Wenn der Markt uns bilden würde

Wenn (zurecht) lamentiert wird, dass es mit der Marktwirtschaft in unserem Land nicht weit her ist, dann wird meist mit der Staatsquote argumentiert. Dass nämlich die Hälfte des in Deutschland Erwirtschafteten den Menschen abgenommen wird, durch staatliche Institutionen fließt, um dann wieder verteilt zu werden. Ob dies noch Markt- oder schon Staatswirtschaft ist, darüber wird dann definitonshungrig gestritten.

Was bei solchen Diskussionen meiner Meinung viel zu häufig übersehen wird, ist das Bildungsthema. Dabei ist es in aller Politikermunde. Ein Thema mit dem man Wähler gewinnen kann. Wie wichtig Bildung für unsere Volkswirtschaft ist, wird dann hervorgehoben. Dass sie der einzige Rohstoff ist, den Deutschland habe. Dass nur durch ein gutes Bildungssystem unser Wohlstand gesichert werden könne.

Vielleicht lässt sich die Frage, ob wir eher in einer Marktwirtschaft oder einer Staatswirtschaft leben, damit beantworten, wie wir mit dem Bildungsthema umgehen. Wir vertrauen bei der Bildung dem Staat, nicht dem Markt.

Die allermeisten Schulen und Universitäten werden vom Staat geführt. Warum eigentlich? Wer glaubt, dass der Staat besser bilden könnte als private, im Wettbewerb zueinander stehende, Bildungseinrichtungen?

Ich komme mal wieder auf dieses Thema, weil ich eben einen FAZ-Artikel las, dem zu entnehmen ist, dass jetzt wieder über die Verlängerung der Gymnasialzeit (G9) nachgedacht wird, ja teilweise die Verlängerung schon umgesetzt ist. Dass mit Ausnahme der Unternehmerlobby eine Mehrheit im Lande denke, “dass die gymnasiale Schulzeitverkürzung auf acht Jahre, salopp gesagt, nicht der wirkliche Bringer war.”

Wie der Autor des Artikels, Hannes Hintermeier, haben vermutlich viele Menschen den Verdacht, dass die Verkürzung der Schulzeit wirtschaftlichen Interessen geschuldet sei. “Mit durchschnittlich 50.000 Euro beziffert Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, den finanziellen Vorteil, den ein Jahr weniger Schulzeit für den einzelnen Schüler bringe – wegen seines früheren Eintritts in die Erwerbstätigkeit”, schreibt Hintermeier. Menschen wie Hintermeier wenden sich deshalb gegen eine “Ökonomisierung der Schule”, sonst werde die “Schulzeit endültig zur Geldzeit”.

Was diese Menschen nicht sehen: Der Einfluss verschiedener Interessengruppen auf die Schulbildung entsteht erst durch die staatliche Schulpolitik. Weil eben über die Politik Einfluss genommen werden kann und wird.

Wie sähe dagegen ein Schulsystem aus, in dem freie Bildungseinrichtungen um die Gunst von Schülern werben müssten? Ein Schulsystem, indem jeder Schüler dem Unternehmen “Schule” Einnahmen bescheren würde, weil der Schüler beispielsweise seine geldwerten Bildungsgutscheine eben nur jener Schule gibt, die er/seine Eltern für die beste hält? Wie sähen die Gebäude von solchen Schulen aus, von Schulen, die man sich freiwillig ausgesucht hat? Wie gut wären die Dozenten, wenn die Schulleitung sich am freien Markt Dozenten und Pädagogen suchen dürften, wenn diese Lehrer bei schlechter Leistung schlechter bezahlt oder gar entlassen würden, besonders motivierte und gute Lehrer dagegen mehr bekämen? Wie groß wäre die Vielfalt der verwendeten Lernformen, wenn es Wettbewerb darüber geben würde, wie man vom Staat vorgegebene Lernziele am schnellsten, angenehmsten, nachhaltigsten erreicht? Und um wie viel Prozent würde nach einer derartigen Schulreform die Quote der Menschen steigen, die im Nachhinein die Schulzeit als gute, gewinnbringende Zeit schätzen?

Stattdessen werden die Zeitungen mit der G8/9-Diskussion verstopft. Einer Randdiskussion. Das sieht auch Hintermeier so, fällt aber von einem ins nächste Randthema schulischer Bildungspolitik. “Nun, da das G 8 gerade erst eingeführt ist, macht man den Fehler nicht besser, indem man ihn wieder rückgängig macht”, schreibt er, “stattdessen sollte man sich endlich überlegen, was man den Schülern in diesen acht Jahren wirklich beibringen will.”

Wir sind zu klein, um groß zu denken.

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5 Gedanken zu “Wenn der Markt uns bilden würde

  1. jonso schreibt:

    Lieber Herr Eber,
    den Gedanken, im großen Stile etwas an unserem Bildungssystem zu tun finde ich sehr gut. Bei Ihrem Beispiel musste ich an die große Anzahl an Waldorfschulen denken, die oft sehr gut funktionieren, da sie eben viel freier entscheiden können, was und wie sie es den Kindern vermitteln. Oft geht dies auch mit einem großen Gestaltungswillen der Eltern einher, bestimmt auch, da diese um ihre Gestaltungsmöglichkeiten gegenüber den staatlichen Schulen wissen. Sicherlich eine erfreuliche Nische in unserem Bildungssystem.

    Doch privatisiert man die Bildung grundsätzlich – ich spreche hier absichtlich nicht von einem Bildungsmarkt, da mir die Verbindung von Bildung und Markt nicht geheuer ist -, was wären die Folgen? Private Bildung würde zum Mainstream, und es würden erste Schulketten entstehen, vielleicht als Franchise, oder zentral organisiert. Große Macht eines Unternehmens über viele Schüler wäre die Folge, stellen wir uns ein Unternehmen mit der Strucktur von McDonalds vor, dass im Bildungssektor agiert.

    Meiner Meinung nach sollte man dann auf jeden Fall hergehen und strenge Auflagen für Bildungsunternehmen machen, zB Maximale Anzahl an Standorten oder Schülern, Vorgabe der Rechtsform (eG oder gGmbH), Begrenzung der Top-Gehälter, Keine Ausschüttung von Gewinnen sondern 100%iger verbleib im Bildungsbetrieb, etc.

    Wie sehen Sie das?

    Herzlich,
    J.Schmitt

  2. Tim schreibt:

    Sehr schön beobachtet und gut dargestellt. Die, die es sich leisten können, schicke ihre Kinder ja schon jetzt auf private Schulen – aus gutem Grund, in Privatschulen gibt es nur selten die unsinnige Fixierung auf PISA-Ergebnisse.

    In Großbritannien gibt es übrigens ganz erstaunliche Erfolgsgeschichten von ehemaligen Problemschulen, denen man fast völlige Freiheit in den meisten Bereichen gewährt hat: Kaum darf eine Schule frei entscheiden, was sie wie lehrt, steigen die Erfolge.

    In Deutschland wird sowas auf absehbare Zeit undenkbar sein, weil alle sofort nach strengen Auflagen schreien werden (siehe auch Kommentar von jonso).

    Das grundlegende Problem ist wohl: Bürger in Deutschland trauen anderen Bürgern nicht über den Weg.

  3. jonso schreibt:

    @Tim: Ich bin für strenge Auflagen im Sinne eines Schutzes vor rein kapitalistischen Interessen, wohl aber für erheblich mehr Freiheit der Schulen. Grundsätzlich bin ich auch für den Privatisierungsgedanken. Aber glauben Sie, eine völlige “Entfesselung des Bildungsmarkts” würde einfach so funktionieren, der “Markt” wird schon sein Gleichgewicht finden? Mir ist es wichtig, soviel Freiheit wie möglich zu schaffen, ganz klar. Die Vielfalt und Qualität würde der Bildung würde sich signifikant verbessern. Aber eine Bildungskette in McDonalds-Strucktur organisiert, halten Sie das für wünschenswert? Wo ziehen Sie die Grenze, oder ziehen Sie keine?

  4. @Herr Schmidt:

    Danke für Ihren interessanten Beitrag.

    Im Gegensatz zu ihnen habe ich aber keine Angst vor “kapitalistischen Interessen”. Im Gegenteil. Ich bin der Überzeugung, dass das Interesse am “Geld verdienen” das beste Bildungsangebot hervorrufen würde. Weil eben nur die Bildungseinrichtung gutes Geld verdienen würde, die ein gutes Bildungsangebot bereitstellt, weil eben nur diese Bildungseinrichtung nachhaltig hohe Schülerzahlen hätte.

    Da der Bildungsmarkt auch keine Monopolisierungsmerkmale hat, bräuchte man auch keine Angst davor haben, dass sich am Ende nur ein oder wenige Unternehmen durchsetzen (die heutige Alternative ist im übrigen ein staatliches Monopol). Schwierigkeiten könnte es aber zugegeben im ländlichen Raum geben, wenn die geringe Schülerzahl keine konkurrierenden Angebote erlaubt.

    Gruß
    Johannes Eber

  5. Tim schreibt:

    @ jonso

    Inhaltlich haben wir die McDonald’s-Struktur in der Bildung ja heute: Einheitsbrei bzw. staatliche Fertigprodukte für alle. Ich halte das nicht für wünschenswert und glaube, daß sich ein freier Bildungsmarkt eher in die andere Richtung entwickeln würde. Bildung ist ein sehr individuelles Gut, schon heute ist die Schulwahl ja ein aufwendiger Prozeß, auch wenn die Produktvielfalt nicht sehr groß ist.

    Bleibt das Problem der Eltern, die sich nicht für Bildung interessieren und denen auch die Bildung ihrer Kinder nicht sehr wichtig ist. Es ist aber schwierig zu sagen, wie groß dieses Problem ist.

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