein Mehrfaches höher. Migration zuzulassen, ist deshalb eine Frage der Menschlichkeit. Auch eine Frage des gesunden Egoismus’. Denn meist bringt Migration dauerhaft eine Wohlstandsmehrung für alle. Weil sich in der Marktwirtschaft bei jedem Austausch immer mindestens zwei Seiten besser stellen: Anbieter und Nachfrager, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Produzenten und Konsumenten. Migration als Win-Win-Erfahrung. Probleme in Folge zunehmender Migration entstehen deshalb in der Regel nicht auf Märkten, sondern durch den Sozialstaat. “Sozialstaaten sind dadurch definiert, dass sie denen, die überdurchschnittlich verdienen, mehr Steuern und Beiträge abverlangen, als sie an öffentlichen Leistungen zurück erhalten, während sie den unterdurchschnittlich Verdienenden netto staatliche Ressourcen zukommen lassen.” Das schreibt Hans-Werner Sinn heute bei Project Syndicate. Diese Umverteilung führt spätestens dann zu ernsthaften Problemen, wenn Menschen ihren Wohnsitz über Ländergrenzen hinweg frei wählen können und sie gleichzeitig Anspruch auf die staatlichen Leistungen des Gastlandes haben. Die Staaten wirkten dann, so Sinn, wie ein Magnet für die Armutsflüchtlinge, weil sie zusätzlich …

Mein Sohn ist reicher als das Gesamtvermögen von 30 Prozent der Weltbevölkerung – oder: Für was Oxfam Aufmerksamkeit bekommt

Hallo Oxfam, die Schlagzeile habt ihr, Recht deswegen noch lange nicht. Die Welt wird immer ungerechter, weil ungleicher, schreibt ihr, die 62 Reichsten der Erde hätten mehr Vermögen als die untere Hälfte der Weltbevölkerung, also 3,5 Milliarden Menschen, so eure Botschaft, und deshalb fordert ihr unter anderem mehr Umverteilung. Dabei ist allein schon die Gegenüberstellung von Menschen mit und ohne Vermögen irreführend, weil sie suggeriert, dass das eine etwas mit dem anderen zu tun hätte. Dass Arme arm, weil Reiche reich seien. Dass der Kuchen nur falsch verteilt sei. In Wahrheit aber backt jeder meist seinen eigenen Kuchen. Die einen können besser backen als andere. Entscheidender ist: Vielen fehlt es an Zutaten. An Bildung, an durchsetzbarem Recht, an der Möglichkeit, Eigentum zu erwerben und dauerhaft zu behalten. Vor allem aber: Die absolute Armut nimmt weltweit ab! Und zwar in der Regel überall dort, wo die Möglichkeiten der Vermögensmehrung zunehmen. Vermögensungleichheit und Armutsreduktion sind zwei Seiten derselben Medaille. Wer Reichtum verteufelt, leistet der Armut einen Bärendienst. By the way: Am zweitmeisten Arme (nach Indien) leben – …

Die FAZ und die “Flüchtlingslawine”

“Die Flüchtlingslawine donnert weiter ins Tal”, schreibt die FAZ heute (19.01.2016) im Kommentar auf Seite 1, und sie schreibt damit im Politikteil das Gleiche, was sie seit Wochen schreibt, sie zeichnet nämlich mit Worten nahezu apokalyptische Bilder von Deutschlands Zukunft, die ob der Zuwanderung nur die Farbe schwarz kennen, und ich frage mich, inwiefern die FAZ die Lawine, von der sie schreibt, nicht selbst mit losgetreten hat und nun darunter begräbt, wofür ich dachte, dass die FAZ stünde: Vorurteilsfreiheit und Vernunft.

Bildungsunsystem #Beispiel215

“… Das Land beschäftigt die Lehrer, die Bezirke sind aber für die Gebäude zuständig. Manchmal stellt sich heraus, dass der Bildungsstadtrat kein Interesse an der Sanierung der Toiletten hat, weil er meint, er könne alle Kritik entweder dem Baustadtrat (von einer anderen Partei) oder ‘dem Senat’ in die Schuhe schieben. …” Das schreibt Mechthild Küpper heute (18.01.2016) in der FAZ über die andauernde Misere der Berliner Verwaltung im Allgemeinen und über die Schulen im Speziellen. Man stelle sich vor, Firmeneigentümer könnten nicht ihr Personal selbständig wählen, nicht ihre Büros und Produktionsstätten nach ihren Vorstellungen bauen und erhalten, nicht darüber entscheiden, welche Produkte und Dienstleistungen produziert und angeboten werden. Man stelle sich vor, so wäre unser ganzes (Wirtschafts)Leben organisiert. Verantwortung wäre bis zur Unkenntlichkeit verschoben. Entscheiden würden nicht jene, die es am besten wissen müssen, weil sie vor Ort sind, sondern andere, weit entfernte Stellen, unterschiedliche Stellen, mit unterschiedlichen Interessen. Die nicht am Ergebnis gemessen werden. Nicht anhand zufriedener Kunden und hoher Qualität. Man stelle sich das vor. Niemand würde dies akzeptieren. Weil offensichtlich ist, wie …

“Kann man nicht eine ‪‎Mauer‬ bauen, um die Zuwanderer abzuhalten und abzuschrecken? Werden unsere Nachkommen auf ein glückliches Intermezzo von dreißig Jahren (1989 bis 2019) zurückschauen, in dem man ohne Mauern auskam? Gewiss, die Emotionen der Menschen sind vielfach an den Status quo gebunden. Und so sind viele Wähler bereit, humanitäre Impulse hintanzustellen, wenn es um die Verteidigung des jeweiligen Status quo geht. Da aber dieser Status quo im Norden die Momentaufnahme der bürgerlichen Gesellschaft ist, entspringt aus ihm eine Innovationsdynamik. Die macht es sehr unwahrscheinlich, dass der Status quo so aufrechterhalten werden kann. Der Gleitflug der übrigen ‪‎Wanderungskosten‬ wird weitergehen. Mauern, die Wanderungen von Menschen blockieren sollen, dienen der Erhaltung eines überlebten Status quo. Das galt für die Mauer bis 1989 – und es würde gelten für eine künftige Mauer quer durch Europa. Die neue Völkerwanderung zwingt uns, über die Zukunft der global-sozialen ‪‎Marktwirtschaft‬ neu nachzudenken.” // Carl Christian von ‪Weizsäcker‬ in “Wechselkurs und Völkerwanderung”, ‪FAZ‬, 15.01.2016

Welchen Schutz für Tiere? Warum die Marktwirtschaft einen Wertekonsens braucht

Ökonomik ist die Wissenschaft von der Verbesserung der Lebensbedingungen durch Interaktion. Vieles lässt sich durch Verhandeln und den daraufhin tatsächlich stattfindenden Handel verbessern. Fast unser gesamter Wohlstand basiert auf freiwilliger Zusammenarbeit. Nicht alles aber ist aushandelbar. Werte zum Beispiel lassen sich nur schwierig verhandeln. Die Gesellschaft (der Markt) braucht einen gemeinsamen Rahmen, auf dem Begegnung (Interaktion) stattfinden kann. Und für diesen Rahmen braucht es einen Konsens, eine gemeinsame Vorstellung über Werte, nicht viele zwar, aber ein paar grundlegende. Die Unverletzbarkeit des Menschen gehört zu diesem Konsens. Bei der Frage, wie wir mit Tieren umgehen sollten, ist die Bandbreite der Vorstellungen über richtige Umgangsweisen deutlich größer. Die einen sehen den Menschen weiter als die Krone der Schöpfung, die Tiere dienen ihm in erster Linie zum eigenen Lebenserhalt; am anderen Ende des Spektrums werden alle Lebewesen als gleichberechtigt angesehen (zum Beispiel in der Jain-Bewegung). Ein Konsens scheint hier schwer vorstellbar. Vielleicht auch deswegen gibt es in der Tierschutzbewegung eine auffällige Gruppe, die beim Kampf für Tierrechte Sympathie für Gewalt gegen Menschen zeigt (siehe Video der Tierschutzoroganisation Peta oben und …